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Am ersten Klagenfurt-Tag haben wir keinen Siegertext gehört. Allerhöchstens einen Trostpreisträger, der nach drei Stichwahlen irgendwie so durchrutscht. Allerhöchstens. Man könnte auch sagen: Das war nix. Aber ich bin noch ziemlich entspannt, denn das gehört zum ersten Tag dazu, man sitzt da und ist fassungslos ob des Verharrens der Gegenwartsliteratur im Historizistischen / Simplizistischen / Intimistischen. Diesmal mitunter im Fäkalistischen. Aber es wird alles gut, ich bin mir sicher, am zweiten Tag erste Texte mit Potential, die vermutlich gnadenlos abgewatscht werden, dann wieder ganz schreckliches, die abgewatschten Texte werden kollektiv rehabilitiert und dann kommt kurz vor Schluß ein Knaller. So wird es auch diesmal ablaufen, ich kenn das doch. Das ist die erste gute Nachricht. Die zweite besteht in der Anwesenheit von Daniela Strigl.

Der erste Lesende ist Gunther Geltinger, der sein Hemddekolleté weit offen stehen hat mit Blickfreigabe aufs Unterhemd. Herrje, so läuft man doch nicht herum. Außerdem sagt er in seinem Videoportrait Sätze wie: Die Leere ist ein genauso unaushaltsamer Zustand wie die Überfülle. Der Text, Auszug aus einem Roman, ist so eine Geschichte über eine verwahrlosende, tablettenabhängige Künstlermutter irgendwo in der platten, moorigen Weite nördlich von Hannover, oder wo Deutschland auch immer aufhört, so etwas wie eine anständige Landschaft aufzuweisen. Das Ganze erzählt aus der Perspektive des Sohnes, der übrigens stottert, was er mit dem Autor gemeinsam hat. Reiner Zufall, wahrscheinlich. Na, jedenfalls ist das Kind ordentlich traumatisiert, und wenn ich böse wäre, würde ich dem Autor Traumaverarbeitungsbedarf vorwerfen. Ich bin aber nicht böse. Mir ist nur langweilig.

Frau Strigl meldet sich gleich zu Wort und meint, tristes Landleben im Norden Deutschlands sei ja auch schon ein eigenes Genre. Und überhaupt: Blut und Kotze statt Blut und Boden, und Radikalität durch Körpersäfte. Dennoch: Im Scheitern des Kleinen sehe man schon das Scheitern des Großen. Frau Strigl geht es, kurz gesagt, wie mir und hört nur noch Pissekotzescheiße. Ich hab nicht mitgezählt, es waren aber volumenmäßig ein paar Eimer voll. Der Herr Winkels stimmt im Großen und Ganzen zu, fragt sich aber manchmal schon, ob das nicht Karikatur sei. Zugunsten des Autoren. Ich befürchte aber nicht. Und, so Winkels wieder, mit ein paar Drehungen hätte man da prima Trash draus machen können. Frau Keller bemüht sich erst einmal um die Deutung der Metaphern, das ist ja sehr redlich, bringt uns aber auch nicht weiter hier. Herr Jandl stützt die Striglsche Genretheorie und ergänzt, die Antiidylle habe sich von den Bergtälern nach Norddeutschland verschoben, wo selbst die Heidschnucken auf der Weide noch melancholisch verschattet seien. Er sieht aber ein Problem mit der Erzählhaltung zwischen Literatur und Rollenprosa. Herr Sulzer hat den Autor ja eingeladen, und nun muß er erst einmal den Trashverdacht von sich weisen. Herr Spinnen hat auch kein Trash gelesen, eher Methode des 19. Jahrhunderts, und sei dem widerstrebend, aber gebannt gefolgt.

Nummer zwei des Vormittags ist Maximilian Steinbeis, der Jurist und Bayer ist und beides mit einiger Überzeugung. Er wurde von Burkhard Spinnen eingeladen und liest "Einen Schatz vergraben". Das ist ein schlauer, machmal bißchen überschlauer Text in Form einer Gebrauchsanweisung, wie es anzustellen sei, alles Hab und Gut in Gold umzutauschen, um es dann, der Crash (hier nur "Katastrophe" oder "Tag der Abrechnug" genannt) kommt ja bald, zu vergraben. Das geht nicht ohne Opfer. Bestimmt bekommt Steinbeis einen Preis, aber nicht den Bachmannpreis.

Eine Schnurre oder Posse sei das, sagt Herr Sulzer, eine witzige Geschichte, das habe eine Pointe und das funktioniere nur beim ersten Mal Lesen. Daß es keine Personen im traditionellen Sinn gibt, hält er für ein Problem. Jandl fand den Text nicht einmal witzig. Winkels war eher angetan und hält ein Kurzreferat über Geldwirtschaft und klassische Schatzmotive, bei denen immer ein Schädel in der Nähe sei. Applaus. Frau Keller ist auch als Schweizerin über die Euro-Krise erschüttert. Frau Strigl sieht eine Persiflage von Ratgeberliteratur, kein Brüller, aber witzig. Mit seiner Moral, die Rückkehr zu alten Werten funktioniere nur mit der Entwertung menschlicher Werte, sei er ein antihimanistischer Text. Dann kommt ein längerer kluger Exkurs, wie ihn nur Frau Strigl halten kann mit dieser Brille und dieser Frisur und dieser ganzen Striglhaftigheit, und schließt: Also mir hat's gefallen. Frau Feßmann bringt dann noch mit der Rolle des Ratgebers als Mephisto auf und meint, gerade beim zweiten Lesen sei der Text gut. Aber warum Spinnen dieser Text gefällt und letztes Jahr Aleks Scholz nicht, will ihr gerade nicht in den Kopf. Das erklärt Spinnen dann einigermaßen ausweichend, aber warum ihm dieser Text gefällt, das erklärt er dann ziemlich genau. Die Griechen stünden vor ihrem Parlament und bewerfen die Abgeordneten mit Steinen, aus genau diesem Grund.

Daniel Wisser sorgt nun als Nummer drei für eine Antiklimax. Allein schon das Videoportrait läßt Übles ahnen, und auch wenn der Morgen schon fäkal genug war, so muß man das wohl als Kunstkacke bezeichnen. "Standby" heißt der Text, und irgendwo bei der Wortkette Vater - Morphin - Heim - Stuhlgang schalte ich innerlich ab. Der gesamte Text ist im Passiv geschrieben und trudelt von Belanglosigkeit zu Belanglosigkeit. Anfang gefällig? "Die Stirn wird betastet. Es wird ein Wort gedacht: Augenkopfschmerz. So wird dieser Kopfschmerz von ihm bezeichnet. Sieben oder acht verschiedene Arten von Kopfschmerzen können unterschieden werden. Von der Frau wird behauptet, er sei dauernd krank, ständig erkältet." So geht das ewig weiter und es passiert ungefähr null, abgesehen von ein paar scheiternden Sozialkontakten. Eingebrockt wurde uns das von Paul Jandl.

Winkels sieht auch hier wieder satirische Überzeichnung, nämlich die eines zwangsneurotischen Kleinbürgers mit apokalyptischer Grundtendenz. Aber Probleme gebe es, nämlich inkonsistente Personen und die Darstellung von Monotonie mit monotonen Mitteln. Strigl: Man kenne ja viele Sonderlinge in der Literatur, der Passiv bringt einen neuen Ton hinein, und unheimlich sei der Kerl hier ja auch. Die Gemeinheiten seien sehr unterschwellig, und daher habe der Text sie überzeugt. Der Einwand sei: Vorfahren sind Genazino und Houellebecq, und die könne der Text nicht ganz abschütteln. Frau Keller stimmt zu und fühlt sich nicht behaglich. Spinnen hat so viele Texte dieser Art gelesen, daß er sich wundert, daß es überhaupt zu Fortpflanzung zwischen Männern und Frauen kommt. Abgesehen vom Callcenter sei in diesem Text wenig Heute, und der Passiv sorgt für etwas maschinenmäßiges. Die falschen Konjunktive haben ihn dann völlig rausgehauen. Sulzer sagt das B-Wort und wähnt ein Bernhard-Imitat. Strigl: "Jemand, der sich so in das Innenleben einer Waschmaschine vertiefen kann, verdient genau diese Sprache, die er hier bekommt." Spinnen hält dien Autor anscheinend für ein One-Trick-Pony: "Das kann man Leuten in der Schule geben und sagen: Machma anständig." Und sagt dann schon wieder das B-Wort.

Es folgt Anna Maria Praßler, Dehbuchautorin aus Natürlichberlin. "Das Andere" heißt der Text. Es geht um eine Frau, eine angehende Wissenschaftlerin, die das Grab ihres Ex-Freundes demonstrativ nicht besucht. Und da wird dann die ganze Beziehungsgeschichte erzählt, die labile Denkerin, der lebenstüchtige Tontechniker, wie sie zueinander finden und wieder auseinander geraten. Eingeladen von Burkhard Spinnen.

Naja. Viele große Themen seien das ja, sagt Frau Feßmann, aber es entstehe nicht wirklich ein Erzählraum. Das sei eher wie ein Storyboard. Sulzer hat gar das ungute Gefühl, etwas eigentlich Triviales zu lesen. Herrn Winkels wiederum ist das alles zu deutlich, man erkenne gleich die Absicht und sei verstimmt. Klug durchgespielt, ja, aber eben nur das. Herr Sulzer mußte nirgends so viel anstreichen wie hier. Herr Jandl moniert Schlagersätze: "Zu zweit, ich und er. Wer auch immer er war, wer auch immer ich." Winkels bemüht sich um Exegese der Negationen. Herrn Spinnen muß jetzt mal zur Verteidigung schreiten: Ihm habe die Figurendarstellung imponiert, das sei natürlich Rollenprosa und ein ausgesprochen gegenwärtiges Psychogramm einer Frau, die den Mann benützt, damit es ihr besser geht. Herr Jandl findet den Spinnen-Kommentar besser als den Text. Herr Spinnen findet das selbstverständlich, daß Kommentare einem Texte aufschließen, das sei im Seminar auch immer so gewesen. Blickwechsel. Die beiden sind glaub ich nciht so gute Kumpels. Frau Strigl bekennt sich zu einer gewissen Lauheit.

Au Einladung von Hubert Winkels kommt Antonia Baum aus Sowiesoberlin und liest "Vollkommen leblos, bestenfalls tot." Das ist so ein leicht angezürnter Monolog über eine Jugendliche mit Entwicklungspotential. Hm. Immerhin ist sie sehr dekorativ.

Ich hoffe, das soll keine Thomas-Bernhard-Parodie sein, sagt Strigl. Die satirische Verve gefällt ihr stellenweise gut, und zwar immer an den Stellen, wo Thomas B. vergessen wird. Sulzer meint, es findet eine Entwicklung statt. Aber er wundert sich, daß es noch Menschen gibt, die Gelsenkirchener Barock haben, er dachte, alle wohnen in Ikea. (Er würde sich wundern.) Keller: Ein Text mit einem großen Schmollmund. Aber was dann kommt, sei schon etwas schwachbrüstig. Dann Diskussion, ob die Berhardhaftigkeit bewußt ist oder aus dem Schlamm des kulturellen Gedächtnisses emporgeblubbert. Wir werden es wohl nie erfahren. Winkels erklärt jetzt erstmal den Text und seine Stilprinzipien. Und es sei ja ein ganz anderer Zorn, einer, der noch an Liebe glaubt und daran, daß die Welt anders ein könnte. Ein weiblicher Zorn, findet Frau Stadler, die auch mal was sagen will. "Wäre Thomas Bernhard eine Frau und wäre er 18, hätte er so einen Text geschrieben", sagt Jandl. Spinnen macht jetzt eine Analogie auf, man könne ja auch manchmal nicht verstehen, in wen sich Menschen so verlieben. Und so sei das mit Texten auch mitunter. Den B.-Autor wolle er jetzt nicht nennen.

Und so endet der erste Lesetag. Die Jury war weder von schlagender Brillianz noch von schlagender Blödheit, sondern irgendwo dazwischen. Die Autorenausbeute eher unterdurchschnittlich, aber das kann ja noch werden. Morgen kommt ja immerhin die Semiprominenz, und die wird mindestens unterhaltsam, hoffe ich.

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Freude, ...

... dass Sie auch dieses Jahr wieder dabei sind (und mittlerweile sogar einen Twitteraccout besitzen, wie ich gesehen hab).
Kann mich natürlich nur vollumfänglich anschließen, der Tag war schwach.
Die Weltwirtschaftskrisen-"Schnurre" zündete noch am besten, außerdem bewundere ich jeden Autor für den aussichtslosen Versuch, mit einem humorigen Text bei der Jury zu punkten (Wobei, hatte nicht mal "der Kaiser von China" gewonnen?).
Es bleibt also spannend. Bis morgen!

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Derart durchschnittliche Prosa muß man auch erstmal hinbekommen. Aber ich habe Hoffnung. Morgen wird sicher besser.

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Wie schön, daß hier inzwischen auch was steht. Umständehalber bin ich inzwischen so entkräftet, daß ich es nicht lesen kann. Aber heute abend ...!

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Als ich heut morgen die kleine Notiz von Lena Bopp in der Print-Ausgabe las vermutete ich, daß uns in diesem Jahr Klagenfurt-Diät bevorstünde. Nie habe ich mich lieber geirrt! Danke! Bitte, gütigst fortfahren zu wollen. Achso, um der Pflicht zu genügen: f**, sh, pi**. Seltsame Moden hat die literarische Welt manchmal.

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Was ich gestern sah, hielt sich in einer merkwürdig unmotivierten Balance, ein wenig mißmutig und uninspiriert gleichermaßen Autoren und Jury, anstelle mutiger Balanceakte oder zumindest einer Ahnung / Gewißheit, daß in den Texten sich auch Literatur verbirgt. Hübsch anzuschauen war der eine Beitrag gewiß, aber kein wirklich großer Wurf. Heute habe ich keine Gelegenheit gehabt, dem Wettbewerb zu folgen, und freue mich daher auf Ihren verläßlichen, aber auch unbestechlichen Bericht aus Klagenfurt, Frau Diener!

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Ich komm nicht so richtig nach. Diese Arbeit etc. :)

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Besten Dank !
Ich freue mich, dass Sie Klagenfurt gucken und zusammenfassen. Das les' ich gern und nutze die übrige Zeit, unterm Feigenbaum zu sitzen und zu lesen oder zu arbeiten!
Es grüßt DF

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Ja, Feigenbaum, das wär was. Aber raus muß ich jetzt auch, zuviel Text im Kopf.

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Die Spiegelneuronen empfehlen Standby

So apathisch wie vom Daniel Wisser vorgelesen wird [oder besser: vorgetragen wird] bildet ein Standby der eigenen Aufmerksamkeit einen legitimen Schutz. Immer dann wenn vom Vortragenden vom Blatt aufgeblickt wird, und dennoch ein weiter sprechen erfolgt, wird von ZuseherInnen, mitunter auch unwillkürlich, der Eindruck von diversen gekauften Geständnis-Srohmännern assoziert.
Gerade durch das Aufblicken wird vom Vortragenden der Eindruck verstärkt: Es mögen alle aufgepasst haben! Es hat wirklich so zu sein. Jedem Zweifel wird mit Konsequenz des Passiv versucht entgegen zu wirken. /// [Schön dass es diese Videoporträts gibt, welche eine ungefähre Vorahnung des Folgenden ermöglichen; mal schnell die defakot-Spaßfunktionen des Videoschnittprogrammes getestet, und fertig ist das Autorenpoträt]

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'einen hab ich noch'


hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
[hadephy am 29.01.17 23:39]

For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
[hadephy am 10.12.16 16:05]

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Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
[EinGedanke am 13.09.14 11:27]

ich war schon wieder in china


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[andreaffm am 12.08.14 17:04]

Ich erzähle was über den Mekong


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[andreaffm am 04.06.14 23:06]

...
Ich erzähle was über Wien. flattr.com  ...
[andreaffm am 27.04.14 13:39]

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Ist hier : www.wrint.de  ...
[andreaffm am 07.03.14 21:53]

...
DA freu ich mich drauf! :-)  ...
[m8 am 07.03.14 21:42]

...
Ich erzähle was über Burundi.  ...
[andreaffm am 06.03.14 21:34]



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