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Gleich geht es weiter mit dem blutrünstigen Gemetzel mit dem Ziel der Vernichtung im Internetz Ihres Vertrauens. Denn so gnadenlos, wie hier Personen zerstört werden, geht es in der ehrwürdigen Presse natürlich niemals zu. Nie! Es ist also Samstag früh, es gibt Himbeerkuchen. Und vor allem gibt es Peter Wawerzinek, eingeladen von Meike Feßmann. "Rabenliebe" heißt der Text, der nach einem einigermaßen schlimmen Film mit Ostseegerausche und Klaviergeklimper dann aber gar nicht so schlimm ist. Erst wundere ich mich über diese verschwiemelte Romantik in Wort und Bild, und Heimkindheit und nun schon wieder DDR, aber irgendwie gewöhne ich mich dran. Und nach einiger Zeit komme ich rein und jetzt gefällt er mir, weil er sämtliche Rührseligkeiten und Klischees, die kommen könnten, gut umschifft. Allerdings glaube ich auch, daß er auf die eingestreuten Nachrichtenmeldungen von mißhandelten Kindern locker verzichten könnte. Egal, ich lehne mich zurück und höre eine Geschichte und achte nicht mehr auf Kleinkram. Und das ist immer ein gutes Zeichen.

Frau Keller meint, der Text habe durch Vorlesen sehr gewonnen und ist ganz angetan von der "eiskalten Kindheitswelt". "Ungemein intensiv", sagt Winkels. Und nun wieder Fleischanderl, das Ärgernis in Jurorengestalt, dauerschlechtgelaunt abkanzelnd, und zwar alles, was ihren rigiden Vorstellungen nicht entspricht. Das schramme ja am Klischee, und verharmlosend sei das auch. (Im Nachheinein, beim Abtippen, ärgere ich mich gleich nochmal. Später nämlich sagt sie, die Deutschen könnten keine österreichischen Tonfälle beurteilen. Vielleicht sollte die Fleischanderl einfach keine deutschen Tonfälle beurteilen, und schon gar keine ostdeutschen.) Herr Sulzer ist nun einmal gar nicht ratlos, sondern sagt grundsätzliches zum Thema ältere Autoren und Erfahrungshintergrund. Das muß nicht immer stimmen, aber hier geht es auf. Jandl verweist an Eichendorff (ach so, ja, ich bin ja kein Germanist). Nun läuft Frau Feßmann als anständige Einladerin zur Hochform auf und geht Fleischanderl an: Der Text solle nicht weiter mit kleinlichen Einwänden demontiert werden. "Und nun zu Ihnen, Herr Winkels!" Ah, Literaturwut. Schön, daß es sowas noch gibt. Feßmann wird mir gerade sehr sympathisch. Dem Publikum auch, denn es gibt Szenenapplaus. "Äh, wenn ich dann auch mal was sagen darf", meldet sich der Autor zu Wort, und dann erklärt er, daß so ein Text eben immer nur in einem Stadium ist, aber irgenwann ist der eben mal fertig. "So machen wir das kalte Bufett jetzt, und es ist egal, ob dann wieder Tante Liesel kommt und sagt, Knoblauch mag sie nicht." Er trage sich seit vielen Jahren mit dem Stoff und nun habe er ihn eben endlich schreiben müssen. (Das gefällt mir: Fleischanderl als Tante Liesel. Das rückt Dimensionen zurecht.)

Iris Schmidt aus Düsseldorf muß nun undankbarerweise direkt nach Wawerzinek lesen, und leider geht es in ihrem Text auch um Schnee. Von ihr gibt es kein Portrait, "sie hat darauf verzichten mögen", sagt die noch immer vorbildlich zurückhaltende Clarissa Stadler. Schmidts Text ist wieder so einer mit Pointe, aber da ist so viel Gerümpel drin, so viel Unwichtiges, so viele abgegriffene Formulierungen, daß ich mich frage, was die Dame hier eigentlich macht. "ihre ersten literarischen Versuche waren kleine Parodien über den Büroalltag", heißt es in ihrem Lebenslauf, und das ist nun wirklich ein wenig arg ungeschickt. Wer teilt denn sowas öffentlich mit? Oder schon wieder Ironie? Ich bin verwirrt. Der Text handelt übrigens von einem Außendienstler, der Arztpraxen mit Medikamentenproben bestückt, in einem irgendwie aus der Zeit gefallenen Berghotel übernachtet, es schneit schlimm, das Auto springt am Morgen nicht mehr an, plötzlich macht keiner mehr die Tür auf. Es wird immer kälter, er findet zwei erfrorene Wanderer und in deren Manteltaschen einen Autoschlüssel. Hurra!

Die Jury nimmt sich nicht viel Zeit dafür, den Text einhellig zu verreißen. Spinnen meint, hier werde "etwas ungelenkes, unbeholfenes, unwichtiges geschildert". Mehr will er nicht sagen. Jandl gemahnt an Shining und Kafka. (Immer wenn die Wirklichkeit verrutscht, muß jemand Kafka sagen. Vielleicht ist es so, daß der erste, der dann Kafka sagt, gewinnt. Eine Gratispizza am Abend oder so.) Handwerklich, sagt Jandl, sei das nicht schlecht gemacht. (Ach. "Ein kleiner gemütlicher Raum im ländlichen Stil", "warf sich genüßlich auf die Matratze", das geht nicht. Das ist nur in so Bahnhofsfrauenromanen erlaubt, und auch nur in denen mit rosa Cover.) Sulzer und Fleischanderl sind auch eher underwhelmed, und Winkels: "Stephen King für Arme". Das find ich jetzt doch ein bißchen hart. Frau Keller hat jetzt arge Mühe mit der Verteidigung ihrer Autorin und redet sich auch aufs Handwerkliche raus, das solide gemacht sei, und ansonsten sei der Text subtil und unaufdringlich und respektabel.

Es weckt uns Christian Fries, nein doch nicht, es geht nämlich nicht los. Weil der Text "Hutmacher, privat" aus einem Kurzroman mit dem Titel "Der Reich'sche Ansatz" stammt, muß uns erst einmal ein Erklärraum eröffnet werden und Fries doziert über Wilhelm Reich. Dann kommt eine luschtige Geschichte eines Schauspielers, kein allzu sympathischer Erzähler übrigens, was mich ja oft für den Autor einnimmt, so auch hier. Aber so brüllend komisch wie das Publikum finde ich das jetzt nicht. Leidlich interessant, sprachlich unauffällig, oder: gefällig. Hm.

Winkels will die Spaßbremse geben: "Kalauer um Kalauer, Slapstick um Slapstick." Das Saalpublikum ist nicht einverstanden mit Winkels Kritik. Feßmann findet, die stille Lektüre kitzelt mehr aus dem Text raus, was beim Vortrag nur als Kalauer ankam. Fleischanderl: "Sexspäße kommen in einer verklemmten Gesellschaft gut an." Ich wüßte gern, worüber Fleischanderl lacht. Dann sagt sie "Wuchtldruckerei", sowas wie eine Pointenschleuder sei das wohl. (Wörtlich übersetzt bedeutet es "Kreppelquetscherei", was auch nicht übel klingt.) Sulzer hat ein Nichtgefühl, was die Figuren betrifft. Außerdem versteht er die Reich-Geschichte nicht. Keller interpretiert gutgelaunt, der Protagonist bilde Brennpunkte auf viele Phänomene der Gesellschaft. Jandl muß nun sich und den Text erklären: Keine Satire, sondern Groteske, Oblomov, und das Lachen könne man dem Text ja nicht zum Vorwurf machen. Fleischanderl wirft ein, es sei einfach, sich über Menschen mit einem falschen Bewußtsein lustig zu machen. Jandl: Was ist ein falsches Bewußtsein? Fleischanderl: Adorno lesen! Und: "Ich spreche gerade für den Text, merken Sie das nicht?" Spinnen fragt sich, wie der Text klingt, wenn er nicht aus Highlights aus dem Buch zusammengeschnitten ist, ruhiger womöglich. Und nun muß wieder der Autor erklären, das seien keine Highlights, das gehe die ganze Zeit in dem Ton weiter.

Zur letzten Autorin des Wettbewerbs: Verena Rossbacher aus Österreich, was noch wichtig wird, liest "Ein Alphabet der Indizien". Und die ist völlig wahnsinnig. Liest eine Tirade eines Mannes, der offenbar jemanden auf dem Gewissen hat, was man aber wieder erst am Schluß erfährt, davor kommen biblische und Naturmotive, sehr lyrisch das, und vorgetragen in so einem hysterisierten Ton, den man Autorinnen nur durchgehen läßt, wenn sie jung und hübsch genug sind. (Da läßt man Autorinnen ja vieles durchgehen.)

Eine auf Hochtouren laufende Sprachmaschine, sagt Fleischanderl, da hat sie recht, aber sie erfasse keinen Gegenstand und laufe im Leerlauf. Und nun die allgemeine Bemerkung an die bundesdeutschen Kollegen: Die hätten kein Gespür für österreichische Tonfälle, verstünden sie entweder nicht oder ließen sich blenden. Feßmann ärgert sich sichtlich: Grauenvoll manirierter Text, affektiert vorgetragen, das sei eine Vuvuzela, die trötet: Ich bin Kunst! Ich bin Kunst! (Oder: Krawehl, krawehl, wenn man gemein sein will. Taubtrüber Ginst im Musenhain. Aber wir sind ja nicht gemein.) Aber für die Kunstfertigkeit zollt sie dennoch Respekt. Sulzer bekennt, den Text am Morgen um 6 noch schnell durchgelesen zu haben, aber die Lesung hat ihn ihm kaputt gemacht. Jandl hat generelle Probleme mit biblischen Motiven. Winkels erklärt, Mariä Verkündigung sei in der Kunstgeschichte durch träufelnde Sexworte dargestellt. Und Manierismus sei kein Vorwurf, sondern ein Stilmittel. Frau Feßmann gefällt aber trotzdem kein Manierismus. (Ist das jetzt nun ein Kriterium, was den Juroren gefällt? Darf man das jetzt auch laut sagen, daß vor allem das zählt?) Spinnen verteidigt seine Autorin, der Text zeige Menschen beim Denken. Es werde ja in Sprache gedacht, und damit werde Ernst gemacht. Und schwangere Murmeln seien kein schiefes Bild. Feßmann meint, das müsse männliche Logik sein, Nein weibliche, sagt Spinnen. Keller fehlt die organisierende Instanz. Jandl findet, es werde eher einem Menschen beim Nichtdenken zugesehen. Außerdem findet er, die Paratexte Winkels seien schon eine eigene literarische Gattung.

Und damit endet die diesjährige Autorenparade in Klagenfurt. Morgen kommt es, wie immer, zu Wahl und Preisverleihung, wobei Frau Stadler vermutlich mindestens einmal das Verfahren nicht kapieren wird. Im Rennen: Elmiger, Scholz, Wawerzinek, Rossmann. Publikumspresi an Wawerzinek, es sei denn, die ZIA kann das Internet in genügender Stärke für ihren Kandidaten mobilisieren. Soweit meine Prophezeihungen, bis morgen früh.

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Ich möchte Ihre Kritik an Frau Fleischanderl nochmal unterstreichen. Gegen Ende kam es mir so vor, als hätte sie sogar Spinnen den Schneid abgekauft, der am 3. Tag völlig neben sich stand.
Wissen Sie, wen sie außer dem Kleinschmidt noch eingeladen hat?

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Und den Thomas Ballhausen

hat Frau Fleischhanderl eingeladen.

Ich bin ja noch kein alter Hase, was die tddl betrifft, darum kann ich auch keine Vergleiche zu früheren Zeiten ziehen. Was nicht zu übersehen ist: Frau Fleischanderl sagt nur was ihr gefällt und was ihr nicht gefällt ohne wirklich genau genug zu argumentieren, bzw. oft sogar ohne zu argumentieren.

Ein richtig absurder Moment war, als Jandl in einem Disput eine genauere Argumentation zu einer Begrifflichkeit einforderte und diese berüchtigte Jurorin nur sagte "ADORNO LESEN!" - als ob dies für Klärung im hier und jetzt von Nutzen wäre; die Kollegen abschaseln wie eine Frau Lehrerin in der Schule. Das war schon heftig. Jandls empörten Gesichtsausdruck kann ich mehr als nur nachvollziehen.

Das mit der Unfähigkeit des Verständnisses österreichischer und bundesdeutscher Tonfälligkeit, das habe ich überhört, nicht willentlich, sondern wahrnehmungstechnisch. Aber dennoch möchte ich klar stellen: Als ob es nur einen österreichischen Tonfall geben würde. (Tonfall habe ich doch als korrekten Begriff in Erinnerung -nicht?)

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ah, vielen Dank!

Keinen Sinn und kein Gespür für österreichische Tonfälle, das haben Sie richtig in Erinnerung.

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"Adorno lesen" war eine absolute Frechheit. Wie jemand mit so viel Überheblichkeit durch Leben kommt, frage ich mich ja schon.

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ham sie auch nicht.
das wurde richtig erkannt.

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Okay. Literatur zum Regionalphänomen runterkochen. Klingt plausibel.

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