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Dienstagabend ist Poetikvorlesungsabend. Mit Andreas Maier. Man kann nicht sagen, daß Andreas Maier richtig viele Freunde hier hat, obwohl er ja aus der Nähe von Frankfurt stammt. Es ist mir auch nicht gelungen, einen Menschen ausfindig zu machen, der jemals ein Andreas-Maier-Buch fertiggelesen hätte, ich hab das auch nicht geschafft, das zieht sich immer so und ist so unspannend und dauernd reden alle, wie bei den Hesselbachs, auf die Maier sich ja auch poetologisch bezieht, aber nur ungefähr ein Achtel so lustig. Vermutlich schafft man das am ehesten als eherner Thomas-Bernhard-Verehrer, aber da hat's hier auch nicht so viele, außer den paar männlichen Jungautoren (Bernhard und Bukowski, jaja), die ich eben deswegen nicht lesen kann. Immerhin habe ich die meisten von Maiers Kolumnen in der Volltext fertiglesen können, die sind nicht so lang wie die Bücher und auch lustiger.

Apropos Volltext: In diesem Kontext könnte man noch vermelden, daß die Gratis-Sonderausgabe zum Bücherpreis nun endgültig abgeblasen ist. Volltext fühlt sich dem Rechtfertigungsaufwand nicht gewachsen. Kann ich verstehen, denn die wenigsten Leute, mit denen ich geredet habe, waren über das Projekt einigermaßen hinreichend informiert, was sie jedoch nicht daran hinderte, kräftig darüber herzuziehen und schwerste Bedenken mit sich herumzutragen.

Montagabend aber erstmal eine Begegnung der ganz seltsamen Art. Man saß im Literaturhaus und diskutierte über die Zukunft der Literaturzeitschriften im Allgemeinen und "Sprache im technischen Zeitalter" im Besonderen, und Wilhelm Genazino, Dozent der vorangegangenen Vorlesungen, hebt gerade an zu erzählen, wann er seine erste Begegnung mit Literaturzeitschriften hatte. Da steht in der letzten Reihe ein Kerl auf, einer von den leicht schmuddeligen ungekämmten Typen, die sich immer wieder gerne auf Kulturveranstaltungen sehen lassen, besonders dann, wenn es umsonst ist und was zu essen gibt, was aber an diesem Abend nicht der Fall war, insofern hielten sich die psychisch heraugeforderten Fälle in Grenzen, bis auf den Kerl eben und eine Frau, die mittendrin Hunger bekam und ein Joghurt zu löffeln begann. Der Kerl hatte vor Beginn schonmal einen Flachmann geleert, war also bestens in Form und saß dann mit einer sehr alten Ausgabe des Spiegel vor dem Gesicht in der Diskussion, Lübbes Kopf orange gerahmt auf seiner gammligen Lederjacke.

Kaum jedoch kam Genazino zu Wort, da stand der Mann auf und beschuldigte ihn auf übelste Art. Er fühle sich beleidigt, Genazino habe ihn in der NZZ als Strichmännchen bezeichnet, und Deutsch könne der Autor auch nicht, überall Fehler in seinen Büchern, überall Widersprüche, merkt den keiner, daß sich Genazino in seinem Werk in Widersprüche verwickelt?, dieses Exemplar hier habe ihm die Leiterin der Stadtbibliothek gegeben (Frau Homilius? Echt?), da sei alles voller Fehler, erstes Murren im Publikum, bitte tragen Sie ihre Privatfehden woanders aus, Beleidigungen nächster Härtegrad: Siiie sind schuld, daß Frau Soundso einen Herzanfall hatte, Siiie sind schuld, die Damen vom Literaturhaus stehen auf und katapultieren ihn sanft hinaus, und noch im Abgang: Siiiie werden noch von mir hören. Na hoffentlich nicht, denk ich, da geht die Tür wieder auf, alle gucken erschrocken, der doch wohl nicht wieder, aber es ist nur ein leicht verspäteter Hans-Jürgen Balmes vom Fischerverlag, der wiederum erschrocken guckt, weil alle ihn erschrocken angucken, und der Moderator seufzt erleichtert auf: Hans-Jürgen! und der wundert sich gleich nochmal über die erfreute namentliche Begrüßung.

Genazino ist die Angelegenheit sichtlich unangenehm. Soll ich mich gegen diese Anwürfe verteidigen? fragt er. Ach was, brauchen Sie nicht, sagt das Publikum. Diese Dinge, sagt Genazino, die passieren alle nur in seinem armen kranken Kopf. Der verfolgt mich jetzt seit fünfzehn Jahren. Und das, denk ich mir, muß schrecklich sein, einen dermaßen unappetitlichen und unangenehmen Stalker zu haben, Stalker sind ja per se schon nichts angenehmes, aber dann auch noch so einen, das hat er wirklich nicht verdient, sowas hat fast niemand verdient. Und Genazino schon gar nicht, der mir seit der letzten Poetik-Dozentur wirklich sehr sympatisch ist und dessen Bücher einen daran erinnern, daß das Leben voller Genazino-Situationen ist.

Aber nun weiter zum diesjährigen Poetik-Dozenten Andreas Maier, der in Frankfurt studiert und im Jahr 2000 auch promoviert hat. Seine Vorlesungen tragen den bescheidenen Übertitel "Ich" und der erste Vortrag den Untertitel "Die Verweigerung". Klingt abstrakt, ist aber eigentlich ganz einfach. Wie war das noch, Herr Maier, warum schreiben Sie?

Sagen Sie einfach: Grund seines Schreibens ist das Leiden an der Differenz.

Das zumindest diktierte uns Maier am Ende der Vorlesung in die Notizhefte. Damit ist die Message bekannt, deren Herleitung jedoch noch nicht, aber die ergibt sich eben aus der Verweigerung. Denn durch Verweigerung lernt man, was man nicht will, dann beginnt man, darüber nachzudenken, was man will und daraus formt sich so ein Ich, wenn ich das richtig zusammengefaßt habe. Natürlich unterfüttert Maier diese Theorie auch autobiographisch - oder sollte ich sagen: anekdotisch?

Klein-Andreas, drei, verweigerte zuallererst einmal den Kindergarten. Wenn ihr mich hier morgen wieder herbringt, renne ich unter das nächste Auto soll er damals, der mütterlichen Legende zufolge, gesagt haben, und zwar genau so, als Konditionalsatz. Und natürlich erlaubt die Familienfolklore daraus eine Ableitung auf seinen späteren Beruf, den des Schriftstellers, denn wer mit drei schon solche Konditionalsätze sagt, der kann wohl nicht anders.

Zunächst aber sah die Biographie eine Phase als Bastler vor, dann die Entdeckung der Stadtbücherei, Studium, Staatsexamen, Referendariat. Halt! Das war jetzt zu schnell. Die Bastelphase endete nämlich in Frustration, weil Maier erkannte, nur vorgefertigte Teile zusammenzuleimen, die jemand anderes für ihn vorbereitet hatte. Und in diese Zeit fällt die Entdeckung der Literatur, die eben deswegen interessant war, weil all diese Romanfiguren ihm als verwandte Seelen, oder auch: suchende Seelen, erschienen, ganz im Gegensatz zu Eltern oder Gleichaltrigen, die alle irgendwie anders waren als er. Dabei hat ihn jedoch, wie er sagt, nie das Interessante interessiert. Literatur ist keine Sache des Interesses, sondern viel mehr.

Man merkt: Hier spricht der Außenseiter. Hier spricht der früh gereifte und absonderliche Knabe, der seine Andersartigkeit in die Bücherei trug, um andere Andersartige kennenzulernen, wenn auch nur in Schriftform. Ein solcher Außenseitergestus steht einem Schriftsteller allzugut zu Gesicht, das ist geradezu ein literarischer Musterlebenslauf, so gehört sich das, so will man das, so erfüllt das die Erwartungen.

Aber es folgt noch eine weitere Verweigerung im Leben des Andreas M., nämlich die Verweigerung des Lehrerwerdens. So trat er eines Tages vor seine Klasse am Gagern-Gymnasium und erklärte den 16jährigen Schülern, daß er nicht so werden wolle wie die anderen im Lehrerzimmer, er wolle bleiben wie sie. Die Schüler protestierten wegen des im-Stich-gelassen-werdens, verstanden es aber dann doch. Und so entstand allmählich das Manuskript, das irgendwie irgendwo veröffentlicht werden sollte, um Herrn Maier davor zu bewahren, doch noch Lehrer werden zu müssen, um für den Rest seines Lebens in Lehrerhaftigkeit zu erstarren. Das hätte er nämlich nicht ausgehalten, sagt er, und daß ja niemand wisse, was man aushalten kann und was nicht, weil das ja jeder nur von sich selbst weiß, also sind Durchhalteparolen da fehl am Platz.

Daß das mit dem Schriftsteller werden funktionieren würde, konnte Maier noch nicht ahnen, als er als Praktikant beim Verlag Neue Kritik unverlangt eingesandte Manuskripte sichtete. Man weiß ja nie, ist man auch nur einer von denen, die so Zeug produzieren, das sie fälschlicherweise für Literatur halten? Aber darüber, über das Schreiben selbst, erfahren wir in den nächsten Wochen hoffentlich mehr.

[update] Auch die taz und die FR berichten, übrigens sehr positiv.

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"Die Verweigerung des Lehrerwerdens"

Während meiner durchaus kurzen Lehrerkarriere (erinnert sich noch einer an das Wort Lehrerschwemme aus den 80ern? Refenrendarzeit-ex-und-hopp?) hat man uns damals dringend angeraten, sich nicht als ewiger Teenager den Schülern anzubiedern. Das war ein guter Rat. Niemand ist so lächerlich armselig wie ein Möchtegernseitenwechsler mit dem Slogan auf dem Tablett "Ich bin nicht so. Ich bin wie ihr. In Wirklichkeit bin ich nämlich unendlich cool. Darf ich bitte mitspielen? Und seid ihr bitte wieder lieb zu mir?"
Derlei rollenflüchtiges Verhalten wird dann auch immer sofort von Schülern nachhaltig abgestraft. Die wissen nämlich genau, dass der Notengeber vorne nicht ihr Spezi ist, und wollen ihn ganz bestimmt nicht in ihren Reihen haben.
Insofern muss das Schulsystem also dankbar sein, dass Andreas M. kein Lehrer geworden ist. Bücher, die einen langweilen, kann man ungelesen in die Ecke stellen oder bei Ebay verticken, Lehrer nicht.

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Hm, ich an meinem verknöcherten Gymnasium war für jeden freundlichen Jungreferendar äußerst dankbar. Blöderweise haben die besten Jungreferendare immer die schlechtesten Noten bei ihren Lehrproben bekommen, die übelsten Schneckchen, bei denen wir alberne Gedichte auswendiglernen und vortragen mußten, sind dann natürlich mit ner Eins davongezogen. Interessant reziprok auch das Belohnungsverhalten: Für die Eins schenkte uns das Schneckchen jeweils ein Schokoladenosterei, für die Drei gab der Jungreferendar Knabbereien und kistenweise Cola aus.

Natürlich gibt es Jungreferendare und Jungreferendare. Aber am schlimmsten fand ich immer diese Sorte betulicher Lehrerin, bei der man das Gefühl hatte, sie muß sich unendlich weit nach unten zu uns runterbeugen, wenn sie mit uns redet. Also geistig, meine ich.

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Leider ist eine Sorte Lehrer selten geworden, vielleicht waren sie schon immer Mangelware: die für ihr Fach noch brennen und die mit diesem Stoff zündeln gehen MÜSSEN, Idealismus pur.

Stattdessen kommen sie per Notbremsung aus irgendeinem nur halb bewältigten Fach, über die eigenen Möglichkeiten desillusioniert, und ziehen sich einen Pädagogikkurs rein. Oder starten mit Pädagogik ("ich kann gut mit Kindern"), aber kommen nie an in ihrem Fach. Ein Jammer.

Sorry. Das war jetzt wohl "am Thema vorbei", wie meist unter meinen Aufsätzen stand, in denen wir eigenartige Gedichte zerpflücken mussten, die ich damals allein darum nicht mögen konnte, weil mir Lyrik ein Buch mit sieben Siegeln war. Aus diesem Leid heraus zerpflückte ich sie grammatikalisch oder sinnierte über den Unsinn, jeden Pinselstrich eines impressionistischen Gemäldes zu vermessen, anstatt das Ganze einfach zu genießen. Hm. Vielleicht hätte ich Herrn Maier als Deutschlehrer erwischen sollen...

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Jeden Respekt vor Lehrern habe ich spätestens dann verloren, als ich im Studium auf die LehramtsstudentInnen traf (meistens sind die ja weiblich).

Aber schon im Klassenzimmer erschloß sich mir der Sinn der Interpretation eher gar nicht. Das kam erst, als ich die Schule wechselte und diesen leicht durchgeknallten schwulen Filmemacher als Kunst-Leistungskurs-Lehrer bekam. Da gingen mir plötzlich ganze Kronleuchter auf, da verstand ich endlich, was mir diverse Deutschlehrer seit Jahren verrmitteln wollten und sollten. Und was ihnen nie gelang, weshalb mir die Interpretation ungefähr so fremd blieb wie der mathematische Beweis - wobei ich bei zweiterem wenigstens den Zweck der Übung nachvollziehen konnte.

Aber ein Vorzeige-Pädagoge ist was anderes, und solche Lehrer wie mein Kunstleistungslehrer gibt es einfach viel zu selten. Hat vielleicht mit den Anforderungen zu tun, die es Quereinsteigern zu schwer machen - vermute ich, da kann ich auch nur spekulieren, weil ich mich zu wenig auskenne. Es wäre jedenfalls schön, wenn es mehr solche Freaks an die Schule schafften, die sich für das, was sie tun, begeistern können. Das wirkt nämlich im besten Falle ansteckend.

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Ich glaube, 'Quereinsteiger' ist genau das richtige Stichwort. Es müßte für Verrückte und Idealisten einen einfachen Weg geben, in das Experiment Schule einzusteigen. Am besten je nach Wunsch auch nebenberuflich. Verdammt, es kann doch nicht unmöglich sein, für sowas einen Rahmen vorzugeben. Kein Korsett (aus dieser elenden Versicherungsmentalität geboren), sondern einen schlichten Wegweiser zu entwerfen, der nur halbwegs sicherstellt, dass kein Schüler nach einem Ortwechsel volkommen aufgeschmissen ist. Ich träume, ich weiß.

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ein buch in gänze

ich habe klausen in gänze gelesen, d.h. du kennst doch jemanden.
kirillow habe ich nicht geschafft, aber da ist mir das fest der steine dazwischen gekommen. und jetzt liegen beide da und warten ggf. darauf, zu ende gelesen zu werden.
danke für diesen kurzen überblick der ersten poetik-vo von maier.
leider werde ich die zweite auch nicht besuchen können...gespräche mit den kandidaten der zur wahl stehenden vize-präsis stehen am di-abend an. und danach, wenn noch nicht ganz krank, werde ich mir auszeit in münchen gönnen....daher schon jetzt in vorfreude teil 2 bei dir lesen zu können.

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hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
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For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
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