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Wahrscheinlich gibt es Dinge, mit denen man nicht umgehen kann, weil das Hirn sie einfach nicht richtig verarbeitet. Zum Beispiel die Ankündigung eines Todes. Wie soll man darauf reagieren? Wie als Betroffener? Und wie als Angehöriger oder Freund? Ich zum Beispiel habe nach der ersten Ankündigung des Todes von A. keine einzige SMS mehr löschen können, weil ich immer dachte, es sei die letzte. Sie sind alle noch auf meinem alten Nokia-Händi gespeichert, das ich regelmäßig mit Strom versorge, damit die schönen alten Mitteilungen gefüttert und versorgt sind, weil ich Angst habe, sie könnten sonst verschwinden. Ab und zu schaue ich sie mir an. Es sind tröstliche und verzweifelte und zwischendurch unfaßbar lustige. Ich habe mir übrigens nur deshalb ein iPhone gekauft, weil der Nachrichtenspeicher des besagten Nokia-Händis voll war und ich dauernd alte Nachrichten löschen mußte und ich das auf Dauer nicht übers Herz gebracht habe. Ich lösche nicht gern meine Geschichte und nicht gern die von anderen.

Die erste Ankündigung, also die, nachdem ich keine SMS mehr gelöscht habe, kam vor zwei Jahren, die Ärzte sagten etwas von zwei Wochen Restlebenszeit, es folgten ein Verabschiedungsabend, der vermutlich der deprimierendste Abend meines Lebens war, weil das so ein Zustand ist, mit dem man nicht richtig umgehen kann. Was sagt man einem, der dauernd Schmerzen hat und vermutlich bald daran krepiert? Ich glaube, ich habe ziemlich viel zugehört und den Rest der Zeit versucht, Optimismus zu ventilieren, was mir nur so halbgut gelungen ist. Dann sind es doch keine zwei Wochen geworden, sondern zwei Jahre, die teilweise sehr schön waren (siehe Foto oben – hey! Da waren wir in Slowenien) und am Ende dann ein freiwilliger Abschied, mir angekündigt mit der Bitte, Reisende nicht aufzuhalten. Hab ich nicht. Ich hab den Reisenden ja viel zu gut verstanden. Das war ja kein Leben mehr.

Nach der Ankündigungsmail vor einer Woche hatte ich sozusagen Schrödingers Freund, halb tot, halb lebendig, in einer Wohnung nicht weit von hier. Ein ganzes Wochenende lang ein Zwischenzustand, für mich und für ihn. Mut sammeln. Todeszeitpunkt irgendwann Montag. Knarrekopfkugelpolizei. Ich erfuhr am Dienstagmorgen davon. Ich bekam eine Mail mit dem Betreff "A. ist tot", und jetzt lösche ich keine Mails mehr, damit diese häßliche Betreffzeile nach unten rutscht, unter einen Kompostberg an favorisierten Tweets und neuen Flickr-Kontakten und Statusmeldungen, die irgendwem gefallen. Unter diesen ganzen harmlosen Alltagsberg, diese Social-Media-Kontaktlawine, die sich da ergießt auf die häßliche Betreffzeile mit dem grausam endgültigen Wort: tot. Das will doch keiner lesen. Ich will favorisiert und kontaktet und gelikt werden. Dafür bin ich gebaut, damit kann ich umgehen.

Und dann diese permanente Ironie der Dinge. Man will sich ablenken, holt den Scanner, denkt sich, ich werd am Wochenende mal wieder bergeweise Negative scannen, da hab ich was zu tun, und im Negativhalter steckt natürlich noch so ein brauner Streifen, A. und sein viperngrüner 911 in sechsmalsechs. Und man schaut die halbkaputte Lampe an, die hatte A. nochmal neu verkabeln wollen, hab ich ihm dauernd nicht vorbeigebracht, und dann wars zu spät. Und die Bürotasse. Und alles. Wenn man mal jemanden im Kopf hat, kann man so gut wie alles auf ihn beziehen. Alles.

Die Dinge hauen noch öfter mit bitterster Ironie um sich, die Mails muß ich irgendwann löschen. Aber jetzt kann ich wenigstens trauern, Schrödingers Freund war schlimmer. Es war nervenzerfetzend. Jetzt ist der Zustand klar, und man weiß wenigstens, mit was man zurechtkommen muß. Auch wenn von zurechtkommen erstmal keine Rede sein kann, weil da eine Lücke ist. Ich wäre wahnsinnig dankbar gewesen, wenn irgendjemand angerufen und mir das Postleitzahlenbuch vorgelesen hätte, egal was, Hauptsache menschliche Stimme, denn wenn man verlassen wird, fühlt man sich verlassen und ist für alles dankbar, was einem zeigt, daß man wenigstens nicht von allen verlassen ist. Das habe ich gelernt und ich werde nicht mehr ganz so sauhilflos sein, wenn jemand anderes jemanden verliert, der ihm wichtig war. Ich werde ihn im Zweifelsfall anrufen und das Postleitzahlenbuch vorlesen. Ich wußte bisher nie, wie ich mit der Trauer anderer umgehen soll. Aber das Wie ist gar nicht wichtig, wichtig ist nur, daß überhaupt jemand irgendwie umgeht und nicht alle nur drumherumgehen und betreten in eine andere Richtung schauen.

Aber das Schweigen ist jetzt weg. Das Nichtstunkönnen, das nichtaufstehenkönnen, kaumatmenkönnen, die erste Starre. Es gibt Dinge zu tun. Nein, keine Mails löschen, soweit bin ich noch nicht. Die SMS werde ich vermutlich nie mehr löschen können, obwohl noch so viele weitere Platz gehabt hätten, der iPhone-Speicher ist ja riesig. Das Letzte, was ich hörte, wann dann aber eine Mail.

ich bleibe jetzt alleine und schreibe noch ein bisschen.

liebe grüße
Dein A.


Die kann ich nie löschen. Die bleibt hier stehen, ich werde sie von Maildateienverzeichnis zu Maildateienverzeichnis kopieren, von jedem alten Macbook auf jedes neue Macbook, immer wieder, wie ich es seit 2006 mit meinen Mails tue und hoffentlich noch lange tun kann, bis irgendjemand entscheidet, daß das alles nicht mehr kompatibel ist und ich wieder ein Altgerät herumliegen habe, das ich mit Strom füttern muß, weil ich Angst habe, daß die Spuren wichtiger Menschen, die darin gespeichert sind, verloren gehen könnten.

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