IMPRESSUM AKTUELL SUCHST DU WAS? THEMEN |
|
|
andreaffm, Di, 14.Oktober.2003, 08:13 Das wichtigste an der Buchmesse, das seien eben die Feiern, das hört man immer wieder. Die Empfänge, da müsse man sein, nachts, da finde das eigentliche Leben statt. Auf die Messe kann ja jeder. Insofern ist es nur konsequent, einen Verlag nicht nach seinem Verlagsprogramm, sondern anhand seiner Partytauglichkeit zu beurteilen.
Doch die vermutlich groteskeste Veranstaltung fand am hellichten Nachmittag statt, an ehrwürdigem, geschichtsträchtigen Orte, in der Paulskirche. Dort fand, anstelle des traditionellen Kritikerempfanges in der Verlegervilla, die Gedenkfeier für Siegfried Unseld statt. Illustre Redner wie Louis Begley, Adolf Muschg, Cees Noteboom, Jorge Semprun, Friederike Mayröcker, Petra Roth, Daniel Kehlmann, Durs Grünbein und Norbert Gstrein traten ans Mirkophon oder ans Rednerpult und verlasen Briefe von Siegfried Unseld an ebenfalls illustre Persönlichkeiten wie Paul Celan oder Thomas Bernhard oder Aufsätze über illustre Autoren wie Goethe, Hesse Beckett. Man gab sich staatstragend. An diesem Ort, das atmete jeder feierlichkeitsschwangere Moment, wurde und wird Geschichte gemacht, also wird es ja nicht zuviel verlangt sein, liebe Gäste, daß sie mal eben zweieinhalb Stunden stillsitzen. Denn Sie, liebe Gäste, Sie sind ja schließlich keine aufmerksamkeitsdefizitären PISA-Versager, da wird man ja mal den Harndrang nach fünf Espresso unterdrücken können. Wir sind schließlich nicht im Theater hier, und beim Ostergottesdienst des Papstes gibt's ja auch keine Pinkel- oder Raucherpause. Eingeklemmt in die hörsaalartigen Klappsitzreihen harrte ich des Endes dessen, was da vor sich ging. Und es ging einfach nicht voran, da kam noch einer und noch einer, der von seiner Begegnung mit einem großen Mann, einer großen Verlegerpersönlichkeit, einem Verlegertitanen, einem wahren Freund berichten wollte. Doch jeglicher bewegender Augenblick wurde von schierer Wortmasse erdrückt. Ich erwartete jeden Moment das Erscheinen eines Priesters, oder wenigstens eines weihrauchschwingenden Ministranten. Der Priester trat schließlich zum Schluß in Gestalt von Ulla Unseld-Berkéwicz vor die Gemeinde und predigte von der Kanzel, wie ihr Mann das gemacht habe mit dem richtigen Leben im Falschen, unverdrossen habe er an das Gute im Menschen zu glauben gewagt wie auch wir an das Gute im Menschen glauben zu wagen angehalten sind, und vergib uns unsere Schuld wir auch wir vergeben unsern Schuldigern, in Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit Amen. Noch leicht benebelt von so viel sublimer Größe wanke ich ins Nachtleben zu "Liebe und Herzschmerz - die Party zur Buchmesse", bei der eine gleichnamige Anthologie des Krüger-Verlags gefeiert wird. Freihalten, Freunde mitbringen, kommen, hören, tanzen, fühlen! hieß es in der Einladung. Ich hielt mir frei, wurde von Freunden mitgebracht, kam also, hörte auch, doch tanzte und fühlte nicht. Ich trank besser. Eine gute Entscheidung. Wäre eh zu eng gewesen zwischen den Bierbänken. Der Endlosloop eines mangaesken Animationsfilms, Inhalt: Boy meets Girl, flimmerte über eine Leinwand und sollte wohl für die gewisse Hipness sorgen. Davor ein plüschiges rotes Sofa ohne Lehne. Zum Glück sah ich nirgendwo Kuscheltiere, auch auf herzförmige Kissen hatte man rücksichtsvollerweise verzichtet, aber das sollte nichts heißen, die Kuscheligkeit wurde verbal nachgeliefert. Eine Frau und ein schüchterner junger Mann saßen uns zugewandt, zwei Frauen mit dem Rücken zu uns. Alle auf einem Sofa, wie bei der Reise nach Jerusalem mit einem Stuhl zuviel - stell dir vor, die Musik geht aus und alle haben einen Platz. Nach einem Moment der Irritation wurden wir Bierbankbesetzer begrüßt. Dem Buch, das die Frau hochhielt, liegt auch eine CD bei, die man beim Lesen hören kann und die man auch auf der Party hören konnte und die dem Produkt offenbar eine jugendlichen Charakter verleihen soll. Hip auch die Autoren: Judith Hermann, Zsuzsa Bánk, Nadja Einzmann, alle jung und wahnsinnig angesagt und leider nicht da. Dafür eine andere Autorin, deren Namen und Text ich verdrängt habe und eine Radiomoderatorin des auch sehr jungen Szenesenders XXL. Judith Hermanns Text stach als Insel der Sprachgewalt aus dem Meer der Beiläufigkeitswörter empor, das will schon was heißen, und über den Rest decke ich mal besser den Mantel des beredten Schweigens. Nach dem Kulturteil sollten wir Party machen, so forderte man uns auf, aber wir gingen dann doch weiter in die Schirn. Als wir immer noch überlegten, mit welcher Ausrede wir Tine auf die Rowohlt-Party bekommen würden, lief sie schon auf den Türsteher zu, begrüßte ihn freudig und weil wir alle zu ihr gehörten, wurden wir ohne Prüfblick auf die Gästeliste durchgelassen. Bei Rowohlt gab es nette Menschen, die Gelegenheit, eine Zufallsbekanntschaft per Visitenkartentausch dingfest zu machen, Freigetränke und flinke Kellner, die feine leckere Kleinigkeiten auf Tabletts herumreichten. Ich vergab auch dem Gierhals, der sämtliche Nigiri-Sushis wegaß, als das wirklich sehr niedliche Mädchen vor mir stand, rohen Fisch auf Silbertablett mit Sojadipschälchen präsentierte und mich und meine angesichts der Köstlichkeiten ziellos kreisende Hand aufforderte: "Greif ruhig zu! Dafür ist es ja da." Sie lächelte mich auffordernd an, sanfte Musik lullte mich ein und ich entschied mich für ein Thunfisch-Maki. Die trocken-salzige Algenhülle streifte meinen Gaumen, dann quoll aromatischer Reis hervor, unter dem Druck der Zunge entließ das Sushi seinen weichen Fischkern gen Zungenspitze und ich bekam ein Bild von meiner ganz persönlichen Paradiesvorstellung. Nicht einmal der hochtrunkene Pöbler, der die Freundin eines Freundes aufs Übelste beschimpfte, das könne sie sich ja gar nicht vorstellen in ihrem kleinen Kopf, da sei sie ja viel zu dumm für, viel zu beschränkt und blöd, und überhaupt solle sie heimgehen, nicht einmal der konnte mir noch etwas anhaben. Stand da in seinem abgewrackten Trench mit verwüsteterm grauen Haar, entlud seine Aggresionen und schwankte schließlich von dannen. Fans der Toilettengestaltung sei berichtet: Die afrikanischen Holzstatuen wurden vom neuen Pächter durch Barbiepuppen ersetzt, sonst ist alles beim alten geblieben. Auch das pittoresk herumstehnde und vielbestaunte, sonst aber unbenutzte Damenpissoir harrt noch immer einer mutigen Dame, die bereit ist, den Vorhang vorzuziehen und sich diesem Sanitärmonstrum anzuvertrauen. Danach zum Suhrkamp Taschenbuchfest. Wir kamen zu einer Zeit, als die Party offenbar schon gelaufen war. Durch den grauen Fußgängertunnel namens U60 wummerte nackte Melodielosigkeit und brach sich an den rauhen Betonwänden. Bargestalten hielten sich in kaltem Licht an ihren Gläsern fest und schauten immer wieder verstohlen zur Seite, ob da nicht noch jemand interessanteres zu finden war als der momentane Gesprächspartner. Über die Tanzfläche zuckte Jungvolk, das offenbar nicht des Verlags, sondern des Ortes wegen angerückt war. Alle, die heute dort sein wollten, waren schon weg. Festlich war das Fest also nicht, eher schon von fast radikal zu nennender Reduktion auf die wesentlichen Partyelemente Dunkelheit, Leute, Töne, Suff. Hier manifestiert sich die kritische, allem Überschwang abgeneigte Theorie, hier weht ein Geist von negativer Dialektik. So kennen wir Suhrkamp, so wollen wir das eigentlich auch haben, und nicht so wie noch am Nachmittag erlitten. Im Verlagshaus selbst, so hat man mir erzählt, sind die Autorenportraits aus dem Foyer geräumt und durch ein einziges, überlebensgroßes Portrait Unselds ersetzt worden. Ich finde das problematisch. Suhrkamp ist ein Bollwerk der Aufklärung, da braucht es keinen Hausgott. Der nächste Tag brachte den Fischer-Empfang. Fischer-Feiern kann man lieben oder hassen. Wenn man sie liebt, dann liegt das an den genau richtigen Menschen, die sich da versammelt haben. Wenn man sie haßt, dann hat das diverse Gründe: Langsames Ansteigen des Aggressionspegels aufgrund von zu raumökonomischen Verhältnissen im Verlagshaus ist das eine. Das ungedimmte Licht, die nichtvorhandene Musikuntermalung und also die Abwesenheit jeglicher angenehmer Atmosphäre kommen dazu. Schließlich das offenbar nicht zum Verzehr geeignete Catering: Brauner Reis mit matschigen Klumpen und Maggi-Aroma soll offenbar ein Steinpilzrisotto darstellen, während der gelbliche Reis sich als vollkommen geschmacksneutral erweist. Irgendjemand sollte den Leuten vom Feinkost-Meier mal stecken, daß Reis die Angewohnheit hat, innerhalb kurzer Zeit jegliche Würze in sich aufzunehmen und selbst bei hartnäckigstem Kauen nicht mehr preiszugeben. Dann drückt man sich durch die Massen, ein Glas Rotwein zu bekommen, hat schließlich Erfolg und steht dann in irgendeiner Ecke und hofft, daß alle früher oder später hier vorbeikommen und man sich selbst nicht fortbewegen muß. Wenn ich nicht noch meine Lieblingsschweizer von der Edition Epoca getroffen hätte, wäre dieses Fest vollkommen unerfreulich gewesen. Vielleicht sind es überhaupt die kleinen Verlage, mit denen sich die angenehmsten Stunden verbringen lassen. Tagsüber am Stand von Epoca, wo man sich mittels Espresso in stilvollem Ambiente wieder auf die Beine bringen kann. Oder mittels Weißwein um den Verstand saufen, wenn alles zu spät ist. Nach dem bisherigen Partymarathon freue ich mich auf ein Abendessen mit dem Haymon-Verlag, auch wenn man bei Paolos Ristorante, dem ehemaligen Maximilian's, zwanzig Minuten auf den vorbestellten Tisch warten muß. Endlich gab es richtiges Essen, keine Häppchen, keine Brötchen, kein warmgehaltenes Pampf - ich stürze mich auf einen Salat, frisch aus dem Kühlkammerl, der seine Knackigkeit noch nicht in einen Zustand der zellulären Schlappheit überführt hat. Der Thunfisch zeigt noch keine dunklen Trockenheitsränder, an den Tomaten rollt sich die Haut noch nicht vom Fleisch. Das Acqua Minerale fließt in Strömen und möbelt die ausgelaugten, von trockener Messeluft dehydrierten Leiber wieder leidlich auf. So ein Wellness-Abend ist was feines. Weil der Verleger in meiner Heimat Griesheim Quartier bezogen hat, komme ich sogar noch in den Genuß einer Taxifahrt bis zur Haustür. Dafür mach ich gern ein bißchen Werbung für einen der feinsten, mittelkleinen Verlage Österreichs. Samstagabend dann in den Südbahnhof, zu Eichborn. Meine Mitstreiter schwächeln allesamt, also bin ich allein dort. Mein erster Weg führt mich zur Garderobe, denn ich bin in Begleitung eines 11 Euro 23 teuren original Dresdner Christstollens hier. Er stammt aus dem Café Laumer, dem in Buchmessezeiten zum Café Rowohlt umfunktionierten Kaffehaus mit Wahnsinns-Kuchentheke und dem Flair aus Zeiten der Old Frankfurt School. Das Essen ist zwar etwas enttäuschend, aber für jemanden, der über enorme Mengen an Rowohlt-Gutscheinen verfügt, immerhin umsonst. Ich verfüge zwar nicht über ungeheure Mengen an Rowohlt-Gutscheinen, aber meine Begeleitung, und die hat schon den halben Küchenschrank voller Sahnetrüffel, da muß ich ihr bei den letzten Zetteln schon helfen. Ich gebe also meinen Christstollen im Wert von zwei Gutscheinen und etwas an der Garderobe ab. Das sei das Fest für die Frankfurter, die jemanden im Verlag kennen, sagt jemand. Das muß ja nichts schlechtes sein, denke ich und werf mich ins Getümmel. Zu essen gibt es nichts, was nicht weiter schlimm ist, denn ich bin pappsatt dank Rowohlt. Dafür hat's frischen Süßen, der als Apfelmost annonciert ist. Ich will sofort einen Süßen, was der Thekenmann erst versteht, als ich nach einem Apfelmost verlange. Und ich dachte, das ist das Fest für die Lokalen hier. Zumindest komme ich nun auch mal an den Ort, an dem normalerweise die Beatles-Revival-Bands spielen und Joy Fleming röhrt, wenn sie nicht gerade bei Bodo Kirchhoff Bücher vorstellt. Viel Rot, viele Leuchtschlangen und ein angenehm muffiger Flair von Achtziger-Jahre-Tanzpalast-Imitation. Getanzt wird dann auch ab 22 Uhr 30 zu den üblichen Pop-Klassikern. Man hüpft fröhlich herum und scheint froh zu sein, nicht von Verleger und Kritiker und sonstwem ins Kreuzverhör genommen zu werden. Hier erfahre ich auch, wer der üble Pöbler war, der uns bei Rowohlt belästigt hat. "Das war Greser von Greser&Lenz", erzählt mein Freund, der gleichzeitig mit mir angekommen war. Das habe auch das Weltbild der angepöbelten Freundin sehr ins Wanken gebracht, denn sie habe Greser&Lenz immer sehr verehrt. Aber hier war Greser offenbar als Cartoonfigur in eigenen Diensten unterwegs. Aber so scheint das wohl zu sein: Die ärgsten Saurauslasser im Werk sind privat nette liebe Menschen, während die, die lustige kleine Bilder zeichnen, nach ein paar Gläsern zur echten Belästigung werden. Das taugt vielleicht jetzt nicht so als Moral von der Geschicht, denn eigentlich haben wir das ja immer schon geahnt. Bei Eichborn bekam ich auch noch eine schöne Anekdote dieser Buchmesse geliefert, die ich Euch nicht vorenthalten will: Sehr spät sitzen an einem Tisch eine Frau mit Brille, eine ohne. Kommt ein schwer angetrunkener Mann zu dem Tisch, beugt sich zur Frau mit Brille herab und fragt: "Sagnsemal, ham Fraun mit Brille eigentlich auch maln Orgasmus?" Schaut die Frau zu ihm auf und erwidert: "Wenn ich keinen krich, nehm ich se ab." ... comment
gHack,
Dienstag, 14. Oktober 2003, 08:26
Sie sind eine Heldin. All Tomorrows Parties auf einmal!
... link ... comment
ak,
Dienstag, 14. Oktober 2003, 09:02
Schwer beeindruckt: Ultimativer Buchmessenabschlussbericht.
... link
ak,
Dienstag, 14. Oktober 2003, 13:37
Aber ebnet Ihnen Ausweichmöglichkeiten in den DFB. Langsam lohnt sich eine Rubrik "Papa, halt's Maul!"
... link ... comment
ute,
Dienstag, 14. Oktober 2003, 09:48
Merci.
Ich kenne den Run auf die Partykarten aus Leipzig - und den Kummer darüber, wie ungemütlich doch die neue Messehalle sei.
... link
DonDahlmann,
Dienstag, 14. Oktober 2003, 23:28
Groß. Nicht auf der Ullstein Party gewesen? Die "Star Fuckers" original Rolling Stones Song spielten? Oder bei Kiwi? In diesem Hotel, wo die Herren so gegen Mitternacht jovial den obersten Hemdknopf öffneten?
Eichborn war echt...uuuuhhhh... Wenn ich Dich gekannt hätte, dann hätte ich Dich nebst Anhang mit zur Galerie Fruchtig Party im Bootshaus geschleppt, wo es billiges Bier und Musik von Thomas Meineke von fsk gab. Die einzige Party, auf dem die Menschen schon vor dem Trinken schön waren. ... link
tine,
Mittwoch, 15. Oktober 2003, 21:11
im nachhinein war man scheinbar immer auf der falschen party. gestern hat mich eine bekannte gefragt, warum wir samstags nicht auf DER Party dieses amerikanischen Verlages gewesen seien. es wäre DIE party der buchmesse gewesen:"... wegen des stuttgarter verlegers ... dessen kleiner verlag dieses jahr ...ein buch... booker-preis ... der hätte auf DIESER party aufgelegt, weil doch früher dj gewesen. bla bla..."
woanders ist es immer schöner :) ... link ... comment |
seit 2762 Tagen sitz ich hierletzte Bestellung: 2009.07.04, 18:39 Suche und finde
... antville home
Proud Member of ALVORADA POSSE and made on a RSS gibts auch. |