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andreaffm, Sa, 28.Juni.2008, 17:37 Willkommen, liebe Gemeinde, zum zweiten Teil des diesjährigen Wettlesens. Es ist Samstag früh, mir droht Heike Geißler, und weil ich schonmal ein Buch von ihr nach wenigen Seiten verärgert weggelegt habe, wappne ich mich vorsorglich mit extrastarkem Kaffee plus Sachertorte. Manchmal helfen nur die ganz starken Geschütze, mich bei Sinnen zu halten.
![]() Ich verstehe Heike Geißler einfach nicht. Sie sieht so nett aus, so quietschig und sommersprossig und fröhlich, und dann schreibt sie so ein zaaches Zeug (manchmal sind die Dinge so schlimm, daß man sie mit Austriazismen umschreiben muß), daß ich mich frage, wie hält die denn ihre eigenen Texte aus? Dieser hier heißt "Das luftige Leben" und es geht, naja eigentlich geht es bei Geißler ja nie um was, aber weil man nicht einfach nur Phrasen aneinanderreihen kann, obwohl das ihr poetisches Verfahren recht präzis beschreibt, geht es also um einen Mann, einen Touristenführer, der eine Frau haben will, eine Boutiquenbesitzerin, und sie zum Abendessen einladen will, sich aber nicht traut und sich deshalb lieber einen Engel einbildet. Ungefähr so: "Alle Zeit der Welt, rief er in die Räume des Hauses und wurde nach einer Woche neugieriger zu erfahren, was genau es mit dem Engel auf sich hatte, wie und wann er sich zeigen wollte, wie alles dann werden würde. Vielleicht eine Ehe, sagte er dem Engel, damit wir nicht zu endlich sind. Doch klopfte er sich sofort auf den Mund. Was weiß ich schon von dir, sagte er, weiß ja gerade erst, dass bei auflandigem Wind ein Pfeifen durch das Reetdach dringt, das deinem Wispern ähnlich ist." Weil Heike Geißler vermutlich wirklich so nett ist, wie sie aussieht, muß sie lachen, als ihr Protagonist ganz allein im Hotelzimmer ist, und ich denke, daß Heike Geißler jetzt denkt, na hoffentlich liegt nicht das Zimmermädchen von Markus Orths unterm Bett. Jetzt warte ich darauf, daß die Jury aus ihrer Starre erwacht und das Wortgeklingel anklagt, aber nein, jetzt legt erstmal Ijoma Mangold los und lobt kräftig ab. Welchen Text hat der denn gerade gehört? Einen interessanten Text, der ihn zu Reflexionen über Kunst als Säkularisationsprodukt des Religiösen verleitet? In welcher Parallelwelt fand das denn statt? Außerdem sah er erzählerische Tüchtigkeit und Feinheit am Werk. Er hat auch sofort Bilder im Kopf gehabt von Rügen und so, und ich frage mich: woher? Einen wortlastigeren, unbildhafteren Text kann ich mir fast nicht denken. Immerhin Frau Strigl ist noch so einigermaßen auf meiner Seite, wenn sie die Geschichte für einen schweren Fall hält und sich anfangs fragte, was das denn für eine Sprache sei, die so etwas parfümiertes habe. Das ist für mich prätentiös, sagt Strigl, und ich freue mich über die Stimme der Vernunft im Chaos. Das sei wie ein Schlag in die Magengrube gewesen, führt sie weiter aus, und zwar völlig zu recht (wobei ich bei dem Text ja eher so Assoziationen wie langsam bohrende Zahnschmerzen habe, die einen in den Wahnsinn treiben), aber das Schöne sei ja, wenn der Schmerz nachlässt, und irgendwann habe sie sich daran gewöhnt gehabt. (Das spricht nicht für den Text, Frau Strigl! möchte ich einwenden. Das spricht für seine Schmerzintensität und wie schnell er es schafft, einem die sprachliche Sensibilität abzutöten!) Sprinnen ist sprachlich ambivalent, freut sich aber an der Gleichwertigkeit von Wahn und Wirklichkeit. Frau März, die aus mir völlig unverständlichen Gründen die Autorin eingeladen hat, obwohl sie doch sonst immer ganz gute Kandidaten am Start hatte, Frau März also führt aus, was dieser Text mit Meister Eder und dem Pumuckl zu tun hat, was dann irgendwie auf Tagträume als Zustand des zweigleisigen Seins hinausläuft. Heiz merkt an, der Leser sei enttäuscht, wenn ihm am Ende der Engel entzogen würde, weil der ja bloß Einbildung sei. Aber, endlich mal keine neurotische Mutter und alles was wir kennen, endlich mal ein Engel! Nüchtern enttäuscht mich erstmals in diesem Jahr mit der Verteidigung dieses Textes gegen Daniela Strigl. (Ich finde, alle sollten mehr auf Frau Strigl hören. Frau Strigl hat immer recht.) Das hochartifizielle Idiom habe ihm gefallen, das habe etwas von der pusseligen Präzision eines Buddelschiffbauers, die Konjunktive seien bis zum Wahnsinn korrekt eingesetzt. Aber das ist ein poetisches Thema! sagt Frau Strigl, da müsse man doch die Sprache nicht noch zwei Schraubenumdrehungen weiter poetisieren. Herr Sulzer ist mir in seiner Ratlosigkeit erstmals in diesem Jahr sympathisch. Startnummer neun hat Sudabeh Mohafez, und mit der Einladung dieser Autorin macht Nüchtern bei mir wieder Punkte. "Im Roten Meer" heißt die Erzählung, und eigentlich geht es um zwei rote Meere, um ein rotes Flammenmeer, dem die Wohnung der Erzählerin anheimfällt, und um das Meer roter Feuerwehrmänner, besonders Heinz-Jürgen Gelling, dem das Herz der Erzählerin anheimfällt, aber nur für die Dauer dieses Einsatzes. Das Ganze ist so ein bißchen neben der Spur erzählt, was aber logisch und begründbar ist, schließlich ist die Erzählerin ein Brandopfer und hat gerade alles verloren, ihren gesamten Besitz, und wenn die Verpuffung nicht gewesen wäre, wäre sie jetzt tot. Da kann man schon mal neben der Spur sein, sich sinnlos in Feuerwehrmänner verlieben und überhaupt eine etwas schräge Sicht haben. Und erst langsam verstehen, was da gerade vorgefallen ist, was einen aus dem Schlaf geschreckt hat, und das langsame Verstehen spiegelt sich dann auch in der Sprache. Schön, da habe ich gerne zugehört. Sulzer ist ein echter Verehrer der Feuerwehr, weil er selbst schon zweimal in einen Brand geraten ist, berichtet er. Er kann vieles in dem Text nachvollziehen und hält ihn für eine schöne, abgeschlossene Short-Story. (Oh, das Wort ist gefährlich. Das öffnet dem Konventionalitätsverdacht Tür und Tor!) Strigl mag den gewollt originellen Titel nicht, aber es sei schön, wie der Text etwas schildert, was für eine Seite eine Extremsituation sei, für die andere jedoch Arbeitsalltag, das zeige sich auch in der Sprache. Mangold widerspricht vollständig: Er findet den Text schwül und undezent, das seien Großmetaphern, der Feuerwehrman mit dem Schlauch, das sei ja ein phallische Figur, das alles stößt bei ihm auf Abwehr. (Ich frag mich schon wieder, wo der Mangold die letzte halbe Stunde gewesen ist.) Burkard Spinnen gesteht, mit dem Text vor Monaten eine unglückliche Liebesgeschichte gehabt zu haben, da er sich auf den ersten Seiten wüst verknallt hat. Natürlich kommt auch wieder ein Schwank aus seiner Jugend, er wurde nämlich mal zusammengeschlagen und jemand zog eine Pistole, und da dachte Spinnen, jetzt werde er totgeschossen, und wunderte sich darüber, wie er das dachte, und diese Selbstbeobachtung im Text, das kennt er sehr gut. Er muß jedoch noch ein bißchen den Corino machen hinsichtlich des Umgangs mit Brandopfern und der korrekten Tatortbegehung. Frau März findet den Text etwas zu mechanisch. Nüchtern möchte sich nun auch die Bluse aufreißen und entäußern: Er hat sich in den Text verliebt, und zwar als Musikhörer. Heinz-Jürgen Gelling, so heißt besagter Feuerwehrmann, habe den Swing, darum gehe es. Man müsse ein veritables Schweinsohr sein, um die Musikalität nicht zu hören. Außerdem ist er gegen Realismusverordnungen in der Literatur, dafür aber für ein längst fälliges Plädoyer für die Zärtlichkeit der Feuerwehrleute. Heiz liest den Text lieber leise, dann swingt er besser, Ijoma Mangold liest jetzt laut, um zu zeigen, daß er kein Schweinsohr ist, das leiert ja, meint er, aber Heiz: Jetzt wie sie das lesen finde ich das gut! Für Trojanow, den Pausenclown, ist das der erste anrührende Text, sagt er. Ich mag den Text auch. Ich denke aber, der wird es nicht leicht haben, weil er so leicht tut. Weiter geht es mit Dagrun Hintze. Sie wurde von Burkhard Spinnen eingeladen und liest einen Text namens "Flugangst". Ich fühle mich von dem Text irgendwie verstanden, weil es da um eine Journalistin geht, die es auch nur an die Unorte treibt, zuletzt in die Flughafenkapelle, und ich denk: Ja, nette Idee eigentlich fürs Sommerloch, sollte ich mal anfragen. Ich fühle mich außerdem verstanden, weil sie so einen trockenen Humor pflegt und sprachlich so eine Schlagfertigkeit gegenüber den Zumutungen der Moderne. Inhaltlich setzt sie sich mit öffentlichen Andachtsräumen auseinander, die unverbindliche Angebote an die Spiritualität sind, welche auch immer, das ist ja völlig unverbindlich und mehr so eine Lifestyle-Entscheidung, wen oder was man gerade anbetet. Heiz braucht bei diesem Text Hilfe. Das Material und die Recherche findet er überzeugend, er weiß jedoch nicht, welchen Anspruch er sonst stellen darf. Da die Autorin sich sonst mit moderner Kunst beschäftigt, möchte er gern den Anspruch stellen, daß sich da Semantiken verschieben sollen. Sulzer hat der Text gut gefallen, das sei eine gekonnte Mischung aus Essay und Raisonnement. Mangold mochte den Text (huch!), weil er das Denken anregt hinsichtlich der transzendentalen Obdachlosigkeit unserer Zeit. März findet den Text verwerfend, die Erzählerin verwerfe sich auch selbst, aber da sei keine Wut dahinter. (Ach, Wut. Was ist das denn jetzt für ein Radisch-Argument?) Die Mittel seien die eines Feuilletonismus, gegen den sie ja nichts hat, aber eben nicht die Mittel der Literatur. (März ist wirklich die neue Radisch. Jetzt erklärt sie schon, was die Mittel der Literatur sind.) Strigl findet den Text klug und auch die Fragen klug komponiert. Das Problem sei jedoch diese eigentlich ganz ehrenhafte Verquickung von Journalismus und Literatur, diese Mischung aus Nähe und Distanz habe ihre Tücken. Spinnen meint, das sei ein schizoider Monolog von jemandem, dem es verdammt dreckig geht, und die Recherche sei das, was sie am Leben hält. Es gebe den ständigen Wunsch, dazuzugehören. Nüchtern möchte auch dazugehören, zur Jury nämlich, und sagen, es habens eh alle recht. Er sieht die Einwände, die Architektur jedoch gefällt ihm, das Herumgehen und Abschreiten. Da sei ein heruntergedimmtes Drama transzendentaler Obdachlosigkeit (das hat er jetzt vom Mangold), es gibt aber immer einen Café Latte am nächsten Eck, deshalb arrangiert man sich, wenn auch mit leichtem ästhetischen Unbehagen. Mangold findet die Nähe zum Essay toll, März findet das nicht essayistisch sondern meint, das sei ein altkluges Repertoire. Heiz findet sich immer noch nicht zurecht zwischen Satire, Humoreske und Kritik. (Nun ja, ob das nun essayistisch ist oder altklug, da kann man jetzt viel in den Raum hineinbehaupten, da fehlt jetzt einfach die Zeit zur näheren Auseinandernahme und zeigt mal wieder, wie wenig Kritiker wirklich interpretieren und wieviel sie einfach mal so über den Daumen peilen.) Pedro Lenz ist heuer der Quotenschweizer, eingeladen vom Jury-Quotenschweizer Heiz. Sein Text heißt "Inland": "Lass mich im Dorf anfangen, im Dorf meiner Kindheit, genau gesagt im Schulhaus, das nur nach unserem Quartier benannt war, nicht wie andere Schulhäuser, die nach einem berühmten Pädagogen benannt sind. Im Schulhaus fängt es an. Dort oben, im zweiten Stockwerk." Da treffen sich also zwei wieder nach langen Jahren und einer fängt an zu erzählen, so will es die Erzählerfiktion, und der tut das ziemlich manisch, weil sich unerhörtes begeben hat. Das ist sprachlich virtuos, ich mag auch das Schweizernde, aber ich habe Probleme damit, daß da jemand wirklich nur eine Geschichte aus der Jugend erzählt. Wenn man auch merkt, daß die manische Sprache der Gegenwart eine Reaktion ist auf die Vergangenheit, die dadurch immer noch in sein Leben hineinragt, mir ist es doch ein wenig dürr. Spinnen hat das Problem, daß er jetzt eigentlich zwei Texte bewerten muß, den gehörten und den gelesenen. Also den gehörten, da entwickelt einer einen Sound, meine Herren von der Popfraktion, ja Herr Nüchtern, Sie sind gemeint! – Ich bin doch Jatz – aber beim selbstgelesenen Text haben sich die Stereotype in den Vordergrund geschoben. Nüchtern fühlt sich, als habe ihm jemand ein Loch in den Bauch gelesen. Musikalisch habe es ihn nicht gepackt, daher fragt er sich, was hat er da jetzt bekommen, Schulanekdoten? ein Trauma? März geht es wie Spinnen. Sulzer fragt sich, wer der Adressat der Erzählung ist und corinot ein bißchen. Strigl stolpert beim Lesen, beim Hören eher nicht und findet die Helvetismen charmant. Mangold findet den Text, in tatsächlich nur vier lapidaren Worten, sehr sympathisch, aber unbedeutend. Spinnen verweist auf Michael Lenz. Heiz erklärt, da redet sich jemand die Seele frei, Mangold bleibt skptisch. Von Ulf Erdmann Ziegler hatte ich bisher einen Eindruck diffuser Genialität. Gut, der Eindruck war eher aus der Ferne entstanden, gelesen habe ich noch nichts von ihm. Er steht im Beltz-Gedenkraum im hiesigen Literaturhaus herum und erinnert mich irgendwie an meinen Großvater, was aber auch an den wenigen Haaren liegen kann. Ziegler leistet sich auch ein paar Auffälligkeiten, er sagt nochmal was wegen Händis aus und korrigiert einen Tippfehler, der bereits sieben Übersetzer zum Googeln gebracht habe. Außerdem steht auf dem Tisch ein Schildchen, auf dem ß steht. Oh, ein Verfechter des Versal-Eszetts! denke ich erfreut, aber auf der Rückseite steht ss, und das bezieht sich nur auf die Schreibweise der Stadt Neuss, die wohl irgendwann einmal verändert wurde. Der Text heißt "Pomona", und so heißt die Siedlung, in der sich das Ehepaar niederläßt und Kinder kriegt. Das ganze spielt so in den Sechzigern, wobei da nichts eigentlich spielt, weil sich nichts abspielt. Erdmann versucht wohl, soetwas wie die kleinste gemeinsame Familiengeschichte zu erzählen, ohne Höhepunkte, ein stetiger Strom. Frau März möchte Herrn Nüchtern mit einer ihrer Lieblingsanekdoten zermürben: Das sei früher immer eine Identitätsfrage gewesen, ob man Samstags Faßbenders "Acht Stunden sind kein Tag" geschaut habe oder "Rauchende Colts". Alles in diesem Text sei ja sehr plausibel und anschaulich und verständlich, sie habe jedoch ein Problem mit dem Überanschaulichen. Da gehe eine Signalwirkung von kulturgeschichtlichen Details aus, daß wenig für die Menschen dazwischen übrigbleibt. Mangold liest die Geschichte als Rückkehr ins Paradies, da werde die Mentalitätsgeschichte der frühen Bundesrepublik als Idyllengeschichte erzählt. Das bekomme dann so etwas betuliches, eine seltsame Gemütlichkeit: "Der Abend blieb unvergeßlich, weil zwischendrin das Biedermeiersofa zusammenbrach." Da sei nicht nur rheinische Frohnatur, sondern auch onkelhafte Witzischkeit am Werk. Das wiederum ruft den Rheinländer in Herrn Spinnen auf den Plan: Ziegler lasse sich die Leute über ihr materialgewordenen Lebenspläne definieren, das sei so ein friedlicher Neußer Siedlungsimperialismus. Mangold sieht die Erweiterung des Prinzips Generation Golf in die Sechziger Jahre hinein. Frau Strigl nimmt mit Verwunderung zur Kenntnis, daß es kaum eine Gegend gibt, in der Burkhard Spinnen nicht zu Hause ist. Die flirrende Beiläufigkeit der Geschichte habe ihr gefallen, das sei wie diese Pioniere, die nach Westen gehen, um zu siedeln. Nüchtern ist der Text sympathisch und erkennt die Onkelhaftigkeit als mimetische Leistung an. Der einladende Sulzer findet den Text unheimlich reich und kein einziges schiefes Bild sei drin. Außerdem komme endlich mal Stadt vor. Heiz findet den Text kohärent, da gehe eine Bildwelt auf mit hoher Eleganz der literarischen Mittel. Als Vorletzter mit der Nummer dreizehn startet Tilman Rammstedt. Auf Einladung von Ursula März liest er "Der Kaiser von China", das wohl einmal ein Roman werden soll. Ein weiterer Ausschnitt findet sich in der Volltext-Bachmannbeilage. Nunja, ich finde den Text zuerst einmal enorm witzig, und das ist ja immer erst einmal ein Wagnis, mit einem so flapsig erscheinenden Text nach Klagenfurt zu reisen, dem man die Mühen der harten Spracharbeit nicht auf Anhieb ansieht und die Mühen, die die Protagonisten durchmachen, auch nicht. Andererseits frag ich mich an manchen Stellen, ob es nicht ein wenig witzelsüchtiger nicht auch gegangen wäre. Oder ob man den Humor nicht ein bißchen dunkler hätte gestalten können, aber gut, das sind dann wahrscheinlich wirklich Geschmacksfragen, gegen die man auch einwenden könnte, daß ein nicht ableben wollender und schließlich doch toter Großvater schon finster genug ist. Das gilt auch für den Einwand, daß der Enkel doch ein bißchen arg spätpubertär daherkommt, was an Konflikten liegt, die zum Teil außerhalb des Textausschnittes liegen müssen, was wiederum eine Beurteilung immer ein wenig schwierig macht. Klaus Nüchtern konstatiert die bisher höchste wpm-Rate, words per minute, der Text sei verschwenderisch mit seinen Pointen, teilweise zuviel des Guten, aber hochkomisch. Auch gebe es einen ernsten Hintergrund und vereinzelte Horrormotive. Der Triumph des großväterlichen Überlebens sei keine sympathische Eigenschaft, genauso sei die sexuelle Konkurrenz durch den eigenen Opa erniedrigend für den Enkel. Sulzer findet diesen Großvater glamourös, aber ohne Vergangenheit. Hat auch sehr gelacht. Herr Mangold fände es schöner, einen komischen Text nicht interpretatorisch aufzudonnern, aber man muß ja etwas dazu sagen. (Ja, das ist schwierig, und ich weiß gerade nicht, ob es gegen die Literaturkritik oder gegen den Text spricht.) Spinnen findet den Text brilliant und virtuos gemacht, er sei jedoch zusammengesetzt aus Motiven, von denen er nicht eins nicht kannte. Frau Strigl fragt sich, wie das Tempo in einem Roman durchgehalten werden kann. Außerdem habe der Großvater eine derart übermächtige Präsenz, da vermisse man die Vergangenheit nicht. Frau März hat ein Deja vu, denn sie hat es schon oft erlebt, daß alle lachen, und dann gehen die Verdächtigungen los, daß der Text nicht schwer genug sei und alles schonmal gelesen. Sie hat den Verdacht, daß das außerhalb dieses Raumes keiner versteht, und bekommt vom Publikum Szenenapplaus, von Spinnen jedoch die gelbe Karte, weil das ein Foul sei. Heiz sieht den Humor in diesem Text als Therapie und sagt das Wort, um der Jury zu gefallen, Frau Strigl verweist auf die Gattung der Suada. (An dieser Stelle müßte jetzt eigentlich ein Exkurs folgen über die Ohnmacht der Kritik angesichts des Humors. Das ist, wie ich glaube, aber kein grundsätzliches Problem, sondern eines des fehlenden Werkzeugs. Die richtigen Hebel für sowas sind derzeit nicht lieferbar, weil es lange Zeit keine Nachfrage gab.) Den undankbaren letzten Platz hat Anette Selg gezogen, und undankbarerweise falle ich ins Wachkoma. Ich wollte ihr zuhören, ehrlich, ich habe es mir fest vorgenommen, allein, mir fielen die Augen zu und irgendwann klatschten alle. Ich habe aber mitbekomme, daß das wieder so ein klassisches modernes Sujet ist, eine Urlaubsgeschichte zweier Paare, "Muttervaterkind" der Titel, wobei sich die Kritiker auch nicht ganz eins darüber waren, ob der Seitensprung nun stattgefunden hat oder nicht. Nun gut. Ich werbe hiermit um Verständnis für meine mangelhafte Kondition und zitiere den Anfang: "Die Frau wartet in dem abgedunkelten Zimmer, bis das Kind eingeschlafen ist. Es liegt neben dem Mann im großen Bett, in zwei Stunden wird es mit roten Backen und verschwitzten Haaren aufwachen, und dann werden sie alle drei nach vorne gehen ins Restaurant, das zu den weißen Bungalows gehört, Nachmittagskaffee trinken und der Junge wird ein Eis essen. Die Frau nimmt ihr Buch und ein Laken von der Brüstung vor dem Eingang und steigt über die schmale Außentreppe nach unten. Ein großes Blau leuchtet über ihrem Kopf wie an den vergangenen Nachmittagen, nur nicht am Tag ihrer Ankunft, an dem alles grau war vor Regen." Das ganze dann noch zögerlich gelesen, als traue die Autorin ihren eigenen Worten nicht. Literarisches Valium. Wirkt sofort. Nicht vor längeren Autofahrten. Mangold gibt zu, die Position des Textes nach Rammstedt sei schwierig. Das sei sehr genau, sehr gebaut und solide erzählt, aber nicht so richtig spannend. (Beileibe nicht.) Er müsse mit Heiz sagen: Dann heiratet halt nicht. Die gute Frau Strigl hat das Bedürfnis, jetzt gute Nacht zu sagen und hat eine der Figuren um ihren Mokka beneidet. (Ach, Frau Strigl, Sie verstehen mich!) Sie meint, das liege am Tempo des Textes. Das sei so Wahlverwandtschaften light, aber es passiere nichts. Heiz hat an dem Text überzeugt, wie Sehnsüchte integriert werden in die Banalität des Alltags, hat aber Bedenken, daß die Sehnsucht in ein Ornament verwandelt wird. (In diesem Text wird sie in ein Segelboot verwandelt, auch nicht gerade originell.) Spinnen sagt, wenn es das Gegenteil eines Trendforschers gäbe, dann sei er das, aber es gebe in diesem Jahr dennoch so etwas wie eine Tendenz zum Ausbleiben der Katastrophe. Aber hier paßt das immer alles so, bemängelt er. Frau März denkt nach, dann meint sie aber, daß so ein Nichtpassieren eine minimalistische Erzählweise verlangt, wie bei Duras etwa, hier werde zu wenig ausgelassen. Über die Ästhetik der Duras ist die Ästhetik des deutschen Fernsehspiels hinweggegangen, meint März, und nun ist Nüchtern kurz vor der gelben Karte. Er hat die Autorin eingeladen und verteidigt sie auf irgendwie halbherzige Weise, die ich nicht ganz kapiere. Und das war es für dieses Jahr. Die Preisverleihung folgt. ... comment
don alphonso,
Samstag, 28. Juni 2008, 18:20
In jedem Tropfen Benzin im Zylinder ist mehr Kunst als in Klagenfurt.
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slowburn,
Sonntag, 29. Juni 2008, 09:13
und doch ist es schön, dass es diese veranstaltung gibt.
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helgab.,
Sonntag, 29. Juni 2008, 12:26
die Berichterstattung hier ist doch mal wieder besser als die Lesung selbst;K-)
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callide,
Mittwoch, 2. Juli 2008, 22:40
bachmann T overdrive
für mich waren jirgl und märz die besten ..., aber letztlich hat ingo arend im freitag 27 das notwendige geschrieben. und auch ich habe ein kleines statement ins netzwerk gestellt.
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callide,
Donnerstag, 3. Juli 2008, 20:31
na dann
bescheiden: callide.uboot.com
Wettlesen ist ja schon (vor einer Generation) der heutige P-Slam-Wettbewerb gewesen, Ende schöner und ernster Literaturvermittlung, sportliche Vernutzung der letzten freien, un- bis antiörtlichen Künste im allgemeinen Verwertungsgetriebe. Wer hingeht, ist drin, wer ungefangen sein will, hungert für die Nachwelt. - ich verweise auf den rasierklingenschnitt von meinem spezi rainald goetz, der das ende des literatur-wettbewerbs kritisch markierte, und zeige auf die hiesige medien-lit-talk-show für kulturspezialisten, die die einvernahme ins komplett kompatible indiziert. trotzdem lese ich weiter literatur, meistens ist sie belanglos. zumindest zwei jahre später. wenn die ideologieindustrie nicht mehr nachhilft ... ... link ... comment |
seit 2762 Tagen sitz ich hierletzte Bestellung: 2009.07.04, 14:54 Suche und finde
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