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In Berlin war gerade Modewoche. Oder besser gesagt: Mercedes-Benz Fashion Week. Weil das Waldstadion ja jetzt auch Commerzbank-Arena heißt. Berlin will nämlich endlich auch Modemetropole werden. Weil Paris und Mailand und London und sogar New York Modewochen haben, muß es das auch in Berlin geben.

In Paris, Mailand und London gab es irgendwie schon immer Modeschauen, das hat Tradition. In New York gibt es vor allem deshalb Modeschauen, damit die Endverbraucherinnen, die das Zeugs tragen, nicht so weit weg ins Ausland müssen. In Berlin gibt es zwar weder Tradition noch Endverbraucherinnen, aber Modeschauen. Und so sieht das dann auch aus. Da laufen dann Models in Büroschneckchenkostümchen und dekonstruktivierten Sweatshirts herum, von tragbar bis Avantgarde nennt man das dann, und in der ersten Reihe sitzt alles, was was schon immer mal in einer Front Row sitzen wollte, aber woanders nie reingelassen wird. Zum Beispiel sowas hier:

Die Dame in Schwarz ist eine echte Designerin, die man nach der Schau sogar anfassen darf, heißt Zerlina von dem Bussche und ihr Label heißt Sisi Wasabi. Das ist zum Teil gar nicht übel. Umgeben wird sie von Kate Hall (dänische Sängerin), Mareile Höppner (Moderatorin) und Loretta Stern (Schauspielerin), und das, mit Verlaub, ist übel. Oder ist das einfach nur eine sehr öffentliche Pyjamaparty?

Man fragt sich halt, ob es ok geht, unter diesen Flatterdingern wirklich nur noch Strumpfhosen zu tragen, weil richtige Kleider sind das nicht, eher so längere Oberteile, die man über Röhrenjeans tragen soll. Wobei ich mich bei H&M zur Zeit auch dauernd frage, ob ich es mit einem Pullover oder einem Strickkleid, mit einem T-Shirt oder einem Hemdkleid zu tun habe. Irgendwie verschwimmen da die Grenzen. Was ich mir bei einem Strickkleid jedoch noch einreden lasse, das geht bei so einem Satinflatterdingelchen schon nicht mehr. Frau Halls Wickeldings mag im Sitzen funktionieren, aber sobald sie aufsteht, nehme ich das nicht mehr für voll. Bei Frau Höppner hingegen ist wirklich gar nichts mehr zu retten:



Das sieht auch im Sitzen nicht besser aus. Vor allem dieser Puff-Abschluß unten. Diese Taschen vornedrauf, wo man seine Rotztüchelchen reintun kann, wenn man erkältet ist. Diese Preßwurst-Strumpfhosen, mit denen ich mich nicht mal bei der Rückengymnastik des örtlichen Turn- und Sportvereins sehen lassen würde. Und diese Kette! Dieser Haarreif! Soll das Barbarella sein, und wo sind dann die silbernen Stiefelchen? Was soll das überhaupt sein? Ich meine, sowas trägt man ja nicht, um gut auszusehen, da ist doch bestimmt irgendwo eine mindestens zivilisationskritische Aussage dahinter. Oder gibt es tatsächlich eine Subkultur, zu der Frau Höppner hiermit ihre Zugehörigkeit ausrücken möchte?

Die anderen Damen auf dem Bild sind übrigens Tamara Gräfin von Nayhauss (Moderatorin mit Monsterschleife), Anna von Griesheim (Designerin sämtlicher Merkelroben) und Natascha Ochsenknecht (Schauspielerin und Model). Gut, daß Frau Höppner neben ihnen sitzt, das verleiht sogar Ochsenknechts Neunzigerjahre-Schick und Nayhauss' blutrotem Würger noch etwas distinguierte Würde. Und dabei hab ich noch nicht einmal die Farben angesprochen.



Nicolette Krebitz! Sie kann ja wenig entstellen. Aber sie gibt sich Mühe, und zwar alle erdenkliche. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das nicht doch irgendwie anerkennen soll – ich meine: Die Brille! Das knatschrosa Kleid! Die Kette mit knatschrosa Anhänger! Der knatschrosa Lippenstift und dazu: dieses Tuch! Ich bin, äh, also ehrlich: sprachlos. Sie sieht jedenfalls aus, als ob ich sie mit Tante Gerlinde anreden müßte.

Eine der wichtigsten Regeln für öffentliche Auftritte lautet: Wenn du auf einem roten Teppich paradierst, dann tu das bitte nicht in einem roten Kleid. Hier also Julia Malik und Mareile Höppner:



Frau Malik hat scheinbar gerade eine ungute Anfang-Achtziger-Phase und kombiniert das mit kuschelig selbstgestricktem. Das soll vermutlich total spontan und kreativ rüberkommen, tut es aber nicht. Erstens kommt in rot auf rot überhaupt ziemlich wenig rüber, zweitens ist eine rausgewachsene Dauerwelle dem Gesamteindruck nicht förderlich und drittens – halt, vergeßt drittens. Ich habe gerade dank Recherche herausgefunden, daß sie beim deutschen Fernsehpreis letzten Oktober ein Nipplegate erdulden mußte, das irgendwie erklärt, warum sie sich so eingemummelt hat.

Und dann schon wieder Mareile Höppner. Da muß man ja eine Verbesserung konstatieren zu dem Barbarella-Pyjama. Obwohl Orange auf Rot natürlich nicht wirklich optimal ist. Und schon wieder Satin. Aber wenigstens in einer Länge, daß ich ihr abnehme, daß das vom Erfinder als Kleid intendiert war. Apropos Satin:



Was hier auf den ersten Blick so putzig nach Mutter und Tochter aussieht, sind Barbara Schöneberger (Moderatorin) und Nadja Uhl (Schauspielerin). Auch hier wurde sich wieder in knittrigen Glanzfummel gepreßt, daß ich mich wirklich frage, ob es eigentlich auch Stoffalternativen gibt in dieser Medienmetropole da oben, oder ob bei denen allen die Bügelleidenschaft ausgebrochen ist. Warum nicht mal Baumwolle? Tüll? Samt? Irgendwas? Ein Stoff vielleicht, der von allein die Form hält? Es muß ja nicht gleich so bieder daherkommen wie bei dieser Frau, die ihrem Namen alle Ehre macht:



Jeanette Biedermann (Sängerin) macht hier einen auf Vorstellungsgespräch. Sie strengt sich so sehr an, mal ganz schick auszusehen. Und so wirkt das eben leider rundherum angestrengt, als sei sie nicht zum Vergnügen hier. Ich habe ja nichts gegen klassische Kombinationen, eher im Gegenteil, aber man sollte sich ja immer ungefähr dem Anlaß entsprechend kleiden. Und eine Modeschau ist weder eine Pyjamaparty noch ein Geschäftsessen mit Chef, dessen Verhältnis man ist, und danach geht's Fräulein zum Diktat aufs Hotelzimmer.



Und das hier ist eine einzige Unterlassungssünde. Alexandra Neldel (Schauspielerin) gibt sich augenscheinlich überhaupt gar keine Mühe. Gerade mal so ein Lederdings übergestülpt, fertig. Weder sind die Haare gemacht, noch kann von Make-up die Rede sein. Accessoires sind auch nicht vorhanden. Und für diese vollkommene Dekorationsverweigerung ist das Kleid schlicht zu langweilig. Das guckt man an und schon schläft einem das Hirn ein. (Abgesehen davon frage ich mich: Drückt diese Knautschzone da in der Mitte nicht? Ist das nicht unbequem?)

Aber kommen wir zu den Herren.



Erst einmal haben wir da Mousse T. (Musikproduzent), der offenbar der Meinung ist, ein eigentlich völlig akzeptables Outfit durch einen bunten seidigen Glitzerschal entstellen zu müssen. Soll das irgendwie künstlerisch wirken oder was? Wenn ja, dann scheitert das glorios. Warum hat er das nicht einfach so gelassen? Er hätte ja nochmal zum Friseur gehen können vorher, nur um ganz sicherzugehen, daß er nicht vielleicht mit irgendeinem Schlagersänger verwechselt wird. So hat er die Gefahr bloß erhöht.

Und dann wäre da noch der Unvermeidliche:



Der ist natürlich immer da und sieht auch immer gleich aus. Warum der überhaupt auf Modenschauen geht, weiß ich auch nicht. Ben Becker (Schauspieler) ist ja beratungsresistent. Bevor der sein Pseudo-Dandygetue sein läßt, da zieht sich eher noch Britney Spears die Cowboy-Stiefel aus und anständige Schuhe an. Und bevor Berlin eine ernstzunehmende Modemetropole wird, sollten in der Front Row zumindest ein paar Menschen sitzen, die zu photographieren sich lohnt.

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Als ich die Brille zum Putzen absetzen wollte, machte es knack und ich hatte zwei Teile in der Hand. Oder besser: Ein Teil, das zweite lag auf der Tastatur. Putzen mußte ich dann auch nicht mehr, aber geflucht habe ich wie ein Matrose.

Das fehlt mir gerade noch. Ich hatte eigentlich die Hoffnung, meine Brille noch eine Weile tragen zu können, weil ich mich nach sieben Jahren doch sehr an sie gewöhnt habe. Außerdem bin ich ohne Brille ziemlich blind, und ich kann ja auch nicht den ganzen Tag Kontaktlinsen tragen. Nicht jedenfalls, wenn ich auf den Bildschirm starre, Eitelkeit hin oder her. Ich wühlte das Schränkchen im Bad durch, und da fand sich ein ziemlich altes Drahtgestell, von dem ich nicht wußte, daß ich es noch habe, das einigermaßen verbeult war, die Gläser sind zu schwach und das rechte Glas ist außerdem gesprungen. Aber es ist besser als nichts, denn ohne Brille bin ich nicht lebensfähig. In der Steinzeit wäre sojemand wie ich als erster von irgendeinem Tier gefressen worden, heutzutage wird man nur noch überfahren, aber das reicht ja auch schon.

Klebeversuche brachten nichts. Kein Tesa hielt. Ich war verzweifelt, ein Fachmann mußte her. Also fuhr ich am nächsten Morgen kontaktbelinst zum Optiker, bei dem ich das gute Stück weiland erstanden habe, zeigte ihm die Bruchteile und sagte, ach was, ich flehte: Bitte sagen Sie, daß Sie das reparieren können!

Der Optiker schüttelte den Kopf. Das könne man kitten, aber das hält wohl nicht lange. Um eine neue Brille würde ich nicht herumkommen. Und hier, am Gelenk, da ist auch schon ein Sprung, Materialermüdung, nach sieben Jahren kein Wunder. Gut, sagte ich, kitten Sie, dann habe ich wenigstens eine Ersatzbrille für Notfälle. Gekittet ist das schnell, sagte der Optiker, aber dann muß das übers Wochenende aushärten und darf nicht bewegt werden. Dann haben wir die Chance, daß es einigermaßen hält.

Dann begaben wir uns vom Tresen in den Verkaufsraum, um ein neues Gestell auszusuchen. Und hier das nächste Unglück: Runde Gestelle gibt es im Moment praktisch nicht, sagte der Optiker. Das ist schlecht, sagte ich. Sie brauchen auch ganz kleine Gläser, und im Moment ist alles sehr breit. Das ist auch schlecht, sagte ich, weil ich ja ein eher schmales Gesicht habe. Der Optiker legte mir runde Hornbrillen heraus, so wie ich sie haben will, und das war gut. Dann versuchte er, mir die runden Hornbrillen auszureden, und das war wiederum schlecht.

Ich leg Ihnen hier mal was Eckiges hin, sagte er, und dann legte er mir lauter Eckiges hin. Ich probierte auf und sah wahlweise aus wie eine Agenturschickse oder wie Geordi La Forge. Beides war schlicht inakzeptabel und entsprach nicht meinem Selbstbild. Toll, fand der Optiker: Sachlich. Rational. Modern.

Ich bin aber weder sachlich noch rational noch modern, wandte ich ein. Der Optiker ließ das nicht gelten und hielt mir Vorträge, ich sei doch eine junge Frau, ich müsse doch nicht eine Brille tragen in einer Form, die um 1880 erfunden wurde, ich könne doch auch mal etwas anderes tragen, was moderneres, nicht immer nur meinen Retro-Stil, das brauche halt Zeit, sich an etwas zu gewöhnen, das sei eben ungewohnt, wenn ich meine alte Brille sieben Jahre lang getragen habe, aber ich werde schon sehen, da gebe es ganz schicke Modelle.

Halbmotiviert setzte ich die ganzen eckigen schicken Dinger auf. Es kam mir alles so falsch vor. Die Moderne, ein Irrweg. Das Schicke überhaupt, eine Sackgasse. Alles so neu und glänzend. Warum soll ich ein modisches Statement ausgerechnet mitten im Gesicht tragen, wenn ich nur eine Sehhilfe brauche? Warum kann ich nicht eine Brille tragen, die fünfzig Jahre lang hält, und ich muß mich nie wieder mit Optikern auseinandersetzen, die sich despektierlich über meinen Retro-Stil äußern? Kann ich nicht in Würde mit meiner Brille altern, die mir in meiner irrationalen und unsachlichen Existenz beisteht, und wir tauschen gemächlich unsere Moleküle aus, bis ich Brille werde und die Brille wird ich?

Schließlich wußte ich mir nicht mehr zu helfen, und ich griff zum Holzhammerargument, zu dem Satz, durch den jede noch so überzeugte Boutiquenbesitzerin und jeder noch so trendbewußte Optiker auf der Stelle bekehrt werden. Es ist der wichtigste Satz des mündigen Kunden, sich geschwätzigen Personals zu erwehren, und jeder sollte ihn kennen. Er lautet: Aber damit fühle ich mich so verkleidet.

Der Optiker zuckte merklich zurück. Nein, sagte er, verkleidet sollen Sie sich nicht fühlen!

Schließlich lernt jeder Verkäufer, daß er Kunden zwar zu Neuem ermutigen soll, wenn er diesen in seinem Stil festgefahren wähnt, und genau das vermutete der Optiker auch bei mir. Aber niemals, niemals darf der Kunde zu etwas überredet werden, was nicht seiner Persönlichkeit entspricht, weil der Kunde sonst unglücklich wird mit seiner nicht persönlichkeitskonformen Brille und nie wieder etwas bei diesem Optiker einkauft. Und so sagte er: Ja, Sie kehren immer wieder zu dieser Brille zurück, dann wird es die wohl sein. Kein Wort mehr über meinen langweiligen Retro-Stil und mein Alter und die daraus abgeleitete Notwendigkeit, ein dem flüchtigen Zeitgeschmack unterworfenes Brillenmodell zu kaufen, das ohnehin nicht zu meiner Gesichtsform passen würde.

Ich wollte nur nicht, daß Sie hinterher sagen, ich hätte Ihnen keine Alternativen gezeigt, sagte der Optiker fast entschuldigend und kümmerte sich um meine Kundendaten. Ich ging zufrieden nach Hause. Vor mir lag die Reparatur eines kariösen Weisheitszahns und drei Tage mit einem verbeultem Brillengestell und Sprung im rechten Glas.

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Schau einer an, dachte ich mir, ein neues Modemagazin. Das muß ich haben, dachte ich mir, vielleicht taugt es ja was. Auch wenn das Titelbild aussieht wie eine Escada-Werbung von 1986: Wer bitte trägt denn heute fuchsiafarbene Stretch-Mikrominis?



Wenn man dann ein bißchen näher hinschaut, dann sieht man unten links, ganz klein, aus welchem Haus das Magazin stammt: burdafashion.com steht da, und wer an Anne Burdas schwunghaften Schnittmusterhandel denkt, der hat recht. Aber der Reihe nach. Beginnen wir, wie es sich gehört, mit dem Editorial.

Ein gewisser Armin Morbach, der offenbar ein Faible für plusterige Schildkappen hat, bekam, so jedenfalls plaudert er aus dem Nähkästchen, einen Anruf von einem gewissen Reinhold G. Hubert, der ihn fragte, ob er das Projekt realisieren wolle. Herr Morbach zögerte angeblich keine Sekunde, holte sich das beste Team dafür und alle fühlen sich unglaublich geehrt, Aenne Burdas Erbe anzutreten. Und das sieht dann so aus, daß die neuesten Trends aus den Metropolen dieser Welt zusammen mit 21 Modellen zum Nachnähen kombiniert werden.

Bei Morbach hört sich das so an: In einer Zeit, in der alles immer schneller, besser und dem Trend entsprechen muss – und sich alle Damen immer mehr gleichen –, denken wir: Es ist Zeit, wieder seinen eigenen Stil zu zeigen. Vermutlich auch in Sachen Grammatik. Aber gut. Wie es stilvollen Damen mit selbstgenähtem Kleid ergeht, malt uns Herr Morbach auch noch anschaulich aus: Stellen Sie sich vor, sie gehen zu einer Veranstaltung, und alle sagen: "Wow, was für ein Kleid, woher hast du das …?" Und mit einem stolzen Lächeln sagen Sie: "Das habe ich selbst gemacht!" Genau das kann mit unseren Schnitten passieren, denn wir haben uns komplett daran orientiert, was in der großen Welt der Mode momentan absolut angesagt ist.

Der kompletten Orientierung am absolut Angesagten hilft es natürlich, daß zur Zeit Kastenformen und Schwangerschaftskleider in den Läden hängen, die ziemlich einfach nachzunähen sind. Trotzdem: Beim Blättern durch das Heft kann man gleich sehen, welches die Nachnäh-Modelle sind und welches die Designer-Modelle.

[Bildquelle: Burdamode.com]

Am deutlichsten wird das bei der Abendmode: Die Designer-Kleider haben feine Details, Polsterungen, Raffungen, Stickereien, sie schmiegen sich an Körperformen, wie sich gute Kleider an Körperformen zu schmiegen haben. Das Nachnäh-Modell hingegen ist ein Stoffschlauch mit riesiger Ostereierschleife. Nähtechnisch würde ich das auch hinbekommen, aber ganz ehrlich: Ich würde das nicht tragen wollen. Es sieht furchtbar aus. Es ist plump, der geraffte Rock aus steifer Seide trägt an den Hüften auf, das seh ich von hier, das Oberteil sitzt überhaupt nicht, das wirft Falten wo keine sein sollen, das bringt die Körperformen nicht zur Geltung. Das sieht aus wie eine Draperie für den Fensterbereich oder eine Tischdekoration, und Körper sind nunmal weder Fenster noch Tische, die sind nicht rechteckig und hart, sondern bringen eine eigene Form mit.

Stellen Sie sich vor, sie gehen zu einer Veranstaltung, und alle schweigen höflich und tuscheln hinter ihrem Rücken.

[Bildquelle: Burdamode.com]

Das könnte auch mit dem Wollkostüm passieren, das die Abwesenheit jeglicher Abnäher mit einer Schleife kompensiert. Oder mit den Kleidern, die aussehen, als trüge man sie verkehrtherum. So ein ordentlicher Kostümschneider lernt seinen Beruf ja durchaus ein paar Jahre, und zu Aennes seligen Zeiten war die Kohle knapp, die Frauen den ganzen Tag zu Hause und Nähen eine praktisch von Kindesbeinen an eingeübte Tätigkeit. Außerdem war es billiger, Stoff zu kaufen und selbst zu nähen. Heute dagegen ist es eher teurer, kaum eine Frau hat noch genug Zeit, sich stundenlang an die Nähmaschine zu setzen (ich auch nicht) und die Ergebnisse, nun ja, rechtfertigen den Aufwand auch nicht wirklich. Wozu also?

Doch gucken wir uns einmal an, was das Blatt mir sonst so zu sagen hat. Das Interview mit dem neuen Dior Homme-Designer ist ja ganz informativ, auch die Jungdesigner-Vorstellungen. Die große Story zu Beginn hingegen widmet sich, ja richtig: Aenne Burda. Solchermaßen unumwundene Lobhudelei hinterläßt bei mir ja einen durchaus schalen Nachgschmack. Eine Erfolgsstory ohne Substanz, lauter Nullaussagen und Redundanzen, immer und immer wieder wird Frau Burdas ach so große Bedeutung beschworen, bis sie sich auch dem letzten Depp ins Hirn gebrannt hat. Eklig.

Immerhin ist das Layout ganz schön, jedenfalls angenehm unüberladen und so weit entfernt von diesen Star-und-Shopping-Magazinen wie irgend möglich. Modestrecken gibt es natürlich auch – aber warum nur hab ich das Gefühl, daß man da einfach versucht hat, irgendwas zu finden, was einigermaßen zu den Selbstnäh-Modellen paßt? Die Photos selbst sind, höflich ausgedrückt, unspektakulär. Frauen stehen mit ernstem Blick auf mediterranen Garagendächern herum, meistens aber im Studio vor neutralem Hintergrund, ist ja auch viel billiger.

Ansonsten gibt es eine Seite über Stickereien, die in der Provinz sitzen und als Zulieferbetriebe für die großen Namen fungieren, vier Seiten über Druckknöpfe, Reißverschlüsse und Co., das ist ja ganz nett, zwei Seiten über Kaschmir, zwei Seiten über die geschäftlichen Hintergründe von fünf Modehäusern, fünf Designer antworten auf Fragen nach der Zukunft der Mode, zwei Seiten Zitate und Anekdoten und natürlich die üblichen Trendseiten, wo lauter Schuhe abgebildet sind oder alles in einer Farbe oder so. Dann zwei Seiten über Cannes und Capri, und jetzt kommen nur noch die komischen Selbernäh-Kleider. Alles irgendwie ein bißchen dünn.

Ein bißchen dünn ist auch die Werbung. Bei den einschlägigen Magazinen muß man sich ja am Anfang durch mindestens zwanzig Doppelseiten blättern, hier sind es drei, dann kommt schon der Inhalt. Schlechtes Zeichen. An Herrn Morbachs Stelle würde ich mich ja schonmal nach einem neuen Job umsehen. Das ganze Heft hat sowas irgendwie Wirtschaftswunderhaftes, das atmet Fünfzigerjahre, aber nicht im guten Sinn, nicht so, daß man an puderfarbene Abendroben denkt, sondern eher an Irmis Modesalon in der Vorstadt, mit echt Pariser Modellen, haha schon klar, und umherschwirrenden Modistinnen und Frau Verwaltungsdirektor, die noch was schickes für die Weihnachtsgala des Magistrats braucht, ihr wißt schon, ungefähr so:

[Bild: Tuchmacher-Museum Bramsche]

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Wie meine lieben Leser wissen, habe ich trotz eines frühkindlichen Carolin-Reiber-Traumas keine grundsätzliche Trachtenaversion. Es gibt Menschen, die mich sogar schon in aller Öffentlichkeit und an hellichtem Tage im Dirndl sehen durften und sich nicht einmal darüber beschwert haben. Ich gehe sogar auf Trachtenmärkte. Aber jetzt kommt das große Aber:

ABER. Wenn ich mir anschaue, was die hiesige Prominenz zum Oktoberfest auffährt, wird mit teilweise schwummrig vor Augen. Ich falle dann wieder in frühkindliche Carolin-Reiber-Traumata zurück und reagiere mit nervösem Lidzucken und Bildschirmflucht. Nehmen wir zum Beispiel dieses entzückende Bild von Bestsellerautorin Hera Lind und dem volkstümlichen Schlagerstar Patrick Lindner:



Da ist es wieder. Das Zucken. Das Ducken. Das Jucken. Ich weiß dann einfach nicht, was ich zuerst tun soll: Schreien, wegrennen oder an meinem Ausschlag kratzen. Sowas wird einem vermutlich als Palette warmer Herbsttöne verkauft, aber ich hab ja schon bei Techno das mit dem Orange nicht verstanden. Und daß der Stoff aussehen muß wie Zellophan, damit, zusammen mit den Schleifen und Rüschen, das am Ende aussieht wie der Laden meines Lieblingskonditors kurz vor Ostern, das verstehe ich einfach nicht. Aber natürlich gibt es auch das andere Extrem, das uns Nina Ruge hier mustergültig vorexerziert:



Gender Trouble ist nicht das einzige Problem an diesem Outfit. Wo hat sie die Großkatze erlegt? Im Münchner Zoo? Warum sitzt das Mieder so überhaupt nicht? Und ist dieses Ding allen Ernstes eine Handtasche? Wie ein Mieder auch nicht sitzen sollte, zeigt uns Jutta Speidel:

Stichwort: Kenne dein Dekolleté und wisse um dein Alter. Jutta Speidel ignoriert beides geflissentlich und erzeugt hier einen eher runzligen und leicht lappigen Eindruck, was ja wirklich nicht Sinn der Sache ist. Sinn der Sache, also des Anziehens überhaupt, ist es, seine besonders schönen Körperteile zu betonen und seine eher nicht ganz so bilderbuchmäßigen Körperteile zu bedecken oder zu kaschieren, auf daß man dem Betrachter einen gefälligen Anblick biete. Das mal so ganz grundsätzlich. Die Menschen denken ja immer wieder, Sinn des Anziehens sei es, seine sekundären Geschlechtsmerkmale den Blicken feilzubieten, koste es, was es wolle, und die primären notdürftig zu bedecken. Diese Regel gilt aber nur an einigen Stränden des Mittelmeerraumes und ist keinesfalls auf die gesamte Zivilisation auszudehnen! Wie man es besser macht, zeigt Raph Siegels Gattin Kriemhild:



Das ist praktisch das kleine Schwarze unter den Dirndln. Da kann man überhaupt nichts dagegen sagen. Auch gegen den Gatten nicht, solange er keine Musik für den Grand Prix schreibt. Hier sind sie jedenfalls beide schön ruhig, singen nicht, komponieren nicht und sehen dem Anlass gemäß anständig angezogen aus. Doch Vorsicht! Klein und Schwarz kann auch entsetzlich danebengehen!



Etwa bei Mörtel Lugner und seinen neuen Mausis. Auf sämtlichen Bildern sah man ihn inmitten eines offenbar in vollstem Schwange befindlichen Paris-Hilton-Lookalike-Contests, dessen Startgebür vermutlich einmal Mörtel knutschenmüssen war. Ständig war sein Gesicht von gebleichter Haarpracht umgeben. Er scheint es ja nochmal wissen zu wollen. Das hilft den Mausis aber nix, die Dirndl sehen aus wie das, was man im letzten Moment bei ebay ersteigert. Das heißt dann meistens Super Dirndl Wiesen Renner Party Spaß, komplett in Versalien, und die einzige Interpunktion sind Ausrufungszeichen. Für die Schürzen mußten offenbar hektarweise Polyesterfelder abgeerntet werden. Zusammen mit den Preßwursteffekt-Strumpfhosen sieht das dann aus, als wär man nicht beim Oktoberfest, sondern bei der Imitation desselben in der Dorfdisco Bruchköbel. Richtig feingemacht hat sich hingegen Frau Klose:



Sylwia, Gattin des Fußballers Miroslav Klose, gefällt mir hier richtig gut. Sie sieht aus, als sei sie direktemang der Schönheiten-Galerie Ludwig I. entsprungen. Das Dirndl ist festlich, aber nicht too much, nicht zu schrill und nicht zu ballermännisch. Das ist ein wirklich erfreulicher Anblick. Und das bei einer Fußballer-Gattin! Alle Achtung. Apropos Fußballer:



Frau Verena hat ja eine beachtliche Dirndlkollektion. Die braucht sie auch, weil sie ja so gern feiert, und wer jeden Tag auf der Wiesn rumhängt, muß seine Wiesnrumhängbekleidung auch ab und zu wechseln. Das hier ist dann sowas wie die Parishiltonisierung des Dirndls: Große Sonenbrille, rosa Schleifchen mit passendem Täschchen, blonder Zopf obendrauf, dann natürlich dieses Jagdstuben-Vorhangkaro und ein paar möglichst unverkennbare folkloristische Details (i.e. Edelweiß, Enzian) in der Borte. Damit macht man in L.A. sicher eine prima Figur. In München eher weniger. Aber kommen wir zu unseren auswärtigen Spielern:



Luca Toni und Marta Cecchetto sehen aus wie diese italienischen Porzellanpüppchen, die man, zusammen mit einem Säckchen Confetti, zu festlichen Anlässen (etwa der Erstkommunion der Großnichte zweiten Grades) geschenkt bekommt. Gut, die beiden können vermutlich alles tragen, was man ihnen überstülpt. Marta macht vermutlich auch in einem benutzten Kartoffelsack noch una bella figura. Dennoch, ein wenig Kritik kann auch sie vertragen, oder besser gesagt, ihre Füße: Was zur Hölle ging ihr denn da durch den Kopf? Ich meine: Cowboystiefel? Soll das ein gekonnter Stilbruch sein? Stilbrüche, Regel Nummer eins des gekonnten Stilbruchs, haben gefälligst unerwartet zu sein. Cowboystiefel hingegen sind, seit Madame Spears sich und ihre vermutlich schweißigen Füße damit durch den vorletzten Sommer schleppte, aber auch sowas von erwartbar. Immer, wenn jemand denkt, poah, jetzt kombinier ich mal was krasses dazu, dann nimmt er oder sie Cowboystiefel. Also bitte, Marta, nächstes Mal ein paar anständige Schuhe, und du bist die Homecoming Queen Münchens. Bei diesen dreien hingegen liegt das Problem schon tiefer:



Pierre Brice samt Gattin Hella und blaubedirndelter Schwester sollten vor allem einmal ein paar Wochen Sonnenbankabstinenz üben. Dann sollten sie sich innerlich wie äußerlich von den Achtzigern verabschieden. Ein wenig Pflege für das durch Dauercoloration beanspruchte Haar der Damen, so sagt man das schonend, glaube ich. Für ihn ein anderes Jackett und eine andere Brille, für die Damen eine Stilberatung, und schon könnte man sie direkt wieder auf die Menschheit loslassen. Für eine positive Überraschung meinerseits sorgten hingegen diese beiden:



Veronika Ferres im kleinen Schwarzen und Vladimir Klitschko, ausnahmsweise nicht in der üblichen beigen Wiesnuniform, sondern ganz unrustikal im feinen weißen Hemd mit dunkelgrüner Weste. Schick! So kann man auch inmitten der saufenden, grölenden, pissenden Massen noch seine Restwürde zusammenhalten. Aber manche wollen das auch gar nicht. Manche können vermutlich allein schon mit dem Begriff nichts anfangen. Würde! Das ist was für Sonntagsreden, denken die, und beweisen lieber ihre Präsenz im Hier und Heute, indem sie jegliche Würde als Steifheit abtun und dann so ein Bild abgeben:



Das ist natürlich sehr unschön. Denn egal, was sie tut, egal, auf wie locker sie auch macht, das ist einfach nicht das Gebiet der Frau Roth, das ist nicht ihr ureigener Grund. Da kann sie auf Party machen, wie sie will, das nimmt man ihr nicht ab. Das ist Pose, das ist gestellt. Das ist Verkleidung. Da braucht man welche, für die das nicht einfach nur ein Karneval ist, sondern die da hineingewachsen sind, die sich darin bewegen als in ihrem natürlichen Habitat, die das nicht saisonal überstülpen, sondern die das quasi verkörpern mit jeder Faser ihres Daseins, und die man nicht anders kennt und die für einen so normal daherkommen, daß man denken könnte, für die ist ja praktisch das ganze Jahr Oktoberfest, nur halt nicht so wild, und das geht für die immer so weiter in ihrem Lederhosenstaat da unten, und wenn sich die Zugereisten wieder verziehen und ihren Rausch ausgeschlafen haben, dann hüten die das Oktoberfest bis zum nächsten Jahr wieder, und sehen immer noch so aus und leben das immer noch. Dann braucht man welche wie die hier:

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'einen hab ich noch'


hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
[hadephy am 29.01.17 23:39]

For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
[hadephy am 10.12.16 16:05]

...
Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
[EinGedanke am 13.09.14 11:27]



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