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Ich hab vollkommen plattgelaufene Füße. Nichtsdestotrotz, das Ende der Buchmesse ist noch lang nicht erreicht. Heute hat's zwar keine interessanten Lesungen mehr, dafür aber interessante Privatpersonen, die auch da sind und nicht verpaßt werden wollen.

Also. Am Mittwoch hab ich festgestellt, daß ich einen der Helfer beim Azubistro (Anlaufstelle für Buchhandelsazubis) kenne, dort Kaffee bekomme, wann immer ich da vorbeiwanke und daß die auch noch richtig gutes Programm haben, lesungstechnisch. Jana Hensel, Hans Pleschinski, Zsuzsa Bank, Feridun Zaimoglu konnte man dort hören und hinterher noch befragen, wenn man wollte. Was alles sehr locker war.
Ab und zu kamen auch A. und F. vorbei, die in der gleichen Halle Stand hüteten bzw. Brote schmierten. Bei A. gibt's Muffins, bei F. Brote und manchmal sponsert jemand ne Saalrunde Kartoffelsuppe für alle. Das ist wichtig zu wissen, denn draußen in freier Buchmessewildbahn nehmen diese Halsabschneider 4 Euro 50 für ein popliges Baguette mit bissi Salami drauf.

Gestern Abend Eichborn-Lesung im O25. Tine, die engagierteste Feuilletonistin der Offenbach Post war natürlich auch da und eine Bekannte von Tine, die gerade in diesem Moment ihre Magisterarbeit abgibt. Gelesen haben ein Tim Krohn, ein Nicol Ljubic und die allseits bekannte Karen Duve.

Tim Krohn? Nie gehört? Nix verpaßt. Man muß ja nicht alles immer gleich "gutmenschig" nennen, was einen Tacken mehr Verantwortungsgefühl hat als man selbst, aber das war eindeutig zu viel gestern. Die Kombination 1) vierjähriges Mädchen 2) sternklare Nächte und 3) Schöpfungsmythen war mir eindeutig zu viel des guten. Es war dunkel im O25, die Discokugel tat ihr bestes, sowas Ähnliches wie Sterne zu simulieren, ich war den ganzen Tag auf Achse und ich hatte den Rest Rotwein ausgetrunken, den ich mir nicht beim Hinsetzen in den Schritt geschüttet hab und all das war doch sehr dazu angetan, mich in einen Zustand äußerster Schläfrigkeit zu versetzen. Man saß auf diesen Wandwellen, die Füße ausgestreckt, den Kopf angelehnt, die Luft war stickig und der da vorne erzählte einem Einschlafgeschichten für kleine Mädchen.

Ja, ich war froh, daß jeder nur 20 Minuten hatte. Tim Krohn weg, Nicol Ljubic auf die Bühne. Der redete zwar auch von Sternenhimmeln, die sind offenbar uglaublich hip derzeit (aber das gehört ja auch zu den Naturphänomenen, für die man weder die Großstadt verlassen muß noch sich irgendwie dreckig macht bei) - und einer Dame namens Mathilda, auch so ein verlassenes, zerrissenes, bindungsunfähiges postmodernes Großstadtsubjekt, das ja nun, nach zehn Jahren Popliteratur, weitestgehend klassifiziert, beschrieben und in all seinen Ausprägungen erfaßt sein dürfte. Aber wenigstens hatte man das Gefühl, man bekommt eine halbwegs altersadäquate Einschlafgeschichte erzählt.

Bei der Duve waren dann alle wieder wach. Die las Kindheitserinnerungen vor. Völkerball in der Schule (o gott! Horror!) und die erste Party bei einem wichtigen Jungen (weiß nicht, war ja nie eingeladen). Also, das sind jetzt sicherlich nicht nur Frau Duves Erinnerungen, sondern vor allem die ihrer Heldin ihres neuen Romans "Dies ist kein Liebeslied". Und die ist fett. Oder dick. Wie auch immer, auf jeden Fall hat sie ein Problem mit ihrer Figur und diätet herum und ist unglücklich, weil sie glaubt fett zu sein, oder dick. Weil die Pfunde vermeintlich einem anderen, besseren Leben im Weg stehen. Wie eben jeder so irgendetwas findet an sich, das ihm im Weg steht: Der eine ist zu groß, der andere aus zu kleinen Verhältnissen, der dritte schämt sich für seine Schüchternheit und wird gleich noch ein bißchen stiller dabei. Und Frau Duves Heldin schämt sich für ihr Fett. Das kam eher in der Einleitung heraus als in den gelesenen Episoden selbst, denn die waren, vermutlich für die Lesung extra so ausgesucht, locker-flockig mit ein paar Messerspitzen wohldosierten Zynismus. Wie und ob das im Gesamtzusammenhang funktioniert, wage ich daraus nicht zu schließen.

Danach aufs mare-Schiff am Eisernen Steg. Mare ist ein neuer Verlag, das heißt, das Magazin gibt's schon länger. Alles rund ums Meer. Und jetzt verlegen die außer dem Magazin auch noch Bücher, zB. von Antje Ravic Strubel und diesem Amerikaner, der auch "kleines Mädchen mit komischen Haaren" geschrieben hat und dessen Name mir seit gestern nicht einfallen will. David Foster Wallace. Da isser wieder. Schöne Bücher übrigens, ob sie auch gut sind, konnte ich in der Eile nicht beurteilen, aber sehr solide und fein gemacht.
Und so sanft schaukelnd auf dem Main (Tine [entgeistert]: "Das bewegt sich ja!") chillten wir bei Frankfurter Würstchen mit Kartoffelsalat und hörten Roger Willemsen am Nebentisch zu.

Und soviel bis jetzt. Mehr später.

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Sternenhimmel in der Großstadt???
Also ich wohne ja schon auf?m Dorfe.
Trotzdem erstaunt es mich ja immer wieder,
wieviel mehr man vom Sternenhimmel sieht,
wenn man mitten in einer zivilisationslosen Gegend nachts
in den Himmel blickt.

Nicht umsonst sprechen Astronomen von eine Lichtverschmutzung!

Wie mag das erst in einer Großstadt, wie Frankfurt sein?

Ein kleiner Tipp am Rande:
Wer wirklich meditieren und seinen Horizont erweitern will,
sollte sich in einer klaren Nacht mitten in der Walachei einmal den Himmel anschauen.
Aber vorsicht, es mach süchtig und man sollte mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen bleiben, damit man nicht abhebt. ;)

chos

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Re: buchmesse I
Mare die Zeitschrift kann ich übrigens nur weiterempfehlen.

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Avantgarde: Danke für den Link zum BR-Artikel, nur dort konnte es passieren, dass Christian Kracht als Provokations-Prolet bezeichnet wird. Das Gegrantl gegen Axtolmkill geht aber in Ordnung und kommt präzise zum Schluß: "Jeder Satz Hegemanns ist produziert und abgeschrieben –... ...
[eriktheodor am 2010.02.09, 22:43]

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Heinz Buttke, das wird ja immer schöner. Danke für den Hinweis. Ich auch, Simon, ich auch. ...
[andreaffm am 2010.02.09, 21:25]

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Nach alledem habe ich Schwierigkeiten, weitergehende Spekulationen aus meinem Kopf wieder zu verbannen ... ...
[simons am 2010.02.09, 19:10]

Beim Film scheint es ja ähnlich zu sein.
Schaut man sich bei youtube den kürzeren der beiden Trailer zu Hegemanns Film an, so wird dort der recht bekannte (über 2 Mio. Klicks) Viralspot mit der jungen Dame, die angeblich nur noch ihre Muschi zum Streicheln hat und deshalb... ...
[Heinz Buttke am 2010.02.09, 18:09]

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Die SZ sieht's auch locker: Und sollten Sie auch demnächst Ihre Blogeinträge in der großen Weltliteratur wiederfinden, trösten Sie sich mit folgendem Zitat des selten erreichten Theodor Fontane: "Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller... ...
[Avantgarde2010 am 2010.02.09, 18:00]



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