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Hintangestellt vor lauter Aktualitätsdrang, aber natürlich nicht vergessen hab ich die Poetikvorlesung am Dienstag. Wilhelm Genazino dozierte über die Belebung der toten Winkel, und ich kam im Hörsaal ungefähr anderthalb Meter weit, da saß schon das erste Bekanntenkonglomerat und rief mich zu sich. Ich wußte gar nicht, daß die sich alle untereinander kennen, aber man darf die Größe Frankfurts nie überschätzen, das ist halt doch Dorf, besonders bei so Kulturveranstaltungen, das ist ein Publikum von vielleicht tausend Leuten, die kommen immer wieder und irgendwann kennt man alle.

Meine Bekannten sind von der schreibenden Fraktion, so richtig mit Papier und Farbe und Druck, nicht nur so Web-Tagebücher-sogenannte-Blogger (NZZ) wie ich, und so holten wir also alle unsere Moleskins raus, zückten den Füller und harrten der Dinge, die da kamen.
"Gut, daß Du da bist", sagte der Bekannte rechts neben mir, "ich bin nämlich die nächsten beiden Male auf Pressereise in der Karibik."
"Ist ok", sag ich, "Du weißt ja, wo Du die Zusammenfassung nachlesen kannst."
Das machen wir immer so. Wenn das Wetter hier richtig eklig ist, ist er meistens auf Pressereise irgendwo im Warmen, das gibt dann was für die Reisebeilage, und die verpaßten Vorlesungen muß ich dann mitprotokollieren. Aber das mach ich ja sowieso. Nur muß ich mir irgendwann mal ausdenken, wie ich mir das vergüten lasse. Und ich laß mich nicht mit nem popeligen Redaktionspraktikum abspeisen.

Über die Verquickung von Journalismus, Literatur und Blogs hab ich also zunehmend meine eigene Theorie, die von dem, was Chefredakteure so daherreden über Redaktionen und Auswahl und Qualität, erheblich abweicht. Der Bekannte erzählt was von Kreuzfahrtschiff, reichen Menschen und Bespaßung in Form abgehalfterter deutscher Serienschauspieler und Ex-Moderatoren und will mein Mitleid. Na gut, ich bin ja nicht so und bedaure ihn ein bißchen. Aber nur ein bißchen. Karibik ist Karibik, Deutschland im Winter ist Deutschland im Winter, Punkt, keine Diskussionen.

Die Vorlesung beginnt mit einer Dame, die nicht ins Mikro spricht und daher kaum zu verstehen ist, irgendeine Frau Professor, nicht näher vorgestellt. Daß sie kaum zu verstehen ist, macht wenig, denn das, was zu verstehen ist, reicht aus, sich einen Eindruck ihrer nichtvorhandenen Rednerfähigkeiten zu erlangen. Kann denn heute wirklich keiner mehr reden? Wie kommt das? Ist mir ja vorgestern beim Medienmittwoch auch schon aufgefallen. Haben die alle als Studenten autistische Kopierjobs gehabt? Keiner Museumsführer gewesen? Als Museumsführer lernt man nämlich reden. Beste Schule wo gibt. Eine Stunde brüllen, ohne Mikro. Die ersten zehn Male ist man heiser, dann hat man's kapiert.

Dann darf Herr Genazino endlich, die Qual ist vorbei, die Germanistik-Professorin tritt ab, alle fragen sich, wer das war und wer um Himmels Willen die eingeladen hat. Vielsagende Blicke, allüberall. "Die Batterien des Poetischen" ist die erste Vorlesung überschrieben, und am Anfang geht es wirklich um Batterien, nämlich um Klein-Genazinos Lust am Beobachten des Verlöschungsprozesses einer Taschenlampe. Noch viel toller als der wandernde Lichtstrahl auf den Gegenständen fand er das Phänomen, wie das Licht der Birne langsam nachließ, keine Gegenstände mehr erleuchtete, nur noch sich selbst. Die Taschenlampe verlor ihren Nutzen - aber gewann an Faszination, denn die Batterie schien niemals leer zu werden. Jedesmal, wenn er sie wieder hervorholte, quetschte die Batterie noch einen kleinen Lichtrest aus sich heraus.

In gwöhnlichen, nichtswürdigen Gegenständen, so Genazino, staut sich die Zeit. In den Gebäuden Ostdeustchlands kurz nach der Wende wurde die Melancholie der öffentlich allzulang gestauten Zeit deutlich sichtbar. Auch Dinge wie alte Brillen, Nadeln, Druckknöpfe, Rabattmarkenheftchen, die ihren Nutzen verloren haben und entweder weggeworfen werden, oder, und das ist der interessantere Fall, eben nicht weggeworfen werden: In solchen Dingen offenbart sich der "Bruchbudencharakter" des modernen Lebens.

Zweites Beispiel. Man findet eine Geldbörse, darin das Photo einer Frau. Die Geldbörse ist leer, kaputt, schmutzig - und die Frau wird das interessanterweise auch. Weil die Geldbörse ihren Nutzen verloren hat und vom Gebrauchsgegenstand in die Sphäre des Mülls übergetreten ist, wirkt auch die Dame auf dem Bild nicht mehr attraktiv, ja eigentlich wirkt sie nicht einmal mehr lebendig. Wie ein Bild auf einem Grabstein, in Italien ist das beispielsweise üblich - und doch können diese Photos das, wozu sie da sind, nicht leisten: Sie bewirken keine Vergegenwärtigung des Verstorbenen, im Gegenteil, sie verwittern zusammen mit den Toten.

Drittes Beispiel. Genazino macht sich Paßphotos in einem Automaten, weil er sie schnell und günstig für einen Visumsantrag braucht. Das Ergebnis gefiel ihm genausowenig, wie ihm die Frau im Geldbeutel gefallen hatte, er wirkte auf sich selbst nicht attraktiv, er wirkte alt. Vielleicht, überlegte er, sind das die ersten Altersbilder von mir?, und: Es ist einfacher, sich tot zu denken, als sich selbst alt vorzustellen.

In diesem dramatischen Moment kippt eine Frau seitlich vom Sitz, wird jedoch aufgefangen und auf den Schultern hilfsbereiter Fischer-Lektoren aus dem Raum getragen, während Genazino diskret in seinen Blättern herumraschelte und einen Moment pausierte. Man muß sagen, der Raum war proppenvoll, alle tausend Frankfurter Lesungsrezipienten sind vollzählig erschienen, die Luft ist schlecht, die Reihen eng. Nichtsdestotrotz hätte die Frau sich keinen inhaltlich passenderen Moment aussuchen können.

Viertes Beispiel. Schauplatz: Chemische Reinigung, irgendwo in der Wohngegend, und die Frau, die dort arbeitet, bringt immer ihre kleine Tochter mit, die auf dem kleinen Platz vor der Reinigung spielt. Die einzige Spielmöglichkeit dort ist ein Waschbetonkübel voller Erde, in dem sie manchmal kleine Schätze vergräbt, um sie Tage später freudig wiederzufinden. Als Genazino sich einmal in der Reinigung befand, drückte das Mädchen von außen ein Photo an die Glasscheibe: Sie, im feinen Kommunionskleid, umrahmt von blumenkübeldreckigen Fingern. Was will uns dieses Bild sagen? Kindheit, Schmerz und Tod? Trennung, Melancholie und Einsamkeit?

Es ist nicht klar, was die Bilder sagen. Zusammen mit den beiden vorangegangenen Episoden könnte man zudem ein Phototryptichon bilden, man könnte die Einzelbilder zu einer Sequenz verbinden, und solche Verschmelzungsakte sind auch schon der Kern der poetischen Produktion. Dazu gehört noch, die Sequenz auf sich selbst zu beziehen. Der Künstler Boltanski, den Genazino zitiert, geht von dem Satz aus, daß die Kindheit immer zuerst stirbt und Kinderbilder daher Photos von Toten sind. Auch das Kommunionsbild kann ein Bild einer Sterbenden sein, ein Signal an die Mutter im Laden: Komm schnell, sonst sterbe ich vielleicht.

Kinder sammeln, um sich ihre Welt zu deuten. Auch Autoren nehmen Kontakt zu den Gegenständen auf, hoffen auf Mehrwert. In den Dingen ist Magie, sagt Genazino, in den Dichtern ist Magieerwartung. Solche Epiphanien (in seinem Essay "Der gedehnte Blick" erklärt Genazino genauer, was es mit diesem von Joyce übernommenen Begriff auf sich hat) haben auch die Fähigkeit, Dinge zusammenzuschließen, die nicht zusammenschließbar erscheinen. Dazu gehört eine Hälfte Wahrnehmung, und eine Hälfte Fiktion, Magie, Erfindung, wie immer man es nennen will. Die Wahrnehmung ist aber nichts objektives, man kann die Wahrnehmung nicht serriös vom Autor trennen, denn der Autor erfindet auch Wahrnehmung. Er belegt das mit einem Satz von Beckett: Gegenüber dem schwarzen Vorhang scheidet der Stuhl Einsamkeit aus. Das ist keine alltägliche Wirklichkeit, das ist eine neue, erfundene, aber eben auch genau so wahrgenommene Wirklichkeit.

Nach der Vorlesung sind die Meinungen geteilt. Das Spektrum reicht von "na, der nimmt seinen Job ja wirklich ernst" bis zu "meine Güte, fandet ihr das auch so langweilig?" Ich fand den Vortrag nicht langweilig, aber vermutlich ist er in der Druckversion besser als live vorgetragen. Genazino gehört nicht gerade zu den lebendigsten Vortragenden, sein Text wirkte dadurch meiner Wahrnehmung nach steifer und fader, als er eigentlich war. Anhand kleiner Begebenheiten und Anekdoten hat er sein poetisches Konzept entwickelt und für den Zuhörer/Leser faßbar gemacht; die kleinen Dinge, in denen die großen Themen schlummern, standen zu recht im Mittelpunkt.

Soviel zur ersten Runde. Diesmal geht es nicht mehr anschließend ins Literaturhaus, weil das ja umgezogen ist, und das Seminar nun nicht mehr in dieser Form stattfindet. Natürlich bin ich auch die nächsten Dienstage wieder für Euch da, und natürlich auch für den Kollegen in der Karibik. Schöne Grüße nach Kuba!

(Entzückend übrigens, gerade gesehen: Das Buch “Ein Regenschirm für diesen Tag” heißt auf Englisch “Shoe Tester of Frankfurt”.)

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