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Du bist ja verrückt, sagte die Konditorin und packte mir noch ein Croissant und ein Eierweck extra ein, damit ich unterwegs nicht verhungere. Gut, nach einem Biergartenaufenthalt am Mittwoch Abend die Nacht durchzubrettern, um Mittags in Mantua anzukommen und bis gerade einmal Sonntag früh zu bleiben, um dann wieder den ganzen Tag nach Frankfurt zurückzuheizen, geht nicht gerade als rationale Handlung durch.

Aber egal. Um elf gehts los, um drei bin ich in München und schwächele kurz bis fünf auf einem Parkplatz herum, dann über Landstraße nach Österreich, Frühstück in der europäischen Premium-Kaffeezone, ich stehe um 7.29 Uhr vor einem M-Preis vor Innsbruck, der um 7.30 öffnet und mir Kaffee verkauft, dann genug getrödelt, über den Brenner, um zehn in Trento und um kurz nach elf letzte Pinkelpause vor Mantua. Brachiale Beschleunigung, um vor einem Laster einzuscheren, und dann, irgendwie, klingt etwas komisch. Was das ist, merke ich, als ich kurz vor der Bezahlstation an der Ausfahrt Mantua Nord herunterschalte, der Motor aber gerade nicht mitmacht, der dreht nämlich munter weiter. Wrumm. Röhr. Ich bremse, dann dreh ich den Schlüssel um. Blubb. Der Motor ist abgewürgt, das Auto steht, gut soweit, aber jetzt? Erst einmal will der Mann im Fenster sein Geld, ich hoppele im ersten Gang durch die Schranke, stelle mich an den Rand und falle kurz geistig in mich zusammen. Vier Kilometer vor dem Ziel, und jetzt das. Ich bin müde, ich will eigentlich nur einen Tee und ein Bett, aber das ist gerade endlose, fürchterliche vier Kilometer und einige unangenehme Umstände weit weg.

Okay. Erst einmal anrufen: Hallo Reisebegleiter, ich stehe kurz hinter der Ausfahrt und habe vermutlich einen Getriebeschaden. Und bring deine ADAC-Premiumkarte mit. Dann wartete ich, während an meinem geistigen Auge vierstellige Summen vorbeizogen, die sich auftürmten und in den verkauf diverser Fotoutensilien mündeten. Es waren, kurz gesagt, keine sehr angenehmen Gedanken, die ich mir an der Ausfahrt Mantua Nord machte, während Schwerlastzüge hupend und haarscharf an mir vorbeirauschten. Bis es neben mir raschelte und der Reisebegleiter durchs Gebüsch brach.

Hinter dier Hecke befindet sich ein Parkplatz, und mir wurde geheißen, dort zu warten, er komme mit meiner Barchetta herum. Und wie? Ach, ich bin schonmal zig Kilometer in einem Auto gefahren, das nur einen dritten Gang hatte. Na gut, dachte ich, drückte mich durch die Hecke und wartete. Dann raschelte es wieder im Gebüsch: Ich solle mal gucken kommen. Ich ging gucken. Der Reisebegleiter hatte nämlich eine Theorie: Es könne ja auch am Standgas liegen, und vielleicht sei ja das Gasseil gerissen, das komme vor. Er wolle jetzt mal das Gaspedal treten, und ich solle gucken, was das Seil tut. Ich guckte, und das Seil tat, alles ordnungsgemäß nämlich. Hm, sagte der Reisebegleiter und tastete mit der Hand im Motorraum herum wie der Landviehdoktor in der Kuh. Das Seil tut, aber was macht eigentlich dieser Nupsel hier?

Der Nupsel hing am Seil, aber an der falschen Stelle. Er soll eine Schraube davor bewahren, auf lange Sicht zu korrodieren, aber auf noch längere Sicht war der Nupsel selbst bröselig geworden, hatte einen Riß bekommen und war von seiner Schraube weggerutscht. Und da hing er nun sinnlos herum und im Weg und sorgte dafür, daß das Standgas durcheinanderkam und damit die Schaltung und damit leider alles, was zum betriebsgerechten Ablauf eines Automobils dazugehört. Ich wurde wieder durch die Hecke geschickt, und da stand ich nun, und um die Ecke bog meine Barchetta ohne Getriebeschaden und tat, als wäre nie ein Nupsel verrutscht.

Es ging mir abrupt sehr viel besser. Wir zuckelten die altbekannten Wege nach Mantua hinein, und als wir auf die Brücke abbogen, die über den Mincio führt, und als sich das Stadtpanorama auffaltete mit dem Palazzo Ducale im Vordergrund und der Domkuppel dahinter, wußte ich, daß es doch eine gute Idee war, hergekommen zu sein. Auch, wenn ich dafür eine Nacht ohne Schlaf ausgekommen war und über viele Autobahnen hatte brausen müssen. Egal. Den Rest des Tages bestimmte dann ohnehin die Fortbewegung auf einem alten grauen Damenrad, Tortelli con Zucca und das erstmalige Herumbummeln in Norditalien ohne diesen ständigen, bohrenden Fahrradneid. Und natürlich war der Reisebegleiter recht fröhlich gestimmt, da er hatte hilfreich sein können, und kam gern und mit Begeisterung auf den nicht vorhandenen Getriebeschaden zurück, der mit seiner Hilfe hatte behoben werden können. Ein Nupsel! Ein kleiner Plastiknupsel!

Und natürlich mußten wir Freßläden besichtigen. Beim Metzger in Mantua checkte der Begleiter das Käsesortiment, während ich so bei den Konserven herumguckte. Und ein weiterer Kunde im Laden, ein älterer Herr, starrte mir dauernd auf die Hüfte und grinste. Und starrte. Und deutete schließlich mit dem Finger und fragte: Trentacinque Summicron? No, trentacinque Summaron, sagte ich. Und während der Begleiter weiter Käse anguckte, warfen sich der Herr und ich unsere hessische Optik an den Kopf. Er gewann überlegen mit einem einser Noctilux plus M6 in Titan-Ausführung, er war aber von der Emme Nove auch hinreichend begeistert, auf die er gleich den Metzger hinter der Theke hinweisen mußte. Emme Nove! Ein Gerät, mit dem man nie einsam ist. Großartige Erfindung.

Bett. (Auch eine großartige Erfindung.)

Eigentlich wollten wir ja zum Concorso Eleganza an den Comer See, aber wir sind beide zu blöd, eine Website zu lesen und einen Tag zu früh dran. Da stehen wir am Eingang, und man will uns nicht reinlassen. We are Press, sagt der Begleiter. Das sagt er sonst nie. Ich habe sogar ein Plastikkärtchen, um das zu beweisen (und Du bist mein Praktikant, sag ich), und so kommen wir dazu, uns immerhin den Garten und die Villa d'Este anzuschauen. Und dann schauen wir uns den Comer See an. Und da steigen wir bei einem der Dörfer aus und gucken ein bißchen herum.

Es gibt einen Lebensmittelladen, da gibt es Pizza. Und ein Café, da gibt es Kaffee (resp. Tee). Und noch einen Laden, der hat Kekse und wasweißich noch alles. Und eine Treppe, die gibt es auch noch. Nach Pizza, Kaffee (resp. Tee) und Einkauf gucken wir uns diese Treppe an, die in den Ort hinunter führt. Ja wo führt die denn hin? Jedenfalls um ziemlich viele Ecken. Oben beim Laden geht sie los, dann windet sie sich hinunter, ziemlich steil und mit rutschigen Eiersteinen gepflastert.

Da schliddern und kraxeln wir uns also runter. Um eine Ecke, um noch eine Ecke, noch eine. Ich ziehe die Schuhe aus und laufe barfuß, ist einfacher. Bestimmt, sagt der Reisebegleiter, landen wir gleich bei jemandem im Hinterhof. Mal sehen, sag ich. Noch weiter? fragt er. Bestimmt sind wir gleich unten, sag ich. Okay, sagt er. Gleich sind wir da, sag ich, ich seh schon das Wasser. Und dann landen wir an einer Treppe, die in den See führt und einem Gang, der unter einem Haus hinweg führt und an einer Brücke, die über einen Zufluß des Sees hinweg führt, der aus einer Klamm tröpfelt, die wiederum das Dorf in zwei Hälften teilt. Rund um die Klamm hat jemand Gartenzwerge aufgebaut und grinst sich eins, als ich die fotografiere, wie sie da in ihrer Kulisse stehen, die man nur als wildromantisch bezeichnen kann.

Und dann weiter über die Brücke, dann stehen wir vor einem Haus, das hat ein Loch nach oben weg, da führt eine Treppe durch, nun allerdings nach oben. Okay, wir klettern durch das Haus, dann geht es durch die Gärten wieder nach oben zur Hauptstraße. Und das ist das vermutlich MCEscherhafteste Dorf, in dem ich jemals herumgewandert bin.

Vier Tage nur. Das reicht gerade einmal, um noch einen Abstecher nach Vicenza zu machen (und einen Hutladen namens Palladio zu finden), einen Vormittag in Valeggio zu verbringen, dann geht es auch schon wieder heim. Der Nupsel im Motorraum wird mit einer Schere abgepult und stört nicht weiter, dann brause ich los, Brenner, Gewitterhagelsturm, Münchner fahren nach München, Nürnberger nach Nürnberg, Würzburger nach Würzburg, und am Ende sind kaum noch Frankfurter übrig, die mit mir nach Frankfurt abbiegen. Und am Ende habe ich dann doch einen Sonnenbrand von den Kilometern zwischen Mantua und Matrei. Schöne vier Tage. Und immer noch näher als der Norden.

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Wenn man mit dem Bus von der Touristenküste am Roten Meer durch die Wüste fährt, an der Wüstenraststätte die Händler deutsch sprechen und "frisches Wasser" dreisprachig an den Toiletten steht, gibt es kaum einen größeren Kontrast, als dann ins Niltal zu gelangen. Qena ist die größte Stadt in der Gegend, die Menschen sind meist Händler und kleiden sich betont bescheiden in die traditionelle, einfarbige Galabeya (die Leute hier sind sowas wie die Pfeffersäcke Ägyptens, könnte man sagen). Eine gute Straße (es war, so höre ich öfter, nicht alles schlecht unter Mubarak: Straßen und Autobahnen bauen konnte er. Das sagen die Menschen völlig ernsthaft, nur wir Deutschen hören da eine gewisse Ironie heraus) führt durch das grüne Niltal nach Luxor. Hier ist Zuckerrohrgegend. Ägypten ist für den Rohrohrzucker bekannt, der hier überall zu Kaffee und Tee gereicht wird. Transportiert wird er auf der guten Straße, die von blühenden Bougainvilleen und Minosen gesäumt ist und in orange, pink und gelb ziemlich undezent beblüht wird. An der Pracht fahren dann die Zuckerrohrbündel vorbei, und zwar fast ausschließlich in Eselskarren. Hinter den Hecken die Felder, sattgrün, mit einzelnen Palmen dazwischen. Dann kleine Dörfer, geometrische Lehmhäuser, mehr Esel, Ziegen, eine kleine Moschee. Menschen sitzen im Schatten unter Bäumen, Schulkinder laufen mit bunten Ranzen nach Hause. Wir hängen am Busfenster und gucken. Daß es das gibt, daß es das wirklich gibt. Und leider gibt es kein wirklich gutes Foto davon, denn der Bus ist unbarmherzig und hält nicht an. Weshalb ich mir denke, daß man sich eigentlich in Luxor ein Fahrrad mieten müßte und dann nach Qena radeln, ganz langsam, und überall gucken und reden mit Händen und Füßen.

Und dann Luxor. Daß das vollsteht mit Monumenten un Gräbern und Tempeln ist ja nichts Neues, da bräuchte man Wochen für. Nach der Kunstwelt an der Küste ist es eine ziemliche Erholung, wieder einmal in einer richtigen Stadt zu wohnen. Gut, unser Hotel ist so ziemlich die Quintessenz des britischen Kolonialismus, der Old Winter Palace nämlich, wo schon Agatha Christie wohnte und schrieb und trank. Aber es ist ein Hotel in einer normalen Stadt, die Angestellten wohnen und arbeiten hier, nicht in irgendwelchen Wohnheimen. Ein Kellner ist seit 30 Jahren hier, und er zählt auf, welche berühmten Menschen er schon bedient hat: Sarkozy. Tony Blair. Richard Gere war auch schon hier. Es ist ein Haus mit Geschichte, viel davon, die Stühle wackeln ein bißchen und die Fenster sind, nunja, englisch, aber man will es auch kein Stück anders haben. In meinem Zimmer hängen schätzungsweise dreißig Troddeln von irgendwas herunter, und es ist großartig. In der Lobby hängt ein Portrait von Lord Byron. Ich würde gern nur noch in Hotels wohnen, in denen Portraits von Lord Byron in der Lobby hängen, aber das schränkt die Auswahl wohl über Gebühr ein. (Und der Garten! Hach, der Garten!)

In Luxor gibt es auch einen Souk, einen Markt. Das ist eine schlimme Nippes-Touristenveranstaltung ohne Touristen, und der Kollege und ich heften den Blick gen Boden und rennen so durch. Dann findet sich ein jugendlicher Guide, der uns nicht von der Seite weicht, was aber gerade voll in Ordnung ist, er bringt uns nämlich jetzt zum Souk für die Einheimischen. All das kommuniziert er abwechselnd auf Deutsch und Englisch. Und nun endet der Touristensouk, und das Gewimmel geht los. Hier beachtet uns kein Mensch mehr, denn wir sind als Käufer gerade völlig uninteressant geworden. Im Souk gibt es halbe Hammel oder ganze Hühner, Plastikeimer oder Schrubber made in China, Auberginen und Knoblauch, Lederschlappen und Sporttaschen, illegal gebrannten Whiskey ("Johnny Talker"), Erbsenbohnenlinsen, Küchenschürzen, Kinderkleidung, Schrauben, Rollkoffer, Bügelbretter, kurz: Alles. Und das ist nun wieder interessant. Denn hier wird nichts für irgendwen aufgebaut, hier kann man sehen, wie ein Gemeinwesen funktioniert. Sehr archaisch und einigermaßen rustikal, aber es funktioniert.

Unser freundlicher Guide schnappt auch auf, daß ich durchaus geneigt bin, mir eine Galabeya zuzulegen und führt uns in den Laden eines Freundes. Hier gibt es auch nicht den seltsamen Polyesternippes, sondern schön bestickte Kleider aus ägyptischer Baumwolle. Gut gemacht, junger Guide. Wir bekommen Tee, der Kollege schnorrt sich eine Zigarette und tratscht mit dem Inhaber über das Thema, das fast alle Männer dieser Welt verbindet: Fußball. Ägypten, so habe ich nämlich behauptet, sei Afrikameister, und weil der Kollege mir das nicht glauben wollte, mußte er es sich hier bestätigen lassen. Natürlich hatte ich recht. Und natürlich kann ich dann wieder nicht handeln in dem leeren Laden, in dem ich gerade stehe und geduldig beraten werde, und zahle 400 Pfund für zwei Galabeyas, das sind so grob 50 Euro. Vermutlich haben die beiden gerade das Geschäft ihres Lebens gemacht.

Es gäbe noch so viel zu erzählen. Von der Totenstille in Hurghada, wo die Russen fehlen, vom Tal der Könige, wo wir unfaßbarerweise Fotografieerlaubnis hatten, vom ägyptischen Museum, wo wir ebenfalls Fotografieerlaubnis hatten, von dem T-Shirt-Verkäufer am Tahrir-Platz, der unendlichen Abfolge von gutem Essen und von den Dingen, die ich schon wieder vergessen habe. Davon, daß ich mich nie unsicher gefühlt habe. Man wird in Ägypten auch nicht beklaut, höchstens vom Händler übers Ohr gehauen, und die beste Möglichkeit, in Ägypten umzukommen, ist durch den Kairoer Straßenverkehr. Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, daß dieses Land mich nicht das letzte Mal gesehen hat. Und die Straße von Qena nach Luxor hoffentlich auch nicht. Inschallah.

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Vier Stunden lang Ärsche von links und Ellenbogen von rechts ist auch kein Spaß. Die Ärsche, das ist die Toilettenschlange vorm Flugzeugklo, die Ellenbogen bekommt der ziemlich fettleibige Brasilianer neben mir nicht auf dem ihm zugedachten Platz untergebracht. Er ist mir ja leider schon gleich unsympathisch gewesen, als er mitten im Trubel noch großen Aufstand machen mußte, weil er neben seiner hochverehrten Gattin sitzen wollte und sie neben ihm. Kann man ja verstehen, aber man kann auch einfach nett fragen. Er nicht. So bin ich vier Stunden später also in Kairo, immerhin wohlgenährt dank Egyptair mit wirklich gar nicht so üblem Lachs mit Safranreis (mit dem finnischen Köttbullarschmelzkäsesandwich, das aussah wie wundgelegenes Knie, habe ich mir aber auch alle Maßstäbe verdorben), wenn auch mit schlimmem Schädelweh ob der permanenten Ausweichbewegungen nach rechts, wo kein Platz war, bzw. links, wo nur temporär Platz war. Der Bus, der sich Stopandgo durch Heliopolis quälte, machte die Sache nicht besser. Der Lachs endete unrühmlich in der Bustoilette und ich gleich auf meinem Zimmer.

Zuvor muß ich aber noch nachtragen: In Ägypten gibt es Mirinda Hibiscus, das ich auch am Flughafen erstanden habe, und weil der Verkäufer meinen Hundert-Pfund-Schein frisch aus dem Automaten nur ungern annehmen wollte, versuchte ich es mit Euro. Ok! sagte der Verkäufer, und strahle augenblicklich auf. One Euro! Man kann Ägypter sehr leicht froh machen, wenn man etwas in Euro bezahlt. Seitdem habe ich nicht mehr sonderlich viel abgehoben, ich zehre vom Mitgebrachten. Nachtragen muß ich auch den höchst offiziösen Empfang durch erst einmal Egyptair (Foto, Nelke, Goodiebag), dann durch das Fremdenverkehrsamt (Rose, Goodiebag). Keine Ahnung, in wie vielen Pressemitteilungen, Mitarbeiterzeitschriften, Intranetseiten mein verknautschtes, ungekämmtes, dehydriertes Abbild demnächst auftaucht. Es kann von diesen Deutschen, die da kommen sollen, nur abschrecken.

Verpaßt habe ich dann auf meinem Zimmer nur wenig, denn man ließ es sich nicht nehmen, das Menü in mein Zimmer zu rollen. So richtig mit Silberglocke und einsamem Röslein in weißer Porzellanvase. Es gab türkische Antipasti (ach, Sprachpuristen! Mittelmeerraum ist Mittelmeerraum), selbstgebackenes Brot und Lammfleisch, das in etwas gemüsigem eingewickelt war. Sehr hübsch und sehr gut. Der freundliche Kellner überschlug sich auch fast vor Eifer. Wie mir das Hotel gefalle? Gerade vor sechs Monaten eröffnet. Mist, dachte ich, die haben sich aber auch eine Zeit ausgesucht. Aber der Sommer ist noch lang und die Hauptsehenswürdigkeit (Tahrir) gleich ums Eck. Es sei sehr schön hier, sagte ich wahrheitsgemäß. Es ist auch ein sehr elegantes Hotel, viel Marmor, dunkles Holz, Muranoleuchter zum Saufüttern. Und das Goodie, die schön aufgezogenen Schwarzweißfotos aus dem alten Ägypten, gehört zu den geschmackvollsten, die ich jemals bekommen habe.

Bisher habe ich von Kairo also vorwiegend Stau mitbekommen, und um es vorwegzunehmen, dieser Eindruck bleibt den Rest des Aufenthaltes über wohl auch erhalten. Wenn man die Augen zumacht, erinnern die Geräuschkulisse und der Geruch ein bißchen an Rom. Aber es ist viel größer, viel mehr Menschen, mehr Autos, mehr Hupen, mehr Fiat, noch ältere Fiats mit noch mehr Beulen. Mehr Chaos, mehr Staub, mehr Müll, mehr alt mehr Fluß mehr Hochhäuser. Dafür weniger Papst. Und absolut keine Touristen.

Es ist beste Reisezeit, und wir sind hier die einzigen Europäer weit und breit. Wir fallen auf. Wir haben einen Fototermin am Tahrir-Platz, wo sich die Lokalpresse über die deutsche Delegation freut, wir bekommen kleine Winkelemente in die Hand gedrückt, die der ägyptischen Staatsflagge nachgebildet sind und winken. Und lächeln. Ich bekomme gleich zwei Flaggen, dann weist mich der Fotograf an, weiter zu winken und zu lächeln. Ich winke. Ich lächle. Ein Transparent wird ausgerollt, mehr Kameras, mehr winken, mehr lächeln, und langsam sammelt sich neugieriges Volk um uns herum. Drei junge Damen kommen kichernd auf mich zu, Photo please, lächeln, winken, Handyfoto. Thank you. Dann lasse ich den Rest winken und lächeln, und gehe ein wenig auf dem Platz herum. Es ist ja schließlich ein historischer Ort, das ist hier Tahrir, der Platz, den ich vor zwei Monaten so genau beobachtet habe, dem ich als Twitter-Hashtag gefolgt bin, der immer wieder in den Nachrichten gezeigt wurde, wie er voll von Menschen zu einem brodelnden Irgendwas wurde, das es schließlich schaffte, ein Regime zu stürzen. Da drüben ist der KFC, der in neuem Glanz wieder eröffnet hat. In ein paar Monaten ist vermutlich Starbucks da. Drüben steht ein schwarzer Block, das ist das niedergebrannte Regierungsgebäude. Das Museum dagegen ist, zumindest von außen, so rosa und frischgestrichen wie eh und je. Devotionalienhändler verkaufen alles, was sich mit den Landesfarben bedrucken läßt: Pins fürs Revers, T-Shirts ("Tahrir Square Freedom Facebook"), Autosonnenschutz mit Saugnoppen. Der Rasen leidet noch ein wenig, aber es liegt kein Müll herum, Ordner sprühen Wasser und winken. Ich winke zurück. Am nächsten Tag sind wir auf der Titelseite der englischsprachigen Egyptian Gazette, der Rest berichtet immerhin von den Deutschen, die den Tourismus fördern sollen. Tourismus ist wichtig in Ägypten, eine ernste und wichtige Sache. Und je schneller die Reisegruppen wiederkommen, desto besser für das Land.

Zwar sind alle, die ich treffe, optimistisch. Aber derzeit sieht es nicht nach einem Reiseboom aus. Wir fahren raus aus Kairo, durch die wild wuchernden Vorstädte nach Gizeh. Sobald man den Nil kreuzt, beginnt eine Art organisch wuchernde Menschenbesiedlung aus rohem Ziegelstein und Beton, aus dem oben noch die Stahlträger herausstehen. Hier waren einmal Felder. Dann wurden die Felder bebaut, dann setzte die nächste Generation ein Stockwerk drauf, und kein Dach, weil die übernächste Generation bestimmt auch bald aufstocken will. Das Prinzip kennt man aus Süditalien, hier ist es ins Extrem getrieben, Menschen in Waben gesteckt wie Bienenlarven, es wird angebaut, unten, oben, an der Seite, Plätze bilden sich, Läden eröffnen, es ist unegordnet und chaotisch wie alles hier, aber es läuft irgendwie. Kairo funktioniert, weil alle auf die Selbstregulierungskräfte vertrauen: Des Verkehrs, des Geschäftslebens, der Stadt. Und wo Kairo langsam aufhört und in Gizeh übergeht, da sieht man sie schon hinter den Häusern aufragen, erstaunlich groß und mit einiger Selbstverständlichkeit ins Leben eingebunden, ohne viel Brimborium einfach da, die Pyramiden.

Es gibt einen riesigen Busparkplatz, der ist leer. Weiter oben ist noch ein Parkplatz, der ist auch leer. Das sind die fucking Pyramiden, denke ich, warum ist hier keiner? Nicht mal eine evangelische Bildungsreise aus Hinterschwaben. Gar nichts. Nur wir. Und die Ägypter, die dort herumsitzen und picknicken oder spazierengehen. Und eine Menge Händler, die sich wie eine ziemlich ausgehungerte Wolfsrotte auf uns stürzen, weil sonst niemand da ist und zu Hause die Familie wartet, wenn sie nicht gerade vor der Sphinx steht und Postkarten verkauft. So, denke ich, wird es nie wieder sein, nur jetzt, in dieser kurzen Zeit. Deshalb melde ich mich auch, als gefragt wird, wer in die Pyramide hineingehen will. Auch wenn jeder sagt, es gebe dort absolut nichts zu sehen. Aber hiersein und nicht reingehen, das geht nun auch nicht.

Wir klettern also die Stufen hoch zum Eingang, dann geht es ins Innere. Erst komfortabel, dann steil nach oben. Es gibt Holzrampen mit Leisten drauf, wie Hühnerleitern, darauf geht es den niedrigen Gang hoch. Es ist stickig, und über uns kehrt gerade jemand den Staub der Jahrtausende weg, den bekommen wir auch noch ab. Husten. Nach dem ersten Schacht und dem zweiten Grabfake, das die umsichtigen Erbauer zur Ablenkung der Grabräuber angelegt haben, kommt der Hauptschacht. Und der ist nun gar nicht mehr niedrig, sondern erhebt sich steil nach oben. Die Wände sind nicht glatt, sondern stufig abgesetzt und dunkel, was interessanterweise nach sehr moderner Architektur aussieht. Wir schieben uns den Schacht nach oben, dann kommt ein weiterer niedriger Gang, dann die Grabkammer mit dem Steinsarkophag. Und natürlich gibt es hier eigentlich nichts zu sehen, nur zu wissen und zu begreifen. Das ist alles und ziemlich viel.

Auf dem Weg nach draußen begegnen uns dann doch Touristen: Eine koreanische Oma, die auf geradem Boden schon kaum laufen kann und sich von ihrem Sohn gestützt nun hier hochkämpft. Sie muß das sehr gewollt haben, denke ich, daß sie nun hier ist, ohne Reisegruppe, kurz nach der Revolution, und sich die Hühnerleitern antut, nur um einmal in der Pyramide zu stehen. Solange es solche Leute gibt, ist alles in Ordnung.

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In Turku liegt Schnee, und das nicht zu knapp. Aber die Finnen wissen damit umzugehen, der Schnee wird einfach am Straßenrand zu anderthalb Meter hohen Wällen zusammengeschoben, man geht dann halt drumherum. Auf dem großen Marktplatz in der Stadtmitte von Turku wird er mit einem Schaufelbagger zusammengeschoben, auf einen Lastwagen gekippt und abtransportiert wie hierzulande Bauschutt. Das weiß ich so genau, weil mein Hotelzimmer direkt auf den Platz schaut. Auf dem Platz gibt es ein Kioski und ein Grilli, die Grundversorgung ist also gesichert. Verhungern werde ich aber bestimmt nicht, denn das Hotel hat ein französisches Restaurant, das "Fransmanni" heißt.

Überhaupt klappt hier alles ganz vorzüglich. Während die meisten irischen Piloten die Sache mit der Landung eher rustikal angehen, Hauptsache man kommt runter, habe ich gerade die zwei butterweichsten Landungen meines Lebens hinter mir. Einmal in Helsinki, und dann in Turku, mit einer kleinen, knarzigen Propellermaschine, wo beim Abheben die Handgepäckfächer vertrauenserweckend krachten und die Fahrwerksklappe unter mir ziemlich schlecht geölt war. Krrrrklonk wäre wohl die angemessene onomatopoetische Umschreibung, und eigentlich gehört das noch in Versalien. Es fühlte sich an wie Krisengebiet, aber es gab Schokoriegel.

Am Abend sind wir aber nicht ins Restaurant Fransmanni, sondern ins Oscarin Olohuone Keittiö. Oscar ist der Gründer des Hotels Hamburger Börs, das zu Anfang Hamburger Biergarten hieß, nur halt auf Finnisch. Börs ist keine Börse im ökonomischen Sinne, sondern ein Ort der Zusammenkunft, erklärt man uns. Also Hamburger Börs. Daß Biergärten strenggenommen nicht unbedingt zur ureigensten hanseatischen Volkskultur zählen, nimmt man in Finnland nicht so genau. Damals, also um die Jahrhundertwende, zählte eigentlich nur, daß das Bier grob aus Deutschland stammt. Norden, Süden, das sind Feinheiten.

Am Nachbartisch grölen Finnen fröhlich bei einer Geburtstagsparty, und die Finnen an unserem Tisch tuscheln. Was tuscheln die? "Das sind bestimmt Ostfinnen. Oder solche mit schwedischer Abstammung." Ein Südfinne, der etwas auf sich hält, grölt nicht. Man freut sich leise in sich hinein. Der Turkuer an sich ist ein eigentbrötelnder Zeitgenosse, hat ein Sommerhaus mit Sauna irgendwo auf den Inseln oder im Seengebiet, verbringt dort den Sommer und fliegt im Winter, wenn es gar zu dunkel ist, nach Thailand. Der Finne an sich fährt außerdem kein großes Auto und gibt mit seinem Geld nicht an. Das erzählen uns die Finnen beim Abendessen, und mir bleibt vorerst nichts anderes übrig, als all das unbesehen zu glauben.

Frühstück. Der Frühstücksraum liegt im älteren Teil des Gebäudes, reiner Jugendstil, viel Glas und Metall und Kronleuchter. Aber das heißt hier nicht Jugendstil sondern Nationalstil. Finnland gibt es als eigenständiges Gebilde erst seit 1917, davor wurde dieser Landstrich zwischen Rußland und Schweden hin- und hergeschoben. Und 1917 wurde dieser Stil dann als Baustil der jungen Nation propagiert, als weder schwedisch noch russisch, da hat man was Eigenes. Neben besagtem Nationalstil steht hier noch eine Menge Klassizismus herum, das wiederum ist Carl Ludwig Engel zu verdanken, einem Schinkel-Freund, der die Städte Helsinki und Turku zum großen Teil geplant hat. Vor dem Klassizismus gab es Holzhäuser und dementsprechend dauernd Brände. Vom wirklich alten Turku steht nur noch ein kleiner Teil, das ist heute das Handwerksmuseum. In den alten Häusern gibt es Töpfer und Kürschner und so weiter, die in dem Museumsdorf arbeiten.

Das mit den Bränden ist ja die einzige wirkliche historische Konstante Turkus. Man konnte sich auf nichts verlassen, nur auf wiederkehrende Feuer. Das ganz große Feuer 1827 führte schleßlich dazu, daß nicht mehr Turku als älteste Stadt und Universitätsstadt auch die Hauptstadt war, sondern Helsinki diesen Status bekam. Deshalb fühlen sich die Turkuer immer noch als ein von diesen helsinkier Emporkömmlingen zurückgesetztes Völkchen und eigentlich als heimliche Hauptstädter. Allerdings ist Helsinki mittlerweile viel größer als Turku. Die meisten Turkuer bestehen darauf, daß Turku natürlich viel schöner ist.

Aber eigentlich wollte ich erst einmal erzählen, was es zum Frühstück gibt. Im Gegensatz zum ganzen Rest des Nordens (und einem Großteil des Südens) hat sich in Finnland nämlich eine ziemlich differenzierte Brotkultur entwickelt. Es gibt nicht nur weißen Flausch und Preßspan, sondern auch alles dazwischen. Ich hatte kernige Spitzbrötchen, es gibt knäckiges in allen Varianten, viel dunkles Brot, aber auch helleres, von fest bis krachig. Am Frühstücksbuffet stand ein ganzer Tisch voll, bestimmt zwanzig Sorten. Außerdem gibt es karelische Piroggen und isländische Pfannkuchen, die genauso schmecken wie deutsche Pfannkuchen, aber etwa fingerdick sind. Und neben Wurst und Käse gibt es Fisch. Das find ich gut, aber eher nicht zum Frühstück. Kaffee ("Kahvi") kann der Finne an sich offenbar keinen zubereiten (ich habe in vier Tagen nirgendwo trinkbaren gefunden), dafür ist der Tee ziemlich stark.

Raus zur Stadtführung. Unser Guide ist eine gebürtige Hamburgerin und Halbfinnin, die es nach Turku geweht hat. Sie steht damit in einer guten alten Tradition: Es hat im Laufe der Zeiten ziemlich viele Hamburger nach Turku geweht, die hier eine Art eigene wohlhabende Bürgerschicht gebildet haben und jahrhundertelang auch die Bürgermeister stellten. Deshalb wurde hier neben Schwedisch, Russisch und Finnisch oft auch deutsch gesprochen. Mittlerweile spricht man entweder Schwedisch oder Finnisch, je nach Gebiet. In Turku überwiegt das Finnische, draußen auf den Schären das Schwedische. Welche Sprache wo die Mehrheit stellt, kann man ganz einfach herausfinden: Die steht auf den Straßenschildern an oberster Stelle, dann erst kommt der schwedische Name: Turku und Äbo, Helsinki und Helsingfors. Und woanders eben andersherum.

Ein Stadtspaziergang also. Beginnend beim Dom, der ältesten Kirche Finnlands, die schon kurz nach der Christianisierung im 13. Jahrhundert hier hingesetzt wurde, durch den alten Teil mit seinen klassizistischen Häusern und den Parkanlagen, dann die vielen, kleinen Wohnhäuser aus Holz, niedrig und mit Eiszapfen behängt, die in der Sonne glänzen. Mitten durch die Stadt fließt der Aurafluß, der Aurajoki, mit sieben Brücken. (Dazu gibt es natürlich auch eine Geschichte. Die siebte Brücke hat nämlich den letzten Winter nicht überlebt und wird momentan ersetzt. Eines schönen Morgens ging ein nichtsahnender Bürger mit seinem Hund Gassi, als er bemerkte, daß die Brücke durchhängt. Er rief besorgt die Polizei an, ob das normal sei, daß die Brücke in der Mitte durchhängt. War es natürlich nicht. Was man festgestellt hat, als man sich endlich durchringen konnte, ihm zu glaben. Seitdem lacht ganz Finnland über Turkus Gummibrücken.)

Am Ufer des Auraflusses befindet sich die Burg von Turku (mittelalterlich), das Marinezentrum mit Hafen (19. Jahrhundert Backsteinbau), schließlich die Uferpromenaden innerhalb der Stadt. Dort haben Boote angelegt, die dort permanent liegen – weil sie so hoch sind und die Brücken so niedrig bleibt ihnen auch nichts anderes übrig. Auf ihnen sind Cafés und Restaurants, wo der Turkuer im Sommer einen trinken geht. Und der Turkuer trinkt üblicherweise Bier, Cidre oder finnische Longdrinks mit Beerengeschmack, die nach Limo schmecken, aber trotzdem Alkohol enthalten (potentiell gefährlich). Turku muß sehr schön sein, wenn es warm ist und man draußen sitzen kann.

Im Winter allerdings ist der Fluß zugefroren und mit einer weißen Schneeschicht bedeckt. Und die Bänke am Ufer sind im Schnee versunken. Man ist auf die Wege angewiesen, die freigeräumt und am besten auch noch mit Splitt gestreut sind, das sind zum Glück die meisten. Ich bin angesichts der Eisschicht, die auf Trottoir, Straßen und Treppen festgebacken ist, trotzdem froh, mir noch Antirutsch-Überzieher für die Schuhe gekauft zu haben. So bin ich nur einmal ausgerutscht und nicht dauernd. Die Bevölkerung erträgt das alles recht stoisch, die älteren Damen tragen alle ihre Pelzmäntel und Pelzmützen und der Rest Anoraks, Strickmützen und Vlieszeug. Zum Glück nicht in Kreischfarben. Keiner sieht hier aus wie Pistenmausi.

Aber nun werden wir wieder in den Bus gepackt, denn es geht raus ins Umland, in die Schären, die irgendwie auch auf finnisch heißen, aber meist the Archipelago genannt werden, mit Betonung auf -pe-. Das ist eine zerfaserte Geschichte mit rund hunderttausend Inseln, Inselchen und Brocken im Meer, vermutlich das Jugendwerk eines schwer bekifften Slartibartfaß. Es gibt eine Ring Road von Turku aus, und man kommt mit Brücken und Fähren dort gut herum (die Fähren sind sogar kostenlos). Während ich Schweden so rein vom Planetendesign her für eine eher einfallslose Sache halte, macht mir Finnland gerade richtig Spaß. Wir fahren über hügelige Landmasse, dann wieder über zugefrorene Ostsee, dann zur Abwechslung um einen See herum, dann kommt wieder Gehügel mit Kiefern drauf oder Birken oder Wiese oder allem zusammen.

Hier stehen auch die vielen Sommerhäuschen. So rund 80 Prozent der Touristen hier sind Finnen, sagt Mathilda, die unser Inselguide ist. Sie ist in einem der Hauptseebäder zugestiegen, einem kleinen Dorf an einem Hafen in der Bucht. Aber man ist hier ja nicht auf Badeorte angewiesen, man kann praktisch alle drei Meter irgendwo ins Wasser springen. Im Sommer sind alle hier, diese Zeit ist the cream on the cake in Finnland, und niemand käme auf die Idee, nach Italien oder sonstwohin in den Süden zu fahren. Interessanterweise scheint aber die Südfinnische Ring Road längst nicht so bekannt und beliebt zu sein wie die einschlägigen Trampelpfade Ring of Kerry und so weiter. Das macht die Sache natürlich auch wieder sehr attraktiv. Wenn ich in Urlaub bin, möchte ich so wenig Deutsche in Outdoorklamotten sehen wie möglich.

Nun hält der Bus an, und wir werden rausgeworfen zwecks Aktivität. Die Aktivität in Form eines Rudel Quads steht am Straßenrand bereit und stinkt vor sich hin. Die Jungs stürzen sich schon drauf, ist klar, die Mädels verzichten erstmal dankbar. Ich habe vor, noch ein wenig die Landschaft anzugucken. Also stapfen wir herum, probieren die Schneeschuhe aus und freuen uns am Wald. Anscheinend hat sich die Ansicht verfestigt, daß ich Angst vor diesen Quad-Dingern habe, und so redet man auf mich ein, ich müsse das dringend probieren, das sei gar nicht schlimm und mache überdies Spaß. Ich will aber eigentlich nur in Ruhe ein bißchen herumfotografieren, und dazu brauche ich beide Hände.

Dann kommen die Jungs wieder, es ist mittlerweile fast dunkel und demnach ist ohnehin nichts mehr mit fotografieren. Also mit stinkenden Dingern herumfahren, warum nicht. Die ersten paar Meter sind übelstes Holpergelände über Wurzeln und durch Matschlöcher, dann kommen wir auf einen etwas befestigteren Weg. Leider ist es nicht besonders schwer, diese Dinger dazu zu bekommen, im Schnee stecken zu bleiben. Aber wenn man erst einmal auf der Spur ist, läuft alles prima. Aber natürlich nur so schnell wie die Vorderfrau es zuläßt, und da scheine ich eine klassische Opelfahrerin erwischt zu haben. Bremsen in jeder Kurve, an jedem Abhang, an jedem Berg, bei jedem Steinchen. Es könnte so schön sein, hat aber was von A3 bei Würzburg, so wie das hier läuft. Oder Alpenpaß mit Holländer. Ich fluche in die Tiefe meines Helmes hinein und hoffe, daß mich niemand hört, was bei dem Krach aber nicht sehr wahrscheinlich ist, dann entwickele ich üble Drängelangewohnheiten, dann fahren wir auf einen gefrorenen See. Und da kann ich überholen, endlich. Ach, Freizeitstreß. Ich bin ja leider nicht so der Typ für Gruppenaktivität, und jetzt weiß ich auch wieder, warum. Nicht aus Angst, sondern aus Genervtheit, weil mir ständig jemand im Weg herumsteht und ich damit nicht umgehen kann. (Vermutlich hätte ich das tun sollen, was ich sonst auch immer mache: Bei den Jungs mitfahren.)

Wir Mädels müssen nach unserer Runde die Dinger wieder zum Bus fahren, während die Jungs in der Zwischenzeit Würstchen gegessen haben. Wir nicht. Unser Guide auch nicht. Wir haben ziemlichen Hunger. Nach der Aktivität kommt die Entspannung, so ist es vorgesehen, erst eine Runde Salmiakki auf nüchternen Magen, das wärmt, dann treffen wir uns am Saunagelände, das zu einem Hotel gehört. Und es gibt Würstchen für die hungrigen Mädels. Und dann Sauna. Das ist jetzt aber ein Kapitel für sich.

In Finnland hat so gut wie jedes Haus eine Sauna. Moderne Wohnungen haben eine eigene, Mietshäuser können sich eine teilen wie hierzulande den Wäschekeller. Üblich ist die elektrische Sauna, das ist die moderne Variante, eher exotisch ist die Rauchsauna. Die wird mit Holz beheizt und gilt als Urform. Ich habe das ausprobieren dürfen und kann feststellen: Das ist sehr angenehm, gar nicht qualmig und, wenn man Wasser auf den Ofen schüttet, auch hübsch heiß. Allerdings wird man ziemlich schwarz dabei und sieht am ganzen Körper so aus, als würde einem Wimperntusche herunterlaufen.

Außerdem saunen Finnen meist getrenntgeschlechtlich. Als ich erzählt habe, daß es in deutschen Schwimmbädern nur einen Frauen- und einen Männertag gibt und daß man sich auch an gemischten Tagen nicht immer zwingend im Badeanzug dort hineinsetzt, guckten mich die anwesenden Finninnen entsetzt an. Ehrlich? So machen das die Deutschen? Sodom und Gomorrha! Außerdem habe ich viel zu viele Fragen gestellt. Ich habe Saunagehen nämlich als durch und durch reglementierte Angelegenheit kennengelernt. Man muß ja entscheiden, wieviele Gänge bei welcher Temperatur man sich wie lange zumutet, ob man sich danach kalt oder lauwarm abduscht und ob man zur vollen Stunde gehen will, wenn der Saunameister mit der Kelle voller Latschenkieferöl bereitsteht. So ist das in Deutschland. Wieder guckten mich die Finninnen entsetzt an. Es gibt nur eine Regel, sagten sie: Wenn es zu heiß wird, geh raus. Das ist alles. Ansonsten kann man zehn Minuten oder drei Stunden da drin sitzen, bei sechzig oder hundert Grad, mit Bier oder ohne und hinterher in den Hot Tub steigen oder sich im Schnee wälzen. Man solle allerdings um Himmels Willen nur das tun, was einem Spaß macht.

Irgendwann liege ich dann in einem Hot Tub auf einer finnischen Insel, von dem aus ich das angrenzende Meer sehen könnte, wenn es nicht so dunkel wäre und das Meer nicht zugefroren. Also: Ich liege in Finnland, in 38 Grad warmem Wasser, über mir wachsen Kiefern, und neben mir im Schnee steht eine Dose Bier. Fünf weitere Damen liegen neben mir, fünf weitere Bierdosen stehen im Schnee. Wir seufzen. Okay, sagen wir deutschen Damen, wir haben das mit dem finnischen Lifestyle jetzt verstanden und finden ihn gut. Aus dem benachbarten Männer-Hot-Tub wehen Wortfetzen wie "Honmorarvergütung" und "Auflagenhöhe", aber wir hören einfach nicht hin.

(Hier gibt es kein Foto. Das hat erstens mit der Privatsphäre der Damen zu tun und zweitens mit der Warnung meines Fotohändlers, ich solle die Kamera um Himmels Willen nicht mit in die Sauna nehmen. Es folgte eine warnende Geschichte von technischem Versagen und menschlicher Verzweiflung, die ich mir zu Herzen nahm.)

Was dann folgt ist: Snappsi, Wein, Dessertwein (ungefähr da bin ich schon ziemlich fröhlich gestimmt), verdammt guter Lachs und Lammfleisch. Der verdammt gute Lachs ist ein besonderer Lachs, den man auf deutsch aber nur mit "Lachs" übersetzen kann. Die Finnen kennen ungefähr soviele Wörter für "Lachs" wie die Deutschen für Wurst. Dann fahren wir durch die Nacht zurück nach Turku.

Wir wollen noch nicht schlafen gehen, beschließen wir fröhlich gestimmten Menschen, wir wollen noch in die Old Bank. Das ist keine Bank mehr, sondern eine Kneipe. In der Schalterhalle wird gezecht, im Tresorraum ist die Toilette, überall stehen dicke, gepolsterte Ledersessel herum. Und an einem Tisch spielt sich gerade ein menschliches Drama ab: Eine nicht mehr ganz junge Dame mit auffallend blondem, auffallend fluffigem Haar und sehr, sehr großzügig geschnittenem Dekolleté sitzt an einem Tisch voller Gläser. Abgesehen hat sie es auf einen Mann, und sie ist mittlerweile in einem Stadium angekommen, da sie es nicht mehr auf einen bestimmten Mann abgesehen hat, sondern auf irgendeinen. Zunächst einmal fällt ihr Blick auf einen Kollegen (seines Zeichens Sportreporter) aus unserer Gruppe, und ziemlich unmißverständlich winkt sie ihn zu sich her. Er aber winkt dankend ab. Weil ja sein könnte, daß er sie nur nicht richtig verstanden hat, winkt sie noch einmal, diesmal vehementer. Und weil auch sein könnte, daß sie ihn nicht richtig verstanden hat, winkt er noch einmal ab, diesmal vehementer.

Ungefähr ab da sind wir fröhlich gestimmten Menschen gleich noch ein Stückchen fröhlicher. Der Kollege muß sich viel Hohn und Spott anhören über seine Verehrerin, die wir aufgrund ihrer hervorquellendsten körperlichen Merkmale bald nur noch "die Tittenfrau" nennen. "Das kann man doch nicht sagen!" wirft ein anderer Kollege, seines Zeichens Experte fürs Boulevardeske, ein. Wie es der Zufall so will, hat sich der Boulevardexperte einige Jahre als Betexter von Tittenmädchen bei der Bildzeitung verdingt, und so ist es nun an ihm, die Dame zu benennen. Er schaut kurz hin, und antwortet dann knapp:
"Bea."
Wir sind sofort noch ein wenig fröhlicher gestimmt. Bea, das ist genial. Da wäre keiner, wirklich keiner von uns drauf gekommen. Wir klopfen dem Tittenmädchenbetexter anerkennend auf die Schulter und sagen: "Gelernt ist gelernt."
"Hat auch nur drei Buchstaben", sagt er, "das paßt gut in die Zeile".

Bea (45) macht gerade den nächsten Macker klar. Der trägt einen Cowboyhut, deshalb nennen wir ihn den Cowboy. Bea schaut nun nicht mehr zum Sportkollegen herüber, Bea hat zu tun, trinken und Cowboy angraben. Während unser Grüppchen schon Beas Lebenslauf zusammenphantasiert hat, geht der Cowboy weg und sie ist wieder allein. Das geht hier schnell, aber ebenso schnell hat man jemanden an der Backe, den man dort womöglich nicht haben will. Fast jeder anwesende deutsche Journalist muß sich ausfragen lassen, was um Himmels Willen er in Turku verloren hat, auch ich. Es sind ja momentan nur 300 Journalisten hier, die morgen die Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres mitverfolgen.

Auch Bea (45) hat nun wieder Anschluß, was der Sportkollege mit Erleichterung registriert. Ein Mann mit Glatze, besser als nichts, sitzt mit ihr am Tisch und geht kurze Zeit später mit ihr in Richtung Toilette. Aha, denken wir, volles Programm. Unsere Phantasie galoppiert mit uns davon, was kein Wunder ist nach der Getränkeabfolge Salmiakki - Saunabier - Snappsi - Wein rot - Wein weiß - Dessertwein und nun wieder das, was die Old Bank zu bieten hat. Und all das praktisch im Dienst. Beas brauner Nerz liegt nun verloren auf dem grünen Lederpolster. "Ich meine", sinniert der Boulevardexperte, "vielleicht ist sie ja auch die Universitätspräsidentin hier?"

Im Grunde ist Bea (45) ja der heimliche Höhepunkt der Reise. Erstens, weil es reicht, den Namen zu nennen, und ein Teil unseres Grüppchen bricht in heilloses Gekicher aus. Zweitens, weil wir den Einheimischen, aber auch uns selten so nahe gekommen sind wie an diesem Abend. Drittens, weil die Party an nächsten Tag so flau ausfällt, was nicht nur an unserer Müdigkeit liegt. Tapfer stehen wir auf, tapfer absolvieren wir den nächsten Programmpunkt, gehen Mittagessen, haben dann frei. Und schaffen es dann endlich, in die Markthalle zu gehen. Denn was wäre ein Besuch in einer fremden Stadt, ohne das einheimische Essen zu testen?

Geräuchertes Rentierfleisch und dunkles Brot nehme ich mit nach Hause, die Kuchenlandschaft sondiere ich vor Ort. Bunt sind die Törtchen hier, beerig, gern mit Baiserschichten, ein bißchen wie in Belgien. Dazwischen stehen Sachertorten, die gibt es hier wirklich überall. Lass uns in ein Café gehen, sagen meine Begleiter. Kein Problem, sag ich, ich find uns eins. Zu meinen wirklichen, echten Begabungen gehört es, daß man mich in einer fremden Stadt aussetzen kann und ich finde innerhalb einer Viertelstunde ein Café. So auch hier: Im Café Presidenti gibt es endlich halbwegs trinkbaren Kaffee, dazu einen Apfel-Zimt-Berg mit einem Baiser-Berg obendrauf. Ich kann über die hiesige Tortenlandschaft also beim besten Willen nichts schlechtes sagen.

Nach einem Stück Torte geht es mir besser. Nach zwei Stunden Schlaf geht es mir sogar gleich viel besser.

(wird fortgesetzt)

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