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bachmann-wettlesen 2008, tag 1
andreaffm, Fr, 27.Juni.2008, 19:28 Während ja mittlerweile sogar die Welt livebloggt, um nur ja keine Relevanzzuckung auch nur Minuten zu spät zu vermelden, geht es hier in meinem kleinen Jetztzeit-Medium wie immer noch ganz betulich zu. Irgendwann, wenn der erste größere Schwung von meinem Notizbuch ins Textfensterchen übertragen ist und so viele Fehler wie möglich ausgemerzt wurden, bekommt ihr meinen Klagenfurtbericht zu lesen. Nicht früher. Ihr verpaßt ja nichts. Ich kann mir nicht vorstellen, daß hier irgendjemand irgendetwas verpaßt, wenn er nicht schon sofort erfährt, daß es mal wieder langweilig ist.
![]() Also gut, beginnen wie wie immer mit dem ersten Vorlesenden, es ist Freitag früh, kurz nach neun und Thorsten Palzhoff, vorgeschlagen von Ijoma Mangold, liest seinen Text "Livia". Das ist so einer dieser trockenen Texte, die in ferne Länder führen und dort gern zu historischen Momenten, und zwar ins frisch von Ceaucescu befreite Rumänien. Der Erzähler gibt sich weltgewandt und wirft Namen in die Runde, die man vermutlich kennen soll, aber ich weigere mich, mich dafür zu schämen, sie nicht zu kennen. Sowas ähnliches gab es schonmal, wie hieß der? Ach ja, Gregor Hens: "John F. Kennedy und der Ausbruch des Irazu", Bachmann 2003. Sehr faktenhubernd, viel indirekte Rede, aber bei Hens damals aus Kinderperspektive. Hier aus Perspektive eines WDR-Drehteams, das dann auf geheimnisvolle Weise verschwindet, was wiederum Anlaß gibt für einiges an Mythologisierung und Durchdringung der Realität mit derselben und am Ende erweisen sich beide, Mythos wie Realität, als Konstrukt. Sprachlich eher so Männerprosa. Das ist jemand, der sich auf gar keinen Fall Innerlichkeit vorwerfen lassen will und daraufhin ins gegenteilige Extrem verfällt, dabei aber immer wieder ausrutscht. So schließt sich die Zugtür mit "kreatürlichem Seufzen", eine Kirche sieht aus "wie aus dem Märchenbuch". Das ist natürlich dermaßen platt, das geht gar nicht. Frau März meint denn auch, das sei ein sehr politischer Text und der Wettbewerb müsse sich nicht vorwerfen lassen, daß da nur Introspektionstexte gelesen werden. Sie findet den Text interessant und hochaufgeladen, meint auch zu wissen, was ihr der Autor damit sagen will, nicht aber, welche Haltung er dazu hat. Klaus Nüchtern konzediert unglaublichen Aufwand ineinandergestapelter Perspektiven, der aber von enervierender Selbstreflexivität begleitet sei. Die Erkenntnis, daß Mythen und Wirklichkeit ineinandergreifen, hatte er vorher schon. Ijoma Mangold verteidigt seinen Autor, das sei eine Wiederbelebung der Novelle, das sei Weltgeschichte als Mediengeschichte. (Ach ja, Medienwissenschaftlerprosa ist auch so ein ganz eigenes Genre. Der Film! Der Mythos! Die Realität! Und diese Schnittstellen überall! Immer gern genommen, zum Beispiel von Patrick Roth oder Thomas Hettche.) März meint, das hat zwar die Form einer Novelle, aber die Ausführung einer Geschichtsstunde, und für Frau Strigl wurde schlicht zu wenig weggelassen. Ich finde Frau Strigl schon wieder großartig. Zu wenig weggelassen, das ist mal eine Kritik. Außerdem liefert sie mit ein passendes Adjektiv, sie findet die Sprache nämlich technokratisch, dabei habe sie aber was Erwartbares. Danke, Frau Strigl! Burkhard Spinnen, der als Jurypräsident Iris Radisch nachfolgt, findet die Konstruktion hochintelligent, fragt sich aber, was diese oft konventionelle Audrucksweise da hinkommt. Ja, das fragen wir uns alle. Ist diese Betulichkeit Absicht? fragt sich Spinnen. Mangold unternimmt den Erklärungsversuch, die Sprache entstehe aus dem Tonfall der Reportage. März warnt aber davor, den Text zu schlecht wegkommen zu lassen. (Nun ja, es gibt viel zu viele solcher Texte, sie so auskennerisch tun. Die sind mir von Herzen unsympatisch. Allein schon diese Haltung, die so gar nichts fragendes mehr hat, nur noch erklärendes, die sich zu einem runterbeugt und sich auch zu der Welt runterbeugt und glaubt, sie hat eh alles durchschaut. Solche Texte halten, wenn man mal näher hinschaut, oft nicht stand.) Nummer zwei ist Alina Bronsky, russischstämmige Frankfurterin und auch von Ijoma Mangold vorgschlagen. Sie liest einen Ausschnitt aus dem Roman "Scherbenpark" der noch nicht erschienen ist, und darum geht es um eine russische Familie, die irgendwie in Deutschland zurechtkommen muß. Erst dachte ich, das ist so ein Lena-Gorelik-Klon und die Sorgen und Nöte russischer Familien mit neunmalklugen Töchtern im beklagenswert unchaotischen Deutschland kenne ich langsam. Dann stellt man fest, daß der Vater fehlt. Dann fehlt auch die Mutter, die der Vater erschlägt. Und dann ist es plötzlich doch mehr als eine russische Familie mit neunmalkluger Tochter im beklagenswert unchaotischen Deutschland, dann bricht nämlich wirklich alles aus den Fugen und die Psychologen kommen und die Presse und die Cousine aus Nowosibirsk, die sich um die Kinder kümmern muß. Und noch etwas nimmt mich für die Autorin ein: Daß ich erst denke, Mensch, die liest aber nicht gut, und dann erwähnt die Hauptfigur im Text, daß sie ihre hessischen Zischlaute bekämpft, die sie von den Türkenjungs aus dem Nachbarblock angenommen hat, dann paßt wieder alles und ich bin versöhnt. Das ist jetzt natürlich kein literarisches Kriterium, aber ich sag mal besser dazu, daß ich das sympathisch finde. Frau Strigl findet den Text erfrischend. Hier spreche ein altkluges, aber fürsorgliches Mädchen, das unterhaltsam vor sich hinraisonniert, dabei sei das Thema aber ernst und die Detailbeobachtungen gelungen. Einige Klischees hinsichtlich der Russen gebe es, weil das so Russen sind, wie man sich Russen vorstellt, aber die Klischees seien hier mit Leben erfüllt und nicht weiter störend. Nüchtern ist auch angetan und sieht die Selbstironie im Text als Waffe der Erzählerin, um sich zu panzern. Frau März versteht nicht, wie das neunmalkluge Ausnahmetalent, das die Erzählerin ist, mit dem kindlichen Ton zusammengeht. Nüchtern wendet ein, die Erzählerin wolle sich in unser Herz charmieren, und Burkhard Spinnen verweist auf die Grundhaltung simplicianischen Erzählens, sich im Chaos naiv zu stellen. Vladimir Heiz hat zwar nichts gegen Neorealismus, findet die Verfahren zwischen Sozialktitik und Satire aber unausgegoren, die den Leser je nach Gusto bedienen. (Ach so, es geht nur entweder oder, oder was? Das wiederum finde ich ja klischeehaft.) Das sei eben kein Text, der vornehm tun, sagt Mangold und macht sich bei mir gerade sehr beliebt. Die Fülle sei doch schön. Solche Geschichten gebe es im Deutschen gar nicht, das kenne man eher aus dem Angelsächsischen, und besonders da, wo Kulturtransfer stattfinde, etwa bei Monica Ali oder Zadie Smith. (Ich mag Mangold nun fast so gern wie Strigl.) Solche Prosa sei vielleicht nicht büchnerpreisverdächtig, sie entfalte jedoch einen unglaublichen Erzählstrom. Sulzer bemängelt jedoch, es gebe zuviel Vorhersehbares. (Sulzer ist überhaupt der neue Corino. Null Humor, und immer was zum Kritteln.) In der Pause erfahre ich, daß Ilja Trojanow beim Schreiben Barockopern hört. Dann geht es weiter mit Clemes Setz, vorgeschlagen von Daniela Strigl. Der Text heißt "Die Waage", und um eine solche geht es darin auch. Das ist eine grundsätzlich nette Erzählung mit leichter Realitätsschräglage und einigen Abgründen. Seitz ist zwar aus Graz, pflegt aber eine fast schweizerische Schrulligkeit. Es geht um ein Paar in einer Hausgemeinschaft, und eines Tages steht eine alte Münzwaage im Garten. Die Nachbarschaft entwickelt daraufhin den Ehrgeiz, jeden im Haus wiegen zu lassen und führt darüber Buch. Das klingt etwas angestrengt, wird aber ganz beiläufig erzählt und dank der überzeugenden Dialoge auch völlig glaubhaft. Klaus Nüchtern findet den Erzähler noch nicht vollverrückt, eher zart zwangsneurotisch. Der Waage wohne der Grundhorror allen Vermessenwerdens inne, man kenne das ja vom Arzt. Dabei ist der Erzähler immer noch weniger verrückt als sein Umfeld. Allerdings hätte Corino, auf dessen Platz Nüchtern nun sitzt, sicher angemerkt, daß die alte Münzwaage nicht mit Euros funktioniert, sondern eher mit Schillingen. Das muß der Genius Loci sein, meint er. Frau März hat geprustet beim Lesen, das sei eine Horrorgeschichte darüber, daß sich die Welt der Gegenstände belebt und findet, das sei eine kleine, wunderbare, elegante Episode. Sulzer hat natürlich nicht gelacht, aber findet die Dialoge überzeugend. (Was kann der denn für Spagate machen in seinem Kopf?) Heiz findet die Tücke der Objekte geradezu chaplinesk, fragt sich aber, warum junge putzige Männer (ja, er hat putzig gesagt, ist er nicht putzig?) neurotische Ehepaare beschreiben. Sulzer hat noch was Corinomäßiges einzuwenden, dann fragt Spinnen über Umwege, wieviel Geheimis ein Text braucht, um aufzugehen. (Ich glaube, er meinte, daß dieser Text zu viel davon habe, aber Spinnen fängt ja immer erstmal mit einem Schwank aus seiner Jugend an und kommt dann irgendwie über Hölzchen und Stöckchen zu etwas, was man mit ein bißchen gutem Willen als Beitrag zum Thema bezeichnen kann, gern eingeleitet von der Floskel: "Lassen sie mich mit einem Exkurs beginnen!") Frau Strigl fand den Text auf Anhieb lustig, der wird an der Oberfläche erzählt, hat aber genügend Subtext und deutet nichts, deshalb hat sie ihn ausgewählt. Nun kommt eine Kandidatin von Herrn Heiz, die heißt Angelika Reitzer und liest eine namenlose Erzählung, vielleicht auch ein erstes Kapitel, das ist alles noch nicht so sicher. Sicher ist, daß das einer dieser Texte ist, denen Radisch unbedingte Zeitgenossenschaft attestiert hätte, denn hier wird Prekariat thematisiert, und nicht auf die bohèmehafte Art. Die Erzählerin arbeitet in einer Agentur in diffuser Position und macht so Projekte mit interaktiven Komponenten. Irgendwann springen Investoren ab, dann tut sie das nicht mehr uns kann sich ganz ihrem komplizierten Liebesleben widmen, das zwischen zwei Männern stattfindet. Vor allem geht es um Albert, mit dem sie was hat oder auch nicht, an dem sie aber auf merkwürdige Weise hängt und der leider zu bedröhnt ist, um mit ihr zu schlafen und vom Sofa rollt. Naja, wird kein so großer Verlust gewesen sein. Irgendwie haben die Figuren auch eine Sehnsucht nach Bangkok, aussteigen und so. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich den Text finden soll, das ist alles so latent interessant, aber mir einfach nicht interessant genug erzählt. Ich mag ja Perspektiven, die von subjektiver Eigenwilligkeit geprägt sind, aber hier erzählt eben wieder so ein langweiliges identitätsloses spätes Mädchen, das eigentlich erwachsen werden sollte. Ein Mädchen, das man beim besten Willen nicht als Frau bezeichnen kann, weil das ein Mindestmaß an Persönlichkeit erfordert. Herr Spinnen ist neugierig, ob das noch weitergeht. Frau März kann dem Text zumindest nicht vorwerfen, daß er übererklärt, er sei interessant, ambitioniert, komplex und, Achtung Iris!, zeitgenössisch, hat aber was kühles. Daniela Strigl findet den Text nicht kühl, eher schon bedrückend und fühle sich auf angenehme Weise in unangenehme Stimmung versetzt. Klaus Nüchtern (der mir dieses Jahr recht gut gefällt, der wird ganz allmählich immer besser) will sich nicht in die Kissen der Vagheit fläzen (und impliziert damit, daß die Kolleginnen ebendies tun). Er versteht nicht, was alle damit haben, ja, es gehe um prekäre Arbeitsverhältnisse, das sei alles so halbkonkrete, halbsymbolische Mittellage. Menschen, die Mitte dreißig sind und Probleme haben. Sulzer findet, der Rhythmus stimme, fühlt sich aber angestregt und fragt sich, wozu er sich anstrengen soll. Ijoma Mangold will Adjektive wie trist und erdrückend nicht als ästhetische Aussage sehen, die Sprache sei von extremer Konventionalität und biete keinen ästhetischen Mehrwert. Heiz erklärt, das sei eie Frau mit mehreren Vergangenheiten, mehreren Leben, mehreren Männern, und das alles gleichzeitig. Das sei so sparsam alles, daß er richtig in den Text verliebt ist. Spinnen findet den Text als Erstes Kapitel gut, als Erzählung eher weniger. Heiz läuft nun warm: Die Zukunft gehöre solchen komplexen Texten, das sei klar, der Text sei eine Fuge, er habe in den letzten zehn Jahren nichts solches gelesen. (Richtig euphorisch wird Heiz jetzt.)Ijoma Mangold sieht zwischen Text und Heizscher Deutung einen Graben, über den er nicht hinwegkommt. Diesen Graben sehe ich auch. Desweiteren klafft nun der Graben der Mittagspause. Ihr entschuldigt mich, ich muß zum Markt. Zwei Stunden später, die Versorgungslage ist stabilisiert und ich gönne mir ein Brot mit Grüne-Soße-Frischkäse. Das ist gut, daß ich mir innerlich eine solide Grundlage gelegt habe, denn nun ist Martin von Arndt an der Reihe. Seit ich in der Volltext-Bachmannbeilage auf sein Portrait stieß, ist der mir aus tiefstem Herzen unsympathisch. Hat Religionswissenschaft, Literatur und Psychologie studiert, das macht mich immer vorsichtig, diese Welterklärungstrias, das ist eine gefährliche Kombination, aber gut, das kann ja mal passieren. Dann steht da was von europaweiten Konzerttourneen und, haltet Euch fest: Stellvertretender Vorsitzender des Verbands Deutscher Schriftsteller (VS) in Baden-Württemberg. Der hätte da vermutlich auch hingeschrieben, wenn er zweiter Kassenprüfer gewesen wär. Unglaublich, mit welchen Details manche Leute ihr freies Schriftstellertum untermauern zu müssen glauben. (Dabei braucht es doch nur einen guten Text, und ich glaube ihnen das.) Im Filmportrait läßt er dann Zeug ab wie: Ich will etwas bewirken, und: Vieles macht mich einfach wütend. Ja, mich macht auch vieles wütend, etwa die Autorenauswahl von Alain Claude Sulzer, der mich mit dieser Katastrophe heimsucht. Das ist der bisherige Tiefpunkt und trägt den Titel "Der Tod ist ein Postmann mit Hut". Darin geht es um einen Mann, der sich von seiner Ines getrennt hat und seitdem immer merkwürdige Einschreiben bekommt. "Ich zähle die Fliegen unter der Zimmerdecke. Insektensütterlin. Ein stilles Mobile. Ich warte. Eine Stunde oder auch zwei." Im Verlauf kippt der Text dann in eine konventionell gescheiterte Beziehung um. Ich muß lachen und halte es für möglich, daß hier jemand eine Bachmann-Jungautoren-Parodie abliefert, daß uns da jemand ganz groß verarscht und am Ende aufsteht und lacht über uns, die wir das ganze Theater ernst genommen haben mit der junggenialischen Pose und den Platitüden von wegen etwas bewirken und dem stellvertretenden Vorsitz in Baden-Württemberg und den Stakkatosätzen und den Schwurbelmetaphern. Ich meine, Insektensütterlin, das kann man sich doch nur besoffen ausdenken. Aber niemand steht auf. Alle bleiben ernst, alles ist offenbar ernst gemeint und in völlig nüchternem Zustand niedergeschrieben worden und soll jetzt von den Juroren verhandelt werden. Dieter Moor, der neue Moderator, der tatsächlich den Ehrgeiz hat, hier etwas zu moderieren, will wissen, wie sich das für eine Frau anhört. Ich möchte wissen, wie sich das für einen Menschen anhört, der sowas allen Ernstes gutfindet, aber Frau Strigl tut mir den Gefallen zum Glück nicht. Der Text, meint sie, interessiert sie nicht so, wie er sie interessieren könnte und überrascht sie zu wenig. Ursula März differenziert zwischen Macho- und Softie-Literatur und hält diesen Text für zweiteres. Nicht des Autors wegen, sondern weil der Text auf Vorgefundenes und bekanntes Material verlässt. Klaus Nüchtern will mal was als Mann sagen: Das könne auch Männer langweilen, wie ein Mann sich fühlt, immer diese antriebslosen thirtysomethings, die Sprache betulich und süßlich und leistet nichts, außer daß er den Typ für einen Langweiler hält. (Herr Nüchtern, Sie sind mein Held dieses Jahr. Ich hätte es nicht für möglich gehalten.) Ijoma Mangold hält den Text für einen falschen Fuffziger und verspricht sich wunderbar, denn bei ihm ist der Tod ein Postmann mit Huhn, was ich auf Anhieb viel schöner finde. Und ausgerechnet hier, so Mangold komme nun wieder ein Gummibaum vor, denn den letzten vorkommenden Gummibaum bei Bronsky habe Sulzer noch als unwahrscheinlich abgewatscht, niemand habe heute mehr Gummibäume. Sulzer muß zugeben, den Gummibaum bei seinem Schützling nicht bemerkt zu haben. (Hat der den Text eigentlich mal gelesen?) Herr Heiz hat kein Referenzsystem für Ehetexte: Wenn die Leute sich verehelichen wollen, sollen die das tun, aber uns nicht mit solchen Texten belästigen. Spinnen macht einen Exkurs in seine Filmsozialisation, Sulzer sieht in dem Text eine durchgehende ironische Distanz. (Was, wo?) Es geht weiter mit der Startnummer sechs, Patrick Findeis liest "Kein schöner Land" und wurde von Burkhard Spinnen eingeladen. Das ist eine Provinzgeschichte, die die bis heute andauernde geistige Enge unter Bauern beschreibt und besonders die eine Familie, deren Sohn schwul ist. Allerdings wird die meiste Zeit an Werkbänken gestanden und gehobelt oder eine Nut geschmiert. Das ist wieder so ein "Seht her, ich war auf Recherche und hab Euch einen Sack voll seltsamer Wörter mitgebracht"-Text. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt gerade einen frischen Kaffee gekocht und bin über dem Text trotzdem gnadenlos weggedöst, Kaffee hin oder her. Das heißt nichts Gutes. Mangold ist auch nur so halbüberzeugt: Da habe sich Findeis ein schwieriges Sujet ausgesucht. Gerade die Bauern würde man gern ander beschrieben sehen, die kommen aus dem psychologischen Klischee nicht heraus, dabei sind die Figurenkonstellationen sehr interessant. Frau März ging es beim ersten Lesen wie Mangold, doch nun habe sie diesen Bauern kennen und schätzen gelernt als tragische Figur und verleiht ihrer Hochachtung Ausdruck. Heiz ist wieder einmal euphorisch, der Text sei eine wahre Entdeckung, er lese ihn mit großem Respekt in jedem Detail. Frau Strigl macht einen Trend zum bösen Blut- und Boden-Roman aus, sprachlich sei das jedoch eine Gratwanderung, das Pathos sei heikel und mache den Text eine Spur verdächtig. Nüchtern verdächtigt nicht den Text, sondern sich selbst, denn es hat ihm auch gefallen. Spinnen verschafft Nüchtern ein gutes Gewissen, auch ihm habe der Text gefallen, und auch er mag das Sujet eigentlich nicht. Aber das Sujet sei zweitrangig gegenüber dem, wie das gemacht ist. Gut, damit dürfte einer der Preisträger in jedem Fall feststehen. Zu guter Letzt an diesem Freitag liest Markus Orths. Ich habe mir, gewissenhafte Protokollantin, die ich bin, vor einiger Zeit seinen Roman "Lehrerzimmer" zugelegt und fand ihn eigentlich nicht sehr komisch. Oder besser: Irgendwie treichelhaft, auf ungute Weise. Nun überrascht mich Orths mit einem ganz und gar untreichelhaften, mäßig komischen Text, der mir aber recht gut gefällt. Es geht um ein Zimmermädchen, das den Hotelgästen nachspürt, auch einmal ihre Nachtwäsche anprobiert, heimlich in Tüten und Schränke guckt und schließlich eine Leidenschaft dafür entwickelt, sich unter fremden Betten zu verstecken, wenn sich darin jemand befindet. Lynn heißt die Dame, außerdem hat sie eine kranke Mutter, mit er es ihr nicht leichtfällt, sich auch nur harmlos zu unterhalten. Nüchtern führt Statistik: Getränkeautomaten vs. Gummibäume 2:2. Ansonsten sieht er das Problem, daß es sich leider wieder um einen Ausschnitt handelt und nicht um einen abgeschlossenen Text. Mangold gefällt, wie Orths anhand von zwangsneurotischem Putzen Nihilismus verhandelt. Diese Bettperspektive führt dazu, daß sie nur Teile ihrer Mitmenschen wahrnimmt, laut Freud drücken diese Partialobjekte das Unheimliche aus. Sulzer findet, da eröffne sich unheimlich viel, das sei der erste Text, bei dem er nicht das Gefühl habe, das schon gelesen zu haben. Gerade das Schrille und Schräge habe ihn für den Text eingenommen. Burkhard Spinnen meint, es spricht für den Text, daß man ihn auf verschiedene Weise gutfinden kann. Frau März outet sich, in ihrer Schulzeit als Zimmermädchen in einem Sporthotel im Fränkischen gearbeitet zu haben. Sogar für Ajax Amsterdam habe sie die Betten gemacht. Von daher bringt sie viel Verständnis mit für die Figur. Und Heiz ist schon wieder euphorisiert. Wenn er nicht gerade ins Französische fällt, seine neueste Marotte, dann verimmt er neue Töne und ist beglückt, daß das Moralisierende wegbleibt und die Lösungen, die die deutsche Literatur so schwerfällig machen. Und mitten in der Diskussion endet der erste Tag. Erste Manöverkritiken? Vielleicht, daß man Radisch in ihrer Radischhaftigkeit vermissen kann, weil sie ja doch immer sehr unterhaltsam war. Aber so kehrt natürlich ein ruhiger Sachverstand ein und die Jury hält sich nicht so lange mit Blödsinn auf. Und es sind ja auch beileibe nicht nur die Schnarchnasen, die hier sitzen, da gibt es ja nach wie vor noch den Heiz, den verrückten Vogel, der in den fadesten Momenten irgendetwas erratisches sagt, gern auch in anderen Sprachen, wozu ist man schließlich Schweizer? Es gibt den Moor mit seinen irgendwie rührenden Moderationsversuchen, den flapsigen Nüchtern, den Spinnen mit seinen erklärenden Ausflügen ins Irgendwo. Ich denke, die geschrumpfte Jury wird sich noch prima einspielen, auch ohne Radisch, Corino und Ebel. Vermutlich wird sich weniger pittoresk gestritten, man liegt nicht mehr so dermaßen daneben, beansprucht nicht mehr ganz so vehement, zu wissen, was Literatur ist und was nicht. Die großen Fragen werden nicht mehr gestellt, die Ideologien sind vorerst beiseite geschoben und der Blick frei auf das, was wirklich zählt: Die Autoren, die Texte. Morgen mehr. ... comment
frau hitt,
Freitag, 27. Juni 2008, 23:43
werte frau diener, kleine korrektur, der autor heißt clemens setz
ohne i! ... link
frau hitt,
Samstag, 28. Juni 2008, 01:25
leider konnte ich bachmann heute nicht verfolgen, daher war ich so gespannt auf ihre *bewertung/beschreibung* ...
... link ... comment
mow,
Montag, 15. September 2008, 00:25
Ha, gerade stelle ich fest, dass Alina Bronsky sehr, sehr wahrscheinlich eine ehemalige Kollegin ist. Allerdings hieß sie da anders. Jetzt frage ich mich, was das Pseudonym ist. :-)
... link
andreaffm,
Montag, 15. September 2008, 08:47
Alina Bronsky is a pseudonym – the author's real name is a closely guarded secret.
Ohoo – closely guarded! Du hast sie in der Hand :) ... link ... comment |
seit 2492 Tagen sitz ich hierletzte Bestellung: 2008.10.06, 22:54 Suche und finde
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