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bachmann 2006, oder: protokoll einiger tage, an denen ich meinen glauben an die deutsche literatur erst verlor und dann zumindest teilweise wiederfand
andreaffm, So, 25.Juni.2006, 17:08 Klagenfurt, ach je, nomen est omen. Klagen möcht ich auch über den Zustand der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur, aber man ist ja kein Kulturpessimist, und so läßt man's dann doch bleiben. Ich muß zugeben, ich hab mich nicht übel gelangweilt beim nunmehr dreißigsten Wettlesen. Viel handwerklich gut gemachtes, aber leider auch durchschaubares, todsterbensfades Zeug. Ich gebe zu, ab und an würde ich ganz gerne überrascht werden. Ist dann vielleicht ein Problem, mit so einer Anspruchshaltung da ranzugehen.
Glücklicherweise gab es dann doch die große Überraschung, der eine, restlos begeisternde Text, das hat man ja auch selten, und der ragte aus dem Mittelmaß hervor wie Gulliver aus dem Liliputanerdorf. Ich sag nur: Anglistin, Bloggerin. Das macht mir Hoffnung. Zumal ich ausgerechnet während der Bachmanntage eine Absage von den Frankfurter Germanisten bekam, die meinten, meiner Bewerbung zum Aufbaustudiengang Buch- und Medienpraxis besser mal nicht stattzugeben, ich sei nun auf der Warteliste, meiner exzellenten Referenzen wegen, man melde sich im August nochmal, vielleicht klappt's ja dann. Kapiert ja auch kein Mensch: Die Buchrezensionen haben ihnen nicht gefallen, aber das Praktikumszeugnis meiner Chefin? Oder wie hab ich das zu verstehen? Vielleicht hätte ich das mit dem Blog auch nicht erwähnen sollen. Ach Literaturbetrieb, vielleicht sollte ich mich Dir doch besser aus der Oppositionsposition heraus annähern. Vielleicht können wir grundsätzlich nicht miteinander, wir beide. DONNERSTAG Nummer eins war Sigrid Behrens, die Norbert Miller geschickt hat, der aber leider aus gesundheitlichen Gründen zu Hause bleiben muß und durch Karl Corino, einem alten Bachmannhasen, vertreten wird. Ansonsten ist in der Jury alles wie gehabt. Frau Behrens liest einen Auszug aus einem längeren Text, "Diskrete Momente" der Titel, und es geht um die Bewohner eines Hauses, deren Leben da portraitiert werden sollen. Der entnommene Auszug befaßt sich mit einem älteren Mann, der als abgebrochener Student und nun Vollzeit-Zugschaffner durch die Lande reist und in Paris eine Geliebte hat. Also wieder sowas ohne richtige Handlung. Aber ein älterer Herr in einem Haus hat ja schonmal den Bachmannpreis gewonnen, ist also ein erfolgsversprechender Ansatz. Aber leider ist das alles schon hundertmal dagewesen. Wer will denn sowas lesen? Warum schreiben Leute sowas? Warum glauben die, daß das irgendwer lesen wollte? Wahrscheinlich denken sie einfach nicht darüber nach, warum so ein Text eine Daseinsberechtigung außerhalb der Autorenschublade haben sollte. Jaja, nette Fingerübung. Und weiter? Radisch ist dementsprechend gemein und konstatiert Siebzigerjahre-Lyrismen. Spinnen meint, der Text ringe dem Eisenbahn-Stoff nichts neues ab. Und Frau März liest das ganze als Parodie, denn "wenn das keine Parodie ist, ist das fatal". Mit der Startnummer zwei: Bodo Hell, eingeladen von Ilma Rakusa, liest "Stadt Land Berg". Bodo Hell hat vermutlich mal irgendwo einen Max-Schreck-Lookalike-Contest gewonnen, seitdem setzt er sein Nosferatu-Käppchen nicht mehr ab und trägt nur noch schwarz. Er ist hier der Quotenavantgardist und liest eine Art Textcollage zwischen Natur- und Zivilisationsmotiven. Ich bin ganz gut unterhalten, obwohl da natürlich schon wieder keine Handlung ist, keine Richtung und nix, aber das macht nichts, ich höre gern zu. In der Jury sieht es ähnlich aus, man vergnügte sich durchaus. Herr Detering prägt denn auch gleich den schönen Begriff der "avantgardistischen Trivialliteratur", ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob er das als Kompliment gemeint hat. Corino fragt sich, ob sich der Text dem zitierten Floskelunsinn auch widersetzen kann, Frau März will nicht die Spielverderberin sein und Nüchtern verweist auf nationale Vorlieben: Österreicher wären eher fähig, avantgardistischen Blödsinn auch ohne didaktischen Zeigefinger zu genießen. Interessante These. Drei. Silvio Huonder, ein Schweizer in Berlin und von Martin Ebel eingeladen, erzählt die Geschichte eines One-Night-Stand zwischen einem Meteorologen und einer Filmcutterin, der fruchtbare Folgen zeitigt. Weil man den Abtreibungstermin an sich vorüberziehen läßt, ohne sich zu irgendwas aufraffen zu können, geht man halt mal zum Geburtsvorbereitungskurs und kriegt dann halt mal ein Kind zusammen. Und irgendwie dringt dann am Ende das menschlich-anrührende zu den radikal durchindividualisierten Großstadtmenschen durch. Nur zu mir leider nicht. Herr Huonder liest leider sehr langweilig, daher hatte ich beim Zuhören wenig Freude. Frau März bemängelt denn auch, der Text wäre leer und modellhaft, wenn sie auch nichts gegen die Erzählweise einzuwenden hat. Frau Radisch findet, das täuscht, der Text zeige die Tragödie des modernen Lebens (was sich halt Frau Radisch unter einem modernen Leben vorstellt - das ist ja auch noch so ein Kapitel für sich). Spinnen findet den Text todtraurig und hat mitgefiebert, Nüchtern dagegen findet das brav runtererzählt. Ich frag mich, ob nicht mal irgendjemand daherkommen und endlich dieses Klischee vom partikularisierten Großstadtsubjekt mal ordentlich runterdekonstruieren kann? Das hält ja kein Mensch mehr aus. Überall nur noch behauptete Kälte und Ödnis, nur noch beziehungslose Menschen und gefühlstote Sozialkonglomerate, nirgendwo Hoffnung, nur ab und an zuckt noch ganz tief unten auf der biologischen Grundmatritze ein Trieblein und eine kleine menschliche Regung rappelt sich inmitten der emotionalen Wüste empor. Und dann kommt ausgerechnet die Radisch und redet was von Tragödie des modernen Lebens. Das ist doch absurd. Den Vormittag rettet mir dann unerwarteterweise Clemens Meyer, den hat Frau März eingeladen, und die liefert ja meist Qualität. Ich muß zugeben, ich habe "Als wir träumten" noch nicht gelesen, was auch daran liegt, daß ich in letzter Zeit fast nichts gelesen habe, außer Fachliteratur und einer sich über drei Monate erstreckenden, sehr langsamen Lektüre von Alan Hollinghursts "Line of Beauty", der 2004 den Booker dafür bekam. Ich habe im Moment ein leicht gestörtes Verhältnis zur deutschen Literatur. Umso schöner, wenn dann einer daherkommt und eben keine Fingerübung ohne Handlung mitbringt, sondern eine richtige Story. Der Anglizismus steht hier durchaus bewußt, Herrn Meyers Knastgeschichte ist genau eine kurze solche in bester angloamerikanischer Tradition, mit Handlung UND Stil UND Personen UND gutbeobachtetem Setting. Der verkauft mich nicht für blöd, der Meyer, der setzt sich hin und erzählt mir was. Guter Ansatz, und gute Ausführung, denn er erzählt nicht nur was, er erzählt es sehr gut. Ja, sicher, da findet sich das ein oder andere Klischee, ganz recht, Herr Spinnen, das ist bißchen voraussehbar, aber der Detering hat halt auch recht, wenn er darauf hinweist, daß man ja nicht nur den echten Knast als solchen sehen darf, sondern eine ganze Tradition an Abenteuerliteratur mitdenken muß, von der Schatzinsel angefangen. Und überhaupt: Bei großen Gefühlen ist Sentiment erlaubt, sagt Frau Strigl. Und wenn Frau Strigl das sagt, dann stimmt das. Und Frau Radisch: Warum wittern Sie bei der Schilderung eines Knastmilieus "Exotismus", nicht jedoch bei der Schilderung des sogenannten modernen Lebens, oder bei der von Ihnen hochgelobten Schilderung einer wilden Kokserparty von Andreas Merkel, "Das Jahr der Wunder", damals, ich weiß es noch genau, weil ich mich damals schon aufgeregt hab über Sie und ihren Exotismusdetektor, der nur in Anatolien und im Knast ausschlägt, nur bei diesen, wie Sie es nennen, "Unterschichts-Kasperletheatern", nie aber bei modernen Exotismen, wie man sie in Großstadtdschungeln finden kann, und zwar zuhauf, und zwar in höchstlangweiliger Ausprägung? Das würde ich wirklich gern mal wissen. Nach der Mittagspause geht es weiter mit einem ereignislosen Nachmittag. Frau März enttäuscht mich mit Angelika Overath und deren Text "Das Aquarium". Der spielt auf dem Frankfurter Flughafen, und ich finds ja schon ganz toll, wenn es gleich mit dem "Terminal 56" losgeht, ja was schreibt die Frau auch einen Text, der auf einem Flughafen spielt, und dann kennt die nichtmal den Unterschied zwischen Terminal und Gate? Wenn Frankfurt Airport 56 Terminals hätte, dann wär die Rhein-Main-Region vollgeklotzt. Grauenhafte Vorstellung, eigentlich. Aber viele Arbeitsplätze. Ansonsten geht der Text um einen seltsamen Meeresaquarienbetreuer auf dem Flughafen und eine Reisephotographin, die ihn mit ihren China-Erlebnissen und dortigen Beobachtungen vollschwätzt, wogegen er sich nicht richtig wehren kann. Natürlich verläuft dann alles im Sande. Überhaupt verläuft viel im Sande. Ist wahrscheinlich auch wieder so eine Tragödie des modenen Lebens. Aber Frau Radisch findet das jetzt alles ein bißchen zu schematisch, zu statisch. Frau März findet, Frau Overath gelinge es, dieser Bildbeschreibung Leben einzuhauchen. Herr Spinnen läßt sich über Käuze und Sonderlinge und deren Hang zu Aquarien aus. Disktatoren haben ja auch oft Aquarien. Zum Beispiel habe Helmut Kohl die ganzen Regierungsjahre hindurch eins gehabt. Fragen sich Frau März und ich: Diktator?! Kohl?! So wild war das dann doch nicht mit dem. Und weils so schön war gleich nochmal Langeweile, diesmal mit politischem Anspruch: Kevin Vennemann, eingeladen von Ilma Rakusa. Ich kann dem wirren Text nicht ganz folgen, gleite auch in Gedanken immer wieder ab, höre immer nur Pflügler und Wehrmachtsausstellung. Es geht, so erfahre ich später, um ein Folteropfer, das viele Jahre später seinem Peiniger unter umgekehrten Vorzeichen wiederbegegnet, und das ist alles sicherlich sehr ambitioniert, aber Stil essen Thema auf. Netterweise ist die Jury auch meiner Meinung, Radisch läßt der Text kalt, Detering muß Stilkritik üben und Corino sagt mal ganz zynisch, das ist auf den Bachmannpreis zugeschrieben, aber leider literarisch nicht gelungen. Der letzte für heute ist Andreas Merkel, eingeladen von Herrn Nüchtern, der eine Agentur-Arbeitswelt-Geschichte mit dem Titel "Aus dem Unterholz liest. Mein Hirn ist durch den langen Tag schon ganz seditiert, und ich muß zugeben, daß das alles trotz popflotten Stils nur so an mir vorbeiplätschert. Strigl und März sind angetan, na sowas, da war mein Hirn doch schon ein bißchen arg eingelullt vom Tag und ich hab hier was Gutes nicht richtig mitbekommen. Ich nehme mir vor, dem Text noch eine zweite Chance zu geben, kann man ja auf der Homepage mal durchlesen. Detering hingegen findet den Text überinstrumentiert, und Radisch hat auch nicht kapiert, worum es geht, das sei alles so abstrakt mit dieser Arbeitswelt. Ach, modernes Leben einfordern und dann nicht kapieren? Sie sind mir ja eine. FREITAG Den Tag eröffnet Claudia Klischat mit einem mäßig spannenden Elaborat. Auf Einladung von Heinrich Detering liest sie einen Obdachlosen-Rehabilitations-Text mit dem Titel "Stillstand". Mein morgenfrischer Geist folgt willig, aber ohne Begeisterung. Frau März findet das Thema spannend, aber die Behandlung sei zu wenig literarisch, da gäbe es zu wenig Sprache. Schade also um den verschenkten Text. Nüchtern findet ihn stimmig und gut gemacht, aber einige Pappfiguren störten ihn dann doch. Strigl findet unpräzise Formulierungen, und Corino attestiert Solidität, aber mangelnden Wagemut. Radisch freut sich über dass löbliche Sujet, fragt sich aber, warum das Literatur sein soll, jede Spiegel-TV-Reportage wäre da anspruchsvoller und plastischer. Detering muß da nochmal ausdrücklich auf den Kunstcharakter hinweisen, hier würde nciht dokumentiert, sondern komponiert, und auch Spinnen möchte nicht die Literatur dem Jornalismus als Opfer darbringen. Insgesamt also redlich, aber mau. Solche Texte findet man in Klagenfurt zur Zeit leider viele, gern mit sozial relevantem Sujet oder politischem Anspruch. Ja wer will das denn alles hören? Daher freut mich der nächste Text, der angenehm unspektakulär, wenn auch mit ein paar verhauenen Sätzen und leider gleich dem ersten ("Die ästhetische Erfahrung eines Swimmingpools konnte mich schon immer begeistern"), sich dann aber doch noch aufrappelt zu einer ansehnlichen Jugend-Sommer-Geschichte. Thomas Melle wurde von Burkhard Spinnen eingeladen und liest über junge Stiftungspraktikanten, die angetreten sind zum Russischlernen und sich dabei in Ossi-Wessi-Cliquenwirtschaft verzetteln. Nichts überragendes, aber ich höre dem "Nachtschwimmen" gern zu. Deterring macht den Anfang, um seine Begeisterung kundzutun: dieser Geschichte gelinge es, große Dramen zu erzählen mit sprachlicher Beherrschung in den Details. Strigl gibt zu, hier arbeitet ein geschickter Autor, aber er greife halt auch oft daneben, die Sprache sei auffrisiert wie ein Motor. Angesichts der sprachlichen Pretentiösitäten, die ich dieses Jahr über mich ergehen lassen mußte, kann ich das nicht ganz nachvollziehen, aber Nüchtern schließt sich an, hier hätte ein Lektor nocch viel zu tun, das sei so David Hockney auf neuwild. Corino meint, hier zeichne sich ein deutsch-österreichischer Konflikt ab, man müsse wohl Deutscher sein, um mit diesen Ossi-Wessi-Konflikten was anfangen zu können, aber das sei trotzdem sehr subtil gemacht und rage aus dem bisher gegebenen Rahmen heraus. Auch Ebel und Radisch sind unisono angetan, Rakusa ist ästhetisch unschlüssig und Frau Strigl hat Bedenken: Der Autor könne viel, will aber Eindruck schinden - "nicht mit mir!" Natürlich will ein Autor Eindruck schinden, plaudert Spinnen aus seinem Autorennähkästchen, so ein Text kommt und sagt: Ich bin was besonderes! Und das sei eben ein Text über neue deutsche Eliten, der einem aber bei wiederholtem Lesen sympathisch werde, und zwar in der Wortbedeutung: er habe mitgelitten. Nummer zehn ist Dirk von Petersdorff, eingeladen von Heinrich "mir graut vor dir" Detering, und er liest den zweiten Junge-Väter-Text (Bachmannautoren wider die Demographielüge), der sinnigerweise "Vom Anfang" heißt, womit natürlich der Anfang des Menschseins gemeint ist, diese Larvenphase, in der man außer saugen und scheißen noch nichts kann und ein erwachsenes Exemplar zur Brutpflege abbestellt werden muß. Das erwachsene Exemplar ist in diesem Fall ein männliches, und intellektuell herumreflektierend begleitet er die Körperöffnungsassistenzarbeit an seinem Nachwuchs. Das hätte witzig und gut werden können, ist es aber leider nicht. Gegen Ende gewinnt der Text etwas an Fahrt, rettet sich aber nicht mehr. Herr Nüchtern begrüßt uns alle zu den Tagen der deutschsprachigen Vaterschaftsbejahungstexte, leider sei das hier spektakulär gescheitert, das sei lürisch mit ü, teilweise kitschig, teilweise betulich. Herr Corino meint, Petersdorff mache da weiter, wo der Huonder aufhört, teilweise zu sonnig-wonnig, aber sehr schön in der Mittellage (im Abgang jedoch leicht korkig - d.Red.). Nüchtern meint, der Corino solle Vaterschaftstexte schreiben, der könne das. Ich warte gespannt. Spinnen sieht nun so gar keine Idylle, eher Kälte und fragt sich, ob Idylle möglich ist, wenn man alles Idyllische wegläßt (ist Literatur möglich, wenn man alles literarische wegläßt? - d.Red.). Radisch gefällt der Text, sie findet ihn schutzlos. Strigl kann keine Kälte finden. Frau März ist dieser sehr gute Text warm ans Herz gewachsen, das sei ein ironischer Text einer dramatischen Rettungsaktion, wie hier der Protagonist mit Idyllenbildern von außen seine Identität zusammenzusetzen versuche. Detering: Kein Kitsch, mit keinem Wort, das sei vielmehr eine kunstvolle, durchgearbeitete und berührende Geschichte. Der Nachmittag bringt uns Paul Brodowski, meinen erklärten Lieblingsfavoriten dieses Wettbewerbs, zu dessen Texten ich eine leicht pathologische, fasziniert-angewiderte Beziehung pflege. Seine Gedichte oder Prosaminiaturen oder wie er das nennt habe ich ja hier schonmal angesprochen. Das war damals übrigens eine Veranstaltung der Studenten der Buch- und Medienpraxis, das sind die, die mir gerade abgesagt haben. [Mehrere gallige Bemerkungen getippt und wieder gelöscht] Gut, Brodowski ist auf Zustimmung von Frau Radisch angetreten (nur der Vollständigkeit halber: Auf dem gleichen Einsendungsstapel lag auch der Text der späteren Preisträgerin, den sie jedoch ablehnte), er liest "Aufnahme", und in meinem Notizheft steht, ich zitiere: Keine Ahnung was das soll und warum ich mir das anhören soll. Es geht, soweit ich mich erinnere, um eine blinde Photographin, die dauernd näht und den Erzähler über New York ausfragt. Später erhängt sie sich. Ein Trauerspiel von einem Text, eine Versuchsanordnung ohne Spannung, Charakter und, was wirklich schlimm ist, ohne Originalität oder Innovation. Das schlimmste pseudoavantgardistische Ikonographiegewitter seit Christina Griebel, und das will was heißen. Frau März findet das auch, kalt und theoretisch sei der Text, und er arbeite nur die konventionelle Ikonographie ab. Detering sieht kunstfertiges Klappern mit einschläfernder Wirkung. Radisch dagegen verspürte nach eigenen Angaben beim Lesen einen nervösen Sog. So, und jetzt kommt's, Frau Radisch, unsere Urban Stylerin, meint, dieser Text zeige, was Großstadt heute ist, das sei nicht mehr nur Spazierengehen wie bei Baudelaire, dies sei ein Text von heute. In diesem Moment hatte ich nicht mehr viel Begehr außer meinen Kopf ganz, ganz fest irgendwo hineinzurammen in der Hoffnung, er bleibe stecken auf immer. Was sind das für Leute, die da in Klagenfurt Texte lesen über blinde Photographinnen, bei denen sie sich bestimmt irgendwas gedacht haben, oder schlimmer: eben nicht gedacht haben, vielleicht haben sie ja auch nur so gefühlt oder ganz tief drinnen was gespürt. Daß also solche Texte an die Öffentlichkeit gelangen, das ist mir ja schon ein Rätsel, daß das gedruckt wird und Verleger findet und vielleicht von irgendwem auch gekauft wird, und gelesen wird, und dann Leute denken: Ach, schön oder ach, beachtlich. Daß dann auch noch Juroren sowas lesen und denken: Ach, schön oder ach, beachtlich, den schicken wir doch mal nach Klagenfurt, das ist viel besser als dieser Schmarrn von dieser Frau mit dem Schneesturm und ihrer blöden Winterjacke, außerdem mußte ich da zehnmal lachen, und bei mehr als zweimal sinkt die statistische Preiswahrscheinlichkeit um 50%, besser, wir nehmen doch lieber was kosmopolitisch-unterkühltes, was man dann als Baudelaires Erben verkaufen kann, Brodowski klingt ja auch fast genauso und beide fangen mit B an. In diesem Moment hat 3Sat ein Einsehen, und ehe ich mir und meinem gepeinigten Hirn noch was antun kann, blendet es die Diskussion aus. Mittagspause, und der historisch genau datierbare Moment, an dem ich meinen Glauben an die deutsche Literatur gründlich, wenn auch nur vorübergehend verliere. Derart desillusioniert murmle ich mir mantraartig Durchhalteparolen vor, um den Nachmittag zu überstehen. Anette Mingels liest auf Einladung von Martin Ebel einen der Klassiker der jungen Gegenwartsliteratur, die Ferienhausgeschichte. Meistens gehen die schief. Ich weiß nicht warum, aber üblicherweise gerät das ganze zu einem ganz seltsamen Drama mit umgekippten Olivenölflaschen und Leuten, die in den Regen starren und keiner weiß, warum eigentlich, aber je weniger man weiß, desto unterschwelliger, und Unterschwelligkeit ist natürlich eine literarische Tugend. Je unterschwelliger, desto besser. Am besten, man weiß garnix, dann ist's am unterschwelligsten überhaupt. Frau März gefällt das dann auch noch, das sei einText über die Phänomenologie der Versuchung. Detering kann nicht so viel Emphase erübrigen und spricht von einer Laborsituation, Corino von Konfektion. Allgemein ist man so halbbegeistert, ganz gut gemacht, aber irgendwie zu glatt, zu statisch. Radisch hat wieder mal nur mühsam verstanden, aber immerhin, sie habe das zunächst als Urlaubstext gelesen und den Seitensprung nicht gleich gefunden. (Jaaa, wenn man das gleich finden würde, dann wäre es ja nicht mehr unterschwellig.) Und überhaupt man bleibt ja so im Unklaren, trotz dieses Beschreibungsfetischismus: "Die Regenjacke von Linda war gelb", so ginge das dauernd. Die Farben werden immer dunkler, das ist ein biblisches Motiv, klärt Frau März auf. Corino: Was ist denn daran biblisch? März: Die Verdunkelung der Welt. Corino: Das passiert doch jeden Abend. Dann Hanno Millesi, Startnummer dreizehn, Stall Strigl. "Werktagsüber" handelt von einem aus der Schule suspendierten Schüler, der seinen Eltern gegenüber immer noch den Schulbesuch vortäuscht und dabei herausfindet, daß sein Vater gekündigt ist, aber ebenfalls vortäuscht, er arbeite nach wie vor bei der Bank. Ganz nett, aber auch nicht herausragend. Detering gefällt der Text nicht, er sei auf halben Weg zur Groteske, aber nicht richtig durchgezogen, die Adjektive "schematisch" und "langweilig" fallen. Frau Rakusa fordert Radikalität ein und meint, so spricht doch kein Schüler. Für Ebel klappert die Konstruktion, Spinnen gesteht einen interessanten Topos zu, dem aber nichts neues abgewonnen wird. Radisch meint, der Text wolle ja keinen Topos erfüllen, er gehe vielmehr sehr frei damit um und erhebe sich über sein Genre. Nüchtern wundert sich über die Orgie der Harmoniesucht, denn das sei es, wenn er und Ebel über das gleiche lachen können, aber das freue ihn. Ganz charmant sei der Text, er fühle sich an Holden Caulfield aus dem "Catcher in the Rye" erinnert. Frau Strigl verteidigt ihren Autor, da spreche ein durch und durch monströses Kind, das geradezu gewaltsam harmonie konstruiere, um seine Welt zusammenzuhalten. Corino erweist sich als Faktenhuber der Runde, denn er hat recherchiert und weist nach, daß es nicht möglich ist, ein Kind ohne Kenntnis der Eltern aus der Schule zu werfen. Das ist doch eine Parabel, sagt Frau Strigl. Der letzte für den Freitagabend: Norbert Scheuer, der "Homer der Eifel" (Corino), eingeladen von Frau Radisch, liest "Überm Rauschen". Es geht denn auch um die eifelische Provinz, um eine Pension, um Hermann, Alma und die Holländerin und ums Fliegenfischen. Irgendetwas ist mit Hermann, der immer seine Köder selbst bastelt. Das ist rauh, das ist voller halbvergessener Worte, das ist German Country Style. Leider hab ich dauernd das Gefühl, das schon anderswo besser gehört zu haben, ich mag halt dieses krampfhaft geheimnistuerische nicht so. Nüchtern ist begeistert über unsentimental geschilderte Kindheit als Dreck, den man immer unter den Fingernägeln hat. Auch Strigl mag den Text, der eine ganz eigene Welt herstellt. Ebel hingegen fühlt sich an den Tatort erinnert durch Figuren, denen nichts Individuelles anhafte. Frau Rakusa ist beeindruckt von der detailgenauen Authetizität. Detering spricht in seinem Falle lieber von "mit freundlichem Interesse gelesen", die Sprache bleibe im Geläufigen, sei aber hier und da durch Exotismen angereichert. Frau März spricht vom Provinzmuseum, da würde das Inventar der Provinz Stück für Stück vorgeführt. Und das mit der Sinnlichkeit eines Reiseprospektes. Spinnen: "Das etwas ist, wie es ist, ist nicht Aufgabe der Literatur, zu zeigen." Radisch: Den Spruch sollten wir in Gold sticken. Spinnen: Ja, es reicht nicht! Würde der Text woanders spielen, dann würden wir uns ärgern, käme jemand mit diesen auskennerischen Wörtern daher. Deutsche Wörter, die wir nicht kennen, sagt Spinnen, rühren uns. Eines dieser Worte, an denen man sich stieß, ist übrigens "Hechel", und da fühle ich mich jetzt ein bißchen peinlich berührt, weil ich es letztens erst selbst verwendet habe, als ich schrieb, ich hätte meine Haare nach dem cabriofahren durchhecheln müssen. Ist das jetzt wirklich so ungewöhnlich? Weiß jemand nicht, was ein Hechel ist? Lange nicht mehr im Landwirtschaftsmuseum gewesen? Hessenpark, anyone? Gereicht das zum Vorwurf? SAMSTAG Die letzten vier. Nummer 15 ist Katja Huber aus dem Dunstkreis des Zündfunk, eingeladen von Klaus Nüchtern, und sie liest einen Romanauszug, ein Kapitel mit der Überschrift "Sophia". Darin geht es um eine russische Mutter, die ihren in Afghanistan gefallenen Sohn zurückerwartet und eine Art Orakel mit Literaturreminiszenzen durchspielt. Leider eben genau das, was eben noch hypothetisch in die Luft gezeichnet wurde: Auskennerisch. Wie da nonchalant mit russischen Begriffen, Namen, literarischen Anspielungen herumgeworfen wird, das ist leider alles andere als mitreißend, das ist nur noch prätentiös. Frau Radisch findet, das Planspiel sei gut gelungen, Ebel findet jedoch, die Sprache packt nicht, sei unsinnlich, die Dialoge geschwätzig, die Perspektive schwanke ebenso wie die verwendeten Tempora. Frau Rakusa, die Slawistin in der Runde, schlägt verbal die Hände über dem Kopf zusammen. Frau Strigl wähnt ein grobgestricktes Märchen, währendd Detering meint, die Grenze zwischen Märchen und Kolportage sei deutlich überschritten. Frau März versteht das alles völlig anders und die Geschichte als Flucht nach innen, als Wiederauferstehungsphantasie, das sei ein spannendes und verrätseltes Sujet und der Text auf dem Weg zu einer guten Geschichte, woraufhin Herr Spinnen der Autorin die Frau März als Lektorin empfielt.Herr Corino meint, diese Übertragungen aus dem russischen würden zündfunkhaft, was ja nun wirklich gemein ist. Man kann ja auch Frau Radisch nicht das Zeithafte vorwerfen, nur das Radischhafte. Children, beware. Kurz vor Schluß betritt eine auf den ersten Blick unscheinbare Person die Bühne, die es in sich hat. Zuerstmal hat sie ihren Vorstellungsfilm selbst gedreht, und der ist eine ganz wunderbare Parodie, die keine Platitüde, klein Klischee aus dem schönen Sujet des Klagenfurt-Vorstellungsfilms ausläßt. Großartig, sehr gelacht. Dann geht der Text los: Auftritt Kathrin Passig. Danke Frau Strigl, dafür, daß sie mehr Gespür bewiesen haben als die Kollegin Radisch und Frau Passig durchgewunken haben nach Klagenfurt. Der Text heißt "Sie befinden sich hier", ein auf den ersten Blick unspektakuläres Genre: Mensch in existenzieller Situation, hier: Schneesturm, läßt seine consciousness so vor sich hinstreamen. Das, was Frau Passig daraus macht, ist aber Wort für Wort brilliant, passend, boshaft, witzig, schlagfertig, trocken und überhaupt alles in allem so ALKennedyhaft, daß ich sofort in den Nebenraum laufen muß, die Volltext holen mit den Vorstellungen aller Autoren, und dann muß ich mich vergewissern, daß diese Frau Anglistin ist, sonst geh ich meine Menschenkenntnis begraben und meine Textkenntnis dazu. Muß ich aber nicht, die hat wirklich Germanistik und Anglistik studiert, außerdem bloggt sie auf Riesenmaschine.de. Was mich dann aber doch verblüfft, ist, daß die Autorin in der Abschlußrunde von 3Sat meint, das sei ihr erster richtiger Prosatext nach vielen Sachtexten. Nun heißt es abwarten, wie Frau Passig sich so weiterhin entwickelt. Und nun beginnt der Moment, an dem ich meinen verlorengegangenen Glauben an die deutsche Literatur wiederfand: Die Jury war einhellig begeistert. Endlich! möchte ich sagen, sagt Herr Detering und wirft die Arme gen Himmel. Oder hab ich mich nur verguckt? Er ist jedenfalls restlos überzeugt. Nüchtern freut sich über das hiermit behobene Humordefizit, das, wie der Applaus zeige, als behebenswert empfunden worden war. Nicht einmal Ebel möchte dem widersprechen, und Frau März, obwohl am Kleinigkeiten bekritteln, mag den Text. Frau Rakusa ist sehr angetan, Frau Radisch gefällt's, wie hier in äußerster Lebensgefahr der Ironiker überlebt. Auch Ironiker sterben, sagt Herr Spinnen, Aber schöner! meint Frau Radisch. Spinnen findet, hier würde sehr zeitgenössisch erfroren und bedankt sich auch nochmal ausdrücklich für den Vorstellungsfilm, der ihn mit dem Genre wieder ein wenig versöhnt hat. Nur Karl Corino schert aus, er sei zwischen Ärger und Unverständnis hin- und hergerissen, das sei makaber, wie da in lebensbedrohlichen Situationen immer wieder ein Witz komme, da sei er etwas unentschieden. Der vorletzte Autor ist Kai Weyand, eingeladen dazumals von Miller, sein Text heißt "Paso Doble", ein einigermaßen witziger Text über einen nierenkranken Ex-Lehrer, der ein Zimmer untervermieten muß und bei dem sich nun ausgerechnet ein Lehrer als potentieller Mitbewohner meldet. Das ist ganz hübsch und ganz unterhaltsam zuzuhören, ich bin aber nicht wirklich überzeugt, ob da noch viel dahinter ist. Nüchtern konstatiert eine Humorballung gegen Ende hin, das habe einen gewissen Drive, der ihm im Vortrag besser gefallen habe als in der Lektüre. Spinnen hat eine Vorliebe für Duellsituationen, was nicht bedeutet, daß man sich gleich erschießen muß, man könne ja auch kickern oder Federball spielen. Ebel mäkelt an der ich-Perspektive, Detering hat sich gut unterhalten gefühlt, das sei ein in sich geschlossenes kleines Kabinettstückchen. Der Rest lobt halberhezig und mit Einschränkungen, es geht ihnen also ähnlich wie mir. Dann geht das ganze mit Ina Strelow zu Ende, die nun wieder Spinnen zu verantworten hat, und sie liest "Arrest". Was bitte haben die alle mit ihren empfindsam-brachialen Damen? Warum schreiben Menschen Sätze wie "Alles im gestern ist gestorben" und veröffentlichen die auch noch? Warum mutet man mir zu, hier durch eine dermaßen zähe Soße zu waten? Gut, ich könnte ja auch abschalten. Aber der Spinnen hätte seine Kandidatenliste auch besser aussuchen und mich nicht mit sowas belästigen können. Netterweise gibt mir die Jury recht, Spinnen habe wohl eine Vorliebe für Rollenprosa mit angestrengten Metaphern, meint Detering. Das Anstrengungsniveau sei beachtlich, er könne es aber, im Gegensatz zum Text von Melle, nicht mehr verteidigen. März meint, die "Falsche" Sprache geht ok., aber ganz wohl ist ihr auch nicht. Corino sieht hier nur ein armes Hascherl, das mal eine große Nummer werden möchte, und meint damit natürlich die Protagonistin und nicht die Autorin, die aber metaphorisch über ihre Verhältnisse lebe und von Lapsus zu Lapsus stolpere, das sei schlicht und einfach grauenhaft. Radisch findet auch, der Stil gehe ganz und gar nicht in Ordnung (ach, der Broddowski aber schon?), das sei mit weißer Halskrause geschrieben, hier würde ein literarisches Hochamt zelebriert, im Thema mutig und in der Schreibweise derart zugeknöpft. Frau März warnt die Jury. Frau Strigl findet, daß die Sprache ganz und gar nicht ok. gehe, sie könne nur die Intention des Textes verteidigen, das sei dann aber ein anderer Text, dieser hier redet sich nur selbst kaputt. Ebel meint, hier sei ein krankes Bewußtsein literarisch konsequent abgebildet, aber glücklich ist er mit der Sprache auch nicht. Herr Spinnen macht sich Sorgen, ob nicht die Jury heute mit einem gegenavantgardistischen Dogmatismus an die Sprache heranginge, wie noch vor 20 Jahren dogmatisch die Avantgarde verteidigt wurde und Anführungszeichen als völlig unmöglich galten.Das Herauskommen aus dem Wohltemperierten tue nunmal weh. Dies sei der Schmerz einer Ungewißheit, denn der Text sei derjenige, der ihm unter 200 anderen am rästelhaftesten schien. Herr Detering verweist auf Jelinek und daß das alles gar nicht so neu sei und erstet Zustimmung von Frau Rakusa. SONNTAG Sontagmorgen um 11 treten die Juroren an, um Kathrin Passig den Bachmannpreis zu verleihen, das geht glatt durch, ebenso wie ihr Publikumspreis. Erstaunlich. Bodo Hell bekommt den Telekom-Preis, den er ohne Mützchen entgegennimmt, Norbert Scheuer (nach Stichwahl mit Overath und Mingels) den 3Sat-Preis und Angelika Overath (nach Stichwahl mit Melle) den Ernst-Willner-Preis. Clemens Meyer geht leer aus, das wundert mich jetzt doch etwas. Danach gibt im Gespräch mit 3Sat die Jurypräsidentin ihr Ausscheiden im übernächsten Jahr bekannt (über wen reg ich mich dann noch auf?) - und auf die Frage, was sie sich für Literatur in Zukunft wünsche, antwortet sie, daß sie selbsterlebtes will, selbstgefühltes, und nicht nur so am Schreibtisch zusammenrecherchertes, wenn man mal was über Schneegestöber liest und dann daraus einen Text macht, was ich nur als übles Nachtreten gegen Kathrin Passig verstehen kann. Frau Passig hätte nicht erwähnen sollen, daß sie viele Bücher über Polarexpeditionen gelesen hat, wäre besser gewesen, sie hätte sich vom Reisebüro Goetheinstitut gleich dorthin verschicken lassen. Jetzt hängt sie wieder in der Exotismusfalle. Nächstes Mal dann also kein Schneegestöber, lieber wieder ne Kokserparty oder was ganz kosmopolitisch entsubjektiviertes. Danach ist egal, denn dann scheidet Frau Radisch aus. Nur was aus mir werden soll, das weiß ich immer noch nicht. ... comment
don alphonso,
Sonntag, 25. Juni 2006, 21:18
Zwischen der "literarischen" Denke des Schundfunks und Katja Huber passt kein Blatt Papier. Man kann das also sehr wohl vorwerfen - eine Beule ist ja mitunter nicht nur Beule, sondern auch Beulenpest.
... link
don alphonso,
Montag, 26. Juni 2006, 11:55
Noch gibt es sie - aber wenn sie den Schundfunk wie geplant killen, hat es sich bald ausgestottert.
Die haben da ohnehin so einen Russentick. Seitdem einer mal mit dem Thema bei einem Preis abgeräumt hat, haben die ihr russisches Seelchen entdeckt. Ist irgendwie Mode, glaube ich. Komisch, dass Radisch die nicht geliebt hat, das ist eigentlich genau die Radisch-Denke. ... link ... comment
spalanzani,
Montag, 26. Juni 2006, 13:24
Ah, Danke.
Ich wollte ja selbst gucken, dieses Jahr, und habe dann beim Pizzaessen den Auquariumstext zugeschaltet. Nicht mal eine Pizza lang hab' ich das Zeug ausgehalten und gleich wieder aufgegeben. Scheint noch zu gelten: Immer schön so schreiben, daß es auch wirklich bestimmt Literatur ist und kein Schandmaul daran zweifeln könnte. Besonders schlimm fand ich, daß mir die Autorin permanent leid tat, weil sie es offenbar nicht besser wusste, und im Regal hatte sie so kleine grüne Dinos. Darf man was Gemeines denken über Texte von Menschen, die sich mit kleinen grünen Dinos im Regal filmen lassen? Den Passigtext habe ich dann selbst gelesen auf vielfache Empfehlung. Jedenfalls ist der deutlich entspannter, und daß Passig was kann, war auch schon klar. Dazu kam aber, daß die Bachmannpreisumgebung eine heilsame Wirkung auf ihren Rüpel- und Blödeldrang zu haben schien. Eine ideale Konstellation und siehe, ein trickreicher Text! [Beim Video bin ich nicht so sicher. Da bin ich unentschieden. Lustig war das ja, aber die Geisteshaltung dahinter ist mir suspekt. Sich auf der Bahn über Gegner lustig zu machen, ist nicht sympathisch. Sich über eine Institution lustig zu machen, die immerhin freundlich genug war, einen Popularitätsschub anzubieten, der von den Autoren ja doch immer gern akzeptiert wird, ist etwas arg verächtlich. Kann man ja auch einfach lassen und sich hinterher distanzieren, wenn's denn schon sein muß. Aber vielleicht war's so auch nicht gemeint und das Video sollte nur das Problem lösen, daß irgend ein Video gezeigt werden musste und man's nicht den Triefnasen überlassen wollte.] ... link
andreaffm,
Dienstag, 27. Juni 2006, 09:57
Ich glaube, dieses blöde Video ist eher eine kathartische Situation, die vor der Höllenfahrt Klagenfurt steht, bevor man dann die Chance hat, ins Licht aufzufahren. Da kommt es immer zu ganz peinlichen Momenten, wenn die Bildregie wieder was will und man selbst weiß nicht, warum man das jetzt machen soll.
Da ist es, denke ich, eher wohltuend, wenn da mal jemand ausschert. Das war ja nicht gegen Bachmann selbst, was Frau Passig da gemacht hat, das war eine liebevolle Parodie auf die Ikonographie von Autorendarstellungen im Fernsehen insgesamt. So zumindest sah ich das. Und das birgt natürlich auch ein Risiko: Siehe den wirklich sehr peinlichen Vorstellungsfilm, den Uwe Tellkamp über und mit sich selbst drehte. (Da fällt mir auf: Selbstgedrehte Vorstellungsfilme scheinen die Siegeschance signifikant zu erhöhen.) ... link ... comment
Irene,
Montag, 26. Juni 2006, 14:42
> Nur was aus mir werden soll, das weiß ich immer noch nicht.
Ich weiß zwar selbst nicht, was aus mir werden soll, aber bei anderen Leuten ist das ja immer leichter. * Promotion mit Stipendium * Hartz IV (kombinierbar mit Zeit.de und Buffetbloggen) * Antiquitäten-Einkäuferin für Don Alphonso * Bachmannpreistext schreiben und Bachmannpreis gewinnen Danke für die Nachlese! ... link
don alphonso,
Montag, 26. Juni 2006, 15:59
Ich hätte so eine Art "Charles-Ryder-malt-Brideshead-aus"-Stipendium zu vergeben, da ist so eine Decke, die bemalt werden muss...
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andreaffm,
Dienstag, 27. Juni 2006, 09:47
Irene, das erstere geistert mir auch noch im Kopf rum. Und das letztere auch. Ich hab nur immer so wenig Glück mit solchen Einsendungssachen. Ich gewinn da nie. Nie! Und dann ärgere ich mich, daß ich mir soviel Mühe gemacht hab und wieder hat niemand mein Genie erkannt.
Dann doch lieber erstmal Decke bemalen. Don, ich hoffe, Du besitzt ein Zimmergerüst oder eine alte Holzleiter. Ich bin nämlich blöderweise allergisch gegen diese Aluleitern. Dieses Geknarre macht mich immer so nervös. ... link
froschfilm,
Dienstag, 27. Juni 2006, 23:40
Auch danke! Live könnte ich mir das nie antun, so macht's Spaß. Den Passigtext hab' ich mir gerade ausgedruckt.
Werter Spalanzani, wie steht's jetzt mit der Reserve gegenüber der Riesenmaschine? www.struppig.de Die können sich ja vor Preisen nicht mehr retten. ... link
spalanzani,
Mittwoch, 28. Juni 2006, 17:43
Ach, nein, ich mag lieber nicht hier in Frau Dieners Garten meine bloß persönlichen Überempfindlichkeiten auströten & verhandeln.
Knoerer und Goncourt haben die Sache bei malorama ohnehin großartig. überzeugend und abschließend auf den Punkt gebracht. ... link
andreaffm,
Mittwoch, 28. Juni 2006, 19:46
Interessant, was Knoerer & Goncourt schreiben. Aber ich hab mit dem Vorwurf der Risikolosigkeit ja immer so meine Probleme. Welcher Text wirklich etwas *wagt*, wie es ja immer so schön von der Jury gefordert wird, würde ich mich nicht definieren trauen. Außerdem weiß man das sicher erst nach einigen Jahren, in historischer Einordnung. So stehen die Texte alle erst mal herum, in mehr oder weniger deutlichem Traditionszusammenhang, und mir bleibt nichts weiter, als ihre ästhetische Konsequenz zu erahnen und zu beurteilen. Und Passigs Text scheint mir in sich durchaus konsequent. Und, ja, originell erzählt. Mag sein, als Gegenposition, aber man ist ja ständig und dauernd voller Gegenpositionen. Also, ich zumindest.
... link
mariong,
Donnerstag, 29. Juni 2006, 09:16
schöner Bericht aus der Parallelwelt. Danke dafür. Und auf die Frage "was aus mir werden soll" wird hier doch traditionell kleinen Kindern geantwortet "du bist doch schon längst was". Ich wünsche Ihnen, dass Sie bald den Weg vor Ihren Füßen finden und ich wünsche mir, es gäbe ein Buch von Ihnen, wäre bestimmt nett zu lesen. Aber egal, hier komme ich auch auf meine Kosten :-).
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bembelkandidat,
Donnerstag, 29. Juni 2006, 03:25
"endlich fußballfrei, ein kurzer rundgang in bloggersdorf"
manueller trackback:
die fußball-wm macht pause (selbst semmel freut sich und kommt zu 7 erkenntnissen), tut auch mal gut und nach einem ruhigen rundgang durch... bembelkandidat.blogg.de ... link
andreaffm,
Donnerstag, 29. Juni 2006, 12:08
danke für's verlinken und gratulieren.
schön, so ein paar tage ohne fußballgucken. ich kam mir schon vor wie so ein unterschichtenfernsehopfer, und dann noch bachmann ... wird zeit, daß ich wieder aus der realität berichte, sonst kann ich das blog auch gleich umbenennen. ... link ... comment |
seit 2492 Tagen sitz ich hierletzte Bestellung: 2008.10.06, 22:54 Suche und finde
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