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Auf Dienstreise. Zugfahrt mit Raubtiermantelfrau, nimmt nicht die Sonnenbrille ab. Ich muß einmal raus, sie stöhnt, Zumutung. Lange Fahrt. War noch nie in Braunschweig, die haben dort sogar eine Uni. Schrecklicher Bahnhof in schrecklicher Bausündengegend, warum wollte man in den Sechzigern die Bahnhöfe immer aus der Stadt haben? In Ingolstadt genau so ein Blödsinn. Einmal quer durch die roaring City. Mehr Bausünden, Beton. Frische Steinpilze mit Bandnudeln, alter Gasthof, blankes Holz, werde eingeladen, was mich freut. Irgendwo verliere ich Mütze und Handschuhe. Endlich Kaffee. Lerne viele nette Leute kennen: was ist das für eine Kamera? Eine die für Sozialkontakt sorgt. Musik aus Haiti, kalt, niesel, egal. Ich muß weiter, zum Bahnhof. Zonenrandgebiet, Intercity, man ist schnell in Leipzig. Im Bahnhof Getränke kaufen, ein Petit Four auf die Nacht, Heißhunger auf Zucker, jetzt noch? fragt die Verkäuferin, ja, sag ich, muß sein. Dorfjugend kauft Dröhnung kistenweise, dazu flaschenweise Hartes, alle in verwaschenen Grautönen, tribaleske Ornamentik, nietenglänzend, alle Haarfarben, Hauptsache rausgewachsen. Irre nachts herum unter Natriumdampflicht zwischen grauen Büschen, um den Bahnhof sehe ich vor lauter Baustellen die Straßen nicht, muß hier gleich sein, Fußgängertunnel, keine Straßenschilder, die Passanten kennen alle keine Straßennamen, und dann stehe ich doch noch vor dem, hurra, Holiday Inn, war gleich um die Ecke, wußt ich's doch. Kostenloses Wlan, nochmal hurra. Hotelsterilität, Hygienebox in Granit und Marmor, Minibar mit Bifi und Bier, rotbraunes Holz an Halogenstrahler auf cremefarbenem Grund, Tea-making facilities. Der Teebeutel kostet nichts, gibt nur Earl Grey, wie immer. Mag eigentlich irgendjemand Earl Grey? Die Klimaanlage brummt ins Hirn, finde dann aber doch noch den Knopf zum abdrehen. Gibt ja Fenster hinter dem Vorhang, kann man aufmachen. Blick auf Bahnhofsvorplatz, orange glänzende Straßenbahnschienen schneiden Kurven durch Betonfläche. Bett bequem. Wecker früh, Hygienebox, Frühstücksraum im Erdgeschoß, beige Brigaden türmen am Frühstücksbüfett, fettige Croissants, fettige Wurst, Fettflecken auf weißem Porzellan, Kaffeegedenkwasser aus orangen Plastikwarmhaltekannen, herzschonend womöglich. Müsli für mich, Standard-Verlegenheitslösung in Hotels, dann noch ein Ei, das schmeckt überall gleich. Orangensaft aus viel zu kleinen Gläsern, ein hundertstel Ihres täglichen Bedarfs an Vitamin C, vor mir zu viele Raubtierdrucke und zu viele Jeans mit zu vielen Straßsteinchen an den Arschtaschen, zu viel Arsch überhaupt. Schlechtgeputzte Nuttenstiefel von Deichmann. Elend überall, so viel Elend. Muß hier raus. Nächster Termin, gigantisch guter Kaffee, na also, geht doch. Aufblühen. Menschen retten Häuser, es tut sich was, schön zu hören, schön zu sehen, Aufbruchsstimmung. Optimistisch zurück in der Straßenbahn, gucken aus dem Fenster, noch viele Häuser zum Retten übrig, großes Plakat, F-Stop Fotofestival, hektischer Sprung aus Straßenbahn, Beschluß zu Kultur. Was gibt es? Es gibt Peter Bialobrzeski, kenn ich schon, World Press Photo Award, Neon Tigers, Paradise now, Plattenkamera in asaitischen Metropolen, keine Menschen, viel Beton, wucherndes Grün. Das Ringmessehaus ist heruntergekommen auf malerische Art, ein Kunstwerk für sich, ich werde weitergeschickt, wenn ich noch Zeit habe, ich beschließe sie zu haben, die Nackerten interessieren mich nicht, gehe noch zu Thomas Kern, schwarzweiß in Haiti, Erdbeben, Voodoo, zwei Kataloge, her damit. Koffer abholen, Luxus-Hotelklo, Zug nach Berlin, geht ohne Zwischenhalt, ja ist denn nichts zwischen Berlin und Leipzig, für das es sich zu halten lohnt? Südkreuz raus, Kampf mit dem Ticketsystem, S-Bahn steht schon da, welche Zone ist das? hätte ich entwerten müssen? kein Entwerter im Zug? Blöde Hektik. Werde nicht kontrolliert, Charlottenburg, Stilaltbau, nette Zettel, Kuchen im Kühlschrank. Tee, grün. Alles gut. Spaziergang, gewischte Wände, Friseure mit schlimmen Friseurnamen, Kiez Kids e.V., Handel zwischen Ramsch und Mundmakramee. Ruhiger Abend, Wecker human. Sonne, mild, Berlin schleimt sich ein. Hat's aber auch nötig. Immerhin: Kein Schnee, und in der U-Bahn kotzt diesmal auch keiner. Nächster Termin in Kreuzberg, quer durch die Stadt, Laden für Revolutionsbedarf, wie putzig. Aber offen und schwarze Stoffrucksäcke, billig, will ich, brauch ich. Bin ja wieder auf Rucksack jetzt, mit Kamera immer dabei. Treffen, reden, vorgestellt bekommen, dann Heimweg. Die Pücklerstraße kreuzt die Muskaustraße, wie passend. Erstmal essen, orientalisch, so halbgut, Kartoffeln noch hart und innen kalt, egal, hatte Hunger. Neben mir wird Sofaz gelesen, brav. Vermerke das jetzt immer mit besonderem Wohlwollen. Blöd, eigentlich. Beschließe, die U-Bahn zu ignorieren und zu laufen, es ist jetzt richtig warm, Sonne brennt, kein Wölkchen, zum Glück hab ich die Jacke nicht dabei, laufe westwärts, Oranienstraße, Kochstraße, Rudi-Dutschke-Straße. Welt, taz. Dann Touristenauflauf, einer nach dem anderen, sonst nichts los in der öden Mitte, kein Café nirgends, Systemgastronomie, Glasklötze, der lächerliche Potsdamer Platz, Bankenviertel in Schrumpfform, idiotischste Architekturidee seit langem. Laufe weiter nach Westen, wird immer öder, Wichtigwichtigbauten, kein Klo, kein Café, kein Kiosk, Stahlzäune, immer noch Touristen, was wollen die sich denn hier angucken? Gibt doch nichts. Dann wieder Leben, Zoo, Gedächtniskirche, viel Polizei auf einmal, Demo gegen braun mit roten Fahnen, knarzende Musik aus Boxen, London calling, Naturfreundejugend. Gehe in den Untergrund, fahre bis Charlottenburg, immer noch kein Klo, immer dieses Problem in Berlin, jedes Mal, irgendwann kacke ich denen noch in die Büsche aus reiner Verzweiflung, das haben die davon. Schnell packen, schnell los, pünktlich am Hauptbahnhof, pünktlich auch der Sprinter, alle drängeln,warum eigentlich? Ist doch eh alles reserviert. Ich relaxt, hektisches Pärchen in Buntanoraks, will Fensterplätze, hat eigentlich einen Wagen weiter, gibt die Nummern nicht, Bahn ist schuld. Wir rücken zusammen, machen Platz. Pärchen immer noch hektisch. Schaffner kommt, klar gibt's die Plätze, Pärchen: Wo denn? Schaffner: Kommense mit, Pärchen glaubt nicht, Frau geht mit, Mann bleibt und klagt Leid, Frau kommt wieder, Plätze da, aber die haben nicht an der Tür gestanden, sowas, schreiben die die nicht an die Tür, ich so: Die standen vermutlich am anderen Ende vom Wagen an der Tür, ach so, sagen die, aber das kann man doch nicht wissen. Kann man doch, denke ich, schweige aber, begrüße lieber einen Bekannten gegenüber, der Zug ist ein Treffpunkt der Frankfurter Kulturhanseln, könnte man denken. Welt klein. Frankfurt noch kleiner. Ach, Frankfurt, klein, aber ohne Loch im Herzen. Fahren heim, klicken Laptop, kommen an, der Sprinter ist der beste Zug überhaupt, und der einzige, den ich ertrage, Alex kommt auch an, aber aus Hamburg, Hunger, Baguette. Morgen habe ich sehr, sehr viel zu schreiben.

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Wenn man bei Sankt Pölten links abbiegt, bei Krems rechts und dann immer weiter fährt, kommt man ins Waldviertel. Das ist ein schönes, grünes Land voller Hügel, Bauern, Burgen und Klöster. Darin herumfahren kann man auf lauter völlig autofreien Kurvenstrecken, und mit dem geeigneten Fahrzeug will man auch nicht viel mehr als den ganzen Tag darin herumfahren.

Am Abend tun wir aber nicht mehr allzuviel außer uns Videofunde vorzuführen. Ich bekomme vor allen Dingen die Complete History Of The Soviet Union, Arranged To The Melody Of Tetris vorgespielt, ein wesentliches Nebenwerk der zeitgenössischen britischen Komik. Vor allen Dingen bekomme ich es den Rest des Abends nicht mehr aus den Kopf, und daß dauernd jemand anfängt, den Refrain vor sich hinzusingen, hilft dabei auch nicht wesentlich.

Es verspricht schön zu werden. Das Wetter gibt sich Mühe, also geben wir den autofreien Kurvenstrecken eine Chance und gucken uns alles an, was in der Gegend herumsteht und entfernt barock ist. Das ist eine Menge. Wir, das sind die Paul und ich, die einen latenten Barchettaneid schiebt und sich freut, ein wenig herumkutschiert zu werden. Es stehen also in der Nähe: Schloss Greillenstein mit den wilden Putten, die sich gegenseitig erwürgen und erschlagen (mal was anderes), Stift Altenburg mit der Klosterkirche im mittleren Punschkrapfenstil, Burg Rosenburg, eine Touristenverklappungsstelle, die wir schleunigst fliehen, und Stift Zwettl. Hier gefällt es uns allerdings sehr gut. Das Stift ist hübsch barock, mit lauter Obstgirlanden an der Fassade, die Kirche hingegen ist gotisch und wird gerade renoviert.

Bleiben die Gärten: Einmal Kräuter, einmal Zier, dazu große Orangerien mit dem obligaten Café darinnen. Dies ist unserer würdig, beschließen wir. Die Torte kommt gerade, da kommt auch eine Gruppe lautstark frömmelnder Schwaben. Schwaben! sag ich, Ja? sagt Paul, Ja, sag ich, die kommen immer früher oder später. Die Schwaben tragen beige Anoraks, haben nur wenig Zeit bis zur Eucharistiefeier und erzählen dauernd was von norwegischen Stabskirchen. Und zwar so, daß man ihre Frömmigeit im Umkreis von nicht weniger als dreißig Metern vernehmen kann. Anscheinend reicht es ihnen nicht, daß nur der liebe Gott von ihrer Frömmigkeit weiß, der ja bekanntlich alles sieht und hört. Außerdem haben sie seltsame Theorien über die korrekte Aussprache von Melange, Melohng sprechen das die Wiener aus, sagt eine fromme Schwäbin. Nein, sagt Paul, und die muß es wissen, so als Wienerin.

Zwettl selbst ist eins dieser kleinen Städtchen, die es hier zuhauf gibt. Die Häuser ein- bis maximal zweistöckig, quietschbunt angemalt mit weißem Stuck. So sehen auch die Dörfer aus, und so sieht auch Altpölla aus, diese kleine Ansammlung von Häusern, in der ich zu Besuch bin. Altpölla ist wirklich alt, eine der ältesten Pfarren in der Gegend, ungefähr 200 Leute, viele davon noch Bauern. Zum Milch holen geht man nach nebenan, dort gibt es alles frisch aus der Kuh. Und Eier, frisch aus dem Huhn. Für alles weitere muß man dann ein Stück fahren. Wir sind heute allerdings genug gefahren. Morgen, beschließen wir, müssen die Füße ran.

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Bei den meisten Völkern hat man eine grobe Vorstellung davon, was sie den halben Tag so tun. Der Brite spielt Cricket und trinkt Tee, der Franzose trinkt Rotwein und spielt Boule, der Japaner trinkt ebenfalls Tee und hetzt dicke Männer aufeinander. Aber was tut der Schweizer so, wenn er sich hinter seinen hohen Bergen versteckt und unbeobachtet wähnt? Der Schweizer, so klärt mich meine thurgauer Kollegin Nina auf, schwingt. Und wenn er nicht schwingt, bleiben ihm als Alternativen das Steinstoßen und das Hornussen. Das, sagte ich mir, muß ich mir unbedingt ansehen.

Das eidgenössische Schwing- und Älplerfest findet alle drei Jahre an einem anderen Ort statt, aber natürlich immer in der Schweiz. Denn wer sonst, außer den Schweizern und einer Handvoll Auslandsschweizer, auf die sich gleich sämtliche Medien stürzen, schwingt schon? Erfunden wurde das von Hirten, denen oben auf ihren Almen langweilig wurde, weshalb sie zum Kräftemessen antraten und eine Art Ringkampf veranstalteten, der entfernt an das erinnert, was in Japan zwischen dicken Männern ausgetragen wird, wenn ein dünner Greis damit fertig ist, ein Kreisrund mit Reisschnaps zu befeuchten. Den Greis und den Schnaps muß man sich wegdenken, der Kreis ist mit Sägemehl ausgestreut. Dann treten zwei ziemlich kräftige Herren gegeneinander an und versuchen, sich mittels diverser ausgefeilter Techniken gegenseitig auf den Rücken zu befördern. Das heißt Hosenlupf, weshalb Schwinger unbedingt eine Schwingerhose tragen müssen, kurz und ledern und entweder hell oder dunkel, je nachdem ob der Kämpfende im Alphabet vor oder nach seinem Gegner steht.

Frauenfeld, der Ort des diesjährigen Eidgenössischen, wie der Kenner sagt, ist ziemlich klein und ziemlich unspektakulär. Es verfügt dennoch über einen berühmten Sohn, dessen Name bis heute in aller Munde ist: Julius Maggi (1846 - 1912). Ansonsten gibt es dort eine große Wiese, auf der fünf große Stahltribühnen stehen, extra fürs Schwingerfest. Auf der Wiese in der Mitte liegen sieben unbelegte Pizzafladen, das sind die sieben Sägemehlplätze, auf denen die Schwinger antreten. Frauenfeld liegt außerdem im Thurtal, durch das die Thur fließt und allmorgendlich die Gegend einnebelt. Man sieht vom Rande der Tribünen kaum bis zum nächsten Schwingfeld. Man kann vom Rande der Tribühnen demnach kaum unvernebelte Fotos vom Geschehen machen. Und das ist so ziemlich genau der Grund, warum ich am ersten Morgen des Eidgenössischen, kurz nach acht Uhr in der früh, nach einer einstündigen Zufahrt mit bestens gelaunten und bestens vorgeglühten Schwingerfreunden in Schwingerhemden so miserable Laune habe. Meine Kollegin hat nur ungefähr vier Wochen hartnäckigen Telefonterror im Pressebüro benötigt, um sich zu akkreditieren, ich hingegen, die ich das ganze im Bild festhalten soll, bekomme nur eine durch dunkle Kanäle erschlichene Stehplatzkarte. Hinterher erfahren wir, dass wir zu einem konspirativen Treffen der Fotografen hätten erscheinen sollen, Teilnahme obligatorisch, das ist gefettet und unterstrichen, wo man eine Weste ausgehändigt bekommt, die einen als quasi offiziell embedded Bildmedienvertreter ausweist. Damit darf man sogar auf den Rasenplatz und nah dran ans Geschehen. Dieses konspirative Treffen fand am Freitag statt, also am Vortag, und steht nur im Kleingedruckten auf einem Zettel, der im Medienzentrum liegt, in das ich nicht hineindarf und wo die Kollegin am Freitag noch nicht war, weil die offizielle Eröffnung am Samstag früh stattfindet. Tröstlich ist nur, daß ein großer Teil der Kollegenschaft auch am Rand sitzt und frustriert schaut. Man schweißt sich zu resignierten Selbsthilfegruppen zusammen.

Der Schweizer läßt sich, so scheint es, bei seinen geheimnisvollen Freizeitvergnügen nur ungern zusehen, und am wenigsten gern von irgendwelchen Auswärtigen. Vielleicht schämt er sich. Kollegin Nina jedenfalls schämt sich gerade sehr und erklärt mir ausführlich, daß wirklich nicht alle Schweizer so seien. Dann bringt sie mir ein Kafi Lutz, das natürlich Chafi ausgesprochen wird. Alles wird hier mit ch ausgesprochen, und hintendran ist ein i. Das Kafi ist Kaffee mit Alkohol drin. Ich schaue in den Becher, ich sehe den Boden. Das Zeug besteht anscheinend aus wenig Kafi und sehr viel Lutz. Aber es hilft und wärmt innerlich.

Sehr bald aber wärmt es uns auch äußerlich. Nach unendlich langer Zeit gibt der Nebel das Feld geschlagen, nun brennt die Sonne mit aller Kraft auf die 45 Tausend in der Arena und die 200 Tausend davor. Heute morgen, so wird geraunt, habe es auf der Autobahn 7 Komma fünf Kilometer Stau gegeben. Das ist etwas besonderes, denn es gibt eigentlich nie Stau bei Frauenfeld. Nun aber strömen die Massen, fallen allmählich ein in die Gassen um die Freßstände und in die Festzelte, in das Areal vor der Arena, wo die Schwinger auf Bildschirmen übertragen werden für die, die auch durch dunkle Kanäle keine Karten mehr bekommen konnten. Die Karten, so heißt es, seien schneller weggewesen als bei einem AC/DC-Konzert. Die meisten gehen ohnehin an den Schwingerverband selbst, der das Fest ausrichtet, und an seine Teilverbände. Dem Rest bleibt die Fanmeile und das Fernsehen: In der Schweiz werden 18 Stunden lang live übertragen, 700 Tausend Zuschauer schauen sich das an. Insgesamt, so kann man sagen, ist das ein Millionenereignis. In der Schweiz zumindest. Aber auch hier ist die Renaissance des Schwingens ein Phänomen, an dem sich die Feuilletons und Leitartikler abarbeiten: Überall wird die Wiederkehr des Kuscheligen, des Lokalen in der kalten, globalisierten Welt gefeiert. Mal nüchtern analysierend, wie in der NZZ, mal polemisierend wie in der rechtslastigen Weltwoche, wo man keifend auf die "Linken und Intellektuellen" losgeht, die einseitig die Stadt verherrlichten. Diese Dichotomie scheint ein großes Thema zu sein: Land gegen Stadt, urig gegen kühl, wir gegen die, rechts gegen links. Schwinger gegen Intellektuelle. Das hätte sie wohl gern, die Weltwoche, denn so einfach ist das alles dann doch nicht.

Es gibt zwei verschiedene Schwingerkasten: Die Sennenschwinger, die im Edelweisshemd und dunkler Hose antreten, und die Turnschwinger in weiß. Beide dürfen nirgendwo Werbung tragen, ein Schwinger ist niemals Profi, das gehört sich nicht. Das ist auch der Grund, warum der Abderhalder Jörg ("Jöchg") ausgepfiffen wird. Dreimal war er Schwingkönig, nun tritt er an, den Titel ein viertes Mal zu erobern. Gelingt es ihm, wäre er der beste Schwinger aller Zeiten. Der Abderhalder Jörg war Schweizer des Jahres und omnipräsent, doch er hat den Bogen überspannt. Er ist der bekannteste Schwinger der Schweiz, aber er hat sich bei den seinen damit unbeliebt gemacht. Jetzt soll ein neuer ran, finden die Fans. Es ist Bewegung gekommen in die Reihen der Bösen, wie die besten Schwinger genannt werden. Die Bösen gibt es auch als Sammelbildchen im Panini-Stil, zum Einkleben in ein Sammelalbum. Das ist ziemlich liebevoll gemacht, mit viel Hintergrundgeschichte, schöner Gestaltung und nicht ganz ohne Ironie. Es hat sich im Vorfeld des Eidgenössischen verkauft wie geschnitten Brot, es war plötzlich hip, die Kerle mit den Lorbeerkränzen zu sammeln, auch die thurgauer Kollegin klebte fleißig unter Anteilnahme des gesamten Volontärsjahrgangs Bilder von kräftigen Männern und verschenkte die Dubletten. Ich habe den Holdener Reto vom Schwingerverband am Mythen bekommen.

Wir verlassen die Arena und gehen den Gabentempel besichtigen. Die halbe Schweiz, so scheint es, hat sich nicht lumpen lassen und Sachspenden aufgefahren, für jeden Schwinger eins. Das fängt an mit Freßkörben und aufwendig bestickten Kuhglocken, geht weiter mit Bauernstühlen, einer bepflanzten Eternitkuh, Skiern, Maßanzügen und Fahrrädern über zwei iPads, einem Gartensitzensemble aus vier steinernen Rundbänken mit Tisch, diverse andere Scheußlichkeiten, aus Holz und Stein bis hin zu den Hauptpreisen. Die Hauptpreise sind die Läbbendpries, so schallt es durch die Arena, als Arnold hereingeführt wird, der Muni. Stolz und höchstpersönlich führt ihn Spender und Namensvetter Walter Arnold hinein, Vieh- und Schweinehändler zu Schönenberg a. Thur. Ein Muni ist ein Zuchtstier, und Arnold ist ein hervorragender Vertreter seiner Art. Ihm folgen duldsam die Kühe Brunella, Erika, Heidi und Helvetia, dahinter zwei aufgeregte braune Fohlen. Das sind die Gaben für die Bösesten der Bösen, und Muni Arnold ist für den König.

In der Mittagszeit, wenn überall in den Festzelten Schüblig und Cervelat grilliert werden (was sehr elegant klingt dafür, daß da auch nur Worscht aufn Rost kommt), begeben wir uns mittels Shuttlebus an den Nebenkriegsschauplatz. Ein wenig abseits findet das Steinstoßen und Hornussen statt, das die Trias der schweizerischen Nationalsportarten komplettiert. Das Hornussen ist ein Schlagballspiel, das recht weitläufig auf einem großen Feld stattfindet, das mir gerade definitiv zu heiß und baumfrei ist. Ich schaue mir deshalb das Steinstoßen an, das in drei Kategorien ausgetragen wird: 20 Kilo und halbwegs handlich, 40 Kilo und halbwegs handlich und Unspunnenstein. Der Unspunnenstein wiegt, so raunt das Publikum, 83 Kilo und ist sehr rund und voll und ganz unhandlich. Man muß den Klotz hochwuchten, über den Kopf stemmen, die Schritte bis zur Abwurfstelle mit nach oben gestreckten Armen samt Stein schaffen und ihn dann in eine Sandkuhle werfen, was meist nur ein eher unspektakuläres Fump verursacht, wenn der Unspunnenstein mal wieder keinen Meter vor den Füßen der Werfer zum Liegen kommt. Fallenlasser würde es eher treffen. Aber sogleich kommen die Kampfrichter herbeigeeilt und rollen, wie auch bei den leichteren Kategorien, ein Zentimetermaß aus, um die Distanz zu vermessen.

Der Bus, der uns zurück ins Geschehen bringen soll, verröchelt mit überhitztem Motor. Ich bin aber auch knapp davor. Wir brauchen Wasser. Und Eis. Am besten beides gleichzeitig. Wasser kostet hier satte 5 Franken, und das Glace ist auch nicht viel billiger, aber mir ist das egal, ich lebe gerade auf Pump. Es gibt hier nämlich für die Anwesenden 250 Tausend Schwingfreunde nur einen Geldautomat, vor dem eine Schlange resignierend verharrt – der Schlangenverlauf schmiegt sich, umstehenden Bäumen und Gebäuden entsprechend, dem Schatten an. Wir suchen uns einen Bodenplatz in der Arena – Schatten gibt es dort zwar keinen, alles stöhnt und fächelt, aber das Gedränge hält sich wenigstens in Grenzen. So schauen wir den Schwingern zu, wie sie sich gegenseitig auf das Sägemehl zu lupfen versuchen, immer auf den Rücken, dann ist es aus, oder nach acht Minuten. Im zweiten Durchgang nach sieben, im Schlussgang nach sechs. Die Punkterichter bewerten nach Technik und vergeben auch B-Noten, dazu zählt auch, wie spannend der Kampf war. So kann man auch einen unentschiedenen Kampf, einen "gestellten", wie es hier heißt, doch noch für sich entscheiden. Die Entscheidungen, wer in die nächste Runde weiterkommt, wie auch die Paarungen werden erst kurz vor knapp verkündet, damit es lange spannend bleibt. Wer gegen wen kämpft, wird übrigens nicht ausgelost, sondern ausdiskutiert. Das kann man Demokratie nennen oder Geklüngel, je nachdem. Jeder Verband will seinen Schwinger weiterbringen und versucht, eine möglichst günstige Partie herauszuhandeln.

Etwa jede Stunde kündigt der Stadionsprecher, der alles auf Schweizerdeutsch und Französisch ansagt, eine Musikeinlage an. Dann treten einige samtschwarze Trachtenträger auf den Rasen zwischen die schwingenden, schwitzenden Kerle mit dem Sägemehl im Gesicht und stimmen alpines Liedgut an. Es ist ja das Schwing- und Älplerfest, die Berge sollen, obwohl vor Ort nicht vorhanden, nicht zu kurz kommen. Die Kerle kämpfen auf sieben Sägemehlplätzen gleichzeitig, danach wanken sie zu einem der beiden Brunnen in der Arena, ein merkwürdiger Ruheplatz. Hier sitzen sie, hier fällt alles kraftmeierische von ihnen ab, sie sacken auf dem Rindenmulch zusammen, die Schultern fallen nach unten und der Blick auch, sie spritzen sich Wasser ins Gesicht und berappeln sich wieder. Kurz sieht man nicht, ob sie Sieger sind oder Verlierer, kurz ist es auch egal, aber dann schreiten sie über den Rasen, wenn sie erfolgreich waren, oder schleppen sich aus der Arena, wenn es nicht so gut lief.

Dann ist der erste Tag vorbei, und der Teil des Festes beginnt, den einige vermutlich als den gemütlichen bezeichnen würden. Man zieht sich in die Festzelte zurück und frequentiert Freßstände, schiebt sich durch Gänge und steht an Stehtischen. Es ist viel zu voll, es verläuft sich hier nichts, das macht die Sache für mich so unangenehm. Aber es ist alles friedlich, es ist alles harmlos, die Rangelei findet auf dem Sägemehlplatz statt, nirgendwo sonst. Glasflaschen sind überall ganz selbstverständlich erlaubt. Ordner stehen herum und finden nichts zum Ordnen. Meine Kollegin klaut mir ein Stückchen vom Pressebuffet. Ich wundere mich, warum ich eigentlich keine Trachten sehe, keine Hirschhornknöpfe und keine Janker, und nur ganz selten einmal ein Dirndl. Wenn das hier in Bayern stattfinden würde, dann wäre alles ganz grün vor Loden. Es gibt, so erfahre ich später, hier keine Trachtenindustrie. Wer eine Tracht hat, der hat sie von der Großmutter oder selbst genäht, ganz ähnlich wie die Trachten in Hessen oder in Thüringen, es gibt nur die echten und keine abgespeckte Touristenversion. Und die trägt man nicht einfach so zum Schwingerfest, dafür ist sie viel zu teuer und zu gut. Zum Schwingerfest trägt man maximal Bergschuhe und ansonsten alles, was sich leicht waschen läßt. Denn wer weiß, wo der Tag noch endet.

Es ist keine Bergschweiz hier, keine Alpenschweiz mit hohen Bergen. Es ist eine Moorlandschaft, die sich jeden Morgen einnebelt und bedeckt und es der Sonne nicht so leicht macht. Das Thurtal wird durch den Seerücken vom Bodensee abgegrenzt, und hinter den Seerücken schaut kaum ein Tourist. Sanfte grüne Hügel gibt es hier und Apfelbäume, viele Apfelbäume, die bringen den Most und den Süßmost, der in Krügen serviert wird, die in Frankfurt Bembel heißen und hier einfach Mostkrug ("Moschtchrügli"). Es gibt einen Besucherrekord hier im Tal, aber in der Stadt Frauenfeld merkt man nichts davon, man geht dort weiter unbehelligt seiner Wege. Es gibt hier eine Sportveranstaltung auf der Wiese, die nur die "Allmende" genannt wird, die von 260 Tausend Zuschauern überrannt wird. Aber hinter dem Seerücken bekommt man nichts davon mit. Deutschland ist nicht weit, Schengen ist vereinbart und ein Ausweis nicht nötig, aber es ist eben doch so unglaublich weit weg.

Die wissen dort nicht, was Schwingen ist, sind ahnungslos, daß der Abderhalden Jörg unterlag gegen den Wenger Kilian, den jungen König, sie ermessen nicht, was es bedeutet. Sie sind kein Hirtenvolk, das Stadt und Agglo, die Agglomeration, mit Mißtrauen sieht oder umgekehrt. Und Chüchechäschtli können sie nicht einmal aussprechen. Kann sein, daß diese Deutschen sich nach ein paar Tagen in die Sprache einhören, kann sein, daß sie irgendwann auch mal was übers Schwingen lesen. Aber das Eidgenössiche wird nie eine Touristenveranstaltung, es wird nie ein Oktoberfest, das ist rein Schweizerisch, im guten wie im Schlechten. Das macht der Schweizer, wenn er sich unbeobachtet fühlt, im Nebel, hinterm Hügel, unter sich aus.

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Nach Hamburg also führte mich meine erste offizielle Dienstreise. Dreieinhalb Stunden hin, dreieinhalb Stunden zurück, fünf Stunden dazwischen. Der Termin belegte netterweise nur zweieinhalb, und so verließ ich nach dem Essen, das hier Lunch heißt, vergnügt das Hotel Vier Jahreszeiten und seinen "Gesellschaftssaal", in dem so ein verschlissener Fünfziger-Jahre-Damenbotique-Flair herrscht. Ich laufe einfach ein bißchen herum, dachte ich. Herumlaufen ist immer gut.

Ich komme nicht gerade oft nach Hamburg, genaugenommen war ich erst einmal für ein paar Tage dort, und das ist schon rund zehn Jahre her. Ich kann schon nachvollziehen, daß viele die Stadt mögen, das Wasser, die Kanäle, der Hafen. Mir ist alles irgendwie zu gerade, ein bißchen wie England ohne Italiensehnsucht. Wenn man den Süden ignoriert, kommt sowas bei raus. Das ist ganz nett, mal zur Abwechslung, und ganz putzig anzusehen, aber wirklich heimisch fühle ich mich hier nicht. Es fehlt halt was. Irgendwie haben die was vergessen.

Unumwunden großartig finde ich aber die Einwohner. Es gibt wohl bundesweit keine freundlichere Bevölkerungsgruppe als ältere Hamburger Damen. Ich weiß das noch aus meiner guten alten Zeit als Telefon-Marktforschungstante: Hamburger Vorwahl, ältere Stimme und der Abend war gerettet. Niemals wurde man von einer solchen Dame grob abgewimmelt oder schroff behandelt, hier herrscht bis in die Fingerspitzen Zivilisiertheit. (Welche Vorwahl des Grauens für garantierte Pöbelei und kein einziges nettes Interview in meiner mehrjährigen Karriere steht, überlasse ich hier einfach Ihrer Phantasie – Sie können es sich ja ohnehin schon denken.)

Ich hatte eigentlich vor, nur ein wenig herumzulaufen. Allerdings kann man in Hamburg überraschend schöne Dinge finden. Schiere Begeisterung packte mich beim Brillenhändler Campbell, der vorwiegend Modelle der gleichnamigen Hausmarke vertreibt. Für viel Geld gibt es hier Echthorn, für weniger Geld aber auch sehr, sehr schöne Brillen aus Acetat. Vor allem: Ein ganzer, großer Laden voller gediegener Modelle, mal rund, mal ein wenig kantiger, mal größere, mal kleinere Gläser, aber schrille Farben vermeidend und vor allem die Abgründe zeitgenössischen Brillendesigns.

Ich habe mir auch ein Modell ausgesucht, aber weil ich keinen leeren Rahmen kaufen möchte, habe ich mir Sonnengläser einsetzen lassen. So komme ich nun zu einer anständigen Sonnenbrille, die mir auch gleich angepaßt wird. Weil mein Kopf kurz ist, sind die Bügel immer elend zu lang und stehen über und vor allem aus sämtlichen Etuis heraus, aber hier ist man ja kompetent: Ich soll mal zwanzig Minuten spazierengehen, dann bekomme ich die Bügel noch ein Stück gekürzt.

Weit komme ich nicht in den zwanzig Minuten, den gegenüber ist gleich Ladage und Oelke. Zwei Hamburger Damen stehen vor dem Fenster, und eine erklärt: "Das ist ein alteingesessenes Geschäft. Früher nannte man das einen Englischen Laden." Damit weiß ich alles, was ich wissen muß. Aber der Laden ist wirklich sehenswert: Unten alles für den Herren, von Paisleytüchlein über Tuchballen bis hin zum Kilt von der Stange in großer Auswahl gibt es hier eigentlich alles.

Die Treppe mit dem schmiedeeisernen Geländer geht es dann in die erste Etage hoch, hier gibt es Kleidung für die weibliche Kundschaft und, ganz wichtig, die Schuhecke. Und endlich einmal führt man hier rahmengenähtes Schuhwerk für die anspruchsvolle Trägerin (also mich). Das sind dann auch nicht die Allerweltsmarken, die man an jeder Ecke bekommt, man führt hier etwa den spanischen Hersteller Carmina, von dem ich bisher zwar Gutes hörte, die Schuhe aber noch nie in der Hand hatte. Jetzt aber: Die Budapester sind nicht übel, aber eher von der breiteren Sorte, also nichts für meine schmalen Füße.

Carmina gehört aber auch zu den wenigen Herstellern, die rahmengenähte Damenschuhe mit Absatz bauen – ich habe bisher nur ein Paar erlegen können, die Trachtenstiefel vom Bertl. Netterweise stehen hier jetzt ein Paar hübsche Pumps mit T-Riemchen und Blume, und die sind so wunderbar gemacht, daß ich mich mal wieder gern ruiniere. In einem überschaubar kleinen Laden voller ältlicher hanseatischer Damen hätte ich diese außergewöhnliche Auswahl nicht erwartet.

Die ältlichen hanseatischen Damen haben an der Kasse vor allem ein Thema: Die Gulaschsuppe, die sie gleich im Café in den Alsterarkaden zu sich nehmen werden. Dort sitzen schon grüppchenweise Altersgenossinnen und schaufeln rosa Torte. Für mich ist die Zeit abgelaufen, ich muß die Damen ohne mich schaufeln lassen, hole meine Brille ab und laufe zum Bahnhof, denn der ist hier angenehm nah. Dann wieder heim, dreieinhalb Stunden, und in Frankfurt habe ich einen zum Umfallen schwülen Tag verpaßt. Jetzt brüllen hier die Gewitter über den Himmel und reißen gar nicht mehr ab.

Hamburg, denke ich. Wenn dort nicht alles so entsetzlich gerade wäre.

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Ich hab Heuschnupfen! röchelte der Reisebegleiter. Ich muß nach Süden! Und so kam es, daß ich dieses Jahr nicht ein einziges Mal rodeln durfte (ja, das ist eine offizielle Beschwerde), weil immer irgendwas war, und nun war also Heuschnupfen und wir setzen uns bei schönstem Wetter in Deutschland ins Auto und fuhren über die Alpen.

Diese Alpen waren wunderbar leer und ohne Touristen drin, am Rande der Straße rutschten ein paar Leute auf etwas herum, was sie Loipe nennen, ganz oben am Berg rutschten sie auf etwas herunter, was sie Piste nennen, aber im Großen und Ganzen ließ man uns in Ruhe, verursachte keine Staus und saß wo auch immer herum und arbeitete fleißig. Auch der Achensee war ganz entspannt heute, so daß sich die eitle Bergwelt in ihm spiegeln konnte. Da wurde auch dem Reisebeleiter ganz eitel ums Gemüt und er schickte, kaum in Österreich angekommen und die Tankstelle des Vertrauens erreicht, sein Auto in die Waschanlage, auf daß sich etwas in ihm spiegele, vielleicht auch ein bißchen schöne Bergwelt. Ich stand dann an der Scheibe der Autowaschanlage, drinnen wüteten die Putzbürsten und senkten sich auf das Verdeck mit der im letzten Jahr neu eingesetzten Heckscheibe, die nur durch eine etwas provisorische Näharbeit von mir zusammengehalten wird, ich bangte und betete, aber der Gott der Waschanlagen erhörte mich und tröpfelte nur ein bißchen Wasser auf den Fahrersitz. Ich war erleichtert. Jetzt konnte nichts mehr schiefgehen.

Wir trödelten so den Berg hoch, nahmen diese Abkürzung Richtung Brenner durch verschlafene Tiroler Dörfchen, die zwar recht pittoresk anmuteten mit ihren schnitzverzierten bunten Holzhäuschen, in denen man aber bei Licht betrachtet nicht tot überm Zaun hängen möchte, kamen bei Matrei wieder auf die Brenner-Staatsstraße, nutzten schlimme Outlet-Center nur, um dort auf die Toilette zu gehen und kurvten uns weiter hinab Richtung Sterzing, kauften dort einen Apfelstrudel und stellten mit Schrecken fest, daß es schon wieder halb vier war. Wo geht die Zeit hin in diesen Bergen? Faltet sie sich, genau wie das Land? Und man rutscht quer hindurch?

Wir nahmen die Autobahn. Wir nehmen sonst nie die Autobahn, aber wir hatten so diese Vorstellung von einem halbwegs entspannten Abendessen statt Notpizza irgendwo, also nahmen wir die Autobahn. Man muß zwar auf Dörfchen und Häuschen verzichten, aber man kommt schneller voran. Und rechtzeitig zur Dämmerung am Gardasee an, um kitschige Bilder zu machen. Und vorher noch schnell zum Schuh-Shopping, wenn man mein Reisebegleiter ist und unbedingt noch was neues an die Füße braucht. Ich finde natürlich wieder nichts, ich bin viel zu anspruchsvoll. Aber ich habe ja auch genug Schuhe und bin vernünftig genug, das einzusehen. (Ich habe auch genug Hüte, Taschen und Handschuhe. Ich bin bestens ausgestattet.)

Am Gardasee ist alles tot. Im Frühling trampeln sich die Touristen gegenseitig auf den Füßen herum, aber im Moment ist noch alles geschlossen. Nur der See und die Häuser sind anwesend und sehen pittoresk aus wie immer, und es ist keiner da, der sie bewundert. Eine ganze Gegend wie bestellt und nicht abgeholt. In einem kleinen Hafenbecken schaukeln die Boote. Um die Madonna in ihrem Schrein herum leuchtet ein elektrischer Leuchtschlauch. Das übliche, nur menschenleer.

Hier gibt es natürlich auch nichts zu essen, weder entspannte Abendessen noch Notpizza. Also weiter, und zwar in einem Rutsch nach Mantua durch, schnell Koffer ausladen und in die Innenstadt. Und endlich, endlich einmal sind wir früh genug da, mehr zu bekommen als Notpizza, nämlich Risotto mit Garnelen (ich) und Kürbisravioli plus Trüffelpizza (der Reisebegleiter). Von der Trüffelpizza wandert dann noch einiges zu mir hinüber. Und dann drehen wir noch eine Ehrenrunde durch die Stadt, da liegt so einiges, was ich gerne hätte (Schuhe, Hut, Kleid) und vergewissern uns, daß alles noch so dasteht wie immer. Das tut es. In der Gelateria sprudelt ein Schokobrunnen, die scheinen gerade sehr modern zu werden und kein Brüsseler Alleinstellungsmerkmal, und die Luft ist mild und die Straßen sind belebt. Hier wartet niemand auf Touristen, hier wartet niemand auf uns, alles geht seinen Gang und sprudelt und flockt so vor sich hin. Schön, wieder dazusein.

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'einen hab ich noch'


hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
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For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
[hadephy am 10.12.16 16:05]

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Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
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