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andreaffm, Do, 13.März.2008, 15:34 Das FAZ-Feuilleton ist ein bißchen eine eigene Welt. Hier darf obskurste Fachliteratur zum Meister des Hintertupfinger Marienaltars rezensiert werden und der Technikskeptizismus fröhliche Urständ feiern. Ich rege mich manchmal ganz gerne darüber auf. Andere auch. Zum Beispiel das hier: Was will uns die FAZ damit schon wieder sagen?
An dieser Stelle, wo es ums Selbstverständnis „nachmetaphysischen“ Denkens ging, unterstrich Habermas noch einmal, was er in jüngster Zeit in Auseinandersetzung mit Theologen zugestanden hatte: Solches Denken könne nicht sicher sein, ob es nicht doch noch Gehalte der religiösen Tradition gebe, die es sich noch nicht anverwandelt hat. Die Empfehlung geht auf einen lernbereiten Agnostizismus, der das Opake an der Religion nicht leugnet, aber auch nicht die Möglichkeit ausschließt, dass „semantische Potentiale“ religiöser Überlieferungen – wenn sie denn profane Wahrheitsgehalte preisgeben – inspirierende Kraft für die ganze Gesellschaft gerade in tiefgehenden Wertkonflikten entfalten können. Dieses Zitat in einem Artikel vo Helmut Mayer über einen Vortrag von Jürgen Habermas in Münster beschäftigt nicht nur Frau Schnutinger, sondern auch den Kollegen Knüwer, den bekennenden Elitaristen Jörg Friedrich wie auch Jean Stubenzweig. Während Schnutinger und Knüwer der Ansicht sind, daß das, was sich nicht verständlich sagen läßt, am besten gar nicht gesagt werden soll, findet es Friedrich völlig gerechtfertigt, komplizierte Sachverhalte kompliziert auszudrücken. Und Stubenzweig verweist auf Abgrenzung mittels Sprache, die ja nun nicht dem Feuilleton vorbehalten bleibt, sondern überall da auftritt, wo Spezialisierung stattfindet. Wenn ich so lese, was bei den Herren Knüwer und Friedrich so kommentiert wird, fühle ich ich mich ganz schnell sehr unwohl. Da werden aus Philosophen "sog. Philosophen", die mit Absicht unklar denken, damit keiner ihren obskuren Schwurbel versteht, weil sie nämlich ihr Publikum arglistig damit täuschen, eigentlich nichts zu sagen zu haben und vermutlich nichtmal denken können. Damit ist es dann nicht mehr weit zu den sogenannten modernen Künstlern, die mit Absicht so abstraktes Zeug hinschmieren und damit ihr Publikum arglistig täuschen, weil sie nämlich gar nicht malen können. Und spätestens da steht man dann mit beiden Beinen drin im kleinbürgerlichen Ressentiment und fordert lauthals Anschaulichkeit und ein bißchen was emotionales, damit man was hat für sein Sentiment zum mitfühlen. Und genau da unterscheidet sich dann Kritik von Ressentiment. Kritik nimmt den Künstler oder Philosophen oder meinetwegen auch den FAZ-Feuilletonisten als solchen erst eimal für voll und unterstellt ihm, das, was er da tut, ernst zu meinen. Und aus dieser Position heraus wird dann erst das Kritikwerkzeug angesetzt und auseinandergenommen. Manches kann man dekonstruieren, manches fällt von selbst auseinander, und anderes wiederum hält zusammen, egal was man tut und wie man ansetzt. Bei Mayer kann man zum Beispiel damit ansetzen, daß der Satz, der mit "Solches Denken …" beginnt, schief ist. Entweder ist sich das Denken nicht sicher darüber, oder bei solchem Denken ist nicht sicher. Denken an sich ist natürlich schon sicher, auch ohne Gurt. Dazu dreimal nicht in einem Satz, das muß nicht sein. Wenn man dann aber inhaltlich schonmal gar nicht ansetzt und auch nicht stilistisch, sondern nur einen aus dem Zusammenhang gerissenen Abschnitt vorführt und mit dem Finger draufzeigt und sagt, das kapier ich nicht, da sind so komplizierte Wörter drin, also ist das doof, dann macht man es sich doch wohl ein bißchen zu einfach. Zumal dieser Text ja auch nicht für Leute geschrieben wurde, denen das zu doof ist, sondern für solche, denen es Spaß macht, sich da hineinzudenken. Also ist man schomal gar nicht Zielgruppe, beziehungsweise hat sich selbst gerade aus der Zielgruppe herauseliminiert. Da kann man dann ein bißchen beleidigt sein und mit dem Fuß aufstampfen und herumschimpfen, es ändert aber nichts an der Tatsache. Dabei sollte man eigentlich dankbar sein dafür, daß es noch Nischen gibt, in denen so etwas möglich ist. Wo nicht jedes einzelne Wort, jeder Satz auf seine Marktoptimierbarkeit hin geprüft wird, und wo man sich auch mal was ganz unwirtschaftliches leistet, weil es vielleicht eine winzige Minderheit doch interessiert. Ich finde das geradezu rührend. An den Universitäten ist dergleichen seit der Modularisierung und den Studiengebühren kaum mehr drin, da muß ja schließlich für den Markt produziert werden. Außerdem verstehe ich nicht, wie man so gar kein Herz für Fachsprachen haben kann. Ich habe schon Bücher allein ihrer wirklich bezaubernden Unverständlichkeit wegen gekauft, etwa das Werk mit dem großartigen Titel Würger im Pflanzenreich von 1912. Auch blättere ich gern in der Volkstümlichen Himmelskunde, die mein Vater zu seiner Kommunion anno 1948 bekam und die, seit Pluto der Planetenstatus aberkannt wurde, auch wieder stimmt. Ich verstehe überhaupt nichts, aber die Sprache klingt so schön, wie überhaupt frühe Wissenschaftsprosa ganz wunderbar sein kann. Wenn es nun noch vereinzelte Inseln des hohen Stils gibt, der Kanzleistil kann ja als weitgehend ausgestorben gelten, so soll man sie bitte unter Naturschutz stellen. Diese Souveränität kann man sich natürlich nur leisten, wenn man nicht unter dem Zwang steht, den eigenen vermeintlich gesunden Menschenverstand gegen zweieinhalbtausend Jahre Philosophiegschichte antreten lassen zu müssen und deshalb den Gegener denunziert, wo man nur kann. Und das womöglich, ohne ein einziges Mal in den Fremdwörterduden geschaut zu haben, dabei ist er doch so ein hilfreiches Werk. Sogar semantisch steht drin, und opak. ... comment
ajku,
Donnerstag, 13. März 2008, 16:37
Glänzend!
Und nur schon die Formulierung "allein ihrer wirklich bezaubernden Unverständlichkeit wegen" ... :) ... link
andreaffm,
Donnerstag, 13. März 2008, 19:09
Kennen Sie das? Wenn man wissenschaftliche Texte wie Lyrik liest? Das geht sehr schön bei Botanik. Man sucht sich einen Begriff heraus, den man nicht kennt, etwa Prothallium, und dann geht's los:
Als Prothallium bezeichnet man in der Botanik den haploiden Gametophyt der Farne. Das Prothallium entwickelt sich aus einer vom Sporophyt der Farne produzierten Spore. Es ist relativ kurzlebig, meist nur wenige Millimeter groß und wird wegen seiner Unscheinbarkeit kaum je vom Laien wahrgenommen – und wenn doch, dann wird es wegen seines thallösen Aussehens häufig zum Beispiel mit einem Lebermoos verwechselt. Aussehen und Lebensweise der Prothallien variieren erheblich von Art zu Art: Einige sind grün und betreiben Photosynthese, andere leben unterirdisch und ernähren sich saprophytisch, also von totem organischem Material. Vielleicht bin das auch nur ich, aber ich lese sowas mit Vergnügen. ... link ... comment
jean stubenzweig,
Donnerstag, 13. März 2008, 18:11
Elegance
Ich behaupte frank und frei: So geistreich und humorvoll und witzig moderieren und sie trotzdem alle so richtig eintauchen, das kann nur eine Frau. Ich danke herzlich für dieses elegant-feuilletonistische Amusement!
Jean Stubenzweig ... link ... comment
jean stubenzweig,
Freitag, 14. März 2008, 08:18
Weiblich?
Das soll wahrhaftig nicht abwertend gedacht sein! Bei dieser Unterscheidung bin ich so so vorsichtig wie bei den vielzitierten Komplimenten — die bedeuten oft nichts als Oberfläche. Es ist ein ernstgemeinter Dank für eine besondere Qualität, von der ich sicher bin, daß es sie gibt.
Etwas verschämt also führe ich den Befehl unseres Häuptlings aus: schmoll-et-copains.typepad.com ... link ... comment
sven e.,
Freitag, 14. März 2008, 20:05
Man sollte sich das Feuilleton für Sonntage, lange Kaffeepausen oder (noch haben wir Winter) Kaminabende aufbewahren. Niemand kann erwarten zwischen Kaffee und Inbox-Kontrolle noch fix sein Halbwissen über Sozialphilosophie auf den neusten Stand zu bringen.
... link ... comment
remington,
Samstag, 15. März 2008, 00:16
Ich habs schon mal gesagt und ich sags wieder: Du bist ne Offenbarung. Dankeschön.
Aber upps...ich bin wohl ein Ressentimentator statt ein Kritiker. Da muss ich wirklich mal drüber nachdenken. ... link ... comment
friedjoerg,
Montag, 17. März 2008, 19:38
Soso ein Elitarist, sogar ein bekennender bin ich. Ich würde ja gerne zustimmen und es als Auszeichnung nehmen, also Lob sogar, aber eigentlich binn ich gegen alle Ismen, so auch gegen den Elitarismus.
Ich freue mich aber, durch Zufall auf den Link hier aufmerksam geworden zu sein, denn das ist ein sehr schöner Beitrag zu dieser Diskussion, wirklich schön, nicht nur interessant. Was für kluge Blogs es gibt. Hach. ... link
friedjoerg,
Dienstag, 18. März 2008, 18:30
Ich habe nichts gegen die Ergebnisse, die z.B. von Künstlern hervorgebracht werden, denen dann - meist im Nachhinein - so ein Etikett aufgeklebt wird. Ich bin nur gegen das Etikett.
Wenn ich da mal einen Link setzen dürfte? www.xn--jrg-friedrich-imb.de ... link
friedjoerg,
Donnerstag, 20. März 2008, 09:57
Das Problem ist, dass man das nur glaubt (nicht alles erklären zu müssen), dass aber meist und in Wirklichkeit jeder gerade unter Ismen was anderes versteht als der andere (das gilt zwar für alle Begriffe, aber für Ismen ganz besonders) Das Missverständnis bemerkt man vielleicht nie, oft zu spät. Und dann beginnt meist eine mühselige Debatte um die richtige Verwendung des Ismus-Begriffs, nicht um die Sache selbst.
Im Falle des Elitarismus, dem Etikett, dass du mir aufgeklebt hast, ist das ganze sehr schön darstellbar, weil die wenigsten (im Gegensatz vielleicht zu Sozialismus) überhaupt eine Vorstellung haben, was das ist, sich aber jeder aus dem Kontext eine Bedeutung ohne weiteres zusammenbasteln kann. Dann kann man eine Weitle damit jonglieren und herrlich aneinander vorbeireden. So klappt das prinzipiell bei allen Ismen. Alles eigentlich off topic, sorry. ... link ... comment |
seit 2762 Tagen sitz ich hierletzte Bestellung: 2009.07.04, 18:39 Suche und finde
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