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Der zweite Lesetag beginnt mit Linus Reichlin, eingeladen von Meike Feßmann, er lebt in Ehklarberlin. Im Video steht er am See, der Weite wegen. „Linus Reichlin arbeitet gern mit dem Rätselhaften“, sagt es dazu aus dem Off. Der Text heißt „Weltgegend“ und ist wohl das, was man welthaltig nennt und was man gut findet. Ein deutscher Arzt im Krieg in irgendeiner Weltgegend am Hindukusch, eine Bombe, und wie er da so liegt, und später wieder ins Lager fährt, bemüht er sich, das Geschehene zu rekonstruieren. Das Thema kann man ein bisschen bemüht aktuell finden, aber das ist schön erzählt, wenn auch sprachlich jetzt nicht sonderlich einfallsreich. Gefällt mir gut, weil schonmal Geschichte mit Personen und Handlung. Gefällt der Jury sicher nicht.

Für Winkels wirkt das jedenfalls schonmal wie Fernsehfilm mit kleinem Budget. Von der ganzen großen Weltgegend spürt er zuwenig. Und ist grantig, wenn er nicht fertigreden darf: "Dann können wir das hier auch sein lassen." Sulzer findet den Text klar und unverschwurbelt, aber Jandl ist gar nicht einverstanden: Kolportagehaft sei das. Da muß Feßmann natürlich verteidigen und tut das mit einigem Eifer. Frau Strigl dagegen denkt an Hemingway, der ja auch kolportagehaft sei, aber mehr Lehrstellen aufweise. Hier werde man an die Hand genommen, das sei erzählerisch ohne Risiko. Herr Spinnen erzählt aus der eigenen Wehrvergangenheit und wie traumatisch das für ihn gewesen sei, anscheinend findet er den Text dagegen ein bißchen läppisch. Feßmann, an Spinnen gerichtet: "Man kann doch einem Erzähler keine Souveränität vorwerfen!" Da entstehe ein Raum eine Geschichte. Frau Feßmann voller Verve für Reichlin, aber Spinnen ist überhaupt nicht überzeugt: So sei Krieg ja schon oft dargestellt worden, das sei ja nichts neues. Sulzer hält zugute, daß es der Beginn eines Romans ist. Frau Stadler würgt ab, und so werden wir nie erfahren, ob Sulzer den Roman lesen würde, aber ich vermute eigentlich schon.

Maja Haderlap wurde von Daniela Strigl eingeladen, sie ist eine echte Kärtnerin slowenischer Abstammung und lebt in Klagenfurt. Dort bewegt sich auch die Geschichte, nämlich in den dichten Wäldern irgendwo im Ortstaferlminderheitengebiet im Zweiten Weltkrieg. Ein Mädchen (ich habe erst gar nicht kapiert, welches Geschlecht das Kind hat) geht mit seinem Vater jagen. Das Problem ist: Irgendwann im Text wird die Mozgan-Bäuerin erwähnt, die die beste Schützin des Dorfes gewesen sein soll und immer auf dem Ansitz saß und strickte. Ich hätte gern gehabt, daß die Geschichte da abzweigt und bitte fürderhin nur noch von der Mozgan-Bäuerin handelt, deren Lebensgeschichte mich sehr interessiert hätte. Leider kann man nicht alles haben. Und vermutlich wird die Jury gleich was von Abgründigkeit murmeln.

Frau Stadler mahnt gleich mal "zeitökonomische Statements" an.Die Frau hat eine Prosa am Leib, daß es einen graust. Frau Keller beginnt: Ein unspektakulärer Text, der in die Tiefe führt. Also die des Waldes und noch so einige andere. Hat ihr gut gefallen. Sulzer findet ihn gar makellos. Jandl liefert historischen Background für Nichtkärntner und attestiert feine sprachliche und poetische Nuancen. Feßman hat zwar Respekt, würde die Angelegenheit aber ein paar Etagen tiefer ansetzen. Außerdem erwähnt sie Handke. Frau Strigl braucht gar nicht groß zu verteidigen: Der Wald öffne in großartiger Schlichtheit einen Erzähraum (mal wieder), und überwuchere am Ende alles. Winkels lobt, und Spinnen führt irgendwas aus, was ich nicht ganz verstehe. Gut, wir haben eine Preisträgerin.

An Julya Rabinovich hat einen unfaßbaren, schwarzlackirten Frisurhelm, malte früher, schreibt jetzt. "Erdfresserin" heißt der Text einer seltsamen Abhängigkeit, ein kranker Leo, eine Frau, die ihn pflegt, die hofft, einmal zu erben vermutlich. Die sich dafür so mehr oder minder prostituiert. Naja. Interessiert mich leider nicht so.

Winkels beschriebt erstmal, um nicht mit Kritik anzufangen. Sulzer findet den Text schwierig. Feßmann erklärt, was passiert, das sei so eine osteuropäische Pflegerin, das sei doch klar, aber leider ist nichts so klar, wie Frau Feßmann denkt. Das sei so ein weiblicher Intensivtext, den sie sonst nicht so schätzt, mit sozialem Hintergrund aufgeladen. Strigl findet den Text nun nicht schwierig, sondern sehr sinnlich und intensiv. Frau Strigl und ich gehen gerade nicht konform, aber sie muß das sagen, sie hat die Autorin ja eingeladen. Was ich auch nicht verstehe. Strigl klärt außerdem Metaphern: Diese Frau habe Sehnsucht, wieder rein und unbefleckt zu sein. Gut, das mag stimmen, aber deshalb interessiert es mich noch lange nicht. Spinnen vergleicht mit Schnitzler. Das sei als Plot wirklich gut, aber, und es komme immer ein aber, leider so hochinstrumentalisiert. Vielleicht finde die Autorin ihren Text zu toll. (Da mag er recht haben. Vermutlich ist sich die Autorin auch ihres Frauseins sehr bewußt.) Feßmann meint, das habe mit Schnitzler ncihts zu tun, das sei ein Ekeltext. Frau Strigl: Schnitzler ist keine schlechte Spur.

Auch die nächste Autorin plätschert ein bißchen an mit vorbei: Nina Bußmann liest "Große Ferien". Ein Lehrer-Schüler-Text. Juli-Zeh-Gedenkprosa, nur ohne diese ostentativ ausgestellte pseudoschlaue Pseudohärte.

Feßmann findet den Text genau gedacht, da (Achtung! wunderbarer Klischeesatz:) setze sich eine Autorin schreibend ins Verhältnis zur Welt (na, hab ich zuviel versprochen?). Winkels hat es gut gefallen und lobt das zwangsneurotische Unkrautzupfen zu Anfang. Da löse sich ein unterschwelliges erotisches Drama auf. Feßmann meint, da sollte man jetzt keinen Zangsneurotiker draus machen. Sulzer findet auch, Unkrautrupfen ist wichtig, und er habe sogar einen Flammenapparat, um das wegzuflammen, und er sei kein Zwangsneurotiker. (Manchmal hat er schon was Brutales.) Es schließt sich eine Diskussion an, ob der Lehrer schwul ist. "Der ist schwul", sagt Sulzer. "Und wenn er es nicht ist, dann ist er halt verklemmt." Spinnen konstatiert eine Reihe von Klischees, was aber kein Wunder sei, denn die Schule sei ja ein Schattenspiel mit vorgeprägten Rollen. Frau Keller möchte auf die sprachliche Dimension hinweisen. Das sei ja eine Meisterin der Mikrowelten, das sei ein Kriechen im Biologischen, im Botanischen, sehr viel Animalisches. Strigl sagt, der Text habe einen fahlen Glanz, den er absichtlich kultiviere, und Jandl lobt die genaue Sprache, die ja genau wisse, und da schalte ich nun innerlich ab, was vermutlich eine Art Selbstschutzmechanismus ist.

Es folgt Steffen Popp, der ja eigentlich Lyriker ist, aber als einer der wenigen nicht vorliest wie ein Lyriker, der jede Silbe zuendelutscht. Eingeladen wurde er von Frau Feßmann, und er leist "Spur einer Dorfgeschichte", was auch genau das ist: Eine kleine Gruppe fährt in ein Dorf ins Thüringische und macht sich auf Spurensuche. Das ist zwar handlungsfrei, beschreibt aber das Dorf auf phänomenologische Art, und es gibt darin sehr schöne Sätze wie "Unsere Winterjacken leuchteten touristisch, aber das war okay, wenn man auch nicht wußte, warum."

Es gehe um historische Spuren, auch um die Verwertbarkeit von Spuren, sagt Frau Strigl. Ein erzählerisch sehr reicher Text, der versuche, das EEG eines Dorfes zu zeichnen, poetisch und sozial. Winkels findet das eher unfertig, Sulzer bemängelt den Vortrag in litaneiartigem Ton, dadurch habe sich ihm der Text nicht mehr erschlossen. Man spüre die Absicht einer umfassenden Weltabbildung, sagt Frau Keller. Da sei alles drin, außer vielleicht Anschela Merkel. Frau Feßmann hat Shakespeare gelesen und weiß deshalb, warum die eine Figur Cordelia heißt. Bilder findet sie auch viele. Herr Spinnen verspürt eine große rhythmische Sicherheit wie bei einem Jazzmusiker, das könnte so weitergehen, er hat aber eine blöde prosaische Frage: Ja und? Thüringen? (Ja, Herr Spinnen, Thüringen. Fahren Sie da mal hin. Ich bin auch bald wieder da. Es ist großartig. Auf Thüringen laß ich nichts kommen.) Herr Jandl kann den Text wie einen gewebten Teppich lange betrachten, und ich gebe Jandl ja selten recht, diesmal aber schon. Frau Strigl ist froh, daß der Text weggeht vom Dorf der Mütter, der Debilen und Labilen. Der Leser könne sich ja mal ein bißchen bemühen, und es müßten ja nicht immer lauter Hemingways von Thüringen erzählen.

Dennoch der allgemeine Eindruck, Popps Text habe gefallen, vielleicht der beste dieses zweiten Lesetages, der nun zu Ende geht. Haderlap ist große Favoritin bei der Jury. Bußmann bekommt vielleicht auch irgendeinen Preis. Morgen geht es weiter, Thomas Klupp liest ganz zum Ende. Wir werden sehen, ob der zum Schluß noch den Laden rockt.

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Wie gut: Auch dieses Jahr gebloggte Substanz & Details

Wie schön auch dieses Jahr wieder eine substanzielle Zusammenfassung des Wettlesens bei den tddl hier angeboten zu bekommen; und als Bonus Einschätzungen zu den scheinbar unwichtigen Details. Bei soviel Mittelmäßigkeit der Wettlesenden ist es mitunter schwierig das Gehörte und Gelesene zu Erinnerung werden zu lassen.
Recht schönen Dank für Ihren Einsatz, Frau Diener!

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hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
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For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
[hadephy am 10.12.16 16:05]

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Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
[EinGedanke am 13.09.14 11:27]

ich war schon wieder in china


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Ich erzähle was über den Mekong


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Ist hier : www.wrint.de  ...
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DA freu ich mich drauf! :-)  ...
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