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Da bricht auch schon der letzte Morgen an. Gestern habe ich so viel Kultur gesehen, heute will ich endlich shoppen gehen. Ich stelle den gepackten Koffer im Hotel ab, beschließe, mich nach dem Frühstück zu Fuß auf den Weg zu machen und werde von strahlender Sonne empfangen. Gülden glänzt das Trottoir, und ich mache mich auf dem Eis, das beim besten Willen nicht mehr schwarz aussieht, auf den Weg nach Süden.

Rings um Harrods ist die Hölle los. Überall in den Läden ist die Ware reduziert und schon ziemlich ausgeräubert. Ich gehe nicht zu Harrods sondern ein paar Läden weiter zu Church's, wo ich auch ein paar schöne, braune Schuhe mit hoch angesetzter Fransenlasche und Schnalle finde, aber es ist das letzte Paar und nicht meine Größe. Letztes Jahr war ich die einzige im Laden und wurde von drei Verkäufern bedient, jetzt ist das Verhältnis eher umgekehrt: Drei Kunden pro Verkäufer. Aber gut, es ist schließlich Samstag.

Ich laufe zur King's Road, wo ich dem Parfümhersteller Penhaligon's einen Besuch abstatte. Im April habe ich dort das wunderbare Bluebells gekauft, das genauso riecht wie die Frühjahrsblumenausstellung im Palmengarten, die immer dann stattfindet, wenn der Februar am grauesten ist und die Depression am schlimmsten. Man geht also in das Gewächshaus, und es riecht alles frisch und feucht und nach Hyazinthen und genauso riecht dieses Parfüm. Man benutzt es am besten auch, wenn der Februar am grauesten ist und die Depression am schlimmsten, denn dann kann es Wunder wirken.

Die nette Verkäuferin erinnert sich an mich, und wir plaudern ein wenig über die Kälte. Einige Geschäfte rings herum müssen früher schließen, weil die Angestellten nicht kommen können, weil die Verkehrsmittel nicht funktionieren. Wirklich? sage ich. Die Verkäuferin hat Verwandte in Deutschland, was sie mir letztes Mal schon erzählt hat, und wundert sich, daß dort trotz Kälte weiterhin alles seinen Gang geht, nur nicht in London. That's really embarassing for our country.

Die Verkäuferin hat einen wunderbaren Ritus, auch deshalb mag ich den Laden. Man nimmt auf einem rot gepolsterten Samtsofa Platz, manchmal gibt es auch Tee, und dann beginnt die Suche nach dem passenden Duft. Vorlieben? Kenne ich schon etwas? (Ja, alles bis April letzten Jahres.) Beim ersten Mal gibt es die komplette Palette, und dazu nimmt die Dame ein paar besprühte Papierblättchen aus einem Glas, das neben jeder Flasche steht, und sagt grob, was einen erwartet: Exotic, rich, very complex, with a hint of orchids. Oder: Light, green, like a summer rain, good for a very hot day. Nach dieser kurzen Charakterisierung flappt sie die Streifen über ihr Handgelenk, um die aufzufrischen, dann wedelt sie einem zwei, drei Mal kurz an der Nase vorbei. Ja, nein? Gut, nicht gut? Is that lime? Yes, that's lime. Irgendwann ist man bei den zwei besten angekommen, die bekommt man auf das rechte und linke Handgelenk gesprüht, damit man sie direkt auf der Haut vergleichen kann. Die sommerliche Limette riecht an mir leider wie Putzmittel, insofern greife ich auf Nummer zwei zurück, das ist Elisabethan Rose. Gut, ich suche schon lange eine Rose, dann soll es diese sein.

In einer kleinen Seitenstraße an der Sloane Street kaufe ich ein paar Schuhe nach längerem Zögern doch nicht, was auch eine gute Entscheidung war, denn gleich daneben ist der Laden von Selina Blow. Blow ist, wie ich hinterher erst herausfinde, die Schwägerin der verstorbenen großen Hutträgerin Isabella Blow. Was ich zuerst sehe, das sind die Stoffe, richtiger, weicher und gleichzeitig robuster Tweed und Samt und Brokat, aus denen einfache, aber wirkungsvolle Jacken und Mäntel geschneidert sind. Der Laden wirkt einfach und ein bißchen rümpelig, im eher improvisierten Schaufenster liegen einige Bügel und Kleidersäcke mit undefinierbarem Inhalt herum, auf einer Puppe hängt ein umwerfender Tweedmantel, in einem Regal stapeln sich indische, bestickte Schuhe. Keine Preise, aber egal. Ich muß hier rein. Sofort.

Eine Dame namens Pip stellt sich unverbindlich dazu, als ich durch die Reihen stöbere. Pip verkauft nicht, Pip plaudert. Das ist irischer Tweed, davon haben wir eigentlich viel zu wenig bestellt. Wie gefällt Ihnen der? Ganz weicher Raglan, fühlen Sie mal. Und das? Ach ja, das ist unser Bette-Davis-Dress, den trägt sie in einem Film, und den haben wir nachgeschneidert. Ganz dichter italienischer Georgettestoff. Das will ich dann natürlich anprobieren, und so werde ich eine Etage tiefer geschickt. In der Zwischenzeit trifft eine weitere Dame ein, die aussieht, als käme sie gerade vom Pferd: robuste Schuhe, robuste Hose, dicke warme Weste. Eine rundherum handfeste Erscheinung. You like a tea? Aber gern. Mit Bette Davis ziehe ich mich in die Kabine zurück, dann kommt der Tee, während ich versuche, den kleinen schwarzen Hund davon zu überzeugen, daß ich jetzt wirklich keine Hand frei habe, ihn zu streicheln. It is so hard to find a good day dress, sagt die handfeste Person und zieht den Hund aus der Kabine. They are either teenage or frumpy. You know what frumpy is? Oldfashioned and trying too hard so it comes round the other way. Bette Davis paßt im Übrigen. Warum sind gute Kleider so schwer zu finden? They are hard to make. Jackets are easy.

Pip und die andere Dame zeigen mir noch einiges anderes, ich trage mal eben ein Matrosenkleidchen zur Probe, das bislang noch keiner sonst anhatte, ich probiere dann noch einen Mantel und eine Jacke, die alle außerordentlich gut sitzen. Vor allem im Rücken, das ist die kritische Stelle. Ich vertraue den beiden an, daß ich ja eigentlich ein Tweedkostüm suche, also klassisch, aber eben nicht frumpy. Pip verspricht mir eine Mail, wenn wieder neue Tweedstoffe angeliefert sind und meint: Yes, that sounds like fun to make. Man ist hier ja sehr flexibel, man ändert schonmal oder näht auf Bestellung. Man ist keine Boutique mit Schicksenverkäuferin, sondern eher eine Art Werkstatt. Und so bekomme ich Bette Davis eingepackt und Pip bekommt meine Mailadresse. Erst später erfahre ich, daß Selina Blow nicht nur mit Isabella Blow verwandt ist, sondern die handfeste Dame war, die mir den Tee kochte und dann fragte: Is it drinkable?

Wenn man solche Läden findet, fällt alles danach nur noch ab. All die Modeketten, deren Produkte jeder trägt, die vielen Tüten mit Prada-, LV- und Armani-Aufdruck, das reiche Fußvolk, das vorgibt, sich für Mode zu interessieren und dann doch nur kauft, was man ihm vorkaut, zum doppelten und dreifachen Preis eines guten Handwerksproduktes. Aber sie wollen es ja so, sie wollen mit ihren Markentüten durch die Stadt laufen und sich als Teil einer Ingroup fühlen, und am Handgelenk baumelt ein teurer Ledersack, der nicht älter sein darf als ein halbes Jahr, und der Bügel der Sonnenbrille trägt eine goldfarbene Aufschrift. Und sie kaufen in jeder Stadt das Gleiche, weil es in jeder Stadt die gleichen Läden gibt, in denen dieses Fußvolk bedient wird und sich aus unerfindlichen Gründen exklusiv vorkommt. Ich kriege ja in den Läden schon Ausschlag. Dann lieber Tee mit kleinem Hund.

Kurz überlege ich, noch einen Abstecher über V&A und den dortigen Museumsshop (die Mutter aller Museumsshops!) zu machen und an der Royal Albert Hall vorbei nach Hause zu wandern, entscheide mich dann aber doch für den Weg über Piccadilly, dann kann ich nochmal durch die Burlington Arcade wandern und bei John Lobb ins Schaufenster starren. In der Burlington Arcade gibt es ein Antiquitätengeschäft, da stehen die beiden Zwillingsschwestern der Chryselephantine, die ich in Verona schon immer bewundere. Falls ich einmal in die Verlegenheit kommen sollte, richtig richtig reich zu sein (also nie), dann kaufe ich alle Chryselephantinen, derer ich habhaft werden kann (ja, ich bin Soane-gefährdet). Derweil bleibt mir nur übrig, ins Schaufenster zu starren.

Zurück ins Hotel. Zu meinem Unglück fängt es nun wieder an zu schneien. Ich nehme mir ein Taxi zur Liverpool Station, denn von dort aus fährt der Zug. Zug ist gut, Zug ist verläßlich, so hoffe ich. Es fährt aber kein Zug, sondern ein Schienenersatzverkehr. Also ein Bus. Für mein Geld bekomme ich immerhin einen sofort abfahrenden Bus, der nicht so voll ist wie der Billigbus und dessen Fahrer beim Kofferwuchten hilft. Der teure Bus braucht auch nur eine Stunde. Es schneit. Ich bange. Fliegt mein Flug? Ist Stanstead offen? In diesem Moment klingelt das Mobiltelefon: Ich hab grad nachgeschaut, Dein Flug ist übrigens nicht gecancelt. Das sagt der verhinderte Reisebegleiter, den das Gewissen wegen seines abgesagten Fluges so sehr plagt, daß er jeden Abend anruft und mir ausschweifend erklärt, wie unangenehm es ihm sei, daß ich jetzt hier allein und überhaupt, und ich erkläre dann, daß ich gerade sehr viel Spaß hatte und dann seufzt er ein bißchen herum und ist neidisch. Heute allerdings hat er genau die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt.

Der Flug ist spät, aber ich komme um Null Uhr Ortszeit in Frankfurt Hahn an, es fährt mich ein Bus nach Frankfurt, ich steige schon am Flughafen aus und nehme das Taxi. Dann falle ich um. So ein Kurztrip kann einen fertig machen, und mir tut gerade alles weh. Ich bin entsetzlich viel gelaufen, habe dabei zu wenig gegessen, die ganze Zeit die schwere Kamera getragen (Leica hilf!) und am Flughafen gewartet, gewartet, gewartet. Erstaunlicherweise macht einen Warten besonders fertig, mehr als fünf Kilometer Fußmarsch. Aber ich habe wieder ein paar neue Ecken in dieser Stadt entdeckt. Und seltsamerweise kann ich mich an meine Londoner Besuche immer besonders gut erinnern und dort an alles, was ich mir angeschaut habe. Es gibt Städte, die verschwimmen in einem Rauschen, ich weiß kaum noch etwas von und über Dublin, aber London ist mir immer sehr präsent. Jetzt wieder etwas mehr.

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Werte Frau Diener,
besten Dank für diesen schönen Bericht, der gleich den Wunsch entstehen läßt, auch mal wieder dorthin zu reisen.

Nur der Ausdruck"shoppen" paßt so gar nicht. Bei "shoppen" stelle ich mir immer so blonde RTL-girls, so möhtegern Paris Hiltons vor, die mit eben den gelabelten Tüten durch die Stadt ziehen und Geschäfte wie Isabella Blow gar nicht sehen.
Aber das ist nur meine persönliche Assoziation.
Es grüßt DF

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Selina Blow. Sie hat auch eine Homepage. www.selinablow.com

Das Bette Davis-Kleid ist auch dabei. Sonst hätte ich um ein Foto davon bitten müssen.

Was an dieser besseren englischen Kleidung immer auffällt, sie ist so solide. Ein besseres Wort fällt mir jetzt nicht ein.

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Das Bette Davis Kleid ist zauberhaft! Der Red Harris Coat hätte es mir auch angetan...

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Meine Bette Davis ist schwarz, und den Kragen kann man natürlich auch einfach runtergeklappt tragen. Aber das beste ist der Stoff, "solide" trifft es ganz gut. Im 19. Jahrhundert hätte man auch gesagt: reasonable. Wenn ich nicht drastisch zu- oder abnehme, kann ich das zehn Jahre tragen. (Es ist im Rücken zum Binden, also eh variabel.)

Don Ferrando, stellen sie sich das Wort "shoppen" bitte mit leicht ironischem Unterton vor.

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loreley, danke für den link.
Bei Men's wear gibt es eine herrliche zweireihige rote Samtjacke.
Das wäre genau das richtig Stück, um sonntags vormittags in seiner Bibliothek ein Gläschen Port zu trinken und Thackery zu lesen!

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Mit Paisleyhalstuch. Oh ja.
Der Mantel, der im Laden stand, ist übrigens gleich der erste vorn. Auch nicht für jeden, aber wenn er einen Besitzer gefunden hat, wird er ihm jahrelang Freude bereiten.

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Und seltsamerweise kann ich mich an meine Londoner Besuche immer besonders gut erinnern und dort an alles, was ich mir angeschaut habe.

Seltsamerweise sind meine London-Erinnerungen (in den frühen 90ern bin ich mal eine Woche dort gewesen) total verwischt und bruchstückhaft, so dass ich mich frage, wo ich eigentlich meine Augen hatte. Die ganzen Postkartenmotive wie Trafalgar Square, Parlament, St. Paul's habe ich überhaupt nicht im zerebralen Speicher. Wohl aber die Docklands ganz deutlich mit dem Canary Wharf Tower und den genialen Camden Lock Market. Warum in der Stadt selbst so wenig hängengeblieben ist an konkreten Erinnerungen, ist mir schleierhaft. Aus jeder anderen großen Metropole habe ich sogar in viel kürzerer Zeit wesentlich mehr Detailerinnerungen mitgebracht. Strange...

Dem Genuss der Reisenotizen aus der Realität tut das übrigens gar keinen Abbruch, ganz im Gegenteil.

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Oh ja, Camden Market. Den habe ich diesmal ausgelassen, obwohl er in Laufweite gewesen wäre.
Die besten Erinnerungen habe ich allerdings an Hampton Court. Das ist zwar auch ein bißchen außerhalb, dennoch kann man dort einen ganzen Tag verbringen und sich vom Tudor hochhangeln bis ins frühe 19. Jahrhundert, Epoche für Epoche.

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hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
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Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
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