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andreaffm, Do, 17.Jänner.2008, 20:14 Der Lufthansa-Praktikant hat seine Oma mitgebracht, die sitzen jetzt hinter mir im Bus. Die Oma erzählt, wie sie 1952 das erste Mal nach Amerika geflogen ist, damals über London, Shannon und Neufundland, und überall Zwischenhalte. So war das damals, sagt die Oma, und: Dadrüben werden die Piloten ausgebildet, nicht? Sie kennt sich bestens aus.
Oma, Enkel, viele Journalisten und ich fahren gerade vom Aviation Center über den Airport-Ring zur Cargo City, denn dort wird heute die Werft für den neuen Airbus A 380 eingeweiht. Eine Halle von 180 mal 140 Metern, 25.200 Quadratmeter Grundfläche und 45 Meter Höhe. Große leere Halle, sagt der Journalist und wuchtet die Kamera durch die Türöffnung des Busses nach draußen, tolles Fernsehthema. Auch ich werde später mit der Kamera durch die Halle laufen und Motive suchen, die genug Anhaltspunkte bieten, um die Dimensionen ansatzweise zu verdeutlichen. Erst einmal müssen wir uns anmelden. Es gibt vier Schalter für Gäste und einen für die Presse. Hinter den Gästeschaltern langweilen sich die Kostümchendamen und lächeln ins Leere, vor dem Presseschalter bildet sich sofort eine lange Schlange aus Herren in Cordsakkos und mit sperrigen Taschen. Ab und zu kommt einer in feinem Zwirn, das sind die geladenen Gäste, und wird sofort von einer der lächelnden Damen bedient. Dafür bekommen wir CD-Roms mit Bildern drauf und die Gäste nicht. Danach wird durchleuchtet. Handgepäck und Jacken in die Plastikboxen, und dann durch den Metalldetektor. Kommt man sich ja auch verarscht vor, sagt der Kollege, erst Sicherheitskontrolle und dann doch nicht wegfliegen dürfen. ![]() Dan geht es zur Halle, das Objekt der Berichterstattung. Groß, grau, viel Stahl, viel Glas. Dann lächelnde Garderobieren. Drinnen steht ein Jazztrio und spielt The Girl from Ipanema. Zwei Mädchen haben sich als Flugpioniere verkleidet, laufen auf Stelzen zwischen den Gästen herum und schneiden Grimassen. Sofort stürzen sich alle Photographen auf die Flugpioniere und sind froh, etwas anderes vor die Linse zu bekommen als rohe Betonwand und Stahlkonstruktion. Ich bemühe mich, den lächelnden croissanthinhaltenden Damen auszuweichen und ein paar brauchbare Photos zu machen. Das Jazztrio setzt sich nach der ersten frühstückslastigen Abfütterung langsam in Bewegung hinüber zur Bühne, wo die Stühle aufgebaut sind. Das ist das Zeichen, langsam Platz zu nehmen, denn jetzt wird es offiziell. Man separiert sich in geladene Gäste, die sich in ihren feinen Zwirnen und mit wichtigen Mienen nach ganz vorne setzen, und dem Pressevolk, das sich ostentativ desinteressiert in die hinteren Reihen fläzt. Nur die Photographen umlagern vorne das Rednerpult. Ich bin ja beides, weshalb ich mich in die Mitte an den Rand setze, immer absprungbereit, neben mir plaziert sich dann ein Herr mit feinem Zwirn und billigem Schuhwerk und einem Schildchen, das ihn als Angehörigen der Staatskanzlei ausweist. Natürlich setzt er sich nicht dorthin, wo die Plätze für die Staatskanzlei reserviert sind – als Pressemensch, der etwas auf sich hält, setzt man sich ja auch nicht dahin, wo für die Presse reserviert ist. ![]() Ein Ruck geht durch die Photographen, und lächelnd hält der Landesvater Einzug. Sofort stürzt sich alles auf Koch, umlagert ihn, stellt ihm Fragen. Eigentlich ist das nur wichtig für das Fernsehen, weil die ja Bilder brauchen, und zwar möglichst solche, die so aussehen, als hätte Koch exklusiv nur mit diesem Sender gesprochen. Ein bißchen Getümmel macht sich auch gut, das gibt dem ganzen einen Anstich von Kriegsberichterstattung. Ich lehne mich zurück, gähne und warte auf das, was da kommt. Zur Presse zu gehören hat echte Vorteile: Niemand guckt schräg, wenn man nicht klatscht. Im Gegenteil, nicht zu klatschen gehört zum guten Ton. Dann geht es los mit dem offiziellen Teil. Lauter wichtige Menschen, die irgendetwas leiten, werfen mit großen Worten um sich. Flaggschiff, Bekenntnis zum Standort, erfolgreiche Zukunft, größtes Drehkreuz, größter Hub, Schlüsselbedeutung, Arbeitsplätze, Wachstum, wirtschaftliche Entwicklung, wichtiger Tag, wichtiges Datum, Arbeitsplätze, Drehkreuz langfristig etablieren, Mobilität, gute Nachbarschaft, Luftfahrtgeschichte, Arbeitsplätze, Spitze der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung. Das ganze Bullshit-Bingo, Flughafen-Edition. Außerdem gibt man sich heute tierlieb: Bevor man den Wald für die Halle und deren noch zu bauende Erweiterung abgeholzt hat, wurde eine ökologische Überwachung eingesetzt. Dann hat man die Zauneidechsen, Hirschkäfer, Ameisen und Wildbirnen umgesiedelt. Die Vögel müssen sich hier wohlfühlen – hierher kann der Kranich immer wieder zurückkehren und die nötige Geborgenheit und Sicherheit finden, sagt der Flughafenmann. Kein echter Kranich, sondern welche aus Stahl. Der will ja auch ein kuscheliges Nestchen. Am Flughafen hat man ein Herz für alles, was grob tierförmig ist. Wahrscheinlich essen die hier nichtmal Gummibärchen. Möge dieses neue Nest von möglichst vielen großen Vögeln genutzt werden, wünscht man sich, dann drücken die wichtigen Herren plus Landesvater auf einen großen roten Knopf, der so aussieht wie man sich in den Achtzigerjahren den Knopf vorstellte, der mal den dritten Weltkrieg auslöst, ein Vorhang wird hochgezogen und hinten geht so eine Gymnastikgruppe mit Technobeschallung und Tücherwedelei vonstatten. ![]() Die Photographen reißen wieder ihre Kameras hoch und zeigen sich dankbar für alles, was in der großen leeren Halle so etwas ähnliches wie ein Motiv verkörpert. Außerdem stehen da zwei Flugzeuge, damit man mal die Relationen sieht, die zwei Flugzeuge verlieren sich nämlich ziemlich, und dazwischen steht das Büffet. Das ist wichtig. Da gehen jetzt alle hin. Schlendern unter den Flugzeugbäuchen hindurch, fassen mal im Vorübergehen die Reifen an. Fragen den Ingenieur, der zu Demonstrationszwecken ein Triebwerk wartet, auskennerische Detailfragen, mit Krabbenspießchen wedelnd. ![]() 62.000 Tonnen Beton wurden ausgebreitet, der Rohbau aufgestellt, das dreitausend Tonnen schwere Dach vorkonstruiert und an vier Türmen hochgehoben, das hat 10 Stunden gedauert, viereinhalb Kilometer Entwässerungsrohre, 26 Kilometer Kabelschutzrohre, es sieht alles erst einmal unspektakulär aus, aber wenn man vom Büffet zur Kaffeebar läuft, dann ist das schon ein mittlerer Verdauungsspaziergang. ![]() Ich suche immer noch den Projektleiter, denn der wollte noch eine Hallenführung machen, aber keiner weiß was, alle lächeln nur freundlich. Ich fühle mich ein bißchen verloren zwischen all dem Service, dann gerate ich an einen jungen Herren, der meint, er könne mich gleich dem Projektleiter vorstellen. Eigentlich wollte ich ja die Führung mitmachen und nicht den Projektleiter kennenlernen, aber es gibt jetzt keine Führung, sagt der Projektleiter, alle hätten ihn schon ausgefragt, das mache er jetzt so im Einzelgespräch, und was ich wissen wolle. Ich frage zurück, was man denn wissen müsse, und ob es irgendwelche netten Details gebe, die noch nicht erwähnt wurden. Die Uhr da oben, erzählt der Projektleiter, die stamme noch aus der alten Wartungshalle 3, der Schmetterlingshalle, die habe er zusammen mit einer zweiten restaurieren lassen und hänge jetzt hier, um die Kontinuität der Luftfahrtsgeschichte zu verkörpern. Das sei sein Lieblingsdetail. ![]() Keiner wollte die Führung machen, alle wollten schon gehen. Die Versammlung löst sich spürbar auf, und so schlendere auch ich vorbei an den freundlich lächelnden Garderobieren hinaus zum Bus. Zum Abschied bekommen wir alle noch ein A 380-Modell geschenkt, was mich freut, denn jetzt hab ich mit der DHL-Boeing und dem Airbus schon zwei Flugzeuge zum Spielen. Der Kollege im Bus allerdings hat zwei Töchter und nur einen Airbus, alle Überredungsversuche haben nichts genützt bei den freundlich lächelnden Damen, beklagt er. Die gibt's doch für ein paar Euro bei der Ringeltaube, rät ein anderer Kollege, der nach eigenen Angaben mit dem Landesvater pinkeln war. Des schreibste in deine Memoiren, was? sagt der nächste Kollege. Früher, sagt ein anderer, war das hier alles noch Wald. Da sind wir mit dem Fahrrad sonntags von Niederrad rübergefahren, da war so eine Gaddewertschaft, mit Sinalco-Sonnenschirmen. Ja, genau, Sinalco-Schirme! Der Kollege erinnert sich. In den Eingeweiden des Terminal 1, auf dem Weg zur S-Bahn, fällt mir auf, daß das Schwarzwald-Stübchen zugemacht hat. Die Fassade mit den Holzschindeln ist noch da, aber Tür und Fenster sind mit Brettern vernagelt. ... comment
mikelbower,
Donnerstag, 17. Jänner 2008, 23:21
Nie liest man so etwas SO in einer Zeitung, einer lokalen.
Nach Lektüre würde ich sagen: Gäbe es keine Blogs, dafür müsste man sie erfinden. Merci, knicks. Nur frage ich mich jetzt, wie Schirm in nativem Frankfurter Idiom klingt. Schemm? ;-) Und KEINE Berichterstattung aus HD mit MegaWatt? ... link
andreaffm,
Freitag, 18. Jänner 2008, 00:23
Mitm Schermsche unnerm Ärmsche :)
Schemm ist gar nicht so falsch, aber das "r" hört man dabei noch raus. Ja, HD, ich weiß. Ich hatte so wenig Zeit & Muße die Tage, und soo interessant war es dann auch nicht. Wir waren eigentlich alle zu vernünftig. Glaub ich. Nur das mit dem einen Blog schreiben (für einen Eintrag posten) muß ich denen noch ausreden. Das ist ja wie: Einen Zeitung schreiben statt den Artikel abgeben. ... link ... comment
kaltmamsell,
Freitag, 18. Jänner 2008, 13:26
Mein Lieblingsbild: die bräsig unterm Flugzeugbauch schreitenden Anzugträger.
... link ... comment
mow,
Freitag, 18. Jänner 2008, 14:25
"Niemand guckt schräg, wenn man nicht klatscht. Im Gegenteil, nicht zu klatschen gehört zum guten Ton."
Ja, das ist sehr angenehm. Aber wenn ich fürs Monatsblättchen beim Karneval bin, dann klatsche ich auch mal - bei den ein oder zwei Darbietungen, die ganz ok sind. Sonst ist man bei denen der arrogante Schnösel. @mikelbower: Bei meiner Zeitung wären der Text oben etwa 300 Zeilen. Und schon ist für sowas kein Platz - jedenfalls nicht in der normalen Berichterstattung. Denn dann weinen die Kaninchenzüchter, dass sie niemals nie in der Zeitung berücksichtigt werden - wo sie doch so wertvolle Jugendarbeit leisten. Marc ... link
mikelbower,
Freitag, 18. Jänner 2008, 22:53
ich weiß, ich weiß...aber deswegen würde ICH es doch gerne lesen.
@mow Ich kenn' das so mit Gesangvereinen, die Zählen die Zeilen mit und wehe, der von der Sangeslust ist 2 Zeilen länger. Neu war letztlich eine ganz neue Variante. Bei meiner letzten Lesung kommt Fotograf und will mich samt einen von 8 Mitstreitern fotografieren. Mitstreiter ist noch nicht da, Fotograf zückt das ausgedruckte Layout der Zeitung vom Montag, in der bereits der noch nicht geschriebene Artikel in der Zeilenzahl drin stand, samt Foto in Pixeldimesionen, mit der Vorgabe, dass DIE zwei es zu sein hätten. Ich war so verblüfft, dass ich mich breitschlagen lies so abgelichtet zu werden. Ich will lieber solche Artikel wie hier lesen! Vielleicht sollten wir mal eine Leserinitiative gründen. ;-) ... link
mow,
Samstag, 19. Jänner 2008, 18:29
@mikelbower: Da machen sich die Gesangsvereine aber einen zu großen Kopf. Meiner Einschätzung nach denkt über die Zeilenzahl als Bedeutungsmaßstab keiner in der Redaktion nach. (Jedenfalls nicht solange der Artikel 80 bis 100 Zeilen lang ist). Ich übrigens auch nicht.
Die Menschen neigen allerdings zu Verschwörungstheorien. Dabei basieren solche Entscheidungen auf rein praktischen Erwägungen. Oder auf einem Redakteur, der schnell kürzen muss, weil ein anderer Text wichtiger war. Da wird dann mit dem Breitschwert gearbeitet und nicht mit dem Skalpell. Marc ... link ... comment |
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