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andreaffm, Di, 10.Juni.2008, 21:39 Da sitzt man dann mal wieder an so einem Tisch und im Raum hinten schwitzende Studenten der Medienwissenschaft, die sich brav auf das Thema vorbereitet haben, und dann kommt wieder diese Frage nach der Relevanz. Und ich zucke erst einmal zurück, was jetzt nichts damit zu tun hat, daß ich Blogs generell für irrelevant halte, aber ich habe eine ganz allgemeine Allergie gegen das Wort, auch wenn das immer in diesen Feuilleton-Diskussionen fällt als Vorwurf, ein Text sei nicht relevant genug, und von Literatur wird das dann dauernd eingefordert, die hat gefälligst relevant zu sein.
Damit ist dann immer eine ganz bestimmte Art von Relevanz gemeint, die mit dem Großen und Ganzen zu tun hat, mit Politik und Gesellschaft, mit der Welt draußen und den großen Namen, die da dranhängen und den Zahlen. All das, was festgenagelt werden kann, ist relevant, oder zumindest sieht es so aus. Nicht relevant hingegen sind die mikrokosmischen Bewegungen im Innern, das unbewußt vollzogene, die unaussprechlichen, unausdrückbaren Schattenbereiche des Daseins. Das ist nicht relevant, das ist so Innerlichkeitskram, bestenfalls. Daß jeder festnagelbaren Manifestation von Politik und Gesellschaft eine Menge Innerlichkeitskram vorausgeht, bis sie sich wahrnehmbar niederschlägt, wird dabei dann gern übersehen. Die Sache mit den Sphären verschiebt sich ja auch zunehmend, wenn man das aus Blogperspektive betrachtet, oder allgemeiner, aus Netzperspektive. Das, was früher einmal draußen auf dem Marktplatz, dem Forum stattfand, findet nun in der Kiste statt, im Internet. Das, was früher innerlich und innerhalb der Häuser stattfand, das verschiebt sich zunehmend nach draußen, weg von der Kiste, ab in die Natur oder in die Analogwelt der Städte. Politisiert wird drinnen, Gesellschaft findet plötzlich auf dem Bildschirm statt. Dagegen: Über sich nachgedacht und geplaudert wird draußen, geshoppt wird draußen, Kaffee getrunken, diese ganzen irrelevanten Offline-Beschäftigungen, die finden nun draußen statt. Bisher war auch die Relevanzfrage klar verteilt: Draußen tobt das relevante Leben, drin brütet die Saloniere stumpf über Nichtigkeiten. Und jetzt, seit dem Internet, ist plötzlich alles anders, alles orientiert sich um. Und damit stellt sich auch die Relevanzfrage anders: Außerhäusige Innerlichkeit oder stubenhockende Äußerlichkeiten? Es gibt Blogs, die sind für fünf Leser wahnsinnig relevant, denke ich laut in den Raum, in dem die Studenten schwitzen. Und welche, die sind für hunderte Leser eher so mittelwichtig. Welches ist jetzt relevanter? Man kann ja nicht so tun, als sei das ein absoluter Wert und meßbar. Das ist, im Gegenteil, eine Kategorie von entsetzlicher Schwammigkeit, noch schwammiger als Verlinkungen zählen oder Page Views. Und selbst das bezieht sich auf einzelne Einträge oder bestenfalls Momentaufnahmen eines Blogs, aber so ein Blog, das ist ja im Fluß und kann ständig an Relevanz gewinnen oder verlieren, gesetzt den Fall, es gibt überhaupt so etwas wie Relevanz. Vermutlich wird Relevanz überhaupt erst in der historisch-kritischen Rückschau erzeugt, mit der Kanonisierung, und das passiert bei Blogs ja ohnehin kaum. Die meisten starren in eine glorreiche Zukunft und interessieren sich nicht für das, was war. Von Blogs wird auch immer gern im Plural geredet oder ihre Autoren werden als Blogger rudelbezeichnet, oder es wird der ganze Betrieb als Bloggosphäre gemeint. Und so eine Haltung findet in der Bloggosphäre auch Zustimmung. Es fragt dann keiner: Ist dieses Blog relevant? sondern: Sind Blogs relevant? Bloggen wird als Gesamtphänomen wahrgenommen, mit dem sich Leute beschäftigen, nicht als Werk eines einzelnen. Man tut dann gern so ein bißchen demokratisch, fühlt sich als Teil einer Bewegung und muß sich selbst und seine eigene Produktion nicht messen lassen. Wenn kritisiert wird, dann wird, wennschon, der Blogger kritisiert und nicht das Blog oder wenigstens die Sichtweise. Es wird ja überhaupt gestritten, nicht kritisiert. Es ist ein Trauerspiel. Das ungefähr ist der Punkt, an dem die eigentlich schöne Bezeichnung der Medienamateure ins Beleidigende umschlägt, wofür der Begriff selbst am wenigsten etwas kann. ... comment
remington,
Dienstag, 10. Juni 2008, 23:42
Die Tat oder das Wort eines Einzelnen ist nie relevant. Erst die Masse entscheidet die Kraft. Deshalb wird die "Blogosphäre" und das Internet allgemein gefürchtet. Die Entwicklung geht hoffentlich dahin, dass sich sehr viele über alles informieren können. Somit ist Meinungsmache schwieriger geworden. Deshalb auch der neue Rundfunkvertrag. Hab da mal ein Auge drauf.
... link
andreaffm,
Mittwoch, 11. Juni 2008, 08:18
Daß Einzelne "nie relevant" sind, finde ich etwas arg absolut. Text ist ja immer das Produkt eines Einzelnen, und es kann immer nur einer durch den Kamerasucher gucken. Blogs sind zwar gut vernetzt, aber hochindividuell. Solange das nicht gesehen wird, kommt es immer wieder zu diesen verallgemeinernden Aussagen.
Ich halte Blogs nach wie vor für ein Medium. Und Medienprodukte sind kritisierbar, allerdings nicht alle gleichzeitig. ... link
bembelkandidat,
Mittwoch, 11. Juni 2008, 14:12
ein seltsamer und unzutreffender Absolutismus:
"Die Tat oder das Wort eines Einzelnen ist nie relevant." die von andrea gestellte frage ist berechtigt, welche relevanz und fuer wen, wie, warum? ein wort kann relevanz fuer viele, "die masse", erlangen, gleichzeitig kann es aber auch nur fuer einen einzigen "relevant" sein. gleiches gilt fuer ein blog. und weil es so schoen klingt, relevanz ist relativ: betrachte ich die dinge in toitschen landen von china aus, so haben viele "relevante" ereignisse und berichte hier eine ganz andere relevanz nicht nur fuer die chinesInnen, auch fuer mich ;-) ... link ... comment
merzmensch,
Mittwoch, 11. Juni 2008, 15:58
Tja, da fragt man sich, was eigentlich die "Amateurität" bzw. "Professionalität" in solchen Fällen ausmacht...
Muss man unbedingt lange Zeit studieren und Berufserfahrung sammeln, um die "Amateurität" zu überwinden? Und sind alle mit Berufserfahrung automatisch professionell?.. Die Fragen würde ich beim Seminar mal gerne stellen, (wobei ich mir zu 100% sicher bin, dass sie so gestellt werden) Und ausserdem, der Terminus "Relevanz" ist die Apotheose der schöpferischen Unfexibilität. Denn eigentlich kann alles in einem gewissen Punkt "relevant" sein. Bewundernswert ist jede Bestrebung das als "irrelevant" deklariertes so in das Thema einfliessen zu lassen, dass es die Absurdität jeder "Relevanz"-Begrifflichkeit bestätigt. ... link
molosovsky,
Freitag, 13. Juni 2008, 05:31
Ich übersetzte mir das spaßeshalber mal: der Begriff »Wichtigkeit, Bedeutsamkeit« ist die Vergöttlichung der schöpferischen Ungeschneidigkeit.
Dem kann ich insofern zustimmen, da ja eine Nobilitierungspraxis bei Werken, welche keine merklichen Vorzüge aufzuweisen haben gerne behauptet wird, dass es eben eine enorme für den ›Kenner‹ erkennbare ›Relevanz‹ ist, welche sich in dem gebotenen Verhau verbirgt. Zweiter Gedanke: jeder ist sich selbst erst mal am relevantesten. Der Rest kommt mit dem Interesse an der Welt, den Zuständen, bzw. dem sich Verkriechen in Nebensächlichkeiten. Eco hat mal einen schönen Streichholzbrief darüber geschrieben, wie er, der Fußball-Ignorant, auf die Fußballaberei eines Taxifahrers reagierte. Eco begann nämlich racheweise den fußballbegeisterten Fahrer von den Details seiner, Ecos, Überlegungen zum Kauf einer neuen Barockflöte vollzuschwätzen. ... link ... comment |
seit 2762 Tagen sitz ich hierletzte Bestellung: 2009.07.04, 14:54 Suche und finde
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