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andreaffm, Mi, 1.Juli.2009, 12:20 Heiß. Aber das macht mir erstaunlicherweise immer weniger aus. Auf meine alten Tage werde ich hitzeresistent, vielleicht bereitet sich mein Körper auf die Rente vor, die ich in mildem Klima zu verleben gedenke, wie sich das für Ruheständler so gehört. Gestern hat es kurz geregnet und die Mücken aus der Luft geprügelt, seit dem Abend brütet es wieder feuchtwarm vor sich hin bei ziemlich konstanten 30 Grad. Wer braucht da noch den Süden, wenn er das alles hier haben kann?
![]() Sehr begeistert bin ich übrigens von der Tatsache, daß es im schönen, aber leider auch sehr langweiligen Griesheimer Einzugsgebiet nun eine Strandbar gibt. Tine hat mich darauf aufmerksam gemacht, das wäre mir sonst noch völlig entgangen. Das ist umso spektakulärer, weil es in Griesheim sonst nichts gibt. Nichts. Gar nichts. Und nun gleich eine Strandbar, drei Fahrradminuten von mir entfernt. Da tun sich völlig neue Möglichkeiten auf, man hat abends ein Ziel, wo man hinradeln kann und sich hinsetzen und für wenig Geld was trinken und lesen und dem Dummgebabbel der Menschen um einen herum zuhören und es gibt genug Bänke, nicht nur die drei rentnerumkämpften Parkbänke wie unten an der Mainpromenade, wo ich nie einen Platz finde und zu trinken gibt es da ja auch nichts. Ich weiß nicht, wie lange ich schon darauf hoffe, daß diese eigentlich sehr idyllische Gegend einmal mit ein wenig Infrastruktur versehen wird, und damit meine ich nicht unbedingt Baumärkte und Textildiscounter. Eher so etwas einfaches wie eine Möglichkeit, irgendwo draußen zu sitzen und etwas zu trinken. Am Main marschieren die Leute in Hundertschaften herum, die Radfahrer sind in Scharen unterwegs, aber es gibt dort nichts außer Spielplätzen und Büschen und Wiese, nicht einmal eine öffentliche Toilette, weshalb die Büsche auch nicht sehr gut riechen. Ich verstehe das alles nicht, das kann doch nicht so schwer sein. Heiß, vor allem mittags, da bleibt man drin und textet ein bißchen vor sich hin, weil es draußen nicht auszuhalten ist, geht nicht an den Main und nicht in die Stadt und nirgendwohin und wartet, daß die Nacht kommt und ein bißchen Kühle. Und leider auch die Mücken. Aber man kann nicht alles haben, und eine Strandbar hab ich ja nun endlich bekommen.
andreaffm, So, 28.Juni.2009, 18:39 Welt
Klagenfurt-Ticker Teil 1 Klagenfurt-Ticker Teil 2 Klagenfurt-Ticker Teil 3 Bachmann-Preis für düsteren Text Bachmann goes Bundesbahn Jackson schlägt Haider FAZ Wutausbruch in Klagenfurt Erster Tag: Texte lesen, Texte essen Zweiter Tag: Kühne Perspektiven, uneinige Juroren Die Revanche für Córdoba taz Wenn Autoren ihre Texte essen Darf Literatur verführen? Es muß nicht gleich ein Sommermärchen sein FR Apokalypse in der Parallelwelt SZ Im Land der Software ZEIT Schon hundert Mal gehört Kitsch oder Kunst NZZ Wider die falsche Gemütlichkeit Tagesspiegel Bachmann-Preis beliebt trotz Klagen Begleitschreiben Zur Entbanalisierung des Bachmannpreises
andreaffm, So, 28.Juni.2009, 11:47 So, jetzt ist es raus: Der Arzt mit dem Angebercabrio, Jens Petersen, hat den Bachmannpreis bekommen. 25000 Euro, ja hat der die nötig? frag ich mich. Kann er sich ein Zweitangebercabrio von kaufen. Lauter böse, unsachliche Gedanken. Dafür muß er lauter grausligen Kärtner Lokalpolitikern ewiglang die Hand schütteln, das hat er nun davon. (Juror Spinnen laudatiert, er habe den Autor entgegen seiner Gewohnheit sofort vorgeschlagen und nicht bis zu letzter Minute gewartet.)
Den Kelag-Preis bekommt der Physiker Ralf Bönt, damit kann ich leben und die Vorschlagende Den 3Sat-Preis bekommt Gregor Sander, und ich frage mich, wie man es als Moderator schaffen kann, die Stichwahlverfahren noch weniger zu kapieren kann als Grandits einstmals. Clarissa! Frau Keller muß laudatieren. Nach endlosen Stichwahlverfahren gewinnt nun leider nicht Schäfer, sondern Katharina Born den Ernst-Willner-Preis. Mangold freut sich, ich nicht. Den Publikumspreis, unspektakulär verlesen und laudatiofrei, bekommt Karsten Krampitz, der herumwippt und grinst vor lauter Freude. (Kandidat des Herzens sagt Keller.)
andreaffm, Sa, 27.Juni.2009, 11:23 Es geht los. Nein, doch nicht. Nein, doch. Oder: Die Leitungen aus Klagenfurt sind unterbrochen. Wir bitten um etwas Geduld. Wie jedes Jahr Phantasien über Praktikanten, die über Kabel stolpern und dabei Kaffee in die Technik schütten. Oder gewittert es wieder irgendwo? Konsequenterweise gibt es dann einen zweiten Versuch, nochmal Vorspann, nochmal begrüßt uns Frau Wannenmacher und stellt Andreas Isenschmidt vor. Deja Vu: Und täglich grüßt Frau Wannenmacher. Isenschmidt bezeichnet die Jury als munteres, vergnügtes Arbeitstier. Dann zickt wieder die Leitung, und ein nie gesehenes Testbild flackert dazwischen mit der Aufschrift Leitung derzeit nicht beschalten. Das ist bestimmt österreichisch für irgendeinen technisch eigentlich plausiblen Vorgang. Was die im Saal immer alles verpassen. Nun aber zum ersten Autor, das ist
Gregor Sander der in Berlin lebt und das ganz toll findet. Na herzlichen Glückwunsch. Eingeladen wurde er von Frau Keller, sein Text heißt "Winterfisch" und es geht tatsächlich ganz schön viel um Fische. Es geht ansonsten um Ost-West-Geschichten, um einen Ersatzvater für den Erzähler-Sohn und daß der am Ende dann endlich um die Freundin weinen kann, die ihn verlassen hat. Das ist jetzt aber bißchen dicke. Sulzer findet den Text sehr schön und ruhig und durch und durch ausgewogen. Jandl kommt drauf, daß er seinen Kitschverdacht gegen Petersen gestern revidieren muß, sagt aber auch was zu Sander: Ein Satz wie "sie hat wohl zuviel gefragt" könne im schweigsamen Norden schon ein Todesurteil sein. Ansonsten sei das stimmungsvoll ins Naturpanorama eingefügt. (Äh, ja. Ist das nicht ein Ausschlußkriterium?) Frau Feßmann hat ein großes Problem mit dem Text, und zwar ein handwerkliches, das sei wirklich wahnsinnig schlecht erzählt, wenn man es selbst liest. Vorgelesen gibt die Stimme des Autors aber eine gute Führung durch das Durcheinander. (Bilde ich mir das ein, oder ist Feßmann nach dem katastrophalen ersten Tag irgendwie zur Besinnung gekommen?) Frau Fleischanderl findet den Text handwerklich gut gemacht, gut aufgebaut und die Elemente gut miteinander verzahnt. Das könnte aber auch ein Nachteil sein, daß diese Erzählmaschine so gut geölt ist. (Ja, klar, das macht einen schon mißtrauisch.) Mangold denkt jetzt lieber über den Stoff nach als über die Form, denn das Sujet sei ja toll. Aber aus den vielen Motiven sei zu wenig gemacht worden. Auch, daß im Osten alle Beziehungen abbrechen, während im Westen das Glück durchkontinuiert, sei ein Problem. Frau Keller war auch mal an der Kieler Förde in einem Boot. Herr Spinnen hält das für punktgenau gelandet zum 20. Mauerfalljubiläum, zweifelt aber, ob der Text den Schritt auf die deutsche Geschichtsebene schafft. Das habe was von einer Kalendergeschichte und zu wenig offene Stellen. Das sei nötig, wendet Keller ein, damit unsere Phantasie nicht ins Kraut schießt. Die Diskussion franst ins Politische aus, dann findet Mangold, die Natur werde hier ideologisiert. Sie haben eine sehr leidenschaftliche und spitzfindige Diskussion ausgelöst verabschiedet Clarissa den Autor und leitet über zu Andrea Winkler die mich mit "Aus dem Gras" ins Koma liest: Der Ton, der das Schiff ankündigte, pfiff aus einer Lokomotive aus grauer Vorzeit zu mir hin, in meinen Garten hinein, und öffnete Tor um Tor für dich, als du noch in allerweitester Ferne, weder Wolke noch Schatten warst. Nichts als ein Ton, ein Klang, ein Wirbel zwischen Zug und Schiff, für mich, wenn ich augenblicklich von der Schaukel springe und auf festem Boden zum Zaun laufe, um mit meinen Augen durch ihn hindurch einen Horizont zu malen, auf dem ein Floß auf mich zu treibt. Und so weiter, und so weiter. Wohlfühlvokabel reiht sich an Wohlfühlvokabel, endlos, das ganze bewährte Arsenal der Naturlyrik wird aufgefahren mit Gräsern und Wassertropfen und Himmel. Fürchterlich. Natürlich kann man Texte schreiben, die keine erkennbare Handlung haben, die nur mit Sprache arbeiten, aber, und das ist mein Mindeststandard: Dann müssen sie auch mit Sprache arbeiten. Dieser hier reiht nur fluffige Bildchen aneinander zu einem watteweichen, pastellfarbenen Etwas, das man in seiner hübschen Harmlosigkeit getrost in einem Zahnarztwartezimmer aufhängen könnte. Was denken die Damen und Herren Experten? Frau Fleischanderl jubiliert: Andrea Winkler dampfe Literatur auf ihr Wesentlichstes ein, ein Subjekt geht und fühlt, das sei eine große Wohltat, eröffne Räume für das Ich, zeige aber auch, daß Literatur eine subjektive Allmachtsphantasie sei. Es sei die höchste Forderung, daß Literatur nicht Welt abbilde, sondern Welt mache. (Ich gründe eines Tages noch einen Verein gegen die Marginalisierung der Weltabbildung.) Herr Mangold druckst, weil Clarissa ihn drannimmt, er hatte gehofft, als letzter dranzukommen, damit ihm andere erklären, was in dem Text steht. Sei ja klar, daß sich so abgebrühte Poststrukturalisten über den reinen Text freuen, den man vermutlich auch mit großen Worten umschreiben könne (kann man, hat Fleischanderl ja gerade gemacht) ohne ihm näherzukommen. Frau Feßmann hat keine handwerklichen Einwände, ist aber trotzdem nicht glücklich, weil sie keinen Sinn darin sieht, anderen bei ihren narzißtischen Allmachtsphantasien zuzuschauen. Aber sie war dankbar, daß es um eine Liebesverletzung geht, das sei ja etwas, was einen interessieren könne. (Rettungsanker Realität.) So eine Lektüre sei ja immer auch eine Nötigung, weil sie dem Autoren ermögliche, fröhlich mit Sprache zu spielen, während der Leser das dann alles entschlüsseln müsse, wie so ein Trüffelschwein der Fährte hinterhertrotte. (Ja, das ist das Dilemma der Avantgarde, daß sie der Kunst mehr bringt als dem Rezipienten. Frau Feßmann entgeht heute blöden Bemerkungen meinerseits. Vielleicht vorgestern schlimmer Hangover?) Musikalität! wendet Fleischanderl ein, niemand rede über Musikalität! Endlich ginge es mal nicht um deutsch-deutsche Beziehungen! (Kaum haben die sich abgewöhnt, bei jeder Gelegenheit mit der Welthaltigkeit zu wedeln, schlägt es um ins Extrem. So kraß war ja nichtmal die Rakusa.) Spinnen erklärt länglich, daß er den Text als Musik durchaus verstünde, aber das ist ja nun ein Text, und der benutzt Wörter, die im Duden stehen und üblicherweise der Verständigung dienen, das ist ja semantisches Material, das historisch gewachsen ist. So ein Text dürfe sich daher nicht auf die eine oder andere Seite schlagen. Gut gelöst habe das damals Michael Lentz ("Muttersterben"), bei dem es auch um Sagbarkeit ging. Jandl findet, der Text habe eine Chance verdient. Kafka sagt, sagt Jandl, die erste Tugend des Schriftstellers sei nicht Wachheit, sondern Selbstvergessenheit, und so ein Text sei das. Er beschreibe nicht, sondern erfinde Wirklichkeit und löse das ganz bravourös. Frau Keller ist ambivalent und erzählt daher mal was über die Meditationspraxis von irgendwelchen Mönchen. Sulzer meint, wenn das musikalisch war, dann ein Schlaflied. Dieser Ton ist ganz hoch und ich bin ganz niedrig. In einer Buchhandlung würde er nach einer Seite aufhören, das sei nett und geklöppelt und selbstbezogen, gehe ihn aber nichts an. Manche Kritiker fänden das gut, das könne sicherlich auch Preise gewinnen. (Oho! Jetzt wird es aber fies.) Spinnen sagt jetzt etwas für die, die mitschreiben (also mich): Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, diese literarische Tradition würde weggebürstet. Aber genau wie sich realistische Texte bewähren müssen, müssen sich auch solche Texte bewähren. Er habe den Grad der Hermeneutik als zu hoch empfunden. Herr Mangold will nicht in die dunkle Ecke der Avantgardeverweigerer gestellt werden. Außerdem erscheine der Text hier als Repräsentant eines Genres, und alle stimmen in eine Überbaudiskussion ein, um nicht über den Text reden zu müssen. In der Pause strenge Worte von Elmar Krekeler und Volker Hage, die ähnlich underwhelmed sind wie ich von der in diesem Jahr dargebotenen Textauswahl. Krekeler vermißt den Humor in der Jury, aber vielleicht müssen die sich noch einfahren. (Aber ob so jemand wie Keller jemals freiwilligen Humor zustandebringt, wage ich dann auch zu bezweifeln.) Es geht dann weiter mit Katharina Born die in Paris lebt, Tochter des Schriftstellers Nicolas Born. Ihre früheste Erinnerung: Das Haus brennt ab, und Peter Handke ist auch zufällig gerade zu Besuch. "Fifty Fifty" heißt der Text, und der ist vielleicht gar nicht so schlimm, wie diese fade blasse Person ihn fade und blaß vorliest. Dann so Sätze wie wirkte die Neunzehnjährige auf einmal weniger verschlossen. Schön, daß nebenbei die Information ihres Alters untergebracht wurde, aber geht sowas nicht eleganter? Überhaupt, Eleganz: Scheinbar soll der ganze Duktus Atemlosigkeit und Tempo suggerieren, aber er holpert leider sehr. Es geht übrigens um Schriftsteller, um deren Frauen und Töchter. Na, da kennt die Born sich ja aus, denke ich. Sulzer fragt zu Beginn, inwieweit die Ansprüche der Geschichte erfüllt werden. Das sei ja ganz interessant, aber auch voller Merkwürdigkeiten, wie die anderthalb überfahrenen Hunde und die 19-jährige Übersetzerin, sowas gebe es einfach nicht. Jandl haben gerade die überfahrenen Hunde gut gefallen, aber er fragt sich, wie in dieser sauberen, adretten Atmosphäre überhaupt jemand schwanger werden kann. Feßmann findet die Hunde auch ok, den Text beweglich und den Unterton erotisch. Herr Jandl meint, das komme darauf an, welche Ansprüche man an erotische Komponenten stelle. Frau Keller zieht ausnahmsweise mal keine Parallelen zu irgendwas mittelalterlichem, sondern findet, die Spannung entstehe durch Aussparung. Wenn Burkhard Spinnen den Text gut liest, dann als Treatment, als Entwurf für eine Geschichte. Das seien ja viele Katastrophen auf kurzer Strecke und alle Figuren haben einen gewaltigen Hintergrund an 68er-Geschichte. Man stopfe daher unwillkürlich die Leerstellen mit zeitlichem Hintergrund und fragt sich, ob das ein Trick ist, die Geschichte auf einer Folie von Klischees zu erzählen. (Ja schwierig. Nicht ganz so eindeutig übel wie Sophie Dannenbergs Machwerk damals, aber schwierig.) Einsatz Fleischanderl und ihre Abneigung gegen konkrete Handlung: Der Text bleibt an der Oberfläche, meint sie. Herr Mangold meint, das sei kein Trick, wenn die Autorin ihren Figuren einen zeitgenössischen Hintergrund mitgibt. Diese Gewaltgeschichte werde eben in zeitgenössischen Kontext eingeordnet. Clarissa sagt, sie spüre die Gewalt auch (wenn das hier ein Raumschiff ist, dann ist sie Counselor Deanna Troi, frühe Folgen). Frau Fleischanderl spürt garnix. Spinnen meint, die 40 Jahre auf elf Seiten seien irgendwie angewiesen auf eine Szene, die das bündelt. Frau Fleischanderl will konkret sehen, wie in 68er-Künstlerfamilien Macht ausgeübt wird. Keller findet den Hintergrund eigentlich recht dezent aufgespannt. Spinnen: Dezent ist was für Inneneinrichter. Sulzer findet die weibliche Sicht interessant, aber das sei ein Roman, der noch in Arbeit ist. Es wird noch ein bißchen über die 68er diskutiert, dann findet Paul Jandl abschließend die Sprache spießig. Den Abschluß macht Caterina Satanik die in einem ganz schlimmen, gefühligen Portrait mit ganz schlimmer, gefühliger PlimPlim-Musik vorgestellt wird und so ganz zart empfundene Sachen sagt, während Hände einen Tonklumpen umfassen und das Element Erde spüren. Oder so. Religionspädagogin und Psychotherapeutin ist sie auch noch. Alle Alarmglocken. Sie liest eine Verlassenheitsgeschichte, so ein Stream mal wieder in Bernhardscher Atemlosigkeit, von einer, die versucht, mit Hilfe esoterischen Blödsinns über ihre Einsamkeit wegzukommen, gar nicht ununterhaltsam. Auch hübsche Austriazismen: Es kann schon vorkommen, dass ich mich bei einem häferl entschuldige, das ich zu schroff in die abwasch stellte. Kleinschreibung, gibt Minuspunkte. Bei mir jedenfalls. Frau Feßmann macht den Anfang und meint, ihr habe der Text gut gefallen, es sei aber nicht leicht zu sagen, warum. Da gehe eine Frau spielerisch mit ihrer Verlassenheit um. Mangold sieht Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit, das sei nah am Plauderton, aber mit allen Gefahren, die damit verbunden sind. Erzählt werden nicht nur Notwendigkeiten, davon kann man sich bezirzen lassen und sich wiedererkennen, vielleicht auch zu leicht. Jandl: Handwerkerei ist fehlgeleitete männliche Zärtlichkeit. (Darf ich mir das auf ein Kissen sticken?) Ein sehr witziger, leichter Text und als Debüt beachtlich. (Die Autorin hat bislang noch nichts veröffentlicht. Gar nichts. Noch weniger als Passig.) Sulzer meint, diesem Mann gestern begegnet zu sein, er war sein Taxifahrer und redete pausenlos in sein Händi. Mit dieser Rollenprosa sei jedenfalls endlich eingelöst, was in den vergangenen Diskussionen lange vermißt worden sei. Seine Begeisterung sei jedenfalls ungeteilt. Frau Keller freut sich, daß sie das österreichische Idiom mit seinen Häferln und Leiberln endlich mal putzig finden kann, weil sonst ja immer alle nur die Schweizer putzig finden. Sie würde die Figur aber gern vor ihrer eigenen Schlichtheit schützen. Sulzer freut sich, daß es endlich mal nicht um deutsch-deutsche Geschichte geht. Fleischanderl ist das Umgangssprachliche zu echt und zu wenig künstlich. Frau Feßmann meint, die Figur sei nicht dümmlich, sondern gespielte Naivität ihr einziger Ausweg. Jandl: Sie sagt so wunderbar philosophische Sätze. Mangold: Aber hochkomplex ist sie auch nicht. Spinnen klärt auf, wenn sich avantgardistische Texte die Sprache zu Eigen machen dürfen, dann darf auch dieser Text aus der Alltagssprache Kapital schlagen. Diese Figur ringe um Naivität, damit ihr nicht das Herz gebrochen werde. Teilweise sei das etwas bemüht sorgfältig, er habe eine sehr große Verletzung gefühlt, die nicht instrumentiert oder inszeniert ist und hat sich (Achtung! Reizwort des letzten Bachmannjahres!) in den Text verknallt. Fleischanderl grantelt wieder an der Spache rum, die eine eins-zu-eins-Reproduktion österreichischen Sprechens sei (so what?). Mangold weist zurecht: Wer Leichtigkeit lobe, könne nicht im nächsten Satz mit Pathosformeln kommen, und Jandl gibt ihm recht. Frau Stadler moderiert ab, Herr Jandl habe seine verständnisvolle Seite entdeckt, und ich bin und froh, daß Pause ist bis morgen früh. Darf ich ein paar Wünsche äußern? Erstens: Die drei Lesetage so beibehalten. Nicht wieder straffen. Zweitens: Die Jury um ein paar wortgewandtere Personen erweitern, den Verlust von Sulzer und Keller würde sicher keiner betrauern. Kann ich Nüchtern und Strigl wiederhaben? Oder wenigstens André Vladimir Heiz? Oder Ursula März? Drittens: Clarissa muß gehen. Ernst A. Gradits soll wiederkommen.
andreaffm, Fr, 26.Juni.2009, 11:13 Guten Morgen zum zweiten Tag des Klagenfurter Wettlesens. Clarissa Stadler hat sich immer noch nicht über den Papieresser von gestern beruhigt: Wer in die Kulturschlagzeilen kommen will, muß sich anstrengen. Michael Jackson ist verstorben. Gestern habe ich noch bis spät geschrieben, um den Donnerstag abzutragen, man geht ja nicht gern mit Altlasten in den jungen Morgen. So beginnen wir heute mit frischem Kaffee und den Teekuchenresten von gestern den Freitag mit
Linda Stift einer österreichischen Autorin und Feuilletonistin (wie kann man sich nur so nennen und warum? Um zu zeigen, daß man was besseres als ein popeliger Journalist ist?) auf Einladung von Frau Fleischanderl und mit einem Text, der "Die Welt der schönen Dinge" heißt. Es geht darin um Flüchtlingsschmuggel, ein breiiges Wir erzählt aus der Innenwelt des Schlepper-Transporters. Da will aber eine voll relevant sein, drängt sich mir auf, das ist alles auf so eine ungute Weise engagiert. Ijoma Manold meldet sich auch gleich und gibt kund, er finde den Text sehr ärgerlich und unlauter und fühle sich politmoralisch unter Druck gesetzt. Auch stehe das unbestimmte wir im Gegensatz zu der sehr konkreten, geradezu kreatürlichen Gegenwartshandlung. Das Thema sei toll, aber in dieser Form müsse er es ästhetisch zurückweisen. Jandl wendet ein, das wir sei ja gerade das, was den Text ausmache, das sei ja schließlich eine Parabel. Frau Feßmann findet den Text sehr ehrenwert, aber die Autorin setze zu sehr darauf, daß das funktioniert. Man dürfe das Thema nicht so unpräzise behandeln, vor allem sprachlich: Da seien viele unpassende Poetisierungen drin. Frau Fleischanderl verteidigt ihre Autorin, sie schätze deren Fähigkeit, Alltägliches auf eine andere Ebene zu heben (ja – aber auf welche?) und gerade im Nicht-Realismus liege der große Verdienst. Das Wir habe etwas Erhabenes und Chorales. Feßmann bemängelt die Aneignung durch die Autorin, Stadler mischt sich ein: Das sei doch keine Reportage. Spinnen wirft einen Rettungsring zu, das sei hier eine Art universal refugee, eine allegorische Figur, die alle Flüchtlingsschicksale in sich vereint. Das sei ja ehrenwert, aber er muß Mangold leider recht geben. Frau Keller lobt die mutige thematische Entscheidung und kennt das wir als vergemeintschaftlichendes Element aus der, was sonst: mittelalterlichen Literatur (die Frau ist doch nicht echt, das ist eine ganz perfide Satire, das ist doch wieder so ein U-Boot von der Titanic). Frau Fleischanderl echauffiert sich ein bißchen, man könne hier nicht die Kriterien eines realistischen Textes anlegen. Sulzer hatte zuerst die Theorie, daß das Europäer sind, die nach der Wirtschaftkrise irgendwohin gebracht werden, weil die ja reden wie Europäer. Frau Feßmann meint, zumindest die Autorin müsse wissen, wovon sie spricht, auch wenn sie den Leser im Unklaren läßt. Jandl sieht Ironien, wo Sulzer nur Inkonsistenz sieht. Spinnen: Eine Parabel braucht Kübel. Kann das mal jemand aufschreiben? (Done.) Ralf Bönt sieht Schreiben als Gegenmodell zur Wissenschaft und liest den Beginn einer Novelle: "Der Fotoeffekt". Bönt ist Physiker und drum geht es auch in seinem Text, um Physik und um Nicolas Faraday und die Hertzens. Ich hab ja schon Daths Dirac eher minderbegeistert gelesen, ich finde diese biographischen Nacherzählungen vom Leben großer Geister schnell ein bißchen langweilig und ziehe jedes Rowohlt-Monographiebändchen vor. Frau Keller ordnet ein, ein Kamikaze der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts sei das, Herr Jandl ist von einem Drehschwindel erfaßt und Frau Fleischanderl meint, die Sprache operiere mit falschen Behauptungen. Die Sätze glänzten an der Oberfläche, halten aber näherer Prüfung nicht stand. Frau Feßmann möchte Ordnung schaffen und erklärt uns den Text: Der Drehschwindel resultiere aus der Quecksilbervergiftung des Protagonisten. Hach, Vergiftung, sowas finde ich ja spannend. Und außerdem sei der Text aus der Sicht eines Phonons erzählt, das sei ein Teilchen, das hin- und herspringen kann. Mensch, Frau Feßmann, wenigstens eine hat hier den Text gelesen. Herr Mangold wundert sich, daß er den Text nicht gegen den Vorwurf verteidigen muß, er sei zu Kehlmannesk. Er findet ihn auch sprachlich ok. Es gibt dann eine kurze Debatte darüber, daß das irgendwie zu weit hergeholt sei, daß Pferde suggestibler sind als Menschen, es wird jedoch klargestellt, daß das ein Einstein-Zitat ist. Ach, na dann! Dann ist das natürlich nicht angreifbar. Spinnen spricht das Problem der Geschichte als Geschichte an, die Leser für oder gegen den Text einnehme. Herr Sulzer weiß nicht, was ein Phonon ist und hat vergeblich gegoogelt (na immerhin hat er mal gegoogelt) aber das sei alles so elegant geschrieben, der könne ihm eh alles erzählen und Sulzer lasse sich verführen. Der Autor erlöst daraufhin die ratlose und sichtlich überforderte Jury und erklärt, das Phonon sei ein Schallteilchen. Spinnen: Ich hab schon befürchtet, du hast Gott als Erzähler. Bönt: Das wird in diesem Leben nicht mehr passieren. Spinnen: Is auch ne Falle. Jandl findet die Sprache aufgebrezelt, Fleischanderl will sich nicht verführen lassen und Mangold weiß, wenn das schwache Sprache sein soll, nicht, was er sonst so liest. Und weil ich das auch nicht weiß, gehe ich nun zum nächsten Kandidaten über. Karl-Gustav Ruch stammt aus der Schweiz und wohnt in Barcelona. Das findet er offenbar ganz, ganz toll, auch daß die Leute dort Spanisch sprechen und er auch Spanisch sprechen kann. Deshalb lebt er zwischen Spanisch und Schweizerisch und zwischen Sprache und Musik, und damit ist eigentlich auch schon alles über ihn und seinen Text gesagt. One Trick Pony nennt man sowas wohl. Es geht in dem Text die ganze Zeit um Geräusche, und dabei ist die Ausgangssituation eigentlich recht hübsch: Ein Mieter sitzt hinter einer Wand, hinter einer Brandmauer, um genau zu sein und horcht und bekommt ganz schön viel mit vom Leben seiner Mitmieter. Nun sind Brandmauern ja eigentlich sehr dick und alles andere als hellhörig, aber vielleicht, auch das eine Möglichkeit, bildet der sich das eh alles nur ein in seiner Einsamkeit. Dabei versucht der Text die ganze Zeit, soviele Begriffe wie möglich zusammenzusammeln, mit denen man Geräusche beschreiben kann, und das ist nun ganz schön eitel: Guckt mal, was ich für tolle Geräuschewörter ich finden kann! brüllt es aus jeder Zeile und will bewundert werden. Nix da, eitler Text, für dich hab ich nur ein müdes Lächeln der Verachtung übrig. Danke für diesen Text, der wie ein Konzert klingt! sagt Clarissa Stadler, damit sie auch mal was sagen kann. Ich wünschte, sie würde nicht immer soviel sagen wollen. Sulzer hat das so noch nicht gelesen, der spanische Lebensstil ist fröhlich und etwas (etwas?!) folkloristisch dargestellt, aber am Ende gehe etwas die Luft raus aus der ewigen Möglichkeitsform. Das sei amüsant, er aber nicht endgültig überzeugt. Herr Spinnen wartet mit einer sachdienlichen Mitteilung auf: Der Text ist abgeschlossen. Aber diese Bedrohlichkeit des Alltäglichen, das machten ja zwei von drei Tatort-Krimis. (Sonderlich bedrohlich fand ich den Text nicht. Hab ich was verpaßt?) Das sei zu 80 Prozent spanischer Spitzweg, 10 Prozent Übergangsphase, dann Explosion in Fremdenfurcht und Bedrohung. Für eine elfseitige Erzählung sei das nicht gelungen. Feßmann fand den Ansatz gut, aber die Ausführung zu schematisch. Keller sucht wieder in Erzähltraditionen herum, bis sie was passendes gefunden hat: Hotel Savoy von Joseph Roth und Die Ratten von Gerhard Hauptmann. Sie sagt dann auch noch was wertendes, nämlich daß der Versuch ganz interessant sei, sie aber noch ein wenig gekürzt hätte. Mangold wird da schon deutlicher: Es handele sich um ehrbare Trivialliteratur mit dem Klischee vom gesellschaftlichen Pluralismus. Es wird suggeriert, die volle Breite zu abzubilden, aber man bekomme nur Abziehbilder mit diesem ganzen Romanischen Vitalismus, das sei ein Kuriositätenkabinett und sehr an der Grenze. Für Jandl ist das eine literarische Kammeroper und nicht putzig und lieblich, und Fleischanderl lobt die Idee, kritisiert aber, daß die Figuren mit spöttischem, ironischen Tonfall überzogen werden. Zum Schluß fordert Jandl Mangold auf, nicht so abgebrüht zu sein, er habe ja auch schon mit dem Ohr an der Wand , was Mangold zugeben muß. (Aber im Grunde hat der Mangold ja recht. Man kriegt einen Text auch gefüllt, indem man ewig Opernlibretti vorliest, was ja ganz toll klingen mag, aber nicht sachdienlich ist und der Sache etwas arg schmonzettenhaftes verleiht, wenn man das nicht noch irgendwie dramatisiert und zwar so, daß es wirklich weh tut.) ![]() Pause. Und damit wieder Diskussionen über Google und deren Welteroberungspläne mittels die totale Bibliothek (Wannenmacher). Wie kann man so etwas laut aussprechen, ohne daß sich sofort völlig absurde Filme vor dem inneren Auge abspielen? Diese Person ist ein einziger Sprachunfall, warum läßt man die auf die Öffentlichkeit los? Oder ist das eine perfide Art von Ironie? Und wenn die jetzt noch einmal Open Access wie Open Exzess aussprechen, schreie ich und werfe mit Tortellini um mich. Walter Benjamin guckt auch schon ganz verstimmt. Jens Petersen trifft nun auf unser aller gut gefüllte Mägen, und ich bekomme von der Lesung nicht viel mit, weil ich mit dem Stream kämpfe. Irgendwas ruckelt und hängt sich dauernd auf. Was ich höre von diesem letzten Kapitel eines Romans ist eher oje: Ein Mann pflegt seine Frau, und am Ende erschießt er sie. Der Autor ist Arzt und liest sehr langweilig. Das ist so seltsam pseudoromantisch, das will so anrührend sein, das will wehtun, und weil es so sehr will, will ich nicht mehr. Auch Feßmann will nicht recht und diagnostiziert Kolportageelemente und Prärieromantik. (An dieser Stelle will der Stream wenigstens wieder, das heißt, der Rest der Diskussion ist einigermaßen lückenlos dokumentiert.) Jandl führt aus, wie der verhungerte Wolf im Bachbett liegt und meint, viel mehr Todessymbolik hätte da nicht mehr hineingepaßt. Ich muß sofort an diesen Stich denken: ![]() Ja, darüber hat sich der gute Hogarth schon Anno 1764 lustiggemacht, und ich kichere nun stillvergnügt in mich hinein. Für den Text bin ich jetzt aber endgültig verloren. Die Jury ist da allerdings ganz anderer Meinung. Sulzer ist von dem Text restlos begeistert, und auch Fleischanderl lobt, der sei den Gefahren gut entgangen (komisch, sonst heißt es dann immer: Dieser Text wagt nichts!) und sei plastisch und sinnlich erfahrbar. Mangold hat den Text nicht ganz verstanden, aber die Bedeutung, die er unverstandenerweise zwischen den Zeilen vermutet, gefällt ihm gut, vor allem diese irgendwie apokalyptische Landschaft, die über die übliche Individualbedrohung hinausgeht. Spinnen läuft es kalt den Rücken runter. Jandl schwankt noch in seinem Urteil zwischen Kitsch und Künstlichkeit. Keller schließt sich der Ambivalenz an und spürt eine unangenehe Art der Beklommenheit. Alle haben keine Ahnung, meint nun die Frau Stadler, und fragt in die Runde: Haben Sie schon einmal einen geliebten Menschen zum Tod begleitet? (Frau Clarissa Stadler! Jetzt werde ich aber gleich pampig. Kaum ist die Feßmann wieder ein bißchen auf Spur, schon reißen Sie nach unten aus, daß man sich geradezu schämen muß. Wenn ich mal eben behilflich sein darf: Es geht um Literaturkritik, nicht um Leidenserfahrungen oder Pflegekompetenz. Es geht um einen Text. Die Leute in dem Text sind gar keine richtigen Leute, das sind nur Leute in dem Herrn Petersen seinem Kopf. Man kann Texte über Krankenpflege beurteilen, ohne je Kranke gepflegt zu haben. Man kann Texte über rosa Riesenkaninchen beurteilen, ohne ein rosa Riesenkaninchen zu sein. Doch, das geht.) Frau Keller spürt die göttliche Besoffenheit eines auktorialen Erzählers am Werk, was ich jetzt nicht weiter hinterfragen will. Frau Feßmann will wissen, was die Figur da eigentlich für eine Krankheit hat. Und Frau Stadler moderiert ab, daß das ja nun ein ziemlich einheitliches Stimmungsbild war, woraufhin Burkhard Spinnen zu Recht ein bißchen der Kragen platzt, davon könne ja wohl keine Rede sein: Das ist nicht die Struktur dieses Wettbewerbs. Es steht so wie es steht, und wir müssen darüber schlafen. Clarissa ist jetzt ein bißchen eingeschnappt, will mir scheinen. Die hat auf diesem Posten jedenfalls keine Zukunft. Doch genug der Tiefschläge, kommen wir zu Andreas Schäfer einem Journalisten aus Berlin, der mir aufgrund des eher nichtssagenden Autorenportraits nicht sonderlich sympathisch war, dessen Text "Auszeit" ich aber dann doch gern zuhöre. Es geht hier um einen Piloten, der den Verlust seines Sohnes auszuhalten hat, der, wie man später erfährt, umgebracht wurde. Wie, das wird nicht erklärt, oder zumindest in einem späteren Kapitel. Der Pilot neigt daraufhin zu Alkohol und psychischer Labilität und nimmt besagte Auszeit. Der Text ist recht unspektakulär erzählt, mit genau der Distanz, die die Hauptfigur immer wieder einfordert und die niemand in seinem Arbeitsumfeld zu gewähren imstande ist. Ein bißchen zuviel wird mir erklärt, ich habe schon grob kapiert, wie dieser Mann sich fühlt, ich bekomme ja beschrieben, wie er sich verhält, ich muß nicht auch noch ständig auserzählt bekommen, was er denkt. Aber trotz dieser Redundanzen ein interessanter Text über, und das ist neu hier: Einen Menschen, seine ziemlich konkreten Probleme (nicht nur so Leiden an der Welt) und sein soziales Umfeld, Familie und Arbeitskollegen. Soweit ich das beurteilen kann, hat der Autor auch gut recherchiert, was den Frankfurter Flughafen angeht (das ist ja nicht selbstverständlich). Nach all den Laborversuchen unter klinischen Bedingungen eine willkommene Abwechslung. Frau Keller erfreut mich mit ihrer Einschätzung, das sei ein starker, zeitgenössischer, unspektakulärer Text. Fleischanderl findet den Text pannenfrei, aber auch spannungsfrei, vor allem sprachlich. Das erinnere sie an das Kleine Fernsehspiel und berühre sie nicht. Feßmann findet den Text gut erzählt in jedem Detail, der Tod sei eher nur Nebenauslöser im Gegensatz zu Petersens Text, vor allem sei das hier ein Männerportrait. Auch Sulzer ist angetan, hier habe jemand einen Beruf, der geschildert wird, und der sei nicht zufällig gewählt. Die klare, präzise Sprache sei nicht um Originalität bemüht. Jawoll! Ich und Herr Sulzer einig, daß ich das noch erleben darf. Herr Spinnen holt wieder ein bißchen aus: Das sei diese Frage nach den literarischen Regeln, die eben nicht allgemeinverbindlich seien (nicht?). Und die Frage, ob der Text eine Geschichte erzählt oder ob die Sprache Bestandteil der Geschichte sei. Er könne das gerade schwer beurteilen, weil die Sprache sich so zurückhalte, aber zumindest psychologisch sei das alles glaubwürdig. Jandl stimmt Spinnen zu, der Text erzähle eine Geschichte, aber eben nicht viel mehr. Da sei Petersens Text mutiger und mit mehr Tiefe. (Also, das mit dem Mut finde ich ja irgendwie invers. In Klagenfurt geht gerade das, was sprachlich offensichlich was tut, und daher ist es eigentlich gerade mutig, mit einem Text anzutreten, der sich auf diesem Feld stark zurückhält. Ich finde "Auszeit" da ganz und gar nicht langweilig, aber wenn es halt überall stimmt, dann stellt man wenig in Frage, dann fällt es nicht so auf. Sprache fällt oft vor allem da auf, wo sie nicht stimmt, und wo sie nicht so natürlich fließt, weil es eine Mordsanstrengung gekostet hat, sie zurechtzubiegen.) Mangold findet die Geschichte sorgfältig gearbeitet, und sie erfülle ihr eigenes Programm, aber hätte sie sich nicht mehr vornehmen können? fragt er. Er hätte gern noch etwas wildes gehabt, woraufhin Sulzer auf kleine, spektakuläre Momente verweist, die einem leicht entgehen. Und mit dieser wunderbar typischen Klagenfurt-Diskussion schließe ich den zweiten Tag. Morgen harren noch einmal vier Kandidaten meiner Aufmerksamkeit. Hoffentlich wackelt der Stream nicht, dann werde ich wieder lückenlos protokollieren.
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