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Ich bin jetzt also bei Eddi und Detlev, zwei gemütliche Hessen mit Hang zur ausschweifenden Rede und zum trockenen Witz. "Wir duzen uns hier alle", sagt Detlev. Eddi hat die Fahrschule ein Eck weiter und weiß auch mehr über meinen Fahrlehrer selig und dessen Nachlaß. Erstmal ist das Regierungspräsidium zuständig, weil das die zuständige Aufsichtsbehörde ist, und dort gibt es einen Sachbearbeiter, der sich der Angelegenheit annimmt. Außerdem gibt es einen Nachlaßverwalter. Der wird sich wohl demnächst Einlaß in die Fahrschule verschaffen, weil die Vermieter noch vorm Winter an der Heizung was drehen müssen. Das Einlaßverschaffen wird vermutlich auch einigermaßen gewaltsam ablaufen, weil keiner einen Schlüssel hat. Und dann wird man wohl auch beginnen, die Aufzeichnungen zu sichten.

Das mit den Aufzeichnungen ist so eine Sache. Normalerweise muß man nach jeder geleisteten Fahrstunde unterschreiben, das hat mein ehemaliger Fahrlehrer nicht gemacht, das weiß ich jetzt. Ich habe Eddi dann erklärt, von was ich weiß: Das Klemmbrett mit den Zetteln, wo wir bei jeder Theoriestunde unterschrieben haben. Und der schwarze Kunstlederkalender, wo er seine Fahrstunden-Termine hineingeschrieben hat. Mein ehemaliger Fahrlehrer pflegte ein wucherndes Chaos in seinem Betrieb, und das muß jetzt erstmal jemand sortieren.

Immerhin hat, laut Eddi, das Regierungspräsidium zugesagt, daß alle Aufzeichnungen, die irgendeinen Aufschluß über abgeleisteten Unterricht geben, anerkannt werden sollen. Falls da also das schwarze Klemmbrett mit der Loseblattsammlung drauf gefunden und sichergestellt werden kann, muß ich wenigstens nicht mehr jede Theoriestunde mitmachen.

Unschöner entwickelt sich die Sache mit dem Geld. Mein freundlicher Bankberater meinte, das sei ärgerlich, aber bei einer Überweisung könne man nichts zurücktransferieren, nur bei einer Einzugsermächtigung. Ich hab mal einen Kontoausdruck plus Geldforderung an die Fahrschule geschickt, damit muß sich dann wohl auch der Nachlaßverwalter rumplagen. Wenigstens weiß er jetzt, daß ich was von ihm will, das kann ja mal nicht schaden.

Inzwischen bin ich dann schonmal mit Eddi herumgefahren. Das ging soweit ganz gut, auch das Wenden und rückwärts einparken klappte einigermaßen. Diese Mikroorganisation im Zeitlupentempo ist ohnehin nichts, wovor mir groß bange ist. Auch merkt man mir scheinbar an, daß ich früher schonmal Unterricht hatte. Da sei mehr dahinter als fünf Fahrstunden, sagte man mir, also vielleicht hat es was gebracht und vielleicht komme ich dann insgesamt mit weniger als vierzig Fahrstunden aus, womit ich früher noch auf jeden Fall gerechnet hätte. Wahrscheinlich die Gelassenheit des Alters, die hier zum Vorteil gereicht. Oder die Gelassenheit des Fahrlehrers.

Erstaunlich finde ich allerdings, daß unter mir bekannten Fahrlehrern die Ansicht, daß man nicht unbedingt einen Führerschein braucht, weiter verbreitet ist als unter der Normalbevölkerung.

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Erst hat mich mein Fahrlehrer versetzt, dann war er eine Woche lang nicht zu erreichen gewesen. Erst war ich stinkig, dann begann ich allmählich, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Das war nicht seine Art. Als er einmal nicht gekommen war und ich auf seine Mailbox gesprochen hatte, hat er keine fünf Minuten später zurückgerufen. Ich hab gedacht halb vier, er vier, das Mißverständnis hat sich aufgeklärt und um kurz nach vier sind wir losgefahren.

Ich hatte ganz kurz die Idee, daß er mit meinem Geld abgehauen sei könnte. Sowas passiert ja. Eine Kommilitonin ist mal mit dem gesammelten Geld für eine Exkursion abgehauen. Bei großen Summen drehen Menschen durch. Aber soviel war das ja nun auch nicht. Nichts ungewöhnliches für einen Fahrlehrer jedenfalls, nur der übliche Paketpreis. In der Domrep reicht das vielleicht für zwei Wochen Halbpension in der Nebensaison, nichts also, womit man sich absetzen könnte.

Sorgen, ja. Drei Zentner, Asthma und früher mal Leistungssport, viel mehr braucht es nicht. Eine Vorgeschichte in Sachen Herzinfarkt. Ungesunde Ernährung. Ist das wirklich so schlimm, mal Salat zu essen oder Gemüse oder etwas, wo margial Vitamine drin sind? Also Sorgen, wegen langer Krankheit und ich krieg wieder nichts voran, alles verschiebt sich wieder endlos und mir bleibt nichts übrig als abzuwarten.

Dienstag Abend ging ich dann an der Fahrschule vorbei. An der Tür hing ein Blatt Papier, notdürftig mit Tesa an den geschlossenen Rolladen geklebt. Ich las das Schild ungefähr dreimal, bis ich kapiert habe, was es mir sagen wollte. Die Fahrschule bleibt bis auf weiteres geschlossen, mein Fahrlehrer ist tot.

Aus Pietätsgründen habe ich mir verboten, sofort an das Geld zu denken, das ich ja im Voraus bezahlt hatte. Idiotischerweise war ich kurz sogar erleichtert, daß mein Fahrlehrer einen guten Grund gehabt hatte, mich zu versetzen und mich nicht zurückzurufen. Ich war tatsächlich erleichtert darüber, daß ich mich nicht in ihm getäuscht hatte. Aber ich war nur ganz kurz erleichtert, kürzer, als es dauert, das hier zu lesen. Dann verbot ich mir sicherheitshalber, überhaupt noch etwas zu denken, aus Pietätsgründen.

Jetzt mache ich mir keine Sorgen mehr, jetzt warte ich ab. Vielleicht erbarmt sich ja ein Kollege meiner. Und meiner Vorabzahlung. Vielleicht ist es sogar einer, der keine Pornobrillen trägt und Vokuhila. Vielleicht gibt es noch mehr gute Fahrlehrer auf der Welt.

Mein Fahrlehrer war ein guter Fahrlehrer, habe ich das jemals erwähnt?

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Zu den obligatorischen Dingen, die man tun muß, bevor man überhaupt seinen Antrag aufs Führerscheinamt bringen darf, gehört auch der Erste-Hilfe-Kurs, der aber natürlich nicht so heißt, wie ja alles, was man auf irgendwelchen Behörden nachweisen muß, sondern die zweite, offizielle Bezeichnung Unterweisung in lebensrettenden Sofortmaßnahmen trägt.

Die Unterweisung findet im Hauptbahnhof statt. Dort gibt es im ersten Stock ein Kongreßzentrum, und dort ein einem Raum bietet man Sonntags netterweise auch eien Kurs für Langschläfer an, der nicht um 8 Uhr 30 beginnt, sondern erst um 12 Uhr. Ich gehe den Schildern nach, und in einem Raum steht auch schon ein Halbkreis aus Stühlen, wo lauter junge Menschen sitzen.

Hallo, ich bin der Niko, sagt der lockige junge Schlacks, der genauso aussieht, wie man sich einen der Niko vorstellt. Der Niko ist von der Maus. Nicht von der Fernseh-Maus natürlich, sondern von einer Firma, wobei das Maus, wenn ich mich recht erinnere, für Medizinische Ausbildungen und Seminare steht. Der Niko hat heute seinen ersten Kurs, weshalb da noch jemand sitzt und mitschreibt und den Niko in den Pausen zur Manöverkritik aus dem Raum lotst.

Neben der Niko gibt es noch die Jana, die Assistentin spielen darf. Wie der Name schon sagt, kommt die Jana aus dem Osten und kann fließend Russisch. Ansonsten kann die Jana Sehtests und Paßbilder machen. Das ist im Preis inbegriffen, also lasse ich auch Paßbilder machen, obwohl ich welche habe. Ich weiß nur nicht, ob meine Paßbilder biometrisch sind, weil die Paßbilder jetzt, erklärt die Jana, biometrisch sein müssen, das heißt, frontal aufgenommen, das heißt, verbrechermäßig.

Daß die Jana fließend russisch kann, weiß ich, weil sie mit Olek Russisch spricht, Olek ist der zweite Russe hier im Kurs und voll in Ordnung. Olek ist bei mir im Team, zusammen mit Gökan, der natürlich Türke ist, wie der Name schon sagt. Neben Olek gibt es noch einen Russen, der ist aber ein furchtbarer Besserwisser und sagt dem Niko dauernd, daß er das in Rußland anders gelernt habe, und daß er darauf bstehe, das so zu machen, wie in Rußland. Anfangs argumentiert der Niko noch mit ihm, irgendwann hat er keine Lust mehr. Soll der das halt auf Russisch machen und die Atmung mittels Brillengläser unter die Nase halten überprüfen statt das Ohr hinzuhalten und auf die Brust zu schauen, Hauptsache, das Ganze ist irgendwie zielführend.

Von mir aus würde ich mich jedenfalls lieber auf russisch retten lassen als auf chinesisch. Der chinesische Stylepunk rechts neben mir und seine Mutter sind schier unerträglich. Ich hab ja schonmal was gegen Leute, die morgens stundenlang das Bad blockieren, um ihre Frisur in einen kunstvoll verwüsteten Zustand zu bringen. So einer war der chinesische Stylepunk. Und dann Glitzer an der Jeans. Glitzer geht gar nicht. Seine Mutter saß die ganze Zeit daneben, kaute Kaugummi und blätterte desinteressiert in irgendeinem chinesischen Presseorgan.

Es ist ja nicht so, daß wi da nur rumsitzen, wir müssen uns ja auch gegenseitig retten. Und Gummipuppen aufblasen. Die Gummipuppe heißt Little Annie und ist einem vierzehnjährigen Mädchen nachempfunden, auch der Druckwiderstand der Brust, sagt der Niko. Die Little Annie liegt also da rum, Arme ab, Unterkörper ab, keine Haare und ein Gesicht wie sieben Tage Verstopfung. Und wir müssen die Annie aufblasen und ihr auf der Brust herumdrücken, um sie zu retten. Das ist recht anstrengend, aber alle drücken und pusten heroisch, um das einigermaßen schnell und würdevoll hinter sich zu bringen.

Nicht so Frau Mama, die hat nämlich Angst um ihre Fingernägel. Drückt dreimal zart mit abgespreiztem kleinen Finger, bläst dreimal spitzmündig und steht wieder auf. Neenee, richtig, blasen bis sich die Brust hebt, sagt der Niko. Zehnmal. Und richtig drücken. Da kichert die Chinesin nur rum, drückt noch dreimal kurz und ineffektiv und setzt sich dann wieder hin und liest Zeitung. Und sowas kriegt den gleichen Schein ausgehändigt wie ich und Olek und Gökan, wo wir uns wirklich Mühe geben mit gegenseitig verbinden und retten und alles und die nur blöd rumkichert. Keine Blondine hier im Raum stellt sich dermaßen bescheuert an. Ich hoffe, daß ich dieser Frau niemals begegne, wenn ich blutend und mit Herzstillstand am Rande einer Landstraße herumliege.

Aber gut. Es gibt auch positives zu berichten. Zum Beispiel, daß meine sieben Jahre alte Brille noch vollkommen ausreicht. Das ist gut, denn allein die Gläser dieser Brille haben fünfhundert Mark gekostet, da würde ich nur sehr ungern eine neue brauchen müssen. Jetzt kann also den Papierkram aufs Bürgeramt bringen, und alles wird seinen behördlich geregelten Gang gehen.

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Wenn das mit der Theorie einigermaßen erledigt ist, geht man in die Praxis, wie es so schön heißt. Gut, ich habe schon einmal paarmal in einem Auto gesessen, aber das ist über zehn Jahre her, und ich weiß nicht mehr wirklich viel. Die allerschlimmste Schande, so beschloß ich, darf nicht öffentlich werden. Das muß unter Verschluß bleiben. Also fragte ich denjenigen, der den verbeultesten Kleinwagen meines gesamten Freundeskreises sein Eigen nennt. An dem Ding kanst du nichts mehr kaputt machen, sagte der Kleinwagen-Freund, und so verabredeten wir uns auf dem ADAC-Übungsplatz.

Haha, auf den Idiotenhügel! freute sich meine Konditorin, bei der ich auf dem Weg noch vorbeischaute, denn es war Sonntag, und Montags hat der Konditor zu. Haha, Idiotenhügel! freuten sich auch die Herren und Damen in Grün, die die sonntägliche Streiffahrt mit Lebkuchen und Stückchen sich zu versüßen gedachten. Okay, immer her mit der Erniedrigung. Wenigstens hat die Konditorin Wort gehalten, tatsächlich sprudelte der Schokoladenbrunnen dieses Wochenende in zartbitter.

Den Idiotenhügel finden wir dann auch nach dreimal umkreisen und einem kurzen Abstecher nach Rödelheim. In einem parkwächterartigen Häuschen sitzt ein desinteressierter Mensch und reicht mir einen Wisch, den ich unterschreibe, siebzig Minuten sagt er, dann zahlen wir, dann geht es ein Stückchen weiter zu einem Schild, auf dem was von Fahrerwechsel steht. Also tun wir auch das. Jetzt wird es also ernst.

Es gibt da unten Pedale. Die muß man in komplizierten Reihenfolgen treten, die ich mir nicht merken kann, während man lenkt und schaltet. Alle Extremitäten haben etwas zu tun. Und um einen herum passiert auch dauernd was. Und der neben einem sagt auch ständig was. Und dann will man noch wohin. Ich bin überfordert.

Der Beifahrer beruhigt mich. Und muß die Handbremse übernehmen, denn die klemmt ein bißchen, und bei der krieg ich diesen Knopf obendrauf nicht gedrückt. So kurven wir also herum um die vielen kleinen Assobrüder aus Offenbach, die mit ihren großen Assobrüdern ihrn Autos erste Fahrversuche unternehmen. Und Papa ist auch da mit der großen silbernen Familienkutsche und paternalisiert seinen Filius. Der arme Junge sitzt schwitzend hinterm Lenkrad und guckt mit panisch aufgerissenen Augen auf den Reifenstapel. Da soll er einparken. Und mit jedem Versuch rückt Papa die Reifenstapel etwas enger zusammen und Filius guckt noch etwas panischer und kurbelt noch heftiger am Lenkrad und Papa sitzt daneben und gibt gute Ratschläge. Aus dem Jungen soll ja schließlich was werden. Papa hat große Pläne. Ich bin sehr froh darüber, daß mein Vater nie einen Führerschein hatte.

Gut, ich also zwischen die Reifenstapel, dann anfahren am Hügel, das ginge ja, wenn ich die Handbremse gelöst bekäme, aber das Biest klemmt beharrlich, dann da rein und rückwärts wieder raus, und dann erstmal wieder neu starten. Drecksding. Siebzig Minuten später bin ich reichlich verausgabt, aber ich habe zum ersten Mal sowas wie Spaß gehabt mit so einem Dings. Doch, es war lustig. Am besten ist Vorfahrt haben. Vorfahrt haben ist wirklich toll.

Einige Tage darauf haben der kleine breite Bosnier, den ich schon aus dem Theorieunterricht kenne, und ich eine gemeinsame Fahrstunde. Ich denk noch so, der hat bestimmt schon fünfzigmal im Auto seines großen Bruders geübt und beherrscht das voll, der fährt da souverän um die Ecken und guckt mir beim Abwürgen zu. Das wird die Herabwürdigung des Monats. Aber sobald der Bosnier im Auto saß, fing er an zu zittern, so nervös war er. Sein Vater hat keinen Führerschein und er selbst keine Brüder. Auch keine Schwestern. Er fragte Dinge wie: Muß ich jetzt jedesmal diese Kupplung treten? und Wozu gibt es Gänge? und stieg an der ersten Ampel dermaßen in die Eisen, daß ich ihm fast am Armaturenbrett klebte. Vor allem machte ihn nervös, daß er auf einer öffentlichen Straße üben mußte.

Gibt es da keine Straße nur für zum Üben? fragte er.
Ach was, brauchste nich, sagte der Fahrlehrer.

Der Fahrlehrer stammt aus dem hohen Norden und bringt schätzungsweise drei Tonnen Lebendgewicht mit. Er sei ein Kaltblut, sagt er. Ich kann mir vorstellen, daß er, wär er nicht Fahrlehrer, einen prima Fischkutterkapitän abgegeben hätte. Mit Fischkutterkapitänsmütze. Zumindest dauert es ziemlich lang, bis ihn irgendetwas aus der Ruhe bringt.

Jou und jetz Gaaas wech un Kurve un widder Gaaas.

Der Bosnier hingegen ist ganz schön gestreßt. Er hat sich das einfacher vorgestellt, die Beine verheddern sich öfter mal, es fängt auch schon wieder an zu regnen, aber er bringt uns heil nach Nied und ich bring die beiden dann heil wieder heim. Was komischerweise gar nicht so schwer ist wie ich es in Erinnerung habe.

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Der Theorieunterricht der Fahrschule ist mittlerweile vollständig durchmultimedialisiert. Früher gab es Tafeln oder diese weißen Dinger, auf die man mit Filzstift schreiben muß. Heute gibt es Computer und Beamer und eine Maus, mit der man Pfeile malen kann. Fakten werden powerpointisierend aufbereitet, dazu gibt es eine Menge lustiger Schaubilder, interaktive Animationen ("Gucken, wir mal, was passiert, wenn jetzt das blaue Motorrad als erstes losfährt!" – Krachbumm – "Also das hatte schonmal keine Vorfahrt") und Filmchen ohne Ende. Die meisten sind so ähnlich aufgemacht wie der gute alte "Siebte Sinn" in der ARD.

In diesen Filmchen fahren ausschließlich Bayern ausschließlich in Mercedessen herum, die sich redlich um Hochdeutsch bemühen, damit auch der Rest der führerscheinerwerbenden Republik sie versteht. Dazu wummert etwas synthetisch technoides als Hintergrundgeräusch. Blonde junge Damen mit praktischen Kurzhaarfrisuren und vermutlich Einserabi kurven mustergültig durch Wiesen und um Zwiebelkirchendörflein herum und tun, was der fesche Fahrlehrer im Norwegerpullover ihnen sagt. Manchmal gibt es das, was solche Leute sich unter lebensnahen Dialogen vorstellen und so klingt, als würde ein Kind zum Gedichtaufsagen vor der Kaffeetafel der feuchtküssenden Tante gezwungen. Wenn das schlechte Wetter nicht ausdrücklich Thema ist, scheint immer die Sonne. Ab und zu zeigt ein Wegweiser Richtung München, in dessen Umland wir uns bewegen. Alles ist blitzblank, alle sind gut drauf.

Da sitzen wir also, wir Westfrankfurter, alle außer mir mit sogenanntem Migrationshintergrund, und tun so, als ginge uns das, was diese Süddeutschen in ihren pastellfarbenen Polohemden mit Auto von Papi bezahlt da tun, irgendetwas an. Ich bin mir sicher, daß da jemand Identifikationspotential intendiert hat – allein, ich finde keins.

Neben den netten blonden und sehr verantwortungsbewußten Damen mit Einserabi gibt es übrigens auch die bösen Bayern. Die dummen und verantwortungslosen Bayern mit Hauptschulabschluß. Das sind die, die sich nach der Dorfdisco um den nächsten Baum wickeln beziehungsweise derrennen, wie der lokale Fachausdruck heißt. Oder auf der Bundesstraße Rennen fahren, von Zwiebelkirchendörflein zu Zwiebelkirchendörflein, und dabei gutturale Laute ausstoßen, während der Tontechniker das technoide Hintergrundgeräusch lauter dreht. Dorfdeppen halt. Die enden mit einem Kreuzchen mit ihrem Namen drauf, und dann kommen die blonden Damen mit Einserabi, simulieren Bestürzung und legen einen Blumenstrauß vor das Kreuzchen.

In einem besonders schlimmen Filmchen hat man ein dauergewelltes Landmädel, die aussieht, als hätte sie ihre Finger gerade noch am Euter gehabt, in einen Latexmantel, Plateaustiefel und einen obszön kurzen Minirock gezwungen. Das allein ist schon kein schöner Anblick. Dann mußte sie ihrem fiktiven toten Freund, dem Andi, sozusagen mittels eines Sprechgesanges posthum ins Gewissen reden. Der Andi tauchte zwischendurch auch auf, aber mittels sämtlicher verfügbarer Photoshopknöpfe (Solarisation, Farbumkehr) verfremdet, so daß man sieht, der ist tot. Die Dringlichkeit ihrer sprechgesungenen Botschaft unterstützt das Landmädel durch etwas, was im Umland von München wohl als typische Ghettohandbewegung duchgeht.

Die Westfrankfurter mit Migrationshintergrund runzeln ein wenig die Stirn. Ich rutsche tiefer im Stuhl.

Wirklich einen Eindruck dagegen hinterlassen die Unfallopfer, die von ihrem neuen Leben im Rollstuhl erzählen: Wie es dazu kam. Wie es jetzt ist. Was sie alles nicht mehr können. Wie die Beziehung kaputtging. Das sind nicht der photogeshoppte Andi und seine ländliche Latexbraut, das sind Leute, die einfach erzählen und es nicht nötig haben, sich irgendwem in vermeintlicher Jugendsprache anzubiedern. Die zünden keine Teelichter an und glotzen in die nebelverhangene Landschaft und schreien nicht rum und machen nicht auf cool. Die sagen wie es ist. Rumms. In die Fresse. Die Realität ist hart genug.

[Fortsetzung folgt]

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