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andreaffm, Do, 29.Juli.2010, 21:23 Nachbarschaft! Ich weiß ich weiß, es ist hier nicht die ruhigste Gegend, unten beim Schrauber sitzen sie und palavern bei schwarzem Tee dem Ende des Tages entgegen, nachdem mehrere heisere Dieselmotoren asthmatisch rasselnd verstarben. Abends und nachts kommen die Abschleppwagen und lassen ihre Fracht ab, Ladeflächen werden surrend gesenkt, Halteseile mit Metallösen scheppern auf Asphalt, traurige Autobesitzer rufen Taxis, Autotüren knallen. Ab und zu liefern sich jugendliche Pärchen eine hochemotionale Szene unter der Gaslaterne. Der einsame Tin-Whistle-Spieler spielt dazu einen einigermaßen manischen Reel, wie jeden Abend, denn der einsame Tin-Whistle-Spieler übt sehr ausdauernd. Vor allem manische Reels. Mit all dem lebt man, das ist Leben, das ist Nachbarschaft, wenn das stattfindet, ist man nicht allein. Man kennt sie, man mag sie. Aber zum dritten Mal bei "I wanna know what love is" in voller Lautstärke die Repeat-Taste drücken? Ich bitte euch, ich habe auch Menschenrechte. Achtziger-Power-Balladen verstoßen eindeutig dagegen.
andreaffm, So, 25.Juli.2010, 10:28 ![]() Begrenzte Aufnahmefähigkeit Und plötzlich ist man dann mit Beschränkungen konfrontiert. Denn dieses Print, von dem immer alle reden, ist vieles und kann vieles, aber so richtig gut für den Text als Gebilde ist es ja nicht. Die Seiten sind begrenzt, und darauf sind die Zeilen begrenzt, und manchmal treibt einen das schier in die Verzweiflung. So zum Beispiel vorgestern. Dem ein oder anderen mag in der gestrigen Ausgabe auf Seite 2 der Streifzug aufgefallen sein, das ist ein kurzer Text mit lokalem Belang ganz oben links in der Ecke. Jetzt hatte ich also dank eines freundlichen Hinweises ein Thema und ein bißchen Platz, und sogar eine Idee, wie das anzupacken wäre. Ich recherchierte, schrieb drauflos und irgendwann war ich fertig mit einem Gebilde, das mir lesbar und informativ erschien, unterhaltend und ein bißchen spitz. Das ist aber lang, sagte der Kollege. Okay, sagte ich und strich erstmal einen ganzen Absatz, der zwar eine nette Randanekdote darstellte, aber nicht unbedingt notwendig war. Dann stellte ich den Text in den dafür vorgesehenen Kasten. Er sprengte ihn schier und lief unten aus wie ein undichter Dackel. Ich verzweifelte kurz, dann begann ich, nach Füllwörtern zu suchen, die ich streichen könnte. Das ist ja immer gut. Danach waren es noch zehn Zeilen zu viel. Ich strich Sätze und Formulierungen, die es nicht ganz zwingend brauchte, um den Sachverhalt zu verstehen, dann waren es noch fünf Zeilen zu viel. Jetzt ging es ans Eingemachte. Jetzt mußte alles heraus, was Nebenbemerkung war, der Neubau wurde zum Bau, der Anbau wurde zum Bau, man entwickelt einen richtigen Haß auf lange, aber unverzichtbare Wörter wie Gemeinderat, die man nicht einfach zu "Rat" werden lassen kann. Ich schwitzte und kürzte und irgendwann paßte es. Ich ging in die Kantine. Am Nachmittag kam das Bild rein. Das Bild ist jetzt drin, sie müßten den Text nochmal kürzen, hieß es. Ich seufzte und machte mich an die Arbeit. Nun klopfte ich alles ab, was sich irgendwie knapper sagen ließe, ich formulierte um, kämpfte um jedes Zeichen. Sinn und Form waren egal, es zählten nur die Zeilen. Es muß ja passen, es darf nicht einfach irgendwohin weiterlaufen, unten und drumherum sind überall wichtige Sachen zu vermelden, da darf so ein Text sich nicht einfach die Frechheit herausnehmen, elegant formuliert sein zu wollen. Ach Internet, du hast es besser. Du bist groß und weit und man kann Dich vollschreiben ad infinitum und ein Bildchen reinkleben oder drei oder vier und es ist sowas von wurscht. Ich kann ehrlich nicht verstehen, wie man so etwas beängstigend finden kann. Es ist doch wunderbar, der Text kann richtig Luft holen und atmen, das ist wie ein Reformkleid nach der Ära der Korsette, das macht nirgendwo Striemen und schneidet nicht ein und schnürt nicht ab. Üppige, wallende Form. Und wenn mir jetzt gleich noch eine Metapher einfällt, dann kann ich sie hier auch noch hinschreiben. Es kann wuchern, jawoll. Mag sein, daß Papier ein haptisches Erlebnis am Frühstückstisch ist. Es ist aber auch eine störrische Form, die manchmal auf Kosten dessen geht, was ich mich "Content" zu nennen weigere. Das merkt man beim Lesen natürlich nicht, das merkt man nur beim Schreiben. Man liest über die verpaßten, verkniffenen Möglichkeiten hinweg und bekommt davon nichts mit. Dann wird das Material romantisiert, obwohl es brutale Auslese ist, gnadenloser Textdarwinismus. Daran ist gar nichts beschaulich. Internet ist beschaulich, da darf wachsen, was wachsen will, da leben Sudoku, Slideshow und ausuferndes Dossier in friedlicher Eintracht, da herrscht Artenvielfalt. Da rechnet einem keiner die Kosten vor. So muß man das mal sehen. Paradiesisch, nachgerade. (Hier zu schreiben ist denn auch notwendige Lockerungsübung, um die innere Schere wieder loszuwerden.)
andreaffm, Fr, 23.Juli.2010, 12:19 meines Außentermins:
In der Krone der Schöpfung
andreaffm, Do, 15.Juli.2010, 21:12 Die Kopfzeile "Unternehmen und Wetter" auf der letzten Seite des Wirtschaftsteils macht plötzlich Sinn.
andreaffm, Di, 13.Juli.2010, 21:15 Irgendwie hat mich das weltmeisterschaftliche Getröte in diesem Jahr seltsam kaltgelassen. Ist es schon die Altersmilde? Oder die stille Resignation des sozialversicherten Arbeitnehmers? Ich bin jedenfalls gütig und menschenfreundlich gestimmt wie selten. Schaut: Die Sonne scheint, ich bin weitestgehend gebräunt (bis auf den weißen Streifen diagonal rüber, da, wo der Autogurt anliegt), die Strandbar klagt nicht über Bionadeknappheit und niemand zwingt mich, Zug zu fahren.
Heute hatte ich sogar einen Außentermin, und als ich da stand, mit dem Diktaphon in der Hand und dem Mann zuhörte, der mir seinen Beruf erklärte und Anekdoten erzählte, der mich mit der Hebebühne mitnahm in die Wipfel einer alten Eiche, und es fielen dicke Holzklötze und schlugen dumpf am Boden auf, da ging es mir wieder richtig, richtig gut. Weil es das ist, was am meisten Spaß macht: Nicht die wichtigen Termine mit den wichtigen Leuten, nicht die ach so hohe Politik und die aufgeblasenen Aufregungen. Sondern einfach: Sich hinstellen und zuhören, wie da jemand erzählt. Aus seinem Leben, und von dem, was ihn interessiert. Weil man das sonst nie erfahren würde, weil es über keinen dpa-Ticker läuft. Aber weil solche Leute alles am Laufen halten, nur ohne dauernd Bedeutung zu ventilieren. Ich war ja nie jemand, der die Nase gerümpft hat, weil er zu der Trachtengruppe irgendwelcher Ostgebiete geschickt wurde oder zu den Kaninchenzüchtern. Im Gegenteil, bei der Trachtengruppe gab es immer den besten Kuchen, und man hatte dort die Gelegenheit, sich mit Menschen zu unterhalten und nicht mit PR-Konzepten, die publikumswirksam und zielgruppengerecht gemainstreamt wurden. Das ist vermutlich auch mein persönliches Problem, daß ich mich mehr für Menschen interessiere als für PR-Konzepte, weshalb mir die ganz hohen Ebenen der Wichtigmacherei auf ewig verschlossen bleiben. Egal. Heute war ein Tag, an dem ich vieles von dem tun konnte, was ich am liebsten tu, und das ist viel wert. Da kann man schon einmal entspannt sein, Fähnchen und Tröten ignorieren, auf dem Rückweg vom Außentermin zwei Ausfahrten früher nehmen und in der kleinen, alten Lokalzeitung vorbeischauen. Gemeinsam starren wir auf den Betonwahnsinn vorm Fenster, auf die traurigen Büsche und die Säufer und die neue Ed-Hardy-Kollektion, die dort spazieren getragen wird und verzweifelt gegen die Tristesse anglitzert. Man kann sanft werden, den Menschen ihr Tun vergeben, Eis essen und liebevollen Defätismus üben. Morgen dann wieder vollklimatisiert.
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