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andreaffm, Di, 21.Dezember.2004, 10:18 Manchmal möchte ich ein ganz normaler Bundesbürger sein und ganz normale Bundesbürgerdinge tun. Das hat eine Menge Vorteile: Man kommt mit einfachen Menschen auf der Straße in Kontakt und hat sofort ein Gesprächsthema.
Zum Beispiel: Bild.de lesen. Kostet nix und sorgt für Gesprächsstoff, bei dem man seine eigenen Befindlichkeiten außen vor lassen kann. Das ist besonders wichtig für Menschen wie mich, die Minderheitenhobbies pflegen. Minderheitenhobbies sind sowas von asozial, die Leute fragen nichtsahnend, was ich so mache, und dann steh ich da und erkläre das erst mal eine halbe Stunde. Daher muß ich ein paar ganz normale Bundesbürgerdinge im Petto haben, die ich anstelle meiner eigentlichen Interessen vorschieben kann. Eben Bild.de lesen. Oder nach Berlin fahren und es spannend finden, zum Beispiel. Der erste Teil dieser ganz normalen Bundesbürgertätigkeit klappt ja noch ganz gut, aber der zweite Teil funktioniert bei mir nie. Ich bin immer mit Fressen und Shoppen beschäftigt. Preise wie im Ostblock, dabei ganz legal vom Großhändler. Wenn man mich dann fragt, wie‘s denn war in Berlin, sag ich, keine Ahnung, aber billig war‘s. Leider ist das keine Meinung, über die sich dann ein längeres Gespräch führen ließe. Manchmal schau ich dann auch Fernsehen. Das ist immer dann, wenn dieses Pflichtgefühl hochkommt, wenn ich mir denke, ich sollte vielleicht nicht ganz den Kontakt zu diesem Zeitalter verlieren. Ich sollte mich mal beschäftigen mit dem, womit sich andere Leute auch beschäftigen. Das könnte auf die eine oder andere Weise aufschlußreich sein. Das Problem ist dann: Entweder ich schau etwas, was mich interessiert, dann ist das wieder so Minderheitenfernsehen, oder ich schau was, wovon ich denke, daß es die große Masse interessiert. Danach bin ich immer so verstört, daß ich den Fernseher für mindestens eine Woche ganz auslasse. Und wieder hab ich nichts erfahren über den Willen und Unwillen des Volkes. Ich laboriere seelisch immer noch an meinem Fernseherlebnis der letzten Woche, da hab ich so eine Sendung geschaut, in der Frauen aufgeschnitten wurden. In die Frauen wurden dann Klumpen aus Fensterdichtmasse getan, dann wurden die Frauen wieder zugenäht. Hinterher waren die Frauen dann sehr stark geschminkt und heulten, als sie sich in einem Spiegel sahen. Ich hätte auch geheult, wenn man mich erst aufgeschnitten, ausgestopft, wieder zugenäht und schließlich dermaßen angemalt vor einen Spiegel gestellt hätte. Das hat mich ziemlich verstört, so daß ich dann mit niemandem darüber reden wollte. Ich habe auch den Verdacht, ich hab da was nicht richtig verstanden, und ich will mir vor Leuten keine Blöße geben. Wenn ich schon die heutigen Unterhaltungssendungen intellektuell nicht mehr bewältige, ja was bewältige ich denn dann überhaupt noch? Ich habe schon immer vor allem aus Pflichtgefühl Fernsehen geschaut. Als die Mitschüler in meiner Klasse sich unterhielten, was sie in den Osterferien im Fernsehen gesehen haben, überboten sie sich mit jugendgefährdenden Inhalten. Kaum dritte Klasse, aber schon wissen, wie der Zombie rennt. Dann fragten sie mich, was ich geschaut habe. Ich habe mit meiner Oma den Papst geguckt, sagte ich. Das stimmte, ich habe mir den gesamten Ostergottesdienst auf Lateinisch reingezogen, auf Omas Sofalehne, und ich war verdammt stolz darauf. Ich hatte durchgehalten, bittere drei Stunden Litanei, ohne Werbeunterbrechung oder Untertitel. Wurde das anerkannt? Natürlich nicht. Sie lachten mich aus. Fortan schaute ich nur noch Sendungen, die mir versprachen, neue Sozialkontakte zu erschließen oder bereits geknüpfte zu festigen. Ich meldete bei meinen verblüfften Eltern an, dringend den „weißen Hai“ gucken zu müssen, weil ich sonst morgen in der Klasse nicht mitreden könne. Stimmte ja auch. Ich konnte schon lange genug nicht mitreden. Am nächsten Morgen wußte ich also detailgetreu zu berichten, wem welche Gliedmaßen durch die Beißattaken verlustig gegangen waren, allein, niemand hörte mir zu. Sie gähnten, lächelten milde bevor sie sich abwandten, und ließen mir durch einen weniger hoch angesehenen Mitschüler, der als Bote zwischen Sozialelite und Randgruppe fungierte mitteilen, daß man das selbstverständlich bereits vor einem Dreivierteljahr auf Video goutiert habe. Ich hatte nicht mit der ständig voranschreitenden Technik gerechnet, die mich immer weiter ins Hintertreffen geraten ließ. Am besten kann man Gespräche führen, wenn bereits eine Bildzeitung zur Verfügung steht. Man kann sich gemeinsam darüber beugen, synchron die Köpfe schütteln und über den Verfall aller Werte raisonnieren. Es ist auch vollkommen egal, ob man die Menschen kennt, die sich da gerade nackig machen, oder ob man sie nie zuvor gesehen hat. Ist eine Bildzeitung im Raum, kann man praktisch mit jedem sofort ein Gespräch führen, ob das nun im Personalraum des örtlichen Aldi stattfinden soll oder im Antichambre des Bankvorstandes. Egal. Leider steht dieses Medium nicht immer zur Verfügung. Dann komme ich unweigerlich ins Stottern. Und was machen Sie? Danke, gleichfalls. Soll ich jetzt tatsächlich die nichtssagenden Rahmenbedingungen meines Lebenslaufs referieren? Oder mir Einzelheiten über Fraukindhundhaus meines Gegenübers anhören? Einen Schwank aus meiner Jugend auspacken? Oder gleich beim Eingemachten beginnen und die wirklich existentiellen Gretchenfragen voranstellen: Na, an welchen Gott glauben Sie denn so? Im Grunde ist das Problem, das man beim Reden hat, dasselbe wie beim Schreiben. Man weiß ja nie, was die Menschen interessiert, und das, was sie todsicher interessiert, will man nicht erzählen. Wenn die Menschen sowas lesen wollen, müssen sie schon Bild.de lesen. Aber das Schöne ist, daß wenn man seine Fragen und Meinungen alle aufschreibt und den Leuten dann vorliest, das ist dann fast wie ein Gespräch. Ich erzähle, was mich drückt, oder über wen ich mich gerade aufrege, und die Menschen hören mir zu. Es ist dann auch vollkommen egal, ob die Leute das nachvollziehen können, oder ob sie ganz andere Probleme haben, etwa, sich vom heutigen Fernsehprogramm eher intellektuell unter- als überfordert zu fühlen, das kann es ja auch geben. Sich wohin zu stellen und einen Text vorzulesen ist ja heutzutage schon fast bundesbürgerlich. Das versteht jeder. Das will im Grunde auch jeder. Und das kann ich gefahrlos tun, ohne eine halbe Stunde erklären zu müssen, was ich da tu. Falls jemand fragt. Nur eins muß ich noch lernen. Nämlich diese typischen, bundesbürgerlichen Lesebühnentexte zu schreiben, in denen ein leicht schrulliger Ich-Erzähler in geschraubtem Tonfall und unter Verwendung nicht weniger als fünf vollkommen anachronistischer und/oder deplazierter Begriffe sinniert, warum er am Leben scheitert, die anderen erst recht am Leben scheitern und das Ganze mit Episoden und Identifikationsangeboten aus der Kindheit im Siebziger- und Achtzigerjahre-Deutschland garniert ist. Dazu ein Schuß Menschen- insbesondere Kinderhaß und ein ordentlicher Schlag Selbstreferentialität, und die Sache ist geritzt. Ich werde mir das vornehmen, sowas zu schreiben. Sobald ich das geschafft habe, laß ich es Euch wissen, dann könnt ihr ja mein Publikum sein. ... comment
thgrendel,
Dienstag, 21. Dezember 2004, 10:46
Klappt ja schon ganz gut. Feiner Text. Ein bischen mehr Hass auf die Masse und Selbstgerechtigkeit wär noch angebracht. Du bist noch zu ironisch und leidest zu wenig.
So wird das nie was mit Klagenfurt... ... link
_hans,
Dienstag, 21. Dezember 2004, 10:56
Wer ist gemeint?
Den letzten drei Abschnitten nach tippe ich auf "Don Dahlmann", oder?
don.antville.org ... link
andreaffm,
Dienstag, 21. Dezember 2004, 10:57
Moment - Lesebühnen sind nicht in Klagenfurt, Lesebühnen sind in irgendwelchen stillgelegten Industriegebäuden mit Backsteinflair in Berlin. Da wird man mit sowas zum Star. Blöderweise fehlen mir noch die sexuell konnotierten Buzzwords, die das leicht angesoffene Publikum pubertär kichern machen. Aber das krieg ich auch noch hin.
Aber einen Klagenfurt-Text könnt ich ja auch mal schreiben. Man müßte die Ingredenzien der Siegertexte der letzten Jahre analysieren, bißchen Mädchenpose, bißchen Krankheit, Psychose und Tod, dann klappt das auch mit der Jury. ... link
andreaffm,
Dienstag, 21. Dezember 2004, 11:00
@ hans: Don Dahlmann hab ich noch nicht lesen gehört. Nene, das zielt auf niemand bestimmten, wirklich nicht. Das ist eher so ein Querschnitt der üblichen Lesebühnen-Themen, wie man sie in FFM, B und sonst auch überall hören kann. Siehe auch hier.
... link ... comment
ian a. ironside,
Dienstag, 21. Dezember 2004, 14:54
Ich hatte ja ein wenig an Max Goldt-Texte gedacht. Denn die kommen mir auch oft - wenn auch geschickt - geschraubt geschrieben vor.
Aber jedes Genre braucht vielleicht so seinen Stil. Damit das Publikum in seiner Erwartungshaltung nicht verstört ist. Marc ... link
andreaffm,
Dienstag, 21. Dezember 2004, 21:04
Max Goldts Texte mag ich sehr gern. Erstens bedient er nicht den Reflex der Kindheitsidentifikationsangebote, zweitens übernimmt er Wortschatz nie grundlos. Seine geschraubten Wörter sind meistens Fundstücke, die er gleichzeitig aber verhandelt und nicht nur des Effekts wegen einbaut. Das find ich sehr gut.
Billig wird's, wenn der Wortschatz zur Masche wird - und viele Lesebühnentexte bedienen sich eben einer solchen. Leider. Denn was Untergrund ist, sollte eben *nicht* schematisch sein. Das Gute ist das Besondere, nicht das dutzendfach gehörte und immer wieder reproduzierte. Find ich. ... link ... comment
bigiron,
Mittwoch, 22. Dezember 2004, 12:29
Ich kann das gut nachempfinden und eigentlich geht es mir ähnlich. Nur habe ich keinerlei Bedürfnis "normal" zu sein oder etwas gut zu finden, nur weil die Masse es für gut hält. Klingt vielleicht elitär, aber ich finde es meistens langweilig, mich mit Normalos zu unterhalten oder mir entsprechende Sendungen im Fernsehen anzusehen. Warum soll ich mir das auch antun? Ein diesbezügliches Pflichtgefühl kenne ich nicht oder es ist mir schon vor langer Zeit abhanden gekommen.
... link
andreaffm,
Donnerstag, 23. Dezember 2004, 10:58
ähem. ich habe in diesem text das ein oder andere satirische stilmittel verwendet. bitte nicht alles wörtlich nehmen.
abgesehen davon: ich kultiviere meine "normale" benutzeroberfläche. das ist wichtig, um in der welt zurechtzukommen. gleichzeitig kultiviere ich meine spleens, aber die muß ich nicht jedem sofort auf die nase binden. ... link
juyooh,
Montag, 27. Dezember 2004, 12:22
Wer will schon zur Masse gehören? Die besteht ja aus lauter Leuten, die nicht zur Masse gehören wollen. Ein Alleinstellungsmerkmal erreicht man wahrscheinlich nur, wenn sich daran erfreuen kann, zur Masse zu gehören. Nach dem Motto "Yoi! Heute schon zwei durchschnittliche Dinge getan, und mit viel Mühe werde ich auch noch ein drittes schaffen!" Zählt ein Schaumbad? Sind Schaumbäder was für die Masse, weil angenehm und vermutlich politically incorrect, du umweltbelastend? Falls ja, dann heute schon drei durchschnittliche Dinge getan. Frühstück mit Kaffeemaschinenkaffee und gänzlich ohne aufgeschäumte Milch. Aufstehen mit urlaubsverklärter Verspätung und alterssgerechter Lendenwirbelverspannung. Schaumbad.
Ich bin die Masse. Jawoll. Und wenn ich sie ganz allein bin! Und jetzt lese ich auch noch "Illuminati". Mein Kollege war der Meinung, es wäre unendlich spannend. Naja, vielleicht kommt das ja noch, so in der zweiten Hälfte. Wenigstens habe ich das Buch nur geliehen... ... link
bornheimer,
Montag, 27. Dezember 2004, 23:01
Wir sind alle Individuen
- ich weiß nicht, ob ich auch oder ich nicht.
Illuminati von Dan Brown oder Illuminatus von Wilson und, ähm, wem anderen? Ist zwar eigentlich egal, aber wenigstens kann mensch mit derlei Pseudodifferenzierungsfragen immer so schön tun als ob mensch da zwischen Masse und Masse unterscheiden könnte. Also "Masse, die gerne was voll abstruses liest, weil das alle lesen" und "Masse, die gerne was voll abstruses liest, weil das weniger Leute lesen als das, was alle lesen, was nur so ähnlich ist, aber eigentlich voll total anders (wenn mensch es nur fest genug glaubt)". Es geht doch wirklich nichts über "überraschend" "neu" kombinierte Motive... *seufz* Hat wer ne interessante Rauhfasertapete, deren Muster noch von niemandem geistig auswendig gelernt wurde? ... link ... comment
Irene,
Mittwoch, 22. Dezember 2004, 17:07
Ich hadere immer mit den Romantikern und ihren manierierten Posen und überladenen Metaphern. (Lästereinschub wieder entfernt :-))
Hier hab ich übrigens erst vier Beiträge angehört, aber es ist schon zweimal eine Frau mit hochgesteckten Haaren vorgekommen... trägt man das jetzt so in der Literatur? ... link
andreaffm,
Donnerstag, 23. Dezember 2004, 11:15
Mit den Romantikern geht's mir wie mit den 68ern. Versteh ich alles irgendwie, aber immer dieser quasireligiöse Eifer ... ("klosterbrudrisierendes Unwesen" nannte Goethe das, das hab ich mir gemerkt, weil es immer toll ist, für eigene Thesen ein bißchen Unterstützungs-Goethe anzuführen).
Der beste war Byron. Hat's sich wenigstens gleich mit allen verdorben. Ach, Hildesheim. Vermutlich eine hochsymbolische Frisur, so von wegen gezähmte Wildheit (vgl. Märchen "Die Gänsemagd": Weh, weh, Windchen und so.) ... link ... comment |
seit 2760 Tagen sitz ich hierletzte Bestellung: 2009.07.02, 23:32 Suche und finde
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