IMPRESSUM                     AKTUELL                      SUCHST DU WAS?                       THEMEN                     





                                           







Dienstagabend ist Poetikvorlesungsabend. Mit Andreas Maier. Man kann nicht sagen, daß Andreas Maier richtig viele Freunde hier hat, obwohl er ja aus der Nähe von Frankfurt stammt. Es ist mir auch nicht gelungen, einen Menschen ausfindig zu machen, der jemals ein Andreas-Maier-Buch fertiggelesen hätte, ich hab das auch nicht geschafft, das zieht sich immer so und ist so unspannend und dauernd reden alle, wie bei den Hesselbachs, auf die Maier sich ja auch poetologisch bezieht, aber nur ungefähr ein Achtel so lustig. Vermutlich schafft man das am ehesten als eherner Thomas-Bernhard-Verehrer, aber da hat's hier auch nicht so viele, außer den paar männlichen Jungautoren (Bernhard und Bukowski, jaja), die ich eben deswegen nicht lesen kann. Immerhin habe ich die meisten von Maiers Kolumnen in der Volltext fertiglesen können, die sind nicht so lang wie die Bücher und auch lustiger.

Apropos Volltext: In diesem Kontext könnte man noch vermelden, daß die Gratis-Sonderausgabe zum Bücherpreis nun endgültig abgeblasen ist. Volltext fühlt sich dem Rechtfertigungsaufwand nicht gewachsen. Kann ich verstehen, denn die wenigsten Leute, mit denen ich geredet habe, waren über das Projekt einigermaßen hinreichend informiert, was sie jedoch nicht daran hinderte, kräftig darüber herzuziehen und schwerste Bedenken mit sich herumzutragen.

Montagabend aber erstmal eine Begegnung der ganz seltsamen Art. Man saß im Literaturhaus und diskutierte über die Zukunft der Literaturzeitschriften im Allgemeinen und "Sprache im technischen Zeitalter" im Besonderen, und Wilhelm Genazino, Dozent der vorangegangenen Vorlesungen, hebt gerade an zu erzählen, wann er seine erste Begegnung mit Literaturzeitschriften hatte. Da steht in der letzten Reihe ein Kerl auf, einer von den leicht schmuddeligen ungekämmten Typen, die sich immer wieder gerne auf Kulturveranstaltungen sehen lassen, besonders dann, wenn es umsonst ist und was zu essen gibt, was aber an diesem Abend nicht der Fall war, insofern hielten sich die psychisch heraugeforderten Fälle in Grenzen, bis auf den Kerl eben und eine Frau, die mittendrin Hunger bekam und ein Joghurt zu löffeln begann. Der Kerl hatte vor Beginn schonmal einen Flachmann geleert, war also bestens in Form und saß dann mit einer sehr alten Ausgabe des Spiegel vor dem Gesicht in der Diskussion, Lübbes Kopf orange gerahmt auf seiner gammligen Lederjacke.

Kaum jedoch kam Genazino zu Wort, da stand der Mann auf und beschuldigte ihn auf übelste Art. Er fühle sich beleidigt, Genazino habe ihn in der NZZ als Strichmännchen bezeichnet, und Deutsch könne der Autor auch nicht, überall Fehler in seinen Büchern, überall Widersprüche, merkt den keiner, daß sich Genazino in seinem Werk in Widersprüche verwickelt?, dieses Exemplar hier habe ihm die Leiterin der Stadtbibliothek gegeben (Frau Homilius? Echt?), da sei alles voller Fehler, erstes Murren im Publikum, bitte tragen Sie ihre Privatfehden woanders aus, Beleidigungen nächster Härtegrad: Siiie sind schuld, daß Frau Soundso einen Herzanfall hatte, Siiie sind schuld, die Damen vom Literaturhaus stehen auf und katapultieren ihn sanft hinaus, und noch im Abgang: Siiiie werden noch von mir hören. Na hoffentlich nicht, denk ich, da geht die Tür wieder auf, alle gucken erschrocken, der doch wohl nicht wieder, aber es ist nur ein leicht verspäteter Hans-Jürgen Balmes vom Fischerverlag, der wiederum erschrocken guckt, weil alle ihn erschrocken angucken, und der Moderator seufzt erleichtert auf: Hans-Jürgen! und der wundert sich gleich nochmal über die erfreute namentliche Begrüßung.

Genazino ist die Angelegenheit sichtlich unangenehm. Soll ich mich gegen diese Anwürfe verteidigen? fragt er. Ach was, brauchen Sie nicht, sagt das Publikum. Diese Dinge, sagt Genazino, die passieren alle nur in seinem armen kranken Kopf. Der verfolgt mich jetzt seit fünfzehn Jahren. Und das, denk ich mir, muß schrecklich sein, einen dermaßen unappetitlichen und unangenehmen Stalker zu haben, Stalker sind ja per se schon nichts angenehmes, aber dann auch noch so einen, das hat er wirklich nicht verdient, sowas hat fast niemand verdient. Und Genazino schon gar nicht, der mir seit der letzten Poetik-Dozentur wirklich sehr sympatisch ist und dessen Bücher einen daran erinnern, daß das Leben voller Genazino-Situationen ist.

Aber nun weiter zum diesjährigen Poetik-Dozenten Andreas Maier, der in Frankfurt studiert und im Jahr 2000 auch promoviert hat. Seine Vorlesungen tragen den bescheidenen Übertitel "Ich" und der erste Vortrag den Untertitel "Die Verweigerung". Klingt abstrakt, ist aber eigentlich ganz einfach. Wie war das noch, Herr Maier, warum schreiben Sie?

Sagen Sie einfach: Grund seines Schreibens ist das Leiden an der Differenz.

Das zumindest diktierte uns Maier am Ende der Vorlesung in die Notizhefte. Damit ist die Message bekannt, deren Herleitung jedoch noch nicht, aber die ergibt sich eben aus der Verweigerung. Denn durch Verweigerung lernt man, was man nicht will, dann beginnt man, darüber nachzudenken, was man will und daraus formt sich so ein Ich, wenn ich das richtig zusammengefaßt habe. Natürlich unterfüttert Maier diese Theorie auch autobiographisch - oder sollte ich sagen: anekdotisch?

Klein-Andreas, drei, verweigerte zuallererst einmal den Kindergarten. Wenn ihr mich hier morgen wieder herbringt, renne ich unter das nächste Auto soll er damals, der mütterlichen Legende zufolge, gesagt haben, und zwar genau so, als Konditionalsatz. Und natürlich erlaubt die Familienfolklore daraus eine Ableitung auf seinen späteren Beruf, den des Schriftstellers, denn wer mit drei schon solche Konditionalsätze sagt, der kann wohl nicht anders.

Zunächst aber sah die Biographie eine Phase als Bastler vor, dann die Entdeckung der Stadtbücherei, Studium, Staatsexamen, Referendariat. Halt! Das war jetzt zu schnell. Die Bastelphase endete nämlich in Frustration, weil Maier erkannte, nur vorgefertigte Teile zusammenzuleimen, die jemand anderes für ihn vorbereitet hatte. Und in diese Zeit fällt die Entdeckung der Literatur, die eben deswegen interessant war, weil all diese Romanfiguren ihm als verwandte Seelen, oder auch: suchende Seelen, erschienen, ganz im Gegensatz zu Eltern oder Gleichaltrigen, die alle irgendwie anders waren als er. Dabei hat ihn jedoch, wie er sagt, nie das Interessante interessiert. Literatur ist keine Sache des Interesses, sondern viel mehr.

Man merkt: Hier spricht der Außenseiter. Hier spricht der früh gereifte und absonderliche Knabe, der seine Andersartigkeit in die Bücherei trug, um andere Andersartige kennenzulernen, wenn auch nur in Schriftform. Ein solcher Außenseitergestus steht einem Schriftsteller allzugut zu Gesicht, das ist geradezu ein literarischer Musterlebenslauf, so gehört sich das, so will man das, so erfüllt das die Erwartungen.

Aber es folgt noch eine weitere Verweigerung im Leben des Andreas M., nämlich die Verweigerung des Lehrerwerdens. So trat er eines Tages vor seine Klasse am Gagern-Gymnasium und erklärte den 16jährigen Schülern, daß er nicht so werden wolle wie die anderen im Lehrerzimmer, er wolle bleiben wie sie. Die Schüler protestierten wegen des im-Stich-gelassen-werdens, verstanden es aber dann doch. Und so entstand allmählich das Manuskript, das irgendwie irgendwo veröffentlicht werden sollte, um Herrn Maier davor zu bewahren, doch noch Lehrer werden zu müssen, um für den Rest seines Lebens in Lehrerhaftigkeit zu erstarren. Das hätte er nämlich nicht ausgehalten, sagt er, und daß ja niemand wisse, was man aushalten kann und was nicht, weil das ja jeder nur von sich selbst weiß, also sind Durchhalteparolen da fehl am Platz.

Daß das mit dem Schriftsteller werden funktionieren würde, konnte Maier noch nicht ahnen, als er als Praktikant beim Verlag Neue Kritik unverlangt eingesandte Manuskripte sichtete. Man weiß ja nie, ist man auch nur einer von denen, die so Zeug produzieren, das sie fälschlicherweise für Literatur halten? Aber darüber, über das Schreiben selbst, erfahren wir in den nächsten Wochen hoffentlich mehr.

[update] Auch die taz und die FR berichten, übrigens sehr positiv.

 link (6 comments)    comment






Hintangestellt vor lauter Aktualitätsdrang, aber natürlich nicht vergessen hab ich die Poetikvorlesung am Dienstag. Wilhelm Genazino dozierte über die Belebung der toten Winkel, und ich kam im Hörsaal ungefähr anderthalb Meter weit, da saß schon das erste Bekanntenkonglomerat und rief mich zu sich. Ich wußte gar nicht, daß die sich alle untereinander kennen, aber man darf die Größe Frankfurts nie überschätzen, das ist halt doch Dorf, besonders bei so Kulturveranstaltungen, das ist ein Publikum von vielleicht tausend Leuten, die kommen immer wieder und irgendwann kennt man alle.

Meine Bekannten sind von der schreibenden Fraktion, so richtig mit Papier und Farbe und Druck, nicht nur so Web-Tagebücher-sogenannte-Blogger (NZZ) wie ich, und so holten wir also alle unsere Moleskins raus, zückten den Füller und harrten der Dinge, die da kamen.
"Gut, daß Du da bist", sagte der Bekannte rechts neben mir, "ich bin nämlich die nächsten beiden Male auf Pressereise in der Karibik."
"Ist ok", sag ich, "Du weißt ja, wo Du die Zusammenfassung nachlesen kannst."
Das machen wir immer so. Wenn das Wetter hier richtig eklig ist, ist er meistens auf Pressereise irgendwo im Warmen, das gibt dann was für die Reisebeilage, und die verpaßten Vorlesungen muß ich dann mitprotokollieren. Aber das mach ich ja sowieso. Nur muß ich mir irgendwann mal ausdenken, wie ich mir das vergüten lasse. Und ich laß mich nicht mit nem popeligen Redaktionspraktikum abspeisen.

Über die Verquickung von Journalismus, Literatur und Blogs hab ich also zunehmend meine eigene Theorie, die von dem, was Chefredakteure so daherreden über Redaktionen und Auswahl und Qualität, erheblich abweicht. Der Bekannte erzählt was von Kreuzfahrtschiff, reichen Menschen und Bespaßung in Form abgehalfterter deutscher Serienschauspieler und Ex-Moderatoren und will mein Mitleid. Na gut, ich bin ja nicht so und bedaure ihn ein bißchen. Aber nur ein bißchen. Karibik ist Karibik, Deutschland im Winter ist Deutschland im Winter, Punkt, keine Diskussionen.

Die Vorlesung beginnt mit einer Dame, die nicht ins Mikro spricht und daher kaum zu verstehen ist, irgendeine Frau Professor, nicht näher vorgestellt. Daß sie kaum zu verstehen ist, macht wenig, denn das, was zu verstehen ist, reicht aus, sich einen Eindruck ihrer nichtvorhandenen Rednerfähigkeiten zu erlangen. Kann denn heute wirklich keiner mehr reden? Wie kommt das? Ist mir ja vorgestern beim Medienmittwoch auch schon aufgefallen. Haben die alle als Studenten autistische Kopierjobs gehabt? Keiner Museumsführer gewesen? Als Museumsführer lernt man nämlich reden. Beste Schule wo gibt. Eine Stunde brüllen, ohne Mikro. Die ersten zehn Male ist man heiser, dann hat man's kapiert.

Dann darf Herr Genazino endlich, die Qual ist vorbei, die Germanistik-Professorin tritt ab, alle fragen sich, wer das war und wer um Himmels Willen die eingeladen hat. Vielsagende Blicke, allüberall. "Die Batterien des Poetischen" ist die erste Vorlesung überschrieben, und am Anfang geht es wirklich um Batterien, nämlich um Klein-Genazinos Lust am Beobachten des Verlöschungsprozesses einer Taschenlampe. Noch viel toller als der wandernde Lichtstrahl auf den Gegenständen fand er das Phänomen, wie das Licht der Birne langsam nachließ, keine Gegenstände mehr erleuchtete, nur noch sich selbst. Die Taschenlampe verlor ihren Nutzen - aber gewann an Faszination, denn die Batterie schien niemals leer zu werden. Jedesmal, wenn er sie wieder hervorholte, quetschte die Batterie noch einen kleinen Lichtrest aus sich heraus.

In gwöhnlichen, nichtswürdigen Gegenständen, so Genazino, staut sich die Zeit. In den Gebäuden Ostdeustchlands kurz nach der Wende wurde die Melancholie der öffentlich allzulang gestauten Zeit deutlich sichtbar. Auch Dinge wie alte Brillen, Nadeln, Druckknöpfe, Rabattmarkenheftchen, die ihren Nutzen verloren haben und entweder weggeworfen werden, oder, und das ist der interessantere Fall, eben nicht weggeworfen werden: In solchen Dingen offenbart sich der "Bruchbudencharakter" des modernen Lebens.

Zweites Beispiel. Man findet eine Geldbörse, darin das Photo einer Frau. Die Geldbörse ist leer, kaputt, schmutzig - und die Frau wird das interessanterweise auch. Weil die Geldbörse ihren Nutzen verloren hat und vom Gebrauchsgegenstand in die Sphäre des Mülls übergetreten ist, wirkt auch die Dame auf dem Bild nicht mehr attraktiv, ja eigentlich wirkt sie nicht einmal mehr lebendig. Wie ein Bild auf einem Grabstein, in Italien ist das beispielsweise üblich - und doch können diese Photos das, wozu sie da sind, nicht leisten: Sie bewirken keine Vergegenwärtigung des Verstorbenen, im Gegenteil, sie verwittern zusammen mit den Toten.

Drittes Beispiel. Genazino macht sich Paßphotos in einem Automaten, weil er sie schnell und günstig für einen Visumsantrag braucht. Das Ergebnis gefiel ihm genausowenig, wie ihm die Frau im Geldbeutel gefallen hatte, er wirkte auf sich selbst nicht attraktiv, er wirkte alt. Vielleicht, überlegte er, sind das die ersten Altersbilder von mir?, und: Es ist einfacher, sich tot zu denken, als sich selbst alt vorzustellen.

In diesem dramatischen Moment kippt eine Frau seitlich vom Sitz, wird jedoch aufgefangen und auf den Schultern hilfsbereiter Fischer-Lektoren aus dem Raum getragen, während Genazino diskret in seinen Blättern herumraschelte und einen Moment pausierte. Man muß sagen, der Raum war proppenvoll, alle tausend Frankfurter Lesungsrezipienten sind vollzählig erschienen, die Luft ist schlecht, die Reihen eng. Nichtsdestotrotz hätte die Frau sich keinen inhaltlich passenderen Moment aussuchen können.

Viertes Beispiel. Schauplatz: Chemische Reinigung, irgendwo in der Wohngegend, und die Frau, die dort arbeitet, bringt immer ihre kleine Tochter mit, die auf dem kleinen Platz vor der Reinigung spielt. Die einzige Spielmöglichkeit dort ist ein Waschbetonkübel voller Erde, in dem sie manchmal kleine Schätze vergräbt, um sie Tage später freudig wiederzufinden. Als Genazino sich einmal in der Reinigung befand, drückte das Mädchen von außen ein Photo an die Glasscheibe: Sie, im feinen Kommunionskleid, umrahmt von blumenkübeldreckigen Fingern. Was will uns dieses Bild sagen? Kindheit, Schmerz und Tod? Trennung, Melancholie und Einsamkeit?

Es ist nicht klar, was die Bilder sagen. Zusammen mit den beiden vorangegangenen Episoden könnte man zudem ein Phototryptichon bilden, man könnte die Einzelbilder zu einer Sequenz verbinden, und solche Verschmelzungsakte sind auch schon der Kern der poetischen Produktion. Dazu gehört noch, die Sequenz auf sich selbst zu beziehen. Der Künstler Boltanski, den Genazino zitiert, geht von dem Satz aus, daß die Kindheit immer zuerst stirbt und Kinderbilder daher Photos von Toten sind. Auch das Kommunionsbild kann ein Bild einer Sterbenden sein, ein Signal an die Mutter im Laden: Komm schnell, sonst sterbe ich vielleicht.

Kinder sammeln, um sich ihre Welt zu deuten. Auch Autoren nehmen Kontakt zu den Gegenständen auf, hoffen auf Mehrwert. In den Dingen ist Magie, sagt Genazino, in den Dichtern ist Magieerwartung. Solche Epiphanien (in seinem Essay "Der gedehnte Blick" erklärt Genazino genauer, was es mit diesem von Joyce übernommenen Begriff auf sich hat) haben auch die Fähigkeit, Dinge zusammenzuschließen, die nicht zusammenschließbar erscheinen. Dazu gehört eine Hälfte Wahrnehmung, und eine Hälfte Fiktion, Magie, Erfindung, wie immer man es nennen will. Die Wahrnehmung ist aber nichts objektives, man kann die Wahrnehmung nicht serriös vom Autor trennen, denn der Autor erfindet auch Wahrnehmung. Er belegt das mit einem Satz von Beckett: Gegenüber dem schwarzen Vorhang scheidet der Stuhl Einsamkeit aus. Das ist keine alltägliche Wirklichkeit, das ist eine neue, erfundene, aber eben auch genau so wahrgenommene Wirklichkeit.

Nach der Vorlesung sind die Meinungen geteilt. Das Spektrum reicht von "na, der nimmt seinen Job ja wirklich ernst" bis zu "meine Güte, fandet ihr das auch so langweilig?" Ich fand den Vortrag nicht langweilig, aber vermutlich ist er in der Druckversion besser als live vorgetragen. Genazino gehört nicht gerade zu den lebendigsten Vortragenden, sein Text wirkte dadurch meiner Wahrnehmung nach steifer und fader, als er eigentlich war. Anhand kleiner Begebenheiten und Anekdoten hat er sein poetisches Konzept entwickelt und für den Zuhörer/Leser faßbar gemacht; die kleinen Dinge, in denen die großen Themen schlummern, standen zu recht im Mittelpunkt.

Soviel zur ersten Runde. Diesmal geht es nicht mehr anschließend ins Literaturhaus, weil das ja umgezogen ist, und das Seminar nun nicht mehr in dieser Form stattfindet. Natürlich bin ich auch die nächsten Dienstage wieder für Euch da, und natürlich auch für den Kollegen in der Karibik. Schöne Grüße nach Kuba!

(Entzückend übrigens, gerade gesehen: Das Buch “Ein Regenschirm für diesen Tag” heißt auf Englisch “Shoe Tester of Frankfurt”.)

 link (no comments)    comment






Immer, wenn man sich das Gefühl aufreißt, daß das eigene Blog angesichts der Revolutionen anderswo in der Bedeutungslosigkeit versinkt, ruft ein freundlicher Medienvertreter an und will was. Am Montag war das ein Herr vom Deutschlandfunk, der für die samstägliche Sendung von Campus und Karriere ein Feature über die Frankfurter Poetikvorlesung machen soll und nach fleißigem googeln auf meine Berichterstattung stieß. Weil er neben sich selbst beglückwünschenden Kulturfunktionären noch eine andere, studentische Stimme in seiner Sendung haben wollte, vereinbarte er zwischen dem Termin beim Kulturdezernenten und der Suhrkamp-Presseabteilung auch einen mit mir. Bei mir. Also aufräumen. Anziehen und Haarewaschen egal, ist ja nur Radio.

Ich soll "in die Tasten hauen", sagt der Radiomann.

Inzwischen habe ich eine gewisse Übung im so tun als tippe man gerade ganz spontan was erlangt. Ich hau also in die Tasten, und zwar so, daß es sich echt und nicht willkürlich anhört, also mit dem satten Patsch der Leertaste dazwischen, und dabei spreche ich den Text, von dem ich so tu, als tippe ich ihn gerade, in ein Mikro.

"Radio lebt ja auch von den Geräuschen", sagt der Radiomann.

Ich weiß. Und Fernsehen von den Bildern. Man ist ja ein aufmerksamer Medienkonsument, da weiß man sowas.

Ich habe mir auch extra die Erlaubnis geholt, ein bißchen ätzen zu dürfen. Also ätze ich ein bißchen, erzähle von den Silberlocken in den ersten Reihen, dann soll ich das nochmal sagen, diesmal kürzer, und nochmal, noch kürzer. Spontan ist, was man nach dem dritten Durchgang nicht weggelassen hat.

Zum Schluß die ganz peinliche Frage: Ob ich selbst mal eine Poetikvorlesung halten wolle, ob ich mir das vorstellen könne. Da vertröste ich den Radiomann dann doch, er solle mich bitte in 30 Jahren nochmal fragen. Aber ich würde bestimmt was über Blogs machen. Das stell ich mir so vor, wenn ich eine dieser Phantasien habe, mit der Mineralwasserflasche vor dem Spiegel die Oscar-Dankesrede einübend (nicht heulend, natürlich).

 link (17 comments)    comment






Ach, die Poetikvorlesung. Ja, die Poetikvorlesung. Folge drei ist eigentlich schnell abgehandelt, denn das war eine Erweiterung des Artikels in der Zeit. Als Zusammenfassung kann man also dem Link folgen, da hat man dann schon alles, was es mir wiederum einfach macht.

Dann kann ich also zu Folge vier übergehen? Prima. Die Sache war so: Herr Menasse war am Abend einen trinken. In einer Bar namens Pik Dame. Tut ja auch nichts zur Sache. Dann geht man so auf die Straße, verabschiedet sich, und dann kommt da so ein Rotzlöffel an, hebt den Arm wie andere Hunde das Bein und markiert sein Revier mit einem zunächst zögerlichen, dann markigen „Heil Hitler“.
Herr Menasse, jeglicher Rauferei abhold, sah seine Gelegenheit gekommen: „Sag das nochmal.“
„Was ist denn dabei? Heil Hitler sag ich.“
Und der bis dato Prügelabstinente gab sich‘s und ihm dreckig. Der Heilhitlerjunge fiel um und knallte mit dem Kopf auf den Beton.

Also, daß wir uns recht verstehen: Herr Menasse hat keinen Menschen umgebracht. Nicht nur, weil ein Holzschädel auf Asphalt wenig Schaden nimmt, auch, weil diese Episode als rein fiktives Gleichnis dient. Ist es nicht toll, der Gute zu sein, ach fühlt es sich nicht toll an? Ist das nicht geradezu lustvoll? Im Sinne der Moral? Wir sind die Guten, wir sind im Recht? Darf man Böses tun, weil man der Gute ist?

Nein, sagt Herr Menasse, das ist alles furchtbar mittelalterlich, auf jeden Fall aber voraufklärerisch. Und nun, durch die Globalisierung, spaltet sich die Welt erneut in Gut und Böse, in moralisch und unmoralisch. Und die Zivilisation sucht sich eine Selbstvergewisserung, und das ist dann der Terrorismus.

Und was macht dabei die Literatur?
(Ja, darauf warte ich schon die ganze Zeit.)
Die Literatur, die begibt sich an die Kreuzungspunkte der gesellschaftlichen und der individuellen Erfahrung, die zusammen das Ich ausmachen. Dieses Ich ist erstmal eine literarische Figur, wie der Prügelmenasse vom Anfang.

(Ah. So. Also langsam stellen sich mir da ein paar Fragen. Nämlich: Warum Literatur? Warum nicht politischer Essay? Ja, das auch, aber warum dann auch noch Geschichten ausdenken? Wie entsteht da noch Fiktion? Wie kann da überhaupt Fiktion verantwortet werden? Wie geht die Welt in die Literatur ein, was bedingt diese Literatur, die Herr Menasse da schreibt? Und was versteht er unter dem nebulösen Begriff der „engagierten“ Literatur, die er immer wieder andeutet? In der fünften und letzten Folge soll sich die Lösung, soll sich der Umgang mit Welt und Fiktion allmählich am Horizont abzuzeichnen beginnen. Sagt Menasse. Ich höre nicht auf, zu hoffen. Und halte Euch auf dem Laufenden. Natürlich auch über den Stehempfang hinterher, falls sich Bemerkenswertes zutragen sollte.)

 link (4 comments)    comment






Featuring Special Guests
Richard Kämmerlings, Karl Marx und die Päpste

Ach, die historischen Momente. Da sitzt man nichtsahnend wo herum, und ratze-fatze wird man vom Hauch der Geschichte angeweht. Mich ereilte es gestern im Hörsaal römisch-sechs, wo ich die zweite Folge der 55. Poetik-Vorlesung mit Robert Menasse besuchte. Herr Menasse nahm eingangs auf eine FAZ-Glosse (netterweise im Netz frei zugänglich) Bezug, und es wurde viel auf Kosten des Verfassers gelacht. Richard Kämmerlings habe sich von den Ausführungen Menasses peinlich berührt gefühlt, Menasse habe den Unterschied zwischen historischer Situation und der Gegenwart eingeebnet und die „Zufriedenen mit den Duckmäusern der Nazizeit gleichgesetzt“. Menasse habe etwas „beeindruckend Unzeitgemäßes“ - aber ja, betont der Redner, das lasse er gern gelten, die Zeit selbst sei nicht auf ihrer Höhe, per definitionem also eine Unzeit. Herr Kämmerlings derweil will kein Opfer sein, er will keinen Widerstand leisten, er ist auch kein Opfer, sagt er, Menasse allerdings wolle ein Opfer sein und die Welt zum Tyrannen erklären.

Nun ist es nichts Neues, daß der an Hegel und Adorno geschulte Menasse am Antlitz der (Schein-)Demokratie die Fratze des Faschismus wiedererkennt, die vermeintlich alternativenlose Globalisierung als Rückfall in die Schicksalsgläubigkeit der Vormoderne diagnostiziert und so die Aufklärung - als Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit - erst am Anfang stehen sieht. Das hat bei allen Einseitigkeiten und Simplifizierungen, die Geschichtsphilosophie oft mit sich bringt, etwas beeindruckend Unzeitgemäßes und erfüllt erst recht eine wichtige Funktion im Binnendiskurs Österreichs, wo Menasse unlängst eine erregte Debatte über die Wiederkehr des Austrofaschismus (nicht bei Haider, sondern der ÖVP) ausgelöst hat.

Ähem, könnten die Herren sich mal eben beruhigen? Jaja, Herr Kämmerlings, aus der deutschen Sicht schießt der Menasse mit Kanonen auf Spatzen und daher weit übers Ziel hinaus, aber der österreichischen Sicht und entsprechend der dortigen Situatiuon gemäß handelt es sich mitnichten um ein paar zufriedene und daher minderpolitisierte Sperlinge. Kann sich der deutsche Rezensent eventuell mal vorstellen, sich in den österreichischen Dichter hineinzuversetzen - und umgekehrt? Ist ja nicht so, daß wir hier auf einer Insel der Seligen sitzen - aber gemessen an austriakischen Verhältnissen geht‘s hier dennoch recht zivilisiert zu. Sein wir doch froh. Und halten anderen nicht ihr Engagement vor.

Apropos Engagement. Traditioneller Adressat des Engagements war das Bürgertum, später dann die Arbeiterschaft, und da fing der Niedergang auch schon an. Das Proletariat, so Menasse, sei im Gegensatz zum Bürgertum nie eine revolutionäre Klasse gewesen. Auch wenn Marx sie als solche definierte. Marx übrigens, ein völlig unterschätzter Schriftsteller, der den ersten Roman mit einem kollektiven Helden geschrieben habe: „Das Kapital“. Leider sei der zweite Teil geistig und sprachlich niederschmetternd. Niemals in der Geschichte sei eine unterdrückte Klasse nach einem Umsturz zur nächsten herrschenden Klasse geworden, immer habe sich eine neu entstehende Klasse herausgebildet, die dann die Herrschaft übernommen habe. Insofern: die Arbeiterklasse sucht ihren Anteil an der Gesellschaft, aber revolutionätr oder aufklärerisch ist da nichts und niemand. Während das Kapital sich gerade globalisiert, sind die Gewerkschaften noch nicht mal fähig, sich auch nur auf europäischer Ebene zusammenzuschließen. Da sieht man mal.

Das Bürgertum übrigens habe auch die Literatur geprägt, im 19. Jahrhundert den Realismus, und sich für die Pressefreiheit eingesetzt. Die sind damals in die Bredouille gekommen, damit wir heute die Bild-Zeitung lesen können, überspitzt gesagt. Und ein kleiner Ausflug führt Menasse auch zum Papst, also zu Karol Woytila, über den Hondrich in der FAZ offenbar sehr viel lobendes gesagt hat, was Menasse kurz und fassungslos referiert. Hat der nicht in Polen noch die Revolution gestützt und gleichzeitig in Lateinamerika die engagierten Priester verraten? Und solche Bigotterie wird noch gelobt? Ach die FAZ, Zentralorgan des Bürgertums. Wo ist dein revolutionäres Potential nur hin? Sitzen die revolutionären Bürger alle hier im Hörsaal römisch-sechs, wo jetzt Menasse liest, wo einst Adorno las? Was wiederum die FAZ nicht wahrhaben will, denn heißt es da nicht:

Das Frankfurter Bildungsbürgertum applaudierte heftig und lang anhaltend. Wie ihn das gewurmt haben muß.

Ach, sind wir nicht alle ein bißchen revolutionär?

Und die Literatur? Zwängt sich in die Ritzen. Große Literatur ist mit Transformationen, zum Beispiel gesellschaftlicher Art, beschäftigt und sieht Zustände nicht als gegeben an. Und während alle noch klatschen und langsam ihre Sachen zusammenpacken, stürmt Professor Bohn nach vorn und tuschelt was mit Menasse. Der wendet sich daraufhin nochmal zum Rednerpult, er habe noch einen Nachtrag zu einem seiner heutigen Exkurse:

„Deutschland ist das neue Polen. Ratzinger ist Papst.“

Und ein Auditorium ruft 250-stimmig wie aus einem Munde: „Neiin!!“

 link (5 comments)    comment



                                        
seit 6214 Tagen sitz ich hier
letzte Bestellung: 29.01.17 23:39



Suche und finde






... antville home




'einen hab ich noch'


hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
[hadephy am 29.01.17 23:39]

For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
[hadephy am 10.12.16 16:05]

...
Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
[EinGedanke am 13.09.14 11:27]

ich war schon wieder in china


 ...
[andreaffm am 12.08.14 17:04]

Ich erzähle was über den Mekong


 ...
[andreaffm am 04.06.14 23:06]

...
Ich erzähle was über Wien. flattr.com  ...
[andreaffm am 27.04.14 13:39]

...
Ist hier : www.wrint.de  ...
[andreaffm am 07.03.14 21:53]

...
DA freu ich mich drauf! :-)  ...
[m8 am 07.03.14 21:42]

...
Ich erzähle was über Burundi.  ...
[andreaffm am 06.03.14 21:34]



Dezember 2018
MoDiMiDoFrSaSo
12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31
August



Made with Antville
powered by
Helma Object Publisher

ALVORADA POWERED


and made on a

RSS Feed
RSS gibts auch.