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Verläßt man das windige Tal, in dem der See liegt und begibt sich in die nächste größere Stadt, sagen wir: Mantua oder Brescia oder Verona, dann staut sich die Hitze dort auf und nichts und niemand bringt sie wieder von da weg. Besonders den steingepflasterten Boden der Gasse mag sie, da kommt sie einem von oben und von unten und von der Seite entgegen, wie Föhnen auf höchster Temperaturstufe, und es bleibt einem nichts anderes übrig, als den Mittag im Schatten zu verbringen: Im Café, in sehenswerten Innenräumen, auf dem Nordwest-Balkon. Man beginnt, das Leben um die Mittagshitze herum zu planen: Zwischen eins und vier geht hier garnichts, die Geschäfte schließen und manche Museen und sogar viele Kirchen. Mittags regelt sich alles auf halbe Geschwindigkeit herunter, sogar die Schatten ziehen sich unter Arkaden und in Loggien zurück, und wenn man die Hunde im Schatten dösen sieht, möchte man sich am liebsten dazulegen.

Das Internet-Café macht immerhin schon um drei auf. Während ich zu Hause stundenlang herumklicken kann, weiß ich hier manchmal kaum, wie ich die Stunde herumbringen soll. Nachdem die notwendigen Dinge erledigt sind, bleiben meist noch 30 Minuten übrig, in denen ich ziellos Nachrichtenseiten ansteuere und mich desinteressiert über die fernen bundesrepublikanischen Vorgänge auf dem Laufenden halte. Oder das Wetter dort. Oder über irgendwelche lustigen Blogskandale, mehr Pausenamüsement als Aufreger. Gibt ja wichtigeres, zum Beispiel den Palazzo Té zu besichtigen, über den ich vor ziemlich genau zehn Jahren mal ein Referat gehalten habe. Im zweiten Semester, lang ist's her.

Wenn man da sitzt, im Saal der Giganten, wenn alles um einen herum zusammenbricht und unter Trümmern begraben wird und man gar nicht mehr weiß, wo der Raum anfängt oder aufhört, weil man irgendwie keine Ecken findet, weil die zugegipst wurden, und das Auge keinen Halt, weil alles ein einziges Gewimmel un Getobe ist und überall stöhnende schmerzverzerrte Gesichter und Körperteile und Steinbrocken und sterbende Titanen durcheinanderfallen, und odendrüber die triumphierenden Götter und ganz, ganz oben eine Balustrade mit ein paar Zuschauern drauf, die das Geschehen vom Balkon aus beobachten wie man selbst von unten aus. Wenn man da Graffitti findet von deutschen Grandtouristen, die im Jahre 1736 schon hier waren und sich verewigt haben im Putz. Wenn man da hindurchläuft, um schließlich in der Grotte zu landen, fein und zierlich mit Rankwerk bemalt und einem intimen Gärtchen, in dem der Klatschmohn blüht, dann fragt man sich schon, womit man sich so beschäftigt und warum, zur Hölle, warum eigentlich.

Als ob etwas davon bliebe. Als ob sich in hundert oder zweihundert Jahren Literaturwissenschaftler alte Blogseiten anschauen, die sie in irgendein wahnsinnig fortschrittliches Medium konvertiert haben, dasitzend in Mediatheken an Lesegeräten, irgendwo im Laufe der Zeit haben sich Konvertierungsfehler eingeschlichen und vielleicht haben sich Farben verschoben, weil die Bildausgabegeräte inzwischen anders kalibriert sind, oder es gab einen Problem mit dem Schriftcode und die Umlaute sind weg, oder es gibt keine Georgia mehr, weil inzwischen Serifen so veraltet sind wie Sütterlin oder das lange S.

Dann gucken die sich das an, diese großartigen Quellen für private Lebensformen im frühen 21. Jahrhundert, katalogisieren, ordnen ein, ergründen gegenseitige Einflüsse und intertextuelle Bezüge, werten das alles und schreiben vielleicht eine Habil drüber: Nicht ohne meine Katze: Weibliche Schreibformen zwischen traditionellem Rollenverständnis und informationstechnischer Fertigkeit in der Merkel-Ära. In irgendeiner Provinzstadt wird vermutlich das Deutsche Blogarchiv (DBA) gegründet, in dem Forscher in tiefen Kellerstollen unverrottbare Speichermedien lagern, alle randvoll mit Code, der sich formiert zu Schrift, Bild, Satz, Inhalt, Verweis. Was für ein Haufen krudes, kurioses Zeug. Viel Mist dabei, wie immer, viel Redundanz. Und vermutlich werden Blogexperten von ihren Kollegen, die sich mit der hehren Popliteratur der Jahrtausendwende befassen, auch nicht wirklich erst genommen.

Dennoch wird sich ein harter Kern in den Kellern durch die Millionen Seiten Html wühlen und nach den Perlen tauchen, denn es wird etwas bleiben – bestimmt, daran glaube ich schon. Es wird sich ein Kanon herausbilden, es wird Texte geben, die in der Blogforschung immer wieder erwähnt werden, die Pepyse und Lichtenbergs, die ihrer Lesbarkeit wegen den Weg aus der Forschersphäre hinausschaffen. Und es wird die zu Recht völlig vergessenen Außenseiter geben, über die leicht verhärmt wirkende Jungdozentinnen auf Tagungen schlecht besuchte Vorträge halten, weil sie sie für indikatorisch für irgendwas halten und weil sich an ihnen irgendeine abseitige These aufhängen läßt: Den Faden nicht verlieren: Strickbloggen als Ausdruck kontinuitiver Selbstwahrnehmung.

Natürlich wird es auch Seminare geben, und die Studenten werden stöhnen über das viele kryptische Zeug, durch das sie sich wühlen müssen und das ohne Sekundärmaterial nicht zu verstehen ist, schlimmer als mittelalterliche Handschriften und wirklich nur ein Fach für Freaks. Und dann hängen sie tagelang im von der Uni aus zugänglichen Youtube-Archiv und versuchen, die endlosen Anspielungen zu kapieren, weil es mal wieder keine wirklich gut edierte Ausgabe gibt, und werden bald bereuen, sich für das Thema Kommentierte Linklisten: Der Schockwellenreiter und die Folgen gemeldet zu haben und beneiden die Kommilitonin, die eine Abschlußarbeit plant zum Thema Mit Laptop und Lederhose: Die Konstruktion des Lokalen als identifikatorisches Merkmal in der technischen Sphäre.

Was einem eben so durch den Kopf geht im Saal der Giganten, 270 Jahre nachdem sich der deutsche Grandtourist in den Putz gekratzt hat, von dem immerhin etwas übrig blieb, immerhin ein Lebenszeichen, wenn auch kein sehr rühmliches. Denn ihn gibt es nur, weil es den Saal der Giganten gibt, da hängt der sich dran, nichts anderes ist über ihn bekannt, als daß er hier war, ich weiß von keinem eigenen Gedanken, keiner Leistung, nichts, nur einen Namen, und muß daraus schließen, daß alles andere auch nicht wirklich wichtig ist.

Eigentlich wollte ich heute über die Mittagshitze schreiben, aber manchmal drängelt sich etwas ungefragt dazwischen, wie das so ist. Eigentlich wollte ich auch über die südlichen Hitzekompensations-Utensilien schreiben, die man so braucht und wie der Urlaubsbegleiter und ich in Valeggio s. Mincio, der Tortellinistadt, in einem kleinen, mit Borten, Knöpfen, Hemden und Kappen vollgestopften Laden Sonnenhüte kaufen waren. Von den Tortellini mit süßer Kürbisfüllung wollte ich auch schreiben und von der Dorfjugend, die außer Rand und Band geriet, als ihre Mannschaft an diesem Abend gewann. Krudes, kurioses Zeug: Augenblick, verweile doch: Blogs als Momentaufnahme und Gedächtnisspeicher im papierlosen Zeitalter.

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so schuhe will ich auch!

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das sind klassische sommersandalen von ludwig reiter, flexibel genaeht, alles leder. meine lieblingsschuhe und treue begleiter in allen lebenslagen. teuer, lohnt sich aber, wie ich finde. gibts auch auf bestellung, wenn nicht vorraetig.

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vielen dank

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Wetten, dass sich hier einige Germanisten die Themen für ihre Abschlussarbeiten holen? Göttlich!

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das sind so diese eintraege, wo man beim schreiben leise in sich hineinkichert.

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Das Foto von dem pastore mag ich

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ja, der ist toll. lag faul in mantua auf dem mittagsheissen blechdach, und um ihn herum die herren, die ihn mit ihren telefoninos photographierten.

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Köstlicher Stil. Versüsst mir den Tag.
Obzwar ich befürchte, dass Blogs nicht erst in ferner Zukunft von Lehrstuhlanwärtern zu Tode analysiert werden.

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hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
[hadephy am 29.01.17 23:39]

For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
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Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
[EinGedanke am 13.09.14 11:27]

ich war schon wieder in china


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Ich erzähle was über den Mekong


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Ist hier : www.wrint.de  ...
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