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Und denk dran, sagt die Traurigkeit, die auf meiner Schulter sitzt und ihr Gefieder schüttelt, denn sie muß ein Vogel sein, so oft, wie sie unversehens aus irgendeinem toten Blinkwinkel herangeschossen kommt und einfach da ist, denk dran: Traue niemandem, erwarte nichts. Und ich antworte der Traurigkeit, daß sie mir das mal früher hätte sagen können, aber da sagt sie: Früher, da war ich noch gar nicht da, außerdem hast du es ja vergessen wollen, du glaubst immer so gern an Menschen. Und ich ärgere mich über mich selbst, weil ich wieder Unmögliches verlange, weil ich denke: Warnt mich bitte, aber wer soll einen warnen, wenn nicht die Traurigkeit, und dann ist es schon wieder zu spät, dann hängt man schon wieder drin erst mit Herz dann mit Hirn dann mit allem. Und denkt, es wird schon, aber es wird nichts, nichts wird was, wie auch, man ist ja ganz gelähmt, tagelang wochenlang monatelang, bis da dieser Vogel sitzt, der vielleicht schon tagelang wochenlang monatelang da saß, aber man hat sich nie getraut, ihn anzusprechen, bis er selbst zu reden begann. Traue niemandem, erwarte nichts, sagt er. Und man denkt, jetzt müsse er langsam mal weiterfliegen, er hat ja Flügel, aber er hockt da einfach nur und putzt sich das Gefieder und macht keine Anstalten, zu verschwinden, das verdammte Vieh. Außerdem hat die Traurigkeit eine sehr laute Stimme, denn ich höre mich nicht mehr, ich frage mich, wann ich das letzte Mal wirklich selbst geredet habe, denn jetzt merke ich, daß ich gar nichts mehr sage, sondern daß es die Traurigkeit war, die in mir geredet hat und neben mir und vermutlich auch aus mir heraus. Ich mache den Mund auf, aber da kommt nichts, und ich kann sie nur überlisten, indem ich ganz ruhig bin und zur Tastatur gehe und anfange zu tippen, denn meine Finger beherrscht sie noch nicht, das ist beruhigend, daß ich noch meinen eigenen Text schreibe, oder ich denke es zumindest, denn das, was ich da lesen, kommt mir einigermaßen bekannt vor, ich glaube, ich habe es schon einmal selbst gedacht, also muß es meins sein. Ich hoffe es zumindest, denn ich traue mir auch selbst nicht mehr, ich erwarte nichts mehr von mir, vorerst nicht, und bis es wieder soweit ist, geht vermutlich noch einiges an Text das Blog runter, und ich schreibe und lese mich selbst, bis ich wieder weiß, das da bin ich und das da ist die Traurigkeit, wir sind zwei und nicht ein- und dieselbe, und das da hab jetzt ich gesagt und das da nicht.

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Vielleicht sollten wir wirklich wieder alle zurück in unsere Blogs und Texte schreiben, bei denen jeder einzelne Satz länger ist als 140 Zeichen, weil sie herummäandern und sich um einen wickeln und Schleifen bilden und Knoten, die die Welt und das Gemüt und überhaupt alles zusammenhalten, weil man ja sonst nichts hat und alles auseinanderfällt. Vielleicht sind diese Orte, von denen wir, wir von früher, mit soviel Zartheit und Behutsamkeit reden, das Wertvollste, was wir haben, weil es die Orte sind, an denen wir uns kurz entspannen können und atmen können und Text sein dürfen. Das war das Beste, was Blogs jemals hervorgebracht haben, und vielleicht auch das Beste, was es im Internet gab und immer noch gibt, aber es wußten nie viele und jetzt wissen es auch nur ganz wenige, weil die Karawane weitergezogen ist und wir wieder da sind, wo alles begann, in den kleinen finnischen Clubs, nur ohne Aufbruchsgefühl, sondern mit dem Gefühl des Zurückgebliebenseins, wir Veteranen, wir Textfetischisten, Wortatmer, Bildersammler. Es ging ja nie um die große Welt, es ging immer nur um einen selbst und das, was wir fühlten und sahen und dachten, diese kleinen Dinge, die aber wichtig waren, die uns wichtig waren, nein: mir wichtig waren, radikale Subjektivität schließlich, so nannten sie es, also diese Zwischengefühle, für die bisher niemand Worte fand, die nicht wichtig genug waren für Romane und zu wichtig, um sie einfach zu verschweigen und zu groß für 140 Zeichen. Es ging nie darum, sozial zu sein, seit wann überhaupt ist Textproduktion sozial, es ist das asozialste, was es gibt, Kunst, so ein großes Wort, aber egal: also Kunst ist immer sauasozial, weil da einer allein dahockt und auf Tasten tippt und um ihn herum ist nichts als Nacht und vielleicht was zu trinken und er redet mit sich selbst und alle anderen reden auch mit sich selbst und das ist überhaupt nicht traurig, nein: das ist wunderschön. Das ist viel schöner als alle behauptete Gemeinschaft es jemals sein wird mit ihren Babybildern und Zynismusposen, aber es ist eben leider auch vorbei, und vermutlich kommt es nie wieder, was so unendlich schade ist, nur ab und zu spürt man noch einmal einen Abglanz, in so einer Nacht, in der man sich alleine fühlt und niemanden zum Reden hat als das Internet, aber das ist nicht schlimm, und so redet man in ein Textfenster hinein und weiß, daß man sich bald beruhigen wird, weil es nichts beruhigenderes gibt als Tasten und Bildschirm und Text und Rhythmus, Rhythmus. Man beginnt die Sätze, die langen Sätze, die vage anheben und ein Bild liefern, um das herum sie sich dann schmiegen können, anlehnen können, Schicht für Schicht für Schicht, um dann auszufransen und sich zu verlieren und fast zu versickern und ganz am Ende nochmal einen Halt finden in einem Wort, das ausklingt wie ein Echo oder ein zarter, hingehauchter Schlußakkord ohne Pathos. Und da ist noch nichts gesagt über die Nacht und die Traurigkeit und das Bedürfnis und die Stimmung und die Melancholie, die es oft braucht, nichts über die Liebe zum Interface, die gibt es nämlich, die Knöpfe, die man so oft gedrückt hat, das Layout und alles, was das Heim ausmacht, das, wo man wirklich zu Hause ist, nicht nur auf Miete oder auf Durchreise, nein: wo man herkommt, wo so viele von uns herkommen. Man muß nicht dort bleiben, aber diese Heimatbesuche möchte man dann auch nicht missen, es ist wie auf dem alten Spielplatz neben der Schule oder den alten Kiosk, an dem man sich immer Eis geholt hat, genauso ist das alte Blog, man will, daß es immer so bleibt und sich nie, nie verändert, aber das geht natürlich nicht, weil man die Welt nicht anhalten kann und weil jede Geschichte weitergeht, auch meine und Deine, und die der Welt sowieso. Aber ab und zu: Anhalten, zurück zum Text, Schleifen schreiben und Knoten, man hat ja nichts sonst, es muß schließlich halten, irgendwie.

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Wahrscheinlich gibt es Dinge, mit denen man nicht umgehen kann, weil das Hirn sie einfach nicht richtig verarbeitet. Zum Beispiel die Ankündigung eines Todes. Wie soll man darauf reagieren? Wie als Betroffener? Und wie als Angehöriger oder Freund? Ich zum Beispiel habe nach der ersten Ankündigung des Todes von A. keine einzige SMS mehr löschen können, weil ich immer dachte, es sei die letzte. Sie sind alle noch auf meinem alten Nokia-Händi gespeichert, das ich regelmäßig mit Strom versorge, damit die schönen alten Mitteilungen gefüttert und versorgt sind, weil ich Angst habe, sie könnten sonst verschwinden. Ab und zu schaue ich sie mir an. Es sind tröstliche und verzweifelte und zwischendurch unfaßbar lustige. Ich habe mir übrigens nur deshalb ein iPhone gekauft, weil der Nachrichtenspeicher des besagten Nokia-Händis voll war und ich dauernd alte Nachrichten löschen mußte und ich das auf Dauer nicht übers Herz gebracht habe. Ich lösche nicht gern meine Geschichte und nicht gern die von anderen.

Die erste Ankündigung, also die, nachdem ich keine SMS mehr gelöscht habe, kam vor zwei Jahren, die Ärzte sagten etwas von zwei Wochen Restlebenszeit, es folgten ein Verabschiedungsabend, der vermutlich der deprimierendste Abend meines Lebens war, weil das so ein Zustand ist, mit dem man nicht richtig umgehen kann. Was sagt man einem, der dauernd Schmerzen hat und vermutlich bald daran krepiert? Ich glaube, ich habe ziemlich viel zugehört und den Rest der Zeit versucht, Optimismus zu ventilieren, was mir nur so halbgut gelungen ist. Dann sind es doch keine zwei Wochen geworden, sondern zwei Jahre, die teilweise sehr schön waren (siehe Foto oben – hey! Da waren wir in Slowenien) und am Ende dann ein freiwilliger Abschied, mir angekündigt mit der Bitte, Reisende nicht aufzuhalten. Hab ich nicht. Ich hab den Reisenden ja viel zu gut verstanden. Das war ja kein Leben mehr.

Nach der Ankündigungsmail vor einer Woche hatte ich sozusagen Schrödingers Freund, halb tot, halb lebendig, in einer Wohnung nicht weit von hier. Ein ganzes Wochenende lang ein Zwischenzustand, für mich und für ihn. Mut sammeln. Todeszeitpunkt irgendwann Montag. Knarrekopfkugelpolizei. Ich erfuhr am Dienstagmorgen davon. Ich bekam eine Mail mit dem Betreff "A. ist tot", und jetzt lösche ich keine Mails mehr, damit diese häßliche Betreffzeile nach unten rutscht, unter einen Kompostberg an favorisierten Tweets und neuen Flickr-Kontakten und Statusmeldungen, die irgendwem gefallen. Unter diesen ganzen harmlosen Alltagsberg, diese Social-Media-Kontaktlawine, die sich da ergießt auf die häßliche Betreffzeile mit dem grausam endgültigen Wort: tot. Das will doch keiner lesen. Ich will favorisiert und kontaktet und gelikt werden. Dafür bin ich gebaut, damit kann ich umgehen.

Und dann diese permanente Ironie der Dinge. Man will sich ablenken, holt den Scanner, denkt sich, ich werd am Wochenende mal wieder bergeweise Negative scannen, da hab ich was zu tun, und im Negativhalter steckt natürlich noch so ein brauner Streifen, A. und sein viperngrüner 911 in sechsmalsechs. Und man schaut die halbkaputte Lampe an, die hatte A. nochmal neu verkabeln wollen, hab ich ihm dauernd nicht vorbeigebracht, und dann wars zu spät. Und die Bürotasse. Und alles. Wenn man mal jemanden im Kopf hat, kann man so gut wie alles auf ihn beziehen. Alles.

Die Dinge hauen noch öfter mit bitterster Ironie um sich, die Mails muß ich irgendwann löschen. Aber jetzt kann ich wenigstens trauern, Schrödingers Freund war schlimmer. Es war nervenzerfetzend. Jetzt ist der Zustand klar, und man weiß wenigstens, mit was man zurechtkommen muß. Auch wenn von zurechtkommen erstmal keine Rede sein kann, weil da eine Lücke ist. Ich wäre wahnsinnig dankbar gewesen, wenn irgendjemand angerufen und mir das Postleitzahlenbuch vorgelesen hätte, egal was, Hauptsache menschliche Stimme, denn wenn man verlassen wird, fühlt man sich verlassen und ist für alles dankbar, was einem zeigt, daß man wenigstens nicht von allen verlassen ist. Das habe ich gelernt und ich werde nicht mehr ganz so sauhilflos sein, wenn jemand anderes jemanden verliert, der ihm wichtig war. Ich werde ihn im Zweifelsfall anrufen und das Postleitzahlenbuch vorlesen. Ich wußte bisher nie, wie ich mit der Trauer anderer umgehen soll. Aber das Wie ist gar nicht wichtig, wichtig ist nur, daß überhaupt jemand irgendwie umgeht und nicht alle nur drumherumgehen und betreten in eine andere Richtung schauen.

Aber das Schweigen ist jetzt weg. Das Nichtstunkönnen, das nichtaufstehenkönnen, kaumatmenkönnen, die erste Starre. Es gibt Dinge zu tun. Nein, keine Mails löschen, soweit bin ich noch nicht. Die SMS werde ich vermutlich nie mehr löschen können, obwohl noch so viele weitere Platz gehabt hätten, der iPhone-Speicher ist ja riesig. Das Letzte, was ich hörte, wann dann aber eine Mail.

ich bleibe jetzt alleine und schreibe noch ein bisschen.

liebe grüße
Dein A.

Die kann ich nie löschen. Die bleibt hier stehen, ich werde sie von Maildateienverzeichnis zu Maildateienverzeichnis kopieren, von jedem alten Macbook auf jedes neue Macbook, immer wieder, wie ich es seit 2006 mit meinen Mails tue und hoffentlich noch lange tun kann, bis irgendjemand entscheidet, daß das alles nicht mehr kompatibel ist und ich wieder ein Altgerät herumliegen habe, das ich mit Strom füttern muß, weil ich Angst habe, daß die Spuren wichtiger Menschen, die darin gespeichert sind, verloren gehen könnten.

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hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
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For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


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Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
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