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Gleich geht es weiter mit dem blutrünstigen Gemetzel mit dem Ziel der Vernichtung im Internetz Ihres Vertrauens. Denn so gnadenlos, wie hier Personen zerstört werden, geht es in der ehrwürdigen Presse natürlich niemals zu. Nie! Es ist also Samstag früh, es gibt Himbeerkuchen. Und vor allem gibt es Peter Wawerzinek, eingeladen von Meike Feßmann. "Rabenliebe" heißt der Text, der nach einem einigermaßen schlimmen Film mit Ostseegerausche und Klaviergeklimper dann aber gar nicht so schlimm ist. Erst wundere ich mich über diese verschwiemelte Romantik in Wort und Bild, und Heimkindheit und nun schon wieder DDR, aber irgendwie gewöhne ich mich dran. Und nach einiger Zeit komme ich rein und jetzt gefällt er mir, weil er sämtliche Rührseligkeiten und Klischees, die kommen könnten, gut umschifft. Allerdings glaube ich auch, daß er auf die eingestreuten Nachrichtenmeldungen von mißhandelten Kindern locker verzichten könnte. Egal, ich lehne mich zurück und höre eine Geschichte und achte nicht mehr auf Kleinkram. Und das ist immer ein gutes Zeichen.

Frau Keller meint, der Text habe durch Vorlesen sehr gewonnen und ist ganz angetan von der "eiskalten Kindheitswelt". "Ungemein intensiv", sagt Winkels. Und nun wieder Fleischanderl, das Ärgernis in Jurorengestalt, dauerschlechtgelaunt abkanzelnd, und zwar alles, was ihren rigiden Vorstellungen nicht entspricht. Das schramme ja am Klischee, und verharmlosend sei das auch. (Im Nachheinein, beim Abtippen, ärgere ich mich gleich nochmal. Später nämlich sagt sie, die Deutschen könnten keine österreichischen Tonfälle beurteilen. Vielleicht sollte die Fleischanderl einfach keine deutschen Tonfälle beurteilen, und schon gar keine ostdeutschen.) Herr Sulzer ist nun einmal gar nicht ratlos, sondern sagt grundsätzliches zum Thema ältere Autoren und Erfahrungshintergrund. Das muß nicht immer stimmen, aber hier geht es auf. Jandl verweist an Eichendorff (ach so, ja, ich bin ja kein Germanist). Nun läuft Frau Feßmann als anständige Einladerin zur Hochform auf und geht Fleischanderl an: Der Text solle nicht weiter mit kleinlichen Einwänden demontiert werden. "Und nun zu Ihnen, Herr Winkels!" Ah, Literaturwut. Schön, daß es sowas noch gibt. Feßmann wird mir gerade sehr sympathisch. Dem Publikum auch, denn es gibt Szenenapplaus. "Äh, wenn ich dann auch mal was sagen darf", meldet sich der Autor zu Wort, und dann erklärt er, daß so ein Text eben immer nur in einem Stadium ist, aber irgenwann ist der eben mal fertig. "So machen wir das kalte Bufett jetzt, und es ist egal, ob dann wieder Tante Liesel kommt und sagt, Knoblauch mag sie nicht." Er trage sich seit vielen Jahren mit dem Stoff und nun habe er ihn eben endlich schreiben müssen. (Das gefällt mir: Fleischanderl als Tante Liesel. Das rückt Dimensionen zurecht.)

Iris Schmidt aus Düsseldorf muß nun undankbarerweise direkt nach Wawerzinek lesen, und leider geht es in ihrem Text auch um Schnee. Von ihr gibt es kein Portrait, "sie hat darauf verzichten mögen", sagt die noch immer vorbildlich zurückhaltende Clarissa Stadler. Schmidts Text ist wieder so einer mit Pointe, aber da ist so viel Gerümpel drin, so viel Unwichtiges, so viele abgegriffene Formulierungen, daß ich mich frage, was die Dame hier eigentlich macht. "ihre ersten literarischen Versuche waren kleine Parodien über den Büroalltag", heißt es in ihrem Lebenslauf, und das ist nun wirklich ein wenig arg ungeschickt. Wer teilt denn sowas öffentlich mit? Oder schon wieder Ironie? Ich bin verwirrt. Der Text handelt übrigens von einem Außendienstler, der Arztpraxen mit Medikamentenproben bestückt, in einem irgendwie aus der Zeit gefallenen Berghotel übernachtet, es schneit schlimm, das Auto springt am Morgen nicht mehr an, plötzlich macht keiner mehr die Tür auf. Es wird immer kälter, er findet zwei erfrorene Wanderer und in deren Manteltaschen einen Autoschlüssel. Hurra!

Die Jury nimmt sich nicht viel Zeit dafür, den Text einhellig zu verreißen. Spinnen meint, hier werde "etwas ungelenkes, unbeholfenes, unwichtiges geschildert". Mehr will er nicht sagen. Jandl gemahnt an Shining und Kafka. (Immer wenn die Wirklichkeit verrutscht, muß jemand Kafka sagen. Vielleicht ist es so, daß der erste, der dann Kafka sagt, gewinnt. Eine Gratispizza am Abend oder so.) Handwerklich, sagt Jandl, sei das nicht schlecht gemacht. (Ach. "Ein kleiner gemütlicher Raum im ländlichen Stil", "warf sich genüßlich auf die Matratze", das geht nicht. Das ist nur in so Bahnhofsfrauenromanen erlaubt, und auch nur in denen mit rosa Cover.) Sulzer und Fleischanderl sind auch eher underwhelmed, und Winkels: "Stephen King für Arme". Das find ich jetzt doch ein bißchen hart. Frau Keller hat jetzt arge Mühe mit der Verteidigung ihrer Autorin und redet sich auch aufs Handwerkliche raus, das solide gemacht sei, und ansonsten sei der Text subtil und unaufdringlich und respektabel.

Es weckt uns Christian Fries, nein doch nicht, es geht nämlich nicht los. Weil der Text "Hutmacher, privat" aus einem Kurzroman mit dem Titel "Der Reich'sche Ansatz" stammt, muß uns erst einmal ein Erklärraum eröffnet werden und Fries doziert über Wilhelm Reich. Dann kommt eine luschtige Geschichte eines Schauspielers, kein allzu sympathischer Erzähler übrigens, was mich ja oft für den Autor einnimmt, so auch hier. Aber so brüllend komisch wie das Publikum finde ich das jetzt nicht. Leidlich interessant, sprachlich unauffällig, oder: gefällig. Hm.

Winkels will die Spaßbremse geben: "Kalauer um Kalauer, Slapstick um Slapstick." Das Saalpublikum ist nicht einverstanden mit Winkels Kritik. Feßmann findet, die stille Lektüre kitzelt mehr aus dem Text raus, was beim Vortrag nur als Kalauer ankam. Fleischanderl: "Sexspäße kommen in einer verklemmten Gesellschaft gut an." Ich wüßte gern, worüber Fleischanderl lacht. Dann sagt sie "Wuchtldruckerei", sowas wie eine Pointenschleuder sei das wohl. (Wörtlich übersetzt bedeutet es "Kreppelquetscherei", was auch nicht übel klingt.) Sulzer hat ein Nichtgefühl, was die Figuren betrifft. Außerdem versteht er die Reich-Geschichte nicht. Keller interpretiert gutgelaunt, der Protagonist bilde Brennpunkte auf viele Phänomene der Gesellschaft. Jandl muß nun sich und den Text erklären: Keine Satire, sondern Groteske, Oblomov, und das Lachen könne man dem Text ja nicht zum Vorwurf machen. Fleischanderl wirft ein, es sei einfach, sich über Menschen mit einem falschen Bewußtsein lustig zu machen. Jandl: Was ist ein falsches Bewußtsein? Fleischanderl: Adorno lesen! Und: "Ich spreche gerade für den Text, merken Sie das nicht?" Spinnen fragt sich, wie der Text klingt, wenn er nicht aus Highlights aus dem Buch zusammengeschnitten ist, ruhiger womöglich. Und nun muß wieder der Autor erklären, das seien keine Highlights, das gehe die ganze Zeit in dem Ton weiter.

Zur letzten Autorin des Wettbewerbs: Verena Rossbacher aus Österreich, was noch wichtig wird, liest "Ein Alphabet der Indizien". Und die ist völlig wahnsinnig. Liest eine Tirade eines Mannes, der offenbar jemanden auf dem Gewissen hat, was man aber wieder erst am Schluß erfährt, davor kommen biblische und Naturmotive, sehr lyrisch das, und vorgetragen in so einem hysterisierten Ton, den man Autorinnen nur durchgehen läßt, wenn sie jung und hübsch genug sind. (Da läßt man Autorinnen ja vieles durchgehen.)

Eine auf Hochtouren laufende Sprachmaschine, sagt Fleischanderl, da hat sie recht, aber sie erfasse keinen Gegenstand und laufe im Leerlauf. Und nun die allgemeine Bemerkung an die bundesdeutschen Kollegen: Die hätten kein Gespür für österreichische Tonfälle, verstünden sie entweder nicht oder ließen sich blenden. Feßmann ärgert sich sichtlich: Grauenvoll manirierter Text, affektiert vorgetragen, das sei eine Vuvuzela, die trötet: Ich bin Kunst! Ich bin Kunst! (Oder: Krawehl, krawehl, wenn man gemein sein will. Taubtrüber Ginst im Musenhain. Aber wir sind ja nicht gemein.) Aber für die Kunstfertigkeit zollt sie dennoch Respekt. Sulzer bekennt, den Text am Morgen um 6 noch schnell durchgelesen zu haben, aber die Lesung hat ihn ihm kaputt gemacht. Jandl hat generelle Probleme mit biblischen Motiven. Winkels erklärt, Mariä Verkündigung sei in der Kunstgeschichte durch träufelnde Sexworte dargestellt. Und Manierismus sei kein Vorwurf, sondern ein Stilmittel. Frau Feßmann gefällt aber trotzdem kein Manierismus. (Ist das jetzt nun ein Kriterium, was den Juroren gefällt? Darf man das jetzt auch laut sagen, daß vor allem das zählt?) Spinnen verteidigt seine Autorin, der Text zeige Menschen beim Denken. Es werde ja in Sprache gedacht, und damit werde Ernst gemacht. Und schwangere Murmeln seien kein schiefes Bild. Feßmann meint, das müsse männliche Logik sein, Nein weibliche, sagt Spinnen. Keller fehlt die organisierende Instanz. Jandl findet, es werde eher einem Menschen beim Nichtdenken zugesehen. Außerdem findet er, die Paratexte Winkels seien schon eine eigene literarische Gattung.

Und damit endet die diesjährige Autorenparade in Klagenfurt. Morgen kommt es, wie immer, zu Wahl und Preisverleihung, wobei Frau Stadler vermutlich mindestens einmal das Verfahren nicht kapieren wird. Im Rennen: Elmiger, Scholz, Wawerzinek, Rossmann. Publikumspresi an Wawerzinek, es sei denn, die ZIA kann das Internet in genügender Stärke für ihren Kandidaten mobilisieren. Soweit meine Prophezeihungen, bis morgen früh.

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Der Morgen beginnt mit Thomas Ballhausen aus Wien, eingeladen von Frau Fleischanderl. Literaturwissenschaftler, Musikkritiker, bibliphil. Ich ahne Übles. Der Autor sagt, er wolle Philosophie und Literatur zusammenbringen, aber ich muß "Cave Canem" mitlesen, weil mir immer wieder die Gedanken entgleiten. Es geht um Dichter und Verleger, eine Partygeschichte, Ausschweifung, antike Motivik, eine blinde Wahrsagerin, Koitus. Und allen Ernstes Tarotkarten. Tarotkarten gehen eigentlich gar nicht.

Hubert Winkels spricht schon wieder von Kursivierungen, und weil ich den Text angeschaut habe, weiß ich diesmal auch, wovon er redet. Der Text wirke rätselhaft, sei es aber nicht. (Mir ist höchstens rätselhaft, was der Text mir sagen will, und warum.) Es gehe um die vollkommene Sprache, interpretiert Winkels, vor dem Turmbau zu Babel, Versatzstücke aus dem Kleiderfundus der Geschichte, aber alles gewollt, "eben spielerisch". Der Begriff "spielerisch" entschuldigt ja auch viel planloses Herumgeschusser. Fleischanderl hat's wieder mit dem Realismus, der ihr nicht genügt: Der Autor schreibe von einer Warte aus, wo er sage, der Alltag genüge ihm nicht. (Als ob das allein schon ein Verdienst ist.) Sulzer freut sich: Endlich Geschlechtsverkehr. Frau Keller schwelgt in barocker Metaphorik, während Jandl meint, der Autor sei nicht mehr Herr der Dinge. Frau Feßmann stellt ein paar unbequeme Grundsatzfragen an die Sprache des Textes und sucht Vergleiche: "Bißchen Ransmayr, bißchen Jünger, vielleicht bißchen Georg Klein." Burkhard Spinnen mit seinem neuen Bart (ich finde ihn wirklich schlimm) interpretiert und sagt dann folgenden güldenen Satz: "Kommen wir zum Sex – das ist immer eine Nagelprobe." Es darf gelacht werden. Trotz Bart läuft Spinnen zur Hochform auf: Das sei hier das Problem des Poeta doctus, der viel über die Figuren weiß und es nicht in Darstellung umzumünzen weiß. Frau Keller findet die Diskussion gerade sehr spannend. Ich hingegen habe das Gefühl, da gibt es Juroren, die den Text mögen, und welche, die nicht. Und beide suchen krampfhaft nach Argumenten, die ihre Vorlieben akademisch unterfüttern. Selten kam mir Literaturkritik so sinnlos vor wie jetzt gerade.

Max Scharnigg ist nun an der Reihe. Er lebt im Münchner "Speckgürtel, mit Eltern in Kaffeefahrtnähe". Im Hintergrund Riesenlüster über Billardfilz. O Gott, das ist doch jetzt hoffentlich ironisch? Er war auf der Journalistenschule und reist gern, dabei stapft er durch eine dieser entsetzlichen neureichen Vorgartenglyptotheken. Ich glaube fest an Ironie, obwohl, der Arzt mit dem Angebercabrio kannte ja auch keine Hemmungen. Es folgt "Die Besteigung der Eigernordwand unter einer Treppe", und das ist so einer dieser netten kauzigen Texte, die normalerweise immer von Schweizer Autoren kommen. Da hockt also einer unter einer Treppe und schreibt sich ideell durch die Eigernordwand-Beschreibung, während über ihm Treppe und Gattin bestiegen werden. Von anderen natürlich.

Jandl signalisiert Zustimmung, für Frau Keller aber ist die Metaphorik der Treppe ein toter Flußarm, der nicht weiterführt. Der Protagonist plaudere ja munter wie ein Bergbächlein. Herr Sulzer sieht lauter Unbeholfenheiten, zum Beispiel würden Hortensien nicht so hoch wie im Text behauptet, der Text erzähle ihm nichts. Frau Feßmann meint, der würde aber durch mehrmalige Lektüre besser. Spinnen diagnostiziert ein Regressionsmoment. Ein zeitgenössisches Weichei, das zum Hungerkünstler werde. Keller sieht nur wenige erzählerische Möglichkeiten angewandt. Allgemeine Ratlosigkeit, ob das Realismus ist oder nicht. (Das ist ja anscheinend die wichtigste Frage überhaupt, die es bei jedem Text letztgültig zu klären gilt.) Spinnen ist das nun zu blöd und sagt: "Man kann nicht auf einen Text zugehen und fragen: Bist du realistisch? Dann darfst du das nicht. Bist du phantastisch? Dann, nojoo." Winkels arbeitet hart an der Verteidigung seines Autoren, und Jandl beschließt: "Der Text will ein kleiner Text sein, und das ist ihm auch gelungen."

Aleks Scholz ist der diesjährige offizielle ZIA-Unterwanderer (wobei man das nicht mehr als Unterwandern bezeichnen kann, das hat schon was von Überrennen). Der Vorstellungsfilm, der vermutlich sämtlichen gewinnermöglichenden Kriterien entspricht, die die ZIA ausgemacht hat, zeigt ihn beim Windhundrennen. Der Text heißt "Google Earth" und erzählt ziemlich gemächlich von zwei Zauseln auf ihren Grundstücken, wobei der eine einen ziemlich ungewöhnlichen Selbstmord begeht: Er mietet sich zusammen mit den Rüben ein. Hm. Ja. Schon schön, Aber brauchen Texte wirklich so eine Pointe, auf die alles zuläuft? Wo man sich die ganze Zeit fragt, was macht der, und dann, im letzten Absatz, kapiert man: Ach, ja, der bringt sich um! Ach, was für ein schlauer Autor. Ach ich weiß nicht. Vermutlich soll ich jetzt jemandes Intelligenz bewundern, aber ich mag nicht.

Sulzer ist von dem stillen Text sehr begeistert. Keller findet die Sprache sorgfältig und die akustischen Phänomene gut beschrieben. Außerdem ist die Perspektive von oben mit Zoom sehr reizvoll. Fleischanderl findet das auch, aber nicht immer konsequent durchgehalten. Jandl: "Der deutsche Vorgarten in Echoraum des Alls." Wenn das ein Roman wird, will Sulzer ihn lesen, das sei makellos. Makellos, da stimmt Spinnen zu, aber genau das sei das Problem, der Text sei herzlos. Aber er outet sich als Googel-Earth-Junkie. Winkels hingegen meint, die bürgerliche Literatur sei ja eine einzige Herzensbeschwörung, insofern sei das ja so wohltuend. Feßmann findet den Text weniger makellos und perfekt. Und dann ist Mittag.

Judith Zander schließt sich an mit "Dinge, die wir heute sagten". Schlimm monoton liest sie die Geschichte einer Schwangerschaft, ungewollt und durch Vergewaltigung, im grauesten, ödesten DDR-Dorf. Das ist schon sehr hartes Brot. Und das alles in der zweiten Person, weil die Protagonistin wohl zu apathisch ist. Das wiederum leuchtet mir ein. Ja, das ist alles sicher ehrenwert, aber eben auch völlig matt und schlaff. Müssen DDR-Geschichten immer so grau sein?

Sulzer hat den Text gern gelesen, sagt aber durch die Blume, daß die Lesung der Autorin eher kontraproduktiv war. Und er ist froh, daß es die DDR nicht mehr gibt, diese entsetzliche Langeweile dort. (Das wäre jetzt nicht unbedingt mein Kauptkriterium gegen die DDR, aber gut.) Feßmann sieht weniger Langeweile als wunderbare Ruhe, und viele schön gearbeitete Stellen. Fleischanderl attestiert solides Handwerk, aber es brenne kein Feuer, den Tonfall könne sie über jedes Thema legen, das man ihr vorgibt. Winkels findet die Apathie leider langweilig dargestellt, und das ist, Reich-Ranicki zufolge, eben nicht erlaubt. Spinnen findet es ehrenvoll, und Keller ist am Schlüpfer hängengeblieben (passiert). So sehr hängengeblieben, daß sie die Autorin eingeladen hat.

Jett ist Josef Kleindienst dran, Österreicher, eingeladen von Frau Fleischanderl. Jetzt wollen wir natürlich alle sehen, wie sie sich einen feurigen Text vorstellt, da liegen jetzt durch ihr ewiges Gemecker schwere Erwartungslasten auf dem Herren. "Grenzen sprengen ist gut, ich sprenge gerne Grenzen", sagt der Autor im Portrait. Langweiliges Video. Und dann der Text. Oha. Nicht ganz Babyfickerniveau, niemand steht auf und stürzt hinaus, aber daß das nicht passiert, wundert die Jury dann auch. "Ausflug" heißt das Werk, und darin quälen zwei Männer, vor allem Wolfgang und eher unbeteiligt auch Alfred, eine Frau, die Silke heißt und ansonsten wenig Eigenschaften hat. Das wäre jetzt alles noch nicht so schlimm, aber diese Silke findet das auch noch gut und läuft Wolfgang hinterher und will, daß alles wieder so wird wie früher. Und am schlimmsten ist, daß die Sprache langweilig ist.

Hubert Winkels macht den Anfang. Das sei ein starker Stoff, aber der protokollarisch nüchterne Stil sei nicht durchgehalten, dauernd rutschten interpretierende Adjektive dazwischen. Sulzer findet den Text ziemlich brutal, aber als solchen perfekt. (Lesen Sie doch mal genau hin!) Frau Keller fragt sich, wie der Text dem Pornographieverdacht entkommen kann und den Leser nicht zum Voyeur macht. Die Antwort gibt sie selbst: Es müßte Brechungen geben. Frau Fleischanderl meint, es gibt Beklemmung, und das ist gut. (Ah, die gute alte Wirkungsästhetik.) Herr Spinnen würde aber lieber klüger werden und von dem Text mehr erfahren als nur, daß es so etwas wie sprachlose Gewalt gibt. Feßmann findet den Text dilettantisch, der Autor finde keine Haltung. Winkels findet es gerade gut, daß es keine moralische Haltung gibt. Jandl endet nun auch ein, daß das alles etwas zu konventionell erzählt sei. (Eben.) Da mache sich die Sprache zum Komplizen. Neben den ganzen braven Bildern sei diese Beklemmung eine Wohltat, beharrt Fleischanderl. (Die ist ja noch viel schlimmer, als die Radisch je war. Und das, liebe Leser, ist aus meinem Munde keine Kleinigkeit, die ich mal eben so dahergesagt habe. Leider ist die Fleischanderl aber auch völlig humorlos dabei. Ich sehne mich wieder einmal nach Daniela Strigl. Kann man die nicht irgendwie bestechen, wieder mitzumachen?)

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Um zehn fängt das Bachmann-Wettlesen an, und das fängt pünktlich an. Leider fängt es mit Sabrina Janisch an, die einen Text mit dem Titel „Katzenberge“ liest. Das ist, wie Frau Janisch selbst, so eine halbpolnische Grenzlandgeschichte. Dorf, kurz nach dem Krieg, Natur raschelt und weht, Dielen ächzen, Mäusefamilien zerstieben. Gutsbesitzer hängen sich auf, neue Gutsbesitzer kommen aus dem Osten und übernehmen die Höfe, holen ihre Familien nach. Von den Dachsparren hängen Altlasten. Große Politik im Kleinen, aber leider im Kleinen dann oft schief und muffig. Das wird auch nicht aktueller, wenn es ein Opa einer Enkelin erzählt, wenn diese Enkelin weder als Figur noch als Erzählkonstruktion irgendeinen Mehrwert beizutragen hat, keine Distanzierung, keine Mythologisierung, nichts. Jedenfalls nicht in dem Ausschnitt, der mit vorliegt.

Hubert Winkels ist als Juror neu in der Runde. Er meldet sich gleich zu Wort und findet das Thema gewagt gewählt, aber man müsse dem Anspruch dann auch gewachsen sein. Da werde zu Beginn ein Schrecken evoziert, der dann doch zu harmlos ausläuft. Das sei, und da sagt er etwas sehr Gemeines, nicht weit weg vom Mitteleinsatz einer Stephenie Meyer. Was der alles kennt, der Winkels! Ich staune. Jandl schließt sich an. Sulzer dagegen kann sich provinzmäßig voll einfühlen, weil er ja im Elsass wohnt und das alles kennt. Gebüsch und so. Frau Feßmann findet, die Vorteile des Textes verkehren sich dauernd in Nachteile. Ja, sind das dann wirklich Vorteile in the first place oder nicht einfach nur Eigenschaften? Die sagen schon wieder lauter Sätze, über die ich so lange nachdenken muß, dass mir Teile der Diskussion entgehen. Herr Spinnen denkt nicht nach sondern schließt sich wortlos an. Unüblich für ihn, sonst kann er seine Zustimmung ausufernder verbalisieren. Frau Fleischanderl ist nicht berührt und will eine wildere und brutalere Sprache, während die verständnisvolle Frau Keller eine Lanze für die Erzähldramaturgie bricht.

Volker H. Altwasser liest. Ich bekomme das nur so mit halbem Ohr mit. Also gut, der Herr stammt aus Rostock, wo ich mir am Montag einen ziemlichen Sonnenbrand geholt habe, schöne Stadt, dochdoch, und unbedingt Fisch essen im Hafenrestaurant Borwin, sehr zu empfehlen. „Letzte Fischer“ heißt der Text, und darum geht es dann auch um Fische, aber nicht um frisches Kabeljaufilet an Blattspinat, sondern um seltene Kurznasen-Seefledermäuse, die es zwar wirklich gibt, aber der Rest der sorgsam aufbereiteten Verarbeitungsdetails (Handwerk! Detailtreue!) ist völlig fiktiv. Leider beginnt der Text fürchterlich abgeschmackt mit „Versonnen musterte der Dritte Offizier die Seekarte…“ und das will ich weder lesen noch hören, da können noch so viele gelehrte Moby-Dick-Referenzen drin sein. Schwierig ist auch, dass der Fischverarbeiter beim Fischverarbeiten dauernd über eine ziemlich banale Beziehungskiste (Ehe, durchschnittlich) nachdenkt. Ein Nachmittag in Rostock in Begleitung eines örtlichen Germanisten und eines Dresdner Historikers mit Autopanne ist da erstens interessanter und zweitens mindestens genauso intertextuell.

Frau Fleischanderl sieht viel Anspruch und wenig davon eingelöst. Da werde dauernd Anlehnung an Moby Dick betrieben, und dann sei die Darstellung so realistisch (und das ist aus ihrem Munde gerade kein Kompliment). Herr Jandl hat ein Herz für Fischhäutungsszenen, findet das alles aber zu jugendbuchhaft. Herr Sulzer fragt sich, warum auf einer Seite sechsmal das Wort „verdammt“ vorkommen muß (vielleicht wegen Realismus?) Spinnen und Winkels sind sich darin einig, dass die allegorische Ebene interessanter ist als die psychologische. (Bloß für was ist die Allegorie dann noch allegorisch?) Keller meint, die Liebesgeschichte muß raus. (Aber was bleibt sann übrig? Nein, die Liebesgeschichte muß einfach sehr viel interessanter werden. Dann interessiert sie vielleicht auch jemanden.) Es folgt allgemeines Verbeißen in den Kontext: Wie ist das eingebettet, wie geht es weiter? Das ist doch jetzt aber wirklich völlig egal.

Nach all den Nordlichtern nun ein Herr aus dem schönen Oberbayern. Christopher Kloeble macht so einen auf naiv: Ja soll man denn überhaupt erwachsen werden? fragt er im Vorstellungsfilm. Naja, manche schaffen es ja, Kindheit derart zu glorifizieren, dass sie sich eigene Ahnungslosigkeit damit schönreden können. „Ein versteckter Mensch“ heißt der Text, und Achtung, jetzt wird es wieder touchy feely mit Menschelringelpiez. Wahrscheinlich bin ich ungerecht, aber das ist so eine Geschichte über einem Sohn mit einem geistig zurückgebliebenen Vater, der auch noch demnächst stirbt. Wie der Vater an einen Sohn kommt, der demnächst Abi macht, und wo die Mutter ist, verstehe ich gerade nicht, aber vielleicht hab ich auch nur gröber etwas verpasst.

Herr Winkels meldet sich denn auch gleich zu Wort und findet vieles unplausibel. Ich für meinen Teil finde Winkels eine gar nicht so üble Bereicherung für die noch nicht ganz wache Jury. Feßmann meint, der Text verkrampfe sich dauernd, weil er so viel erklären muß. Jandl: „Der Bachmann-Wettbewerb ist ein Auffangbecken für Texte über Wahnsinn und Demenz.“ (Wahrscheinlich, weil man da ganz viel mit Sprache machen kann, so mit Wahrnehmung und so.) Herr Sulzer hält fest, dass der Text nicht putzig ist, Spinnen bemängelt den sentimentalen Schluß. Frau Keller, die ja für empfindsame Regungen empfänglich ist, findet die Konstellation der Figuren im Text „anrührend“. (Wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen anrührend und rührselig?)

Daniel Mezger, ein Schweizer, eröffnet den Nachmittag. Wie genau, weiß ich leider nicht, weil ich etwas zu spät aus der Kantine komme. Ich platze mitten in einen Monolog, worin sich einer an die Verflossene wendet, die aber nicht verfließen will und den Erzähler dauernd mit selbstdestruktiven Aktionen erpresst. Kein Text, mit dem ich warm werde, sprachlich unauffällig, inhaltlich nicht sonderlich interessant. Allmählich verliere ich ein wenig die Geduld, hier kommt ja wirklich nichts, was auch nur einigermaßen aus der üblichen Erzählbeliebigkeit herausragt.

Feßmann findet die Form nicht plausibel. Wenn das Ich sich lösen möchte, warum redet es dann die ganze Zeit mit dem Du? fragt sie. Frau Fleischanderl wendet ihren Standardeinwand ein: Zu harmlos. Was drängen und dramatisieren will, wirkt letztlich redundant. Auch Winkels meint, die „Redesituation ist das eigentliche Problem“, hier würde ein katholischer Exorzismus auf psychoanalytisch durchgeführt. Jandl plädiert für mehr Literatur und weniger Praxis, der Kitsch im Text sei ja Künstlichkeit. Spinnen hat gelernt: Wenn in einem Text keine Absätze sind, geht es um Sprache. Aber wie? Um was, und warum? Ich bin ähnlich ratlos wie das Gros der Juroren.

Den ersten Tag beschließt die Schweizerin Dorothee Elmiger, die aber natürlich in Berlin wohnt und das gaanz gaanz toll findet, deshalb läuft sie auf einem abgewracktem Industriegelände herum, das uns als Tempelhof vorgestellt wird. „Einladung an die Waghalsigen“ heißt der Text, und darin häufen eine Protagonistin und eine Fritzi Wissen aus Büchern an, nachdem alles rundherum irgendwie postapokalyptisch heruntergekommen ist. In Berlin kann man schon mal auf solche Ideen kommen. Der Stil ist so pseudosachlich mit Substantivierungsorgien ohne Ende. Ich brauche dringend Kaffee.

Frau Feßmann meldet sich gleich zu Wort. Das sei clever gemacht, weil sich die Autorin ein Spielfeld schafft, und da Figuren hineinsetzt, die sich ihre Phantasien erzählen. Winkels findet das auch und meint, was kursiv steht, sei aus den erwähnten Büchern. (Kursiv? Ich hätte gern irgendeine Kursivierungssignal gehabt, das mir das auch beim Hören verdeutlicht. So bin ich als Livestreamgucker im Nachteil. Kann ich eine Wiederholung in Zeitlupe haben?) Außerdem sieht Winkels eine Parallele zu „Jugend ohne Gott“ von Bruckner (Bruckner ist zumindest der Name, den ich verstehe. Wir wissen ja alle, dass das natürlich nicht stimmt, und Ödön von Horváth der richtige Autor wäre, aber ich hätte jetzt gern schon wieder eine Wiederholung in Zeitlupe oder zumindest Herrn Corino. So nuschelt nur Frau Stadler etwas besserwisserisches, aber so leise, dass es keiner versteht. Vielleicht ganz gut, dass man von Frau Stadler dieses Jahr so wenig hört.) Frau Fleischanderl ist auch angetan, „gewitzt und originell“ sei das. Das sind nun die beiden Eigenschaftswörter, die mir nicht unbedingt eingefallen wären. Herr Sulzer sitzt so in der Runde und ist froh, dass man ihm den Text noch mal erklärt hat. Er sei nämlich etwas ratlos, aber originell findet er das auch. Jandl packt jetzt das große Interpretationsbesteck für germanistische Textanamnese aus: „Man muß sich auf das Abenteuer dieses Textes einlassen“, befindet er, nachdem er ein paar Allegorien zu Leibe gerückt ist und anscheinend mit dem, was er dabei fand, zufrieden war. Frau Keller hat schon wieder Verständnis: „Das ist eine riesige Feier des Fragments in einer fragmentierten Welt.“ Ach, die Welt, die ist ja schon seit dem 19. Jahrhundert fragmentiert. Aber schön, wenn uns eine erklärt, wie die Gegenwart aussieht, wenn Frau Radisch das schon nicht mehr tun kann.

Damit endet der erste Tag. Mir bleibt der Hinweis auf Katy Derbyshire, die neu ist im Kreis der Bachmannblogger, wenn auch nicht neu im Kreis der literaturaffinen Blogger. Morgen geht es wieter, und hoffentlich mit etwas vernünftigem. Frau Roßbacher soll mich bitte nicht enttäuschen, und die Jury endlich aufwachen.

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So, jetzt ist es raus: Der Arzt mit dem Angebercabrio, Jens Petersen, hat den Bachmannpreis bekommen. 25000 Euro, ja hat der die nötig? frag ich mich. Kann er sich ein Zweitangebercabrio von kaufen. Lauter böse, unsachliche Gedanken. Dafür muß er lauter grausligen Kärtner Lokalpolitikern ewiglang die Hand schütteln, das hat er nun davon. (Juror Spinnen laudatiert, er habe den Autor entgegen seiner Gewohnheit sofort vorgeschlagen und nicht bis zu letzter Minute gewartet.)

Den Kelag-Preis bekommt der Physiker Ralf Bönt, damit kann ich leben und die Vorschlagende Keller Feßmann freut sich.

Den 3Sat-Preis bekommt Gregor Sander, und ich frage mich, wie man es als Moderator schaffen kann, die Stichwahlverfahren noch weniger zu kapieren kann als Grandits einstmals. Clarissa! Frau Keller muß laudatieren.

Nach endlosen Stichwahlverfahren gewinnt nun leider nicht Schäfer, sondern Katharina Born den Ernst-Willner-Preis. Mangold freut sich, ich nicht.

Den Publikumspreis, unspektakulär verlesen und laudatiofrei, bekommt Karsten Krampitz, der herumwippt und grinst vor lauter Freude. (Kandidat des Herzens sagt Keller.)

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hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
[hadephy am 29.01.17 23:39]

For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
[hadephy am 10.12.16 16:05]

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Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
[EinGedanke am 13.09.14 11:27]



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