IMPRESSUM                     AKTUELL                      SUCHST DU WAS?                       THEMEN                     





                                           







Vier Stunden lang Ärsche von links und Ellenbogen von rechts ist auch kein Spaß. Die Ärsche, das ist die Toilettenschlange vorm Flugzeugklo, die Ellenbogen bekommt der ziemlich fettleibige Brasilianer neben mir nicht auf dem ihm zugedachten Platz untergebracht. Er ist mir ja leider schon gleich unsympathisch gewesen, als er mitten im Trubel noch großen Aufstand machen mußte, weil er neben seiner hochverehrten Gattin sitzen wollte und sie neben ihm. Kann man ja verstehen, aber man kann auch einfach nett fragen. Er nicht. So bin ich vier Stunden später also in Kairo, immerhin wohlgenährt dank Egyptair mit wirklich gar nicht so üblem Lachs mit Safranreis (mit dem finnischen Köttbullarschmelzkäsesandwich, das aussah wie wundgelegenes Knie, habe ich mir aber auch alle Maßstäbe verdorben), wenn auch mit schlimmem Schädelweh ob der permanenten Ausweichbewegungen nach rechts, wo kein Platz war, bzw. links, wo nur temporär Platz war. Der Bus, der sich Stopandgo durch Heliopolis quälte, machte die Sache nicht besser. Der Lachs endete unrühmlich in der Bustoilette und ich gleich auf meinem Zimmer.

Zuvor muß ich aber noch nachtragen: In Ägypten gibt es Mirinda Hibiscus, das ich auch am Flughafen erstanden habe, und weil der Verkäufer meinen Hundert-Pfund-Schein frisch aus dem Automaten nur ungern annehmen wollte, versuchte ich es mit Euro. Ok! sagte der Verkäufer, und strahle augenblicklich auf. One Euro! Man kann Ägypter sehr leicht froh machen, wenn man etwas in Euro bezahlt. Seitdem habe ich nicht mehr sonderlich viel abgehoben, ich zehre vom Mitgebrachten. Nachtragen muß ich auch den höchst offiziösen Empfang durch erst einmal Egyptair (Foto, Nelke, Goodiebag), dann durch das Fremdenverkehrsamt (Rose, Goodiebag). Keine Ahnung, in wie vielen Pressemitteilungen, Mitarbeiterzeitschriften, Intranetseiten mein verknautschtes, ungekämmtes, dehydriertes Abbild demnächst auftaucht. Es kann von diesen Deutschen, die da kommen sollen, nur abschrecken.

Verpaßt habe ich dann auf meinem Zimmer nur wenig, denn man ließ es sich nicht nehmen, das Menü in mein Zimmer zu rollen. So richtig mit Silberglocke und einsamem Röslein in weißer Porzellanvase. Es gab türkische Antipasti (ach, Sprachpuristen! Mittelmeerraum ist Mittelmeerraum), selbstgebackenes Brot und Lammfleisch, das in etwas gemüsigem eingewickelt war. Sehr hübsch und sehr gut. Der freundliche Kellner überschlug sich auch fast vor Eifer. Wie mir das Hotel gefalle? Gerade vor sechs Monaten eröffnet. Mist, dachte ich, die haben sich aber auch eine Zeit ausgesucht. Aber der Sommer ist noch lang und die Hauptsehenswürdigkeit (Tahrir) gleich ums Eck. Es sei sehr schön hier, sagte ich wahrheitsgemäß. Es ist auch ein sehr elegantes Hotel, viel Marmor, dunkles Holz, Muranoleuchter zum Saufüttern. Und das Goodie, die schön aufgezogenen Schwarzweißfotos aus dem alten Ägypten, gehört zu den geschmackvollsten, die ich jemals bekommen habe.

Bisher habe ich von Kairo also vorwiegend Stau mitbekommen, und um es vorwegzunehmen, dieser Eindruck bleibt den Rest des Aufenthaltes über wohl auch erhalten. Wenn man die Augen zumacht, erinnern die Geräuschkulisse und der Geruch ein bißchen an Rom. Aber es ist viel größer, viel mehr Menschen, mehr Autos, mehr Hupen, mehr Fiat, noch ältere Fiats mit noch mehr Beulen. Mehr Chaos, mehr Staub, mehr Müll, mehr alt mehr Fluß mehr Hochhäuser. Dafür weniger Papst. Und absolut keine Touristen.

Es ist beste Reisezeit, und wir sind hier die einzigen Europäer weit und breit. Wir fallen auf. Wir haben einen Fototermin am Tahrir-Platz, wo sich die Lokalpresse über die deutsche Delegation freut, wir bekommen kleine Winkelemente in die Hand gedrückt, die der ägyptischen Staatsflagge nachgebildet sind und winken. Und lächeln. Ich bekomme gleich zwei Flaggen, dann weist mich der Fotograf an, weiter zu winken und zu lächeln. Ich winke. Ich lächle. Ein Transparent wird ausgerollt, mehr Kameras, mehr winken, mehr lächeln, und langsam sammelt sich neugieriges Volk um uns herum. Drei junge Damen kommen kichernd auf mich zu, Photo please, lächeln, winken, Handyfoto. Thank you. Dann lasse ich den Rest winken und lächeln, und gehe ein wenig auf dem Platz herum. Es ist ja schließlich ein historischer Ort, das ist hier Tahrir, der Platz, den ich vor zwei Monaten so genau beobachtet habe, dem ich als Twitter-Hashtag gefolgt bin, der immer wieder in den Nachrichten gezeigt wurde, wie er voll von Menschen zu einem brodelnden Irgendwas wurde, das es schließlich schaffte, ein Regime zu stürzen. Da drüben ist der KFC, der in neuem Glanz wieder eröffnet hat. In ein paar Monaten ist vermutlich Starbucks da. Drüben steht ein schwarzer Block, das ist das niedergebrannte Regierungsgebäude. Das Museum dagegen ist, zumindest von außen, so rosa und frischgestrichen wie eh und je. Devotionalienhändler verkaufen alles, was sich mit den Landesfarben bedrucken läßt: Pins fürs Revers, T-Shirts ("Tahrir Square Freedom Facebook"), Autosonnenschutz mit Saugnoppen. Der Rasen leidet noch ein wenig, aber es liegt kein Müll herum, Ordner sprühen Wasser und winken. Ich winke zurück. Am nächsten Tag sind wir auf der Titelseite der englischsprachigen Egyptian Gazette, der Rest berichtet immerhin von den Deutschen, die den Tourismus fördern sollen. Tourismus ist wichtig in Ägypten, eine ernste und wichtige Sache. Und je schneller die Reisegruppen wiederkommen, desto besser für das Land.

Zwar sind alle, die ich treffe, optimistisch. Aber derzeit sieht es nicht nach einem Reiseboom aus. Wir fahren raus aus Kairo, durch die wild wuchernden Vorstädte nach Gizeh. Sobald man den Nil kreuzt, beginnt eine Art organisch wuchernde Menschenbesiedlung aus rohem Ziegelstein und Beton, aus dem oben noch die Stahlträger herausstehen. Hier waren einmal Felder. Dann wurden die Felder bebaut, dann setzte die nächste Generation ein Stockwerk drauf, und kein Dach, weil die übernächste Generation bestimmt auch bald aufstocken will. Das Prinzip kennt man aus Süditalien, hier ist es ins Extrem getrieben, Menschen in Waben gesteckt wie Bienenlarven, es wird angebaut, unten, oben, an der Seite, Plätze bilden sich, Läden eröffnen, es ist unegordnet und chaotisch wie alles hier, aber es läuft irgendwie. Kairo funktioniert, weil alle auf die Selbstregulierungskräfte vertrauen: Des Verkehrs, des Geschäftslebens, der Stadt. Und wo Kairo langsam aufhört und in Gizeh übergeht, da sieht man sie schon hinter den Häusern aufragen, erstaunlich groß und mit einiger Selbstverständlichkeit ins Leben eingebunden, ohne viel Brimborium einfach da, die Pyramiden.

Es gibt einen riesigen Busparkplatz, der ist leer. Weiter oben ist noch ein Parkplatz, der ist auch leer. Das sind die fucking Pyramiden, denke ich, warum ist hier keiner? Nicht mal eine evangelische Bildungsreise aus Hinterschwaben. Gar nichts. Nur wir. Und die Ägypter, die dort herumsitzen und picknicken oder spazierengehen. Und eine Menge Händler, die sich wie eine ziemlich ausgehungerte Wolfsrotte auf uns stürzen, weil sonst niemand da ist und zu Hause die Familie wartet, wenn sie nicht gerade vor der Sphinx steht und Postkarten verkauft. So, denke ich, wird es nie wieder sein, nur jetzt, in dieser kurzen Zeit. Deshalb melde ich mich auch, als gefragt wird, wer in die Pyramide hineingehen will. Auch wenn jeder sagt, es gebe dort absolut nichts zu sehen. Aber hiersein und nicht reingehen, das geht nun auch nicht.

Wir klettern also die Stufen hoch zum Eingang, dann geht es ins Innere. Erst komfortabel, dann steil nach oben. Es gibt Holzrampen mit Leisten drauf, wie Hühnerleitern, darauf geht es den niedrigen Gang hoch. Es ist stickig, und über uns kehrt gerade jemand den Staub der Jahrtausende weg, den bekommen wir auch noch ab. Husten. Nach dem ersten Schacht und dem zweiten Grabfake, das die umsichtigen Erbauer zur Ablenkung der Grabräuber angelegt haben, kommt der Hauptschacht. Und der ist nun gar nicht mehr niedrig, sondern erhebt sich steil nach oben. Die Wände sind nicht glatt, sondern stufig abgesetzt und dunkel, was interessanterweise nach sehr moderner Architektur aussieht. Wir schieben uns den Schacht nach oben, dann kommt ein weiterer niedriger Gang, dann die Grabkammer mit dem Steinsarkophag. Und natürlich gibt es hier eigentlich nichts zu sehen, nur zu wissen und zu begreifen. Das ist alles und ziemlich viel.

Auf dem Weg nach draußen begegnen uns dann doch Touristen: Eine koreanische Oma, die auf geradem Boden schon kaum laufen kann und sich von ihrem Sohn gestützt nun hier hochkämpft. Sie muß das sehr gewollt haben, denke ich, daß sie nun hier ist, ohne Reisegruppe, kurz nach der Revolution, und sich die Hühnerleitern antut, nur um einmal in der Pyramide zu stehen. Solange es solche Leute gibt, ist alles in Ordnung.

... comment

 

Kairo? Was machen Sie denn in Kairo?

... link  

 

Sie nutzt den günstigen Moment? ;-)

Marc

... link  


... comment
 

Entschuldigung, ich bin da nicht ganz mitgekommen: warum haben Sie den Platz nochmal nicht tauschen wollen (was Ihnen ja immerhin die Ellenbogen erspart hätte) und was hat das damit zu tun, dass der "ziemlich fettleibige" Brasilianer ist oder spielt das dann doch eher eine untergeordnete Rolle?

... link  

 

Kräftig gebaute Menschen in der Holzklasse, das ist nie spassig.

... link  

 

Ich habe nicht tauschen wollen, sondern einen Gangplatz gehabt, den ich gerne hätte einnehmen wollen, was aber kaum möglich war, weil ein rein portugiesischsprachiges Ehepaar mitsamt Gepäck so ziemlich alles blockierte, und die Erklärungen, Anweisungen und Entschuldigungen der zunehmend genervten Flugbegleiterinnen entweder nicht verstehen wollte oder konnte. So ungefähr.

(Ich kann es natürlich auch nochmal aufmalen.)

... link  


... comment
 

Oha! Von Turku nach Kairo, das ist ein Sprung. Demnächst im Reiseblatt?

... link  

 

notizen aus der realität

Hört sich an, als seien Sie im Auftrag der Zeitung unterwegs. Da müssen Sie sehr stark sein, denn mit Realität hat das, was Ihnen nun vorgesetzt wird, nicht mehr viel zu tun.

Na, ich habe es kommen sehen. Aber Sie wollten damals ja unbedingt den Führerschein machen, statt sich ein Tatoo stechen zu lassen. Damit fing alles an... Und jetzt sitzen Sie in Kairo in irgendeinem dahergelaufenen Glamourhotel.

... link  

 

Tja. So ist das. (Man darf nicht erwarten, daß einem die Realität vorgesetzt wird,damit fängt es wohl schon an.)

... link  

 

Das klingt doch als wären sie dabei gewesen Frau Diener?

"Germans march in Cairo to promote tourism"
www.almasryalyoum.com

... link  

 

It was actually "From Brandenburger Tor to Tahrir Square – peaceful revolutions are possible". Aber ansonsten: Ja.

... link  

 

Brandenburger Tor?

Da war die friedvolle Revolution ja wohl schon durch, auch wenn man im Ausland angeblich das Tor eher kennt, aber sollte es nicht besser heißen: From Nikolaikirche...?
Tahir-Platz kannte ja auch keiner vorher.

... link  

 

Natürlich. Blöderweise hat von der Nikolaikirche in Kairo noch niemand gehört, fürchte ich.

... link  

 

Was meinem Lokalpatriotismus einen tiefen Schlag versetzen sollte. Was es aber nicht tut. Machen Sie bitte weiter, Andrea. Es ist gut, etwas vom richtigen Leben™ in Ägypten zu hören. Wenn es geht, schauen Sie bitte, was es mit den Plünderungen im Ägyptischen Museum wirklich auf sich hatte.

... link  

 

es ist schön, daß sie wieder auf reisen sind!
ich freue mich auf weitere berichte, die hoffentlich noch folgen. und vielleicht brauche ich eines tages mal einen hotel-tipp für kairo. ;-)
(london haben wir inzwischen gebucht. allerdings in einem anflug von dekadenz ein anderes. wenn die zugfahrt schon nur 50 euro kostet, kann man beim hotel eine schippe drauflegen. ;))

... link  

 

zum Thema Plünderungen

Schon vor 20 Jahren herrschte im Museum ein herrliches Tohuwabohu. Auch angesichts der weitgehend zufälligen Anordnung der Exponate wäre das Fehlen einiger Gegenstände kaum aufgefallen.
Die Führung, an der ich teilnahm, hätte Monty Python zur Ehre gereicht. Ich erinnere mich gerne daran zurück.
An den Pyramiden war - früh am Tag - auch damals nix los ausser Fliegen und Staub. Ach ja, es war gerade Golfkrieg...

... link  


... comment
 

Wahrscheinlich, die beste Zeit, Kairo aufzusuchen.

... link  

 

Sichtbar

Ich bin erstaunt, seit wann kann man denn die Pyramiden schon aus dieser Entfernung erkennen? Es muss sich wirklich etwas in Kairo getan haben. Bei meinem Aufenthalt in Kairo, es war ein Februar vor wenigen Jahren, haben wir die Pyramiden nur schemenhaft aus einer ähnlichen Entfernung erkennen können.

... link  

 

Das liegt daran, daß die Häuser immer näher an die Pyramiden heranwachsen. Da war vor einigen Jahren nur Feld.

Und ja, Ägypten jetzt besuchen. Ich komme gerade aus dem Tal der Könige, da war es geradezu lächerlich leer. Keine Schlangen, kein Anstehen. Fünf Händler pro Tourist, aber damit kann ich leben.

... link  


... comment

                                        
seit 6647 Tagen sitz ich hier
letzte Bestellung: 18.02.20 12:30



Suche und finde






... antville home




helpful


nice taxation services Kent  ...
[JackyJackson am 18.02.20 12:30]

helpful


nice carpet cleaner Yorkcarpet cleaners Cambridge  ...
[JackyJackson am 18.02.20 12:27]

helpful


nice limousine Cardifflimo hire Bristollimo London  ...
[JackyJackson am 18.02.20 12:22]

helpful


nice movers Oxfordmovers Sloughmovers Telford  ...
[JackyJackson am 18.02.20 12:15]

helpful


nice HVAC installation San Diegoair conditioner installation Chula VistaHVAC repair Santee  ...
[JackyJackson am 18.02.20 12:11]

helpful


nicehealing Londonsacred geometry London  ...
[JackyJackson am 18.02.20 12:07]

'einen hab ich noch'


hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
[hadephy am 29.01.17 23:39]

For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
[hadephy am 10.12.16 16:05]

...
Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
[EinGedanke am 13.09.14 11:27]



Februar 2020
MoDiMiDoFrSaSo
12
3456789
10111213141516
17181920212223
242526272829
August



Made with Antville
powered by
Helma Object Publisher

ALVORADA POWERED


and made on a

RSS Feed
RSS gibts auch.