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ethnologische exkursion
andreaffm, Sa, 10.Mai.2008, 10:00 ![]() Ich sah es schon beim Vorbeifahren. Der große Auflauf junger Damen in bonbonfarbenen Dirndln war auch beim besten Willen weder zu übersehen noch zu überhören. Ich beschloß, mich nicht nur den schönen und angenehmen Seiten (Kulturschätze, Konditoreikunst) meines Aufenthaltsortes zu widmen, sondern im Zuge einer ausgewogenen Berichterstattung auch die Schattenseiten geflissentlich zu erfassen. Und zu den Schattenseiten gehört eindeutig auch diese ästhetische Brache namens Volksfest. ![]() Diesen völkischen Anspruch kenne ich aus meiner Heimat ja gar nicht. Wir haben Dippemess, auch wenn da eher wenig Dippe (irdene Gefäße zum täglichen Gebrauch in der Küche) und Dippche (kleine Kännchen und Töpfchen) verkauft werden. Einige Volksfeste rühren weniger vom Topfmarkt her als von Viehmärkten, andere wiederum geben sich Mühe, ihren religiösen Hintergrund (die hessische Kerb ist ja ein Kirchweihfest) möglichst weltlich zu verbrämen. An Pfingsten aber, da geht der Frankfurter in den Wald, besser gesagt: ins Wäldche. Besonders am Wäldchestag, das ist der Dienstag nach Pfingsten und sozusagen Frankfurter Nationalfeiertag. Hier im Bayerischen gibt es also ein Pfingst-Volksfest. ![]() Gleich am Eingang stehen Buden, an denen man Polyester-Dirndl und Lederhosen erwerben kann, die Komplettausstattung für hundert Euro. Das ist natürlich alles eher made in China. Ich als Hessin muß mich sehr fremdschämen für diese ungebrochene Bereitschaft, sich die eigene Kultur als Billignepp andrehen zu lassen. Denn das wird ja überall auch noch getragen! ![]() Die jungen Mädchen kombinieren Plaste-Armreifen und Plaste-Ohrringe dazu und kreieren so eine Art Dirndl-Bitch-Look. Viel schlimmer geht es auf Cosplay-Conventions auch nicht mehr zu. Während man in der japanischen und japanophilen Szene jedoch zum niedlichen Lolitatum neigt, erzielen diese jungen Damen eher eine Art zeitgenössischer, dabei jedoch zickiger Heimatverbundenheit. ![]() Überhaupt geht hier nichts ohne Betonung des Lokalen. Zwei große Festzelte, drumherum Jägerzaun, überall weißblaue Rautisierung, an den Fassaden werden Jodelbalkone angetäuscht und die einzig mögliche Schriftart ist die Fette Fraktur. Als Nichtbayer hat man ja manchmal den Eindruck, die machen das nur für die Touristen, und im Stillen wird dann heimlich eine echte bayerische Kultur gepflegt, die mit der ganzen Bierzeltstampferei nicht zu tun hat. So wie auch die anderen ethnologischen Minderheiten ihren Nepp basteln und ihn als original Stammeskunst an die Pauschaltouristen verscherbeln, während die wirklichen Kunstschätze niemand zu Gesicht bekommt. Die Bayern sind der vermutlich einzige Stamm weltweit, der seinen eigenen Touristennepp selbst kauft und sich supi ironisch dabei vorkommt. Da weiß man dann auch nicht mehr, was schlimmer ist: Das hier, oder im Reservat dem Alkoholismus verfallen. ![]() Eine wichtige Rolle bei Ritualen wie diesem spielt die Brautwerbung. In rustikalisierter Umgebung bekommt der Jüngling, gern in Gruppen unterwegs, die Gelegenheit zur Demonstration atavistischer Befähigungen. Ein konkretes Beispiel ist die Jagd: Vermutlich seit der Erlegung des ersten Mammuts ist Jagd mehr als profane Nahrungsbeschaffung, sie ist Überlegenheitsgestus über die Kreatur und dient zur Positionsbestimmung innerhalb der Sozialgruppe. Gleichzeitig ist die Beute als Balzgestus nicht zu unterschätzen. Sie demonstriert der Auserwählten die Geschicklichkeit des Werbenden sowie die Tauglichkeit als Ernährer. Mittlerweile ist die konkrete Nahrungsbeschaffung in die Sphäre der Frau übertragen, sozusagen domestiziert worden. Der Supermarkt wird nicht der Wildnis, sondern vielmehr dem häuslichen Bereich zugerechnet, wodurch dem Mann ein wichtiges Werbungsinstrument abhanden gekommen ist. ![]() Die Schießbude, bezeichnenderweise Jagdhütte benannt (in Fraktur), stellt eine ersatzweise Wildnis dar, die dem Mann eine Plattform bildet, seine Jagdfertigkeiten symbolisch auszuagieren und anwesenden Damen zu präsentieren, ihnen damit also zu imponieren. Auch die Beute ist nurmehr ein Platzhalter: Nicht das Mammut oder der Hirsch, die Fleisch, also Nahrung versprechen, sondern stellvertretende Kuschelbestien aus Plüsch, die es jedoch ebenso mittels Geschicklichkeit zu "erlegen" gilt. Eine abgewandelte Form bildet das Blumenschießen, bei dem etwas zartes, feminines – der Blumenstrauß – durch eine männliche, nachgerade brutale Praxis – das Schießen – erlangt wird. Durch diese Verquickung der Genderkonnotationen ist das Blumenschießen eine ideale Anbandelungsmaßnahme zwischen Männlein und Weiblein. Wichtiges Prinzip der Schießbude ist dabei, daß die Beute nur durch Geschicklichkeit, nicht mit Geld erworben werden kann. ![]() Eine weitere, weniger atavistische Möglichkeit der Geschlechtspartneranbahnung bildet der Autoscooter. Auch hier findet eine symbolische Abbildung von Balzritualen statt, die in der Wirklichkeit zu plump oder schlicht fehl am Platze wären. Die Autoscooter-Arena wird dabei zu einer Zone, in der Takt und Sicherheit außer acht gelassen werden können. Hier kann auf eine Weise gefahren werden, von der im Straßenverkehr dringend abgeraten werden muß. ![]() Meist werden die Fahrzeuge rein männlich oder rein weiblich besetzt, entsprechend unterscheiden sich die Fahrer in ihrem Fahrstil. Die Mädchen fahren meist vorsichtig, die Jünglinge rüpelhaft bis rücksichtslos. Dabei gilt es, Fahrzeuge mit besonders begehrten weiblichen Passagieren möglichst oft anzurempeln und einen wagemutigen Fahrstil vorzuführen. Anders als bei der Schießbude zeigt der Mann hier nicht Dominanz über die Natur und ihre Geschöpfe, sondern Beherrschung der Technik. Interessant dabei ist, daß die technische Welt als Dschungelersatz mißverstanden wird, nicht als zivilisatorische Errungenschaft, die verfeinerte Sitten verlangt. ![]() Und so bietet das Volksfest eine Woche lang Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht mit seinen Schießbuden und Fahrgeschäften, bei deren schwindelerregender Fahrt die Frauen kreischen und die Männer Abgeklärtheit demonstrieren und das ein oder andere Händchen halten, mit seinen Steckerlfischbuden, Zuckerwatteverkäufern, mit den Bierzelten und ihrer Wiesnseligkeit, mit seinem Königlich-Bayerischen Riesenrad, das jedem Zugereisten unmißverständlich zeigt, wo wir hier sind und was das hier mal war und worum man sich noch immer bemüht in seinen Polyesterdirndln made in China. ... comment
jürgen_h,
Sonntag, 11. Mai 2008, 01:39
Der hessische Brauch ist doch auch kein Verachtenswerter: Mit dem getunten Corsa mit Offenbacher Kennzeichen die Aral-Tankstelle vor der Dippemess vollzuparken, danach die Treppen zur Eissporthalle zuzukotzen und zwischendurch die ortsübliche Tracht - Ballonseide und teilweise laserentferntes Arschgeweih - zu demonstrieren, das lockt Touristen aus aller Welt nach Frankfurt. Da kann der Bayer mit seinem Loden aber sauber einpacken.
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andreaffm,
Sonntag, 11. Mai 2008, 11:02
Offenbacher Kennzeichen, und zwar mit fünfstelligem Buchstabencode, was den Bewohner des Landkreises verrät. Da kann ich mich mal locker von distanzieren. Und wie sagte ich erst kürzlich zu meinen Eltern auf die Frage, ob ich nicht doch einen Corsa will? "Nein!"
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sakana,
Sonntag, 11. Mai 2008, 07:49
sehr eindrucksvolle fotos. toll!
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auch-einer,
Sonntag, 11. Mai 2008, 10:36
laserentferntes arschgeweih
man kann da also zweimal dran verdienen. auch nicht schlecht. ... link ... comment
juyooh,
Sonntag, 11. Mai 2008, 11:03
Mein armes Heimatland! Jodelü!
Ich finde ja, ein gut gegrillter Steckerlfisch reißt fast alles wieder raus. Und den gibt's in Hessen nicht. Kulinarisches Entwicklungsland hier. Schlechte Brezn und kein Steckerlfisch. Dann doch lieber kräftige, lederbehoste Jungbauern, die so laut brüllen, dass man es in Brüssel noch hört - wegen der Subventionen und so... und an einem Paar Lederhosenträger kann man Bierleichen auch viel einfacher anfassen und abtransportieren. Dazu sind sie da. ... link ... comment
mow,
Sonntag, 11. Mai 2008, 16:05
Wenn man ehrlich ist, sind fast alle Events Fortpflanzungspartnerfindung-Veranstaltungen, Praktischerweise sind sie aber als Kultur oder Feier getarnt, so dass man bei Misserfolg immer sagen kann, ich war ja im Kino, Theater oder auf der Kerb ein Bier trinken. Wäre ja auch zu doof, wenn man jedesmal zugeben müsste, keine(n) abbekommen zu haben.
Marc ... link ... comment |
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