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lange, lange her
andreaffm, Fr, 25.April.2008, 18:34 Es ist Hochsommer und ich bin noch klein. Der Kindergarten macht Ferien, und es ist zu heiß zum Rausgehen. Im Haus sind die hölzernen Rolläden heruntergelassen und unten ausgestellt, jedenfalls bei meiner Oma, bei deren Rolläden das geht, bei unseren nicht. Wenn die Rolläden heruntergelassen und ausgestellt sind, ist es dunkel im Zimmer, aber man sieht die Hitze durch den Spalt draußen über den Vorgartenbüschen flirren.
Im Sommer bringt das Fernsehen vor allem Wiederholungen, alle schimpfen darüber, aber mir ist das egal, ich bin noch klein und sehe alles zum ersten Mal, alles ist gleichneu für mich, egal ob es alte Schwarzweißfilme sind oder neue Serien wie das Krankenhaus am Rande der Stadt, das meine Oma immer guckt. Aber ich wollte eigentlich davon erzählen, daß meine Oma immer Operettenfilme geguckt hat. Meine Oma war im Haus für das glamouröse Element zuständig. Sie las die Bunte und kannte sich im allen Europäischen Königs- und Fürstenhäusern bestens aus. Zweimal in der Woche wurde sich aufgeputzt, dann ging es zum Einkaufen: Dienstags nach Höchst, Freitags in die Stadt auf die Zeil. Da wurde dann auch auswärts gegessen, in Höchst im Hertie-Restaurant, in Frankfurt im Kaufhaus M. Schneider. Als das schloß, wurden hunderte alter Menschen plötzlich ihres Treffpunkts beraubt, aber das wollte ich ja auch nicht erzählen, obwohl es natürlich schlimm ist. Meine Oma hatte also einen Hang zum Glamourösen, der meiner pragmatischen Mutter abgeht. Aber meine Oma war ja auch katholisch, vielleicht liegt es daran. Und wenn es richtig heiß war, dann saß meine Oma im abgedunkelten Wohnzimmer, das nur zum Fernsehen gedacht war und die Stubb hieß, weil man tagsüber ja im kleinen Zimmer neben der Küche saß, was das Stübbche hieß. Inzwischen ist alles zu einem großen offenen Wohnbereich verschmolzen, aber damals wohnte man noch kleinteiliger. In der Stubb gab es eine Sofaecke, die wurde benutzt, und einen Tisch mit vier harten Stühlen drumherum, der wurde nur bei Geburtstagen benutzt. Und es gab große, wuchtige, glänzende Möbel, das beste vom besten in unserer Gegend, nämlich Kelkheimer Schreinermöbel, ganz glatt und schnörkellos und mit abgrundeten Ecken überall. Die gibt es noch, und wenn ich einmal Platz habe, werde ich sie in meine Wohnung stellen, denn die sind für mich reserviert. Das wußte ich aber damals alles noch nicht. Damals war ich noch klein, es war heiß und meine Oma und ich saßen in der dunklen Stubb zwischen den wuchtigen Möbeln, wobei meine Oma mehr lag als saß, weil sie ihre Füße auf einem Fußhocker mit Schaukelfunktion hatte, der des Stühlche hieß. Manchmal durfte ich darauf reiten. Aber meistens saß ich auf dem Sofa, das auch interessant war, weil es da mindestens zehn verschiedene Kissen gab: Harte und weiche und feste und schlaffe und glatte und geraffte und gemusterte und einfarbige. Keins paßte zum anderen. Ich wählte mir mein Lieblingskissen nach Tagesform. Und dann schaute ich mit meiner Oma Operettenfilme, in denen tapfere Husaren durch die Puszta reiten und Frauen ansingen mit Liedern, in denen es um die Augen der Frauen geht. Die Frauen haben schöne Kleider an, an denen Teile angebracht sind, die herumwehen können und lehnen an Marmorbrüstungen und seufzen in die Ferne. Meist geht es um jemanden, der sie geküßt hat, und den sie nicht küssen dürfen. Aber weil die Grafen sich komischerweise immer als irgendwas verkleiden, wilde Zirkusreiter zum Beispiel oder kleine Husaren, hätten die Damen sie doch die ganze Zeit küssen gedurft, weil sie in Wirklichkeit ja Grafen sind. Irgendwann sagen die Grafen das dann und alles wird gut. Bis dahin aber wird wild durch die Puszta galloppiert und Briefe überbracht und in die Augen geschaut und geküßt und verzweifelt und verkleidet. Vor allem aber sitzen die Männer auf Pferden, das ist ganz wichtig, und haben Husarenuniformen an. Die Frauen sind dann auf Bällen und stehen auf dem Balkon herum anstatt zu tanzen, weil sie sich fragen, wer sie da gerade geküßt hat und fächeln nervös ein bißchen herum. Nicht, daß ich das als kleines Kind alles schon verstanden hätte. Ich dachte immer, das Problem wäre, daß die Pferde zu wild sind. Ich habe lange nicht mehr darüber nachgedacht, aber letztens war ich auf einem Operettenabend, nicht freiwillig, sondern weil ich da einen Pressetermin gemacht habe. Und ich bin erschrocken über mein passives Wissen. Ich mußte feststellen, daß ich mich bestens auskannte. Ich kannte die Lieder, ich kannte die Texte, ich hatte Filmszenen im Kopf mit Männern mit Koteletten und Frauen voller Make-up. Das war mir dann ein bißchen peinlich, auch weil all die alten Leute neben mir mitsummten, die meine Großeltern hätten sein können, es aber nicht waren. Und weil ich das alles so gut kannte, hörte ich gar nicht genau hin, sondern konzentrierte mich aufs photographieren und darauf, nicht mitzusummen. Draußen war es dann nicht heiß, sondern kalt, wie dieser Frühling nunmal ist. Die Sonne schien nicht, dafür war es schon zu spät. Alles wirkte seltsam deplaziert. Nichts könnte weiter weg sein als die Grafen und Gräfinnen und Husaren, die wieder in einer Schublade verschwinden, auf der Lange, lange her steht. ... comment
zonebattler,
Freitag, 25. April 2008, 19:29
Operetten sind schon ein eigenartig Ding: Dem Opernfreund zu seicht, dem Schlagerhörer zu abgehoben. Ich kann das Déjà-vu-Erlebnis gut nachvollziehen, da ich zuweilen auf einem meiner Lieblingssender (dem ZDFtheaterkanal) in uralte Folgen von »Erkennen Sie die Melodie?« hineinzappe. Und da sind sie auch sämtlich mit von der Partie: die aufgetakelten Ladies, die bachantischen Bonvivants, die schneidigen Dragoner. Galoppieren tat damals freilich noch keiner im kostengedeckelten öffentlich-rechtlichen Studio, es blieb beim eher stationären (und seltsam artifiziellen) Chargieren.
Im Kontrast dazu die brav-biederen Kandidaten, Buchhalter mit Glupsch-Brille, Hausfrauen im Blümchenkleid. Als Kind von mir ob ihres Faktenwissens bestaunt, wirken sie heute nur noch rührend. Einzig der schneidige Ernst Stankovsky macht als dynamisch-spöttelnder Moderator immer noch eine zeitlos gute Figur: In der Rückschau werde ich den Verdacht nicht los, daß er schon damals sowohl das Genre als auch dessen KennerInnen nicht ganz für voll nahm... Das Mitsummen freilich, daß kommt wie von allein. Erstaunlich, was sich alles in jungen Jahren in die begierlichen Synapsen eingeprägt hat und sozusagen auf Knopfdruck wieder abrufbar ist. Auch wenn man Jahrzehnte später eigentlich gar nix mehr davon hören will! ;-) ... link
mikelbower,
Freitag, 25. April 2008, 23:48
ah, Anneliese beim Heinz. Danke!
Diese Formate wird es nie wieder geben, was haben wir gelästert darüber und trotzdem geguckt. ... link
andreaffm,
Samstag, 26. April 2008, 10:16
Hast Du bis zum Ende geschaut? Dieses Liebesduett zwischen Blunzn und Leberwerschtsche? Ist das fortgeschrittener Dadaismus oder was? Manchmal denk ich mir ja, die waren uns heute mit unserer ewigen Coolness und ständiger Bemühung zur Unpeinlichkeit damals weit voraus.
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mikelbower,
Samstag, 26. April 2008, 21:30
ich kann mich an das Original erinnern!
Schenk war Kult! Samstag war Bock-Tag ;-) Kein mensch sagt heute noch Frau Kammersängerin... Hey, die Anneliese war ein Weltstar! ... link ... comment
jean stubenzweig,
Samstag, 26. April 2008, 14:18
Diesem behutsam-komischen erzählten Stückchen (Dank!) sei hinzugefügt der Hinweis auf Marcel Prawy, ohne den es quasi keine Operetten-Historie gäbe. Und ohne die Wiener geht die ganze chose nicht.
shop.orf.at Es ist ein Genuß, Herrn Prawy zuzuhören. Bei der Musik kann man ja ggf. die Ohren runterklappen. ... link ... comment
spalanzani,
Sonntag, 27. April 2008, 13:06
Nicht in die Schublade! Mehr! Mehr Husaren und Balkons!
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seit 2431 Tagen sitz ich hierletzte Bestellung: 2008.08.07, 23:55 Suche und finde
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