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Ich sollte vielleicht vorweg sagen, daß ich ein Problem mit Kunst habe, die mir ihr Kunstwollen mit aller Kraft ins Gesicht drückt. Diese Filme, die mich mit einer zehnminütigen Eingangssequenz langweilen, bei der im Dunkeln irgendwer irgendwas Erratisches macht, aber man darf ja nicht meckern, ist ja Kunst, und wenn man doch meckert, dann hat man sich nur nicht genug eingelassen. Mich nervt auch diese Art von Literatur, bei der lebensentrückte Gestalten zwischen lauter Wohlfühlwörtern elliptisches Nonsequitur faseln und das soll dann poetisch sein. Man könnte auch sagen: Mich nervt Kunst, die so tut, als gebe es kein Publikum und sich auf unangenehme Art selbst genügt, weil sie sich damit leider selbst belügt und auch alle anderen. Es gibt immer ein Publikum. Und wenn sie so tut, als gebe es keins, dann tut sie eben nur so.

Gut, der Einstieg war jetzt etwas kryptisch, aber es geht ja auch um ein kryptisches Buch: Helene Hegemanns Axolotl Roadkill, das neueste Wunderkind, das durch den Literaturbetrieb gereicht wird. Und dieses Wunderkind schafft es tatsächlich, alle Einwände, die man gegen ihr Buch haben kann, innerhalb des Textes zu entkräften: "Früher war alles so schön pubertär hingerotzt und jetzt ist es angestrengte Literatur", schreibt sie schon im ersten Absatz. Und schon kann man keine Angestrengtheit mehr vorwerfen, weil ja genau das das Programm ist. Man kann auch schlecht sagen, daß diese Erzählerin (denn wir wollen ja schön sauber trennen zwischen der Autorin Helene und ihrem Geschöpf Mifti) sich in erster Linie für sich selbst interessiert und das verwerflich finden, denn sie sagt ja: "Ich finde meine dissoziative Identifikationsstörung interessanter als alles, was diese Stadt mir ununterbrochen ins Gesicht kotzt."

Also gut, angestrengte Literatur über eine dissoziativ Identifikationsgestörte also, wobei dieses Etikett natürlich Koketterie ist, genauso wie die ganzen Kraßheiten und Krankheiten und Derbheiten, die in schönster Eintracht mit popkulturellen Angeberwörtern die Seiten füllen: Alles Koketterie, und zwar eine, die sich ihrer selbst bewußt ist. Mangelnde Reflexion kann weder dem Buch noch der Autorin vorgeworfen werden, auch nicht mangelnde Intelligenz oder überhöhter Anspruch. Aber eine schlaue Autorin macht noch keinen guten Roman, und ich werde und werde nicht so recht warm mit dem Werk.

"Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, mißhandelten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfeldes gleich mit entlarvt": Diese Selbstbeschreibung Miftis könnte so etwas wie eine Poetik des Buches sein, und ähnlich variiert findet sie sich immer wieder. Überhaupt wird viel variiert, Kaputtheit in tausend Farben, tausend Fäkalwörtern, tausend Metaphern. Aber im Grunde geht es leider nur um eins, nämlich die Darstellung von Kaputtheit, und viel mehr als eine Tonart wird dafür dann auch nicht verwendet. Diese Tonart beherrscht Hegemann perfekt, aber über 200 Seiten gerät das doch arg monoton. Es ist egal, wo man das Buch aufschlägt, überall kotzt einem diese demonstrative Krassheit entgegen, die mit schlau klingendem, irgendwo aufgeschnapptem Fachvokabular durchsetzt ist.

Ebenfalls aufgeschnappt sind die Beschreibungen über die Parties im Berliner Club Berghain, denn für die ist Frau Hegemann eindeutig zu minderjährig. Wo genau sie die Schilderungen gefunden hat, konnte der Herr Deef von der Gefühlskonserve ausfindig machen: Im Blog des geschätzten Herrn Airen, woraufhin es zu einer offiziellen Entschuldigung kommt und Airen ab der zweiten Auflage auch in den Danksagungen erwähnt wird. Ausgerechnet ein Satz wird wortwörtlich übernommen: Berlin is here to mix everything with everything, und Mifti unterhält sich mit ihrem Bruder darüber, von wem der Satz stammt: „Es ist also nicht von dir?“ – „Nein. Von so ’nem Blogger.“

Im Gegensatz zu so 'nem Blogger, dessen Mexiko-Episoden ich immer gern gelesen habe, wird es bei Hegemann so ab Seite 50 deutlich mühsam. Der Selbsthaß, die Selbstverachtung leiern in zunehmend redundanten Schleifen vor sich hin, und etwas Handlung wird nötig. Leider läßt Mifti kein Personal neben sich zu, weil sie allen Raum mit sich und ihren Tiraden füllt, und wer da sonst noch herumläuft, bleibt Nebensache. Es kommt zu einem Konflikt mit ihrer Freundin Ophelia, die auch irgendwie kaputt ist, von der Familie sagt sie sich los, die Begegnung mit ihrer alten Liebe Alice gerät zur Enttäuschung. Am Ende, so ahnt man, folgt sie wohl ihrer ehemals saufenden, wütenden, kaputten Mutter auf ihrem Weg in die Isolation, vielleicht auch bis in den Tod.

Immerhin für das titelgebende Albinoaxolotl gibt es ein glückliches Ende in einer liebevollen Familie. Der kleine Lurch hat die biologische Eigenart, zeit seines Lebens nicht aus dem Larvenstadium herauszukommen und darf daher als Metapher für Mifti gesehen werden, die nicht erwachsen werden will. Das ist hübsch einfach, jedem verständlich und fügt der Angelegenheit keine unnötige Komplikation hinzu. Wenn Metaphorik immer so simpel funktionieren würde, wären die Germanisten massenarbeitslos.

Ja, es ist alles irgendwie trostlos, und das verehrte Kulturpublikum liest die Exzesse dieses minderjährigen Mädchens mit sanftem Schaudern. Anders ist die momentane Faszination auf allen Kanälen nicht zu erklären. Und scheinbar ist Frau Hegemann schlau genug, genau mit diesem Reflex zu spielen. Aber ich will mich nicht ködern lassen, weil mir Kunst, die mich manipulieren will, genauso unangenehm ist wie Kunst, die so tut, als gebe es mich nicht. Ich will nicht über einen Kamm geschoren werden mit dem Rest des Leserviehs, angefüttert mit Sätzen, die vollgestopft sind mit Adjektiven wie eine Wursthaut bis kurz vorm Platzen und letztlich so eitel sind in ihrer Forderung, sie gefälligst für ihre Schonungslosigkeit zu bewundern.

Ich bin ein launischer Leser: Wenn ich das Gefühl habe, an der Nase herumgeführt zu werden, verweigere ich mich. Ich will denken und Schlüsse ziehen dürfen und nicht einem Reflex verfallen, den man von mir erwartet. Es braucht eine ganze Menge guten Willen, diesem frühreifen, plappernden Kind zuzuhören und seiner ziellosen, verzweifelten Irrfahrt zu folgen. Vielen reicht schon die Ausgangskonstellation des kaputten hübschen Mädchens, das so dreckige, böse Wörter in den Mund nimmt. Mir nicht, weshalb sich die Faszination schnell abnutzt. Einen ganzen Roman hätte es dafür wirklich nicht gebraucht.

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Außergewöhnliche Situationen verlangen außergewöhnliche Maßnahmen. Ein Verlag buhlt um einen Autor, der bislang nicht durch Prosa aufgefallen ist, und steigert sich dabei von Eigenwerbung und schmeichelnde Vergleiche in die Beschwörung von Schicksal und Geschichte hinein, ja gar von Liebe ist die Rede. Dabei ist das große Werk noch nicht einmal geschrieben.

Our shelves groan and bulge and spill over under the weight of Ezra, Larkin, Hughes and Heaney. And that’s just the surface; deep as it may seem. We feel very strongly that you belong in this company. To me (and to many of my colleagues) you are already in this company. It would be the fulfilment of my most pressing and persistent publishing dream to see that ‘ff’ sewn into the spine of your Life. Just any other publisher won’t do. You deserve Faber and the love we can give you. History demands it; destiny commands it.

(Aus einem offenen Brief von faber & faber an Morrissey.)

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Ich gehe ins Wellnessbad und verabschiede mich innerlich von der Riesenrutsche. Was mir nicht leicht fällt.

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Google scheint für das FAZ-Feuilleton der späten Nullerjahre eine ähnliche Rolle zu spielen wie Anfang des Jahrzehnts Hitler für den Spiegel.

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Unter zehn Zentimeter dickem, solidem Eis wider Erwarten auf eine Kulturschicht gestoßen. Fortbewegungsmittel der späten Compuserve-Periode, italienisches Fabrikat, grün. Offenbar hatte das Eis konservierende Wirkung, die Funktionalität scheint intakt. Zur Zeit arbeiten wir an der vorsichtigen Öffnung des Innenraums.

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Avantgarde: Danke für den Link zum BR-Artikel, nur dort konnte es passieren, dass Christian Kracht als Provokations-Prolet bezeichnet wird. Das Gegrantl gegen Axtolmkill geht aber in Ordnung und kommt präzise zum Schluß: "Jeder Satz Hegemanns ist produziert und abgeschrieben –... ...
[eriktheodor am 2010.02.09, 22:43]

...
Heinz Buttke, das wird ja immer schöner. Danke für den Hinweis. Ich auch, Simon, ich auch. ...
[andreaffm am 2010.02.09, 21:25]

...
Nach alledem habe ich Schwierigkeiten, weitergehende Spekulationen aus meinem Kopf wieder zu verbannen ... ...
[simons am 2010.02.09, 19:10]

Beim Film scheint es ja ähnlich zu sein.
Schaut man sich bei youtube den kürzeren der beiden Trailer zu Hegemanns Film an, so wird dort der recht bekannte (über 2 Mio. Klicks) Viralspot mit der jungen Dame, die angeblich nur noch ihre Muschi zum Streicheln hat und deshalb... ...
[Heinz Buttke am 2010.02.09, 18:09]

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Die SZ sieht's auch locker: Und sollten Sie auch demnächst Ihre Blogeinträge in der großen Weltliteratur wiederfinden, trösten Sie sich mit folgendem Zitat des selten erreichten Theodor Fontane: "Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller... ...
[Avantgarde2010 am 2010.02.09, 18:00]



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