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Irgendwann einmal gab es den Literaturkritiker-Grabenkampf, bei dem sich die Emphatiker gegen die Gnostiker formierten. Ob die Emphatiker jemals geahnt haben, daß sie in Durs Grünbein einen büchnerpreisdekorierten Fürsprecher finden, der die Emphase auf die Spitze treibt und ganz wunderbare, neue Vokabeln erfindet für jenes Lawinengefühl, das die affektive Impression bezeichnet?

Kaum dachte man, die Hegemann-Debatte habe mit Iris Radischs Männerverschwörungstheorie den Gipfel der Flachheit erreicht, da kommt Durs Grünbein daher und schafft die Literaturkritik ab. Ich habe den Text kaum fertiglesen können, weil ich abwechselnd lachen und den Kopf schütteln mußte, aber mir fehlt ja auch die Gabe.

Grünbein ist also ganz angetan von diesem Buch, dessen Berückungsmacht ganz unvergleichlich ist in seiner Einheitlichkeit von Sprache und Lebensgefühl. Anscheinend kennt er sich bestens aus in Sachen Lebensgefühl wohlstandsverwahrloster Berghaingänger, das ist bestimmt genau seine Welt. So angetan ist er, daß er kurzerhand beschließt: mir scheint, die Behauptung, in diesem Buch sei irgend etwas unverarbeitet liegengeblieben, quellenmäßig übernommen, entlehnt oder gestohlen, entspringt einem Mangel an Gaben.

Da ist es wieder, das seltsame Wort, diesmal im Plural: Gaben. Es ist wohl ein Begriff aus der Germanistenesoterik und bezeichnet in etwa das, was bei Christen der Glaube ist: Die Fähigkeit, sich in ein wirres Gedankenkonstrukt einzufühlen, ohne genauer darüber nachzudenken. Denken ist nämlich nicht so Grünbeins Paradedisziplin, und beim Axolotl-Buch auch gar nicht angebracht, findet er, und dass dieses Buch jenseits der Nachprüfung steht und aller literarischen Intellektualismen. Wenn man etwas fragwürdig erscheinen lassen will, macht man am besten einen -ismus draus, schon hat es so einen stalinistischen Anstrich. Praktisch, nicht?

Und Intellektualismus muß durch Wolkigkeit ersetzt werden: Seit es Welten gibt, wo immer sich Reiche des Geistigen bildeten wie heute im Internet, gab es nur eine einzige Sphäre, in der alle Begriffe des Seelischen Maß und Halt, Verurteilung oder Rechtfertigung enthielten, die Sphäre des Schöpferischen, die Kunst. Es ist also ungefähr so: Hegemann kann gar nicht von Airen geklaut haben, weil sie beide aus ungefähr ein und derselben Sphäre stammen, aber nur Hegemann hat den Text richtig und vollständig durchatmet und durchströmt, also gehört er sowieso ihr. Wer durchatmet, der ist Eigentümer, und wer es nicht sieht, hat die Gabe nicht, da ist das Axolotlbuch der Lackmustest, und hier ist das Reich des Geistigen, nämlich das Internet, Amen.

Und was ist jetzt das Lawinengefühl? Das ist, laut Grünbein, jene erregende Sicherheit […], dass sich etwas Notwendiges und Neues unausweichlich auf einen zubewegt. Wie schön, daß es dafür jetzt ein Wort gibt. Ich wäre angesichts von Hegemanns Gestammel da jetzt nicht unbedingt drauf verfallen, aber ich bin da vermutlich zu intellektualistisch und gabenlos. Es ist so praktisch, daß man jetzt mit dem Finger auf Leute zeigen und sagen kann: Keine Gabe. Tja. Man zuckt mit den Schultern, dreht sich um und geht weiter.

Damit dürften sich ein für alle Mal sämtliche ästhetischen Debatten in kleine Logikwölkchen auflösen. Die Literaturkritik wird in toto überflüssig, die Zeitungen sparen eine Menge Geld, Urheberrechtsklagen werden eingestellt und Hegemann, die große Schöpferin, remixt bei Ullstein das Internet. Was für eine Dystopie! Ein großer Wurf, Herr Grünbein. Respekt. Volle und krasse Echtheit, davon verstehen Sie was.

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Biller äußert sich nicht zum Fall Hegemann und möchte auch nicht zitiert werden. Damit wird die großmäulige Phase turnusgemäß von einer Phase des Beleidigtseins abgelöst, nichts Neues also unter der grauumwölkten Sonne Berlins.

Dafür äußert sich ein mysteriöser "prominenter Literaturkritiker" unter dem Pseudonym "Axel Lottel" und sagt in der Rundschau erstaunlich vernünftiges Zeug: "Peinlich, peinlich, peinlich", sagt er, sei das Ganze. Nämlich für den Literaturbetrieb, der so gern wieder zum Tagesgeschäft übergehen würde.

Und es ist bemerkenswert, daß er das unter Pseudonym tut. Wovor hat einer Angst, wenn er seinen Kollegen nicht ins Gesicht sagen kann, daß sie sich peinlich, peinlich, peinlich verhalten haben? Wozu ist der gemeine Kritiker fähig, wenn man ihn in seinen Kreisen stört? Ich will es eigentlich gar nicht so genau wissen, stelle es mir aber sehr blutig vor.

Es wird also immer mysteriöser. Wer ist Axel Lottel? Ist es Burkhard Spinnen? Der Nüchtern? Karasek in einem nüchternen Moment? Gar Daniela Strigl? Hach, wie spannend. Spekulationen werden entgegengenommen.

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Ich sollte vielleicht vorweg sagen, daß ich ein Problem mit Kunst habe, die mir ihr Kunstwollen mit aller Kraft ins Gesicht drückt. Diese Filme, die mich mit einer zehnminütigen Eingangssequenz langweilen, bei der im Dunkeln irgendwer irgendwas Erratisches macht, aber man darf ja nicht meckern, ist ja Kunst, und wenn man doch meckert, dann hat man sich nur nicht genug eingelassen. Mich nervt auch diese Art von Literatur, bei der lebensentrückte Gestalten zwischen lauter Wohlfühlwörtern elliptisches Nonsequitur faseln und das soll dann poetisch sein. Man könnte auch sagen: Mich nervt Kunst, die so tut, als gebe es kein Publikum und sich auf unangenehme Art selbst genügt, weil sie sich damit leider selbst belügt und auch alle anderen. Es gibt immer ein Publikum. Und wenn sie so tut, als gebe es keins, dann tut sie eben nur so.

Gut, der Einstieg war jetzt etwas kryptisch, aber es geht ja auch um ein kryptisches Buch: Helene Hegemanns Axolotl Roadkill, das neueste Wunderkind, das durch den Literaturbetrieb gereicht wird. Und dieses Wunderkind schafft es tatsächlich, alle Einwände, die man gegen ihr Buch haben kann, innerhalb des Textes zu entkräften: "Früher war alles so schön pubertär hingerotzt und jetzt ist es angestrengte Literatur", schreibt sie schon im ersten Absatz. Und schon kann man keine Angestrengtheit mehr vorwerfen, weil ja genau das das Programm ist. Man kann auch schlecht sagen, daß diese Erzählerin (denn wir wollen ja schön sauber trennen zwischen der Autorin Helene und ihrem Geschöpf Mifti) sich in erster Linie für sich selbst interessiert und das verwerflich finden, denn sie sagt ja: "Ich finde meine dissoziative Identifikationsstörung interessanter als alles, was diese Stadt mir ununterbrochen ins Gesicht kotzt."

Also gut, angestrengte Literatur über eine dissoziativ Identifikationsgestörte also, wobei dieses Etikett natürlich Koketterie ist, genauso wie die ganzen Kraßheiten und Krankheiten und Derbheiten, die in schönster Eintracht mit popkulturellen Angeberwörtern die Seiten füllen: Alles Koketterie, und zwar eine, die sich ihrer selbst bewußt ist. Mangelnde Reflexion kann weder dem Buch noch der Autorin vorgeworfen werden, auch nicht mangelnde Intelligenz oder überhöhter Anspruch. Aber eine schlaue Autorin macht noch keinen guten Roman, und ich werde und werde nicht so recht warm mit dem Werk.

"Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, mißhandelten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfeldes gleich mit entlarvt": Diese Selbstbeschreibung Miftis könnte so etwas wie eine Poetik des Buches sein, und ähnlich variiert findet sie sich immer wieder. Überhaupt wird viel variiert, Kaputtheit in tausend Farben, tausend Fäkalwörtern, tausend Metaphern. Aber im Grunde geht es leider nur um eins, nämlich die Darstellung von Kaputtheit, und viel mehr als eine Tonart wird dafür dann auch nicht verwendet. Diese Tonart beherrscht Hegemann perfekt, aber über 200 Seiten gerät das doch arg monoton. Es ist egal, wo man das Buch aufschlägt, überall kotzt einem diese demonstrative Krassheit entgegen, die mit schlau klingendem, irgendwo aufgeschnapptem Fachvokabular durchsetzt ist.

Ebenfalls aufgeschnappt sind die Beschreibungen über die Parties im Berliner Club Berghain, denn für die ist Frau Hegemann eindeutig zu minderjährig. Wo genau sie die Schilderungen gefunden hat, konnte der Herr Deef von der Gefühlskonserve ausfindig machen: Im Blog des geschätzten Herrn Airen, woraufhin es zu einer offiziellen Entschuldigung kommt und Airen ab der zweiten Auflage auch in den Danksagungen erwähnt wird. Ausgerechnet ein Satz wird wortwörtlich übernommen: Berlin is here to mix everything with everything, und Mifti unterhält sich mit ihrem Bruder darüber, von wem der Satz stammt: „Es ist also nicht von dir?“ – „Nein. Von so ’nem Blogger.“

Im Gegensatz zu so 'nem Blogger, dessen Mexiko-Episoden ich immer gern gelesen habe, wird es bei Hegemann so ab Seite 50 deutlich mühsam. Der Selbsthaß, die Selbstverachtung leiern in zunehmend redundanten Schleifen vor sich hin, und etwas Handlung wird nötig. Leider läßt Mifti kein Personal neben sich zu, weil sie allen Raum mit sich und ihren Tiraden füllt, und wer da sonst noch herumläuft, bleibt Nebensache. Es kommt zu einem Konflikt mit ihrer Freundin Ophelia, die auch irgendwie kaputt ist, von der Familie sagt sie sich los, die Begegnung mit ihrer alten Liebe Alice gerät zur Enttäuschung. Am Ende, so ahnt man, folgt sie wohl ihrer ehemals saufenden, wütenden, kaputten Mutter auf ihrem Weg in die Isolation, vielleicht auch bis in den Tod.

Immerhin für das titelgebende Albinoaxolotl gibt es ein glückliches Ende in einer liebevollen Familie. Der kleine Lurch hat die biologische Eigenart, zeit seines Lebens nicht aus dem Larvenstadium herauszukommen und darf daher als Metapher für Mifti gesehen werden, die nicht erwachsen werden will. Das ist hübsch einfach, jedem verständlich und fügt der Angelegenheit keine unnötige Komplikation hinzu. Wenn Metaphorik immer so simpel funktionieren würde, wären die Germanisten massenarbeitslos.

Ja, es ist alles irgendwie trostlos, und das verehrte Kulturpublikum liest die Exzesse dieses minderjährigen Mädchens mit sanftem Schaudern. Anders ist die momentane Faszination auf allen Kanälen nicht zu erklären. Und scheinbar ist Frau Hegemann schlau genug, genau mit diesem Reflex zu spielen. Aber ich will mich nicht ködern lassen, weil mir Kunst, die mich manipulieren will, genauso unangenehm ist wie Kunst, die so tut, als gebe es mich nicht. Ich will nicht über einen Kamm geschoren werden mit dem Rest des Leserviehs, angefüttert mit Sätzen, die vollgestopft sind mit Adjektiven wie eine Wursthaut bis kurz vorm Platzen und letztlich so eitel sind in ihrer Forderung, sie gefälligst für ihre Schonungslosigkeit zu bewundern.

Ich bin ein launischer Leser: Wenn ich das Gefühl habe, an der Nase herumgeführt zu werden, verweigere ich mich. Ich will denken und Schlüsse ziehen dürfen und nicht einem Reflex verfallen, den man von mir erwartet. Es braucht eine ganze Menge guten Willen, diesem frühreifen, plappernden Kind zuzuhören und seiner ziellosen, verzweifelten Irrfahrt zu folgen. Vielen reicht schon die Ausgangskonstellation des kaputten hübschen Mädchens, das so dreckige, böse Wörter in den Mund nimmt. Mir nicht, weshalb sich die Faszination schnell abnutzt. Einen ganzen Roman hätte es dafür wirklich nicht gebraucht.

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Und da saßen sie wieder an diesem schönen sonnigen Sonntagmorgen, der zufällig ein Literaturland-Hessen-Sonntag war, auf einem Podium im Literaturhaus in Frankfurt und diskutierten. Weil alle weggehen, Suhrkamp jedenfalls, fühlt sich Frankfurt ein bißchen alleingelassen von der Literatur und fragt nun in regelmäßigen Abständen, was es denn tun könne, daß nicht so viele weggehen und auch noch ein paar dableiben. Soviel Selbstkritik war nie.

In Berlin seien immer alle beisammen, man treffe dauernd überall Kollegen, berichtet Daniela Seel, Kookbooks-Verlegerin aus Idstein und Berlin. Hier dagegen ist mal wieder keine Sau, das übliche Kulturpublikum, aber keine Verleger, keine Buchhändler interessiert das. Man trifft sich nicht.

Zäh wie ein eingelegter Handkäs sei der Frankfurter, sagt Moderator Holger Ehling. Er hat im Literaturhaus die Verlegergespräche initiiert, und alle Versuche, das zu einem Branchentreffen werden zu lassen, scheiterten. Mürrisch, aber dienstbereit sei der Frankfurter, sagt Axel Dielmann, Verleger und einer der wenigen echten Netzwerker der lokalen Branche. Und vielleicht ist es ja doch eher eine Finanzstadt, mutmaßt Torsten Casimir vom Böbla.

Eigentlich sollten auch Vertreter der Wirtschaftsförderung auf dem Podium sitzen, die haben auf die Einladung aber nicht geantwortet. Ist auch eine Antwort, sagt Ehling. Der Kulturdezernent hat abgesagt, keine Zeit. Immerhin die Literaturreferentin sitzt im Publikum, die darf dann auch nach oben kommen und Neuigkeiten verkünden aus der Welt der städtischen Kulturförderung: Ja, ein Arbeitsstipendium für Schriftsteller sei in Planung. Und das Haus im Großen Hirschgraben, aus dem der Börsenverein bald auszieht, soll zu einem Haus der Buchkultur werden, so der Arbeitstitel. Ein Think Tank und so, auch offen für die digitale Bohäm.

Ich krieg ja immer so ein nervöses Zucken, wenn ich dieses Wort höre, und erst recht, wenn ich das aus dem Mund von städtischen Kulturfunktionären höre. Ich frag mich, was wollen die damit, außer sich selbst auf der Höhe der Zeit verorten? Und müssen die wirklich immer alle Buzzwords nachplappern?

Ach, das wird doch eh nix, sagt dann ein Gesprächspartner nach dem offiziellen Teil. Das glaubt doch keiner, daß die Stadt so ein Filetstück an Grundstück nicht an irgendeine Bank verkauft. Wenn nicht der Kämmerer Einspruch erhebt, dann der Rechnungshof. Der Gesprächspartner wollte in Frankfurt einen antiquarischen Markt etablieren, da winkten alle ab und verwiesen darauf, daß das Grünflächenamt bestimmt nicht mitmacht. Jetzt macht er das halt in einer anderen Stadt. In der anderen Stadt hat auch das Grünflächenamt nichts dagegen, o Wunder.

Ja, Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, das scheut der handkäszähe Frankfurter. Landebahnen sind einfacher zu bauen und bringen mehr Geld. Und mehr Bedeutung, die man auch wirklich sieht und nachrechnen kann. Und das wiederum ist etwas, was die in sich selbst köchelnde Kulturszene nun gar nicht gern sieht und hört, man hat es gern schön wattig und ohne häßliche Zahlen drin.

Und so leben sie aneinander vorbei, die Kultur in ihrem Berliner Kuschelbiotop und die eckige Wirtschaftswelt mit ihren Fortschrittsvokabeln und reden nicht miteinander und haben sich nichts zu sagen. Die einen hocken in ewiger Jugend in einer Hauptstadtsimulation herum, die eine Blase von Wichtigkeit generiert, die außerhalb der Stadtgrenzen kein Mensch nachvollziehen kann. Mit Betonung auf hocken herum, denn bewegt wird sich nicht, man wartet lieber darauf, daß die wahnsinnig spannende Stadt etwas in einem bewegt. Und die anderen hetzen herum, ständig getrieben von den Konkurrenten in Asien und in Dubai, die ihnen das Futter wegschnappen könnten und größer und wichtiger werden könnten, weshalb man keinen Moment stehenbleiben darf und bloß um Himmels Willen nicht darüber nachdenken, wo man eigentlich hinhetzt, Hauptsache, man bleibt nicht stehen, dann hat man schon verloren, und verlieren darf man nicht, auf keinen Fall, weil sonst alles untergeht, mindestens die Wirtschaftsnation Deutschland und die Exportnation Deutschland gleich mit und gibt es sonst noch irgendwelche deutschen Nationen? Vermutlich nicht.

Und diese beiden Blasen glauben tatsächlich, sie könnten da einfach nebeneinander herexistieren in ihren Paralleluniversen und sich in ihren Kreisen nicht stören. Und keinen Einfluß nehmen. Und keine Bedeutung haben, jedenfalls keine gesamtgesellschaftliche, sondern eine hübsch partikuläre für die eigene Peergroup. Und die Stadt Frankfurt, die an der Schaltstelle dieser beiden Universen sitzt, die eine echte Chance hat, hier eine Vermittlerfunktion einzunehmen, die sitzt herum, träumt von digitaler Bohäm und verweist aufs Grünflächenamt. Es wäre zum Verzweifeln, wenn es nicht so ein schöner sonniger Tag wäre, den wir auf der Terrasse des Literaturhaus-Cafés verbringen, obwohl sich keiner mehr als einen Kaffee leistet, weil das Preisniveau nicht für Kulturleute gemacht ist sondern für Bänker.

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Alle sind da bis auf einen, denn Rolf Lappert ist in Lettland. Ansonsten aber ist die komplette Riege buchpreisshortgelisteter Autoren am Samstagabend im Frankfurter Literaturhaus zu besichtigen. Am Ende ist Samstagnacht, Ingo Schulze liest und die Hälfte des Publikums hat nicht durchgehalten. Aber aufgeben kommt für mich natürlich nicht infrage.

Beginnen wir damit, wie es begann, nämlich mit dem Kulturdezernenten. Der freut sich über die Preisverleihung in seinem schicken Rathaus und meint, die eindeutige Gewinnerin sei die deutsche Literatur. Daß nichtgelistete Bücher vernachlässigt werden stimme nicht, das sehe er samstags immer, wenn er in die Buchhandlung geht. Da liegen ganz viele nichtgelistete Bücher herum, also werden die auch nicht vernachlässigt, wenn die da liegen dürfen. Ich finde es auch nett, daß es in deutschen Buchhandlungen mehr als zwanzig Bücher zu kaufen gibt, das wäre sonst ein bißchen arg wenig Auswahl.

Den Anfang macht Dietmar Dath, der das Publikum in zwei Hälften teilt. Die kleinere ist jung, kennt Dath und ist begeistert. Die andere, größere Hälfte ist gesetzteren Alters, kennt Dath nicht und ist auch sonst einigermaßen ratlos. Man neigt ergraute Häupter zueinander, tuschelt und hebt Augenbrauen, während Dath so schnell vorliest wie er vermutlich schreibt.

Nach jeder Lesung schließt sich eine Diskussion an, und so wird auch hier dem Autor die Gelegenheit gegeben, sich zu wundern, warum das mit dem deutschsprachigen Literaturbetrieb und der Phantastik so gar nicht zusammengehen mag. Wenn Südamerikaner das eine Zeitlang machen, ist das magischer Realismus, so Dath, aber wenn Deutsche das über 60 Jahre hinweg machen, sind das so komische Einzelkämpfer.

Die Quotenfrau der Liste ist Iris Hanika. Von ihr und ihrem Roman "Treffen sich zwei" habe ich überhaupt keine Meinung, aber schon beim ersten Satz bilde ich mir eine. Darin ist nämlich neben ein bißchen Wetterbericht gleich von der Endlosigkeit des Daseins die Rede. Uff. Ich wünschte, ich hätte mehr zu Mittag gehabt als ein bißchen Brokkolicremesuppe, denn sowas geht auf quasinüchternen Magen eigentlich gar nicht. Dauernd ist da alles erhaben, und zwar wörtlich, also erhaben, der Ton weihevoll bis biblisch. Worum gehts? Darum, daß sich zwei treffen und miteinander ins Bett gehen und dann wird es kompliziert.

Frau Hanika sagt, sie hätte den Roman ohne die ihm vorangehende Therapie nicht schreiben können. Außerdem sei das alles gar nicht ironisch, denn sie hasse Ironie, und wenn ihre Mutter sie immer dafür lobt, daß ihre Texte so herrlich ironisch seien, wisse sie nicht, was sie sagen solle. Also, schließe ich daraus, sind die Texte unfreiwillig ironisch und sollten von der Autorin nochmal durchanalysiert werden.

Der Lektor habe jedenfalls, so erzählt sie, bemängelt, daß der Mann im Roman zu einfach gestrickt sei. Ich find den gar nicht so einfach, sagt Hanika, ich find den einfach nen Mann. Lacher im Saal. Dieser Satz, denke ich, hätte jetzt auch von Susanne Fröhlich kommen können. Frauen mit biologistischem Überlegenheitsgestus gegenüber Männern gehen mir immer schwer auf die Nerven. Wenn die sonst nichts haben, worauf sie stolz sein können als ihr Geschlecht, für das sie nichts können, tun die mir leid. Das Publikum ist allerdings nicht genervt, das ist rechtschaffen amüsiert. Schon interessant, was Leute so witzig finden.

Rolf Lappert ist wie gesagt nicht da, sondern in Lettland. Deshalb wird sein Roman ohne ihn verhandelt und jemand anderes muß lesen. Der liest das so weg und das hört sich so weg, das zischt wie Appelsaft, könnte man sagen. Man darf allerdings nicht näher hinschauen oder hinhören. Sonst könnte einem auffallen, daß immer das naheliegendste Bild, die nächstbeste Umschreibung verwendet wurde. Das ist sprachlich ziemlich erwartbar mit den ganzen wie-Vergleichen, die ja eigentlich eh handwerklich pfuibäh sind.

Genau das Gegenteil gilt dann aber für die Handlung und das Personal, da wurde immer die am wenigsten naheliegende Wendung, die seltsamste Eigenheit gewählt. Es schicksalt und zufallt, daß es nur so kracht. Das liest sich dann ungefähr wie eine Mischung aus John Irving in der verquasten Cider House Rules/Owen Meany-Phase und dem Irischen Lebenslauf von Flann O'Brien, den aus Versehen jemand ernst genommen hat.

Nun ist Uwe Tellkamp an der Reihe. Ich kann mich noch lebhaft an den Bachmann-Auftritt erinnern, den ich, nun ja, was soll ich sagen, ich hab das irgendwie nicht so ganz kapiert. Ich hab schon den Vorstellungsfilm nicht kapiert, den er damals selbst gedreht hatte. Und den folgenden Sprachstrom dann auch nicht so ganz, der sich seines Spezialwortschatzes freut und vor sich hinmäandert. Das ist so Sprache, die sich selbst ziemlich großartig findet und mir auch dauernd zeigen muß, wie großartig sie ist. Vermutlich, aber da bin ich mit mir selbst noch nicht ganz einig, ist das aber auch ein Sympathieproblem und kein ästhetisches.

Denn das paßt ja schon zusammen, daß man da von diesen ganzen Bildungsbürgern liest, die nichts haben als ihr zu Tode kultiviertes Dasein, das vor niemandem etwas gilt als vor den Mitgliedern ihrer kleinen Enklave, und die Werte hochhalten, die einer versunkenen und abgehakten Epoche angehören. Zumindest in den Augen so ziemlich jedes Zeitgenossen um diese Enklave drumherum, die aber auch nur eine sogenannte deutsche demokratische Enklave in Anführungszeichen ist mit ein paar Bruderstaaten hintendran. Sowas muß man vielleicht genau so erzählen. Das Publikum jedenfalls findet einen Zugang.

Sherko Fatah liest eine knappe, trockene Szene, stark in ihrer Brutalität. Im Publikum stöhnt es. Dann liest er weiter, und das knappe, trockene vertröpfelt sich leider und wurschtelt sprachlich unbestimmt vor sich hin. Schade. Ich habe den bösen Eindruck, daß das Buch nicht hält, was die ersten Seiten versprechen. Er ist aber ein guter Gesprächspartner auf dem Podium. Man munkelt, daß solche Kriterien für einen Buchpreis nicht ganz unwichtig seien.

Den Abschluß macht Ingo Schulze. Das Publikum ist schon ziemlich ausgedünnt, als er den Anfang der Geschichte von Adam und Evelyn liest. Das ist jetzt ein netter kleiner Roman, aber sicherlich nicht das große Meisterstück des Schulzeschen Werks. Trotzdem, gemessen am mitunter üblem Quark dieser Shortlist und der der letzten Jahre, schreibt der Schulze einfach mit einer sprachlichen Sicherheit, die nichts bemühtes, nichts gesuchtes hat. Das ist nicht durchdrungen von Kunstwollen und der macht nicht auf locker. Der macht einfach. Und wenn es schiefgeht, geht es gleich mal auf einem ganz anderen Niveau schief als so manch anderes.

Am Ende dieses Abends füchte ich nun, daß Uwe Tellkamp diesen Preis bekommt, dieses Buch, das als geradezu buddenbrooksch belobigt wird, und die hab ich schon nicht durchgehalten. Sherko Fatah hat Außenseiterchancen.

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