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Der Morgen beginnt mit Thomas Ballhausen aus Wien, eingeladen von Frau Fleischanderl. Literaturwissenschaftler, Musikkritiker, bibliphil. Ich ahne Übles. Der Autor sagt, er wolle Philosophie und Literatur zusammenbringen, aber ich muß "Cave Canem" mitlesen, weil mir immer wieder die Gedanken entgleiten. Es geht um Dichter und Verleger, eine Partygeschichte, Ausschweifung, antike Motivik, eine blinde Wahrsagerin, Koitus. Und allen Ernstes Tarotkarten. Tarotkarten gehen eigentlich gar nicht.

Hubert Winkels spricht schon wieder von Kursivierungen, und weil ich den Text angeschaut habe, weiß ich diesmal auch, wovon er redet. Der Text wirke rätselhaft, sei es aber nicht. (Mir ist höchstens rätselhaft, was der Text mir sagen will, und warum.) Es gehe um die vollkommene Sprache, interpretiert Winkels, vor dem Turmbau zu Babel, Versatzstücke aus dem Kleiderfundus der Geschichte, aber alles gewollt, "eben spielerisch". Der Begriff "spielerisch" entschuldigt ja auch viel planloses Herumgeschusser. Fleischanderl hat's wieder mit dem Realismus, der ihr nicht genügt: Der Autor schreibe von einer Warte aus, wo er sage, der Alltag genüge ihm nicht. (Als ob das allein schon ein Verdienst ist.) Sulzer freut sich: Endlich Geschlechtsverkehr. Frau Keller schwelgt in barocker Metaphorik, während Jandl meint, der Autor sei nicht mehr Herr der Dinge. Frau Feßmann stellt ein paar unbequeme Grundsatzfragen an die Sprache des Textes und sucht Vergleiche: "Bißchen Ransmayr, bißchen Jünger, vielleicht bißchen Georg Klein." Burkhard Spinnen mit seinem neuen Bart (ich finde ihn wirklich schlimm) interpretiert und sagt dann folgenden güldenen Satz: "Kommen wir zum Sex – das ist immer eine Nagelprobe." Es darf gelacht werden. Trotz Bart läuft Spinnen zur Hochform auf: Das sei hier das Problem des Poeta doctus, der viel über die Figuren weiß und es nicht in Darstellung umzumünzen weiß. Frau Keller findet die Diskussion gerade sehr spannend. Ich hingegen habe das Gefühl, da gibt es Juroren, die den Text mögen, und welche, die nicht. Und beide suchen krampfhaft nach Argumenten, die ihre Vorlieben akademisch unterfüttern. Selten kam mir Literaturkritik so sinnlos vor wie jetzt gerade.

Max Scharnigg ist nun an der Reihe. Er lebt im Münchner "Speckgürtel, mit Eltern in Kaffeefahrtnähe". Im Hintergrund Riesenlüster über Billardfilz. O Gott, das ist doch jetzt hoffentlich ironisch? Er war auf der Journalistenschule und reist gern, dabei stapft er durch eine dieser entsetzlichen neureichen Vorgartenglyptotheken. Ich glaube fest an Ironie, obwohl, der Arzt mit dem Angebercabrio kannte ja auch keine Hemmungen. Es folgt "Die Besteigung der Eigernordwand unter einer Treppe", und das ist so einer dieser netten kauzigen Texte, die normalerweise immer von Schweizer Autoren kommen. Da hockt also einer unter einer Treppe und schreibt sich ideell durch die Eigernordwand-Beschreibung, während über ihm Treppe und Gattin bestiegen werden. Von anderen natürlich.

Jandl signalisiert Zustimmung, für Frau Keller aber ist die Metaphorik der Treppe ein toter Flußarm, der nicht weiterführt. Der Protagonist plaudere ja munter wie ein Bergbächlein. Herr Sulzer sieht lauter Unbeholfenheiten, zum Beispiel würden Hortensien nicht so hoch wie im Text behauptet, der Text erzähle ihm nichts. Frau Feßmann meint, der würde aber durch mehrmalige Lektüre besser. Spinnen diagnostiziert ein Regressionsmoment. Ein zeitgenössisches Weichei, das zum Hungerkünstler werde. Keller sieht nur wenige erzählerische Möglichkeiten angewandt. Allgemeine Ratlosigkeit, ob das Realismus ist oder nicht. (Das ist ja anscheinend die wichtigste Frage überhaupt, die es bei jedem Text letztgültig zu klären gilt.) Spinnen ist das nun zu blöd und sagt: "Man kann nicht auf einen Text zugehen und fragen: Bist du realistisch? Dann darfst du das nicht. Bist du phantastisch? Dann, nojoo." Winkels arbeitet hart an der Verteidigung seines Autoren, und Jandl beschließt: "Der Text will ein kleiner Text sein, und das ist ihm auch gelungen."

Aleks Scholz ist der diesjährige offizielle ZIA-Unterwanderer (wobei man das nicht mehr als Unterwandern bezeichnen kann, das hat schon was von Überrennen). Der Vorstellungsfilm, der vermutlich sämtlichen gewinnermöglichenden Kriterien entspricht, die die ZIA ausgemacht hat, zeigt ihn beim Windhundrennen. Der Text heißt "Google Earth" und erzählt ziemlich gemächlich von zwei Zauseln auf ihren Grundstücken, wobei der eine einen ziemlich ungewöhnlichen Selbstmord begeht: Er mietet sich zusammen mit den Rüben ein. Hm. Ja. Schon schön, Aber brauchen Texte wirklich so eine Pointe, auf die alles zuläuft? Wo man sich die ganze Zeit fragt, was macht der, und dann, im letzten Absatz, kapiert man: Ach, ja, der bringt sich um! Ach, was für ein schlauer Autor. Ach ich weiß nicht. Vermutlich soll ich jetzt jemandes Intelligenz bewundern, aber ich mag nicht.

Sulzer ist von dem stillen Text sehr begeistert. Keller findet die Sprache sorgfältig und die akustischen Phänomene gut beschrieben. Außerdem ist die Perspektive von oben mit Zoom sehr reizvoll. Fleischanderl findet das auch, aber nicht immer konsequent durchgehalten. Jandl: "Der deutsche Vorgarten in Echoraum des Alls." Wenn das ein Roman wird, will Sulzer ihn lesen, das sei makellos. Makellos, da stimmt Spinnen zu, aber genau das sei das Problem, der Text sei herzlos. Aber er outet sich als Googel-Earth-Junkie. Winkels hingegen meint, die bürgerliche Literatur sei ja eine einzige Herzensbeschwörung, insofern sei das ja so wohltuend. Feßmann findet den Text weniger makellos und perfekt. Und dann ist Mittag.

Judith Zander schließt sich an mit "Dinge, die wir heute sagten". Schlimm monoton liest sie die Geschichte einer Schwangerschaft, ungewollt und durch Vergewaltigung, im grauesten, ödesten DDR-Dorf. Das ist schon sehr hartes Brot. Und das alles in der zweiten Person, weil die Protagonistin wohl zu apathisch ist. Das wiederum leuchtet mir ein. Ja, das ist alles sicher ehrenwert, aber eben auch völlig matt und schlaff. Müssen DDR-Geschichten immer so grau sein?

Sulzer hat den Text gern gelesen, sagt aber durch die Blume, daß die Lesung der Autorin eher kontraproduktiv war. Und er ist froh, daß es die DDR nicht mehr gibt, diese entsetzliche Langeweile dort. (Das wäre jetzt nicht unbedingt mein Kauptkriterium gegen die DDR, aber gut.) Feßmann sieht weniger Langeweile als wunderbare Ruhe, und viele schön gearbeitete Stellen. Fleischanderl attestiert solides Handwerk, aber es brenne kein Feuer, den Tonfall könne sie über jedes Thema legen, das man ihr vorgibt. Winkels findet die Apathie leider langweilig dargestellt, und das ist, Reich-Ranicki zufolge, eben nicht erlaubt. Spinnen findet es ehrenvoll, und Keller ist am Schlüpfer hängengeblieben (passiert). So sehr hängengeblieben, daß sie die Autorin eingeladen hat.

Jett ist Josef Kleindienst dran, Österreicher, eingeladen von Frau Fleischanderl. Jetzt wollen wir natürlich alle sehen, wie sie sich einen feurigen Text vorstellt, da liegen jetzt durch ihr ewiges Gemecker schwere Erwartungslasten auf dem Herren. "Grenzen sprengen ist gut, ich sprenge gerne Grenzen", sagt der Autor im Portrait. Langweiliges Video. Und dann der Text. Oha. Nicht ganz Babyfickerniveau, niemand steht auf und stürzt hinaus, aber daß das nicht passiert, wundert die Jury dann auch. "Ausflug" heißt das Werk, und darin quälen zwei Männer, vor allem Wolfgang und eher unbeteiligt auch Alfred, eine Frau, die Silke heißt und ansonsten wenig Eigenschaften hat. Das wäre jetzt alles noch nicht so schlimm, aber diese Silke findet das auch noch gut und läuft Wolfgang hinterher und will, daß alles wieder so wird wie früher. Und am schlimmsten ist, daß die Sprache langweilig ist.

Hubert Winkels macht den Anfang. Das sei ein starker Stoff, aber der protokollarisch nüchterne Stil sei nicht durchgehalten, dauernd rutschten interpretierende Adjektive dazwischen. Sulzer findet den Text ziemlich brutal, aber als solchen perfekt. (Lesen Sie doch mal genau hin!) Frau Keller fragt sich, wie der Text dem Pornographieverdacht entkommen kann und den Leser nicht zum Voyeur macht. Die Antwort gibt sie selbst: Es müßte Brechungen geben. Frau Fleischanderl meint, es gibt Beklemmung, und das ist gut. (Ah, die gute alte Wirkungsästhetik.) Herr Spinnen würde aber lieber klüger werden und von dem Text mehr erfahren als nur, daß es so etwas wie sprachlose Gewalt gibt. Feßmann findet den Text dilettantisch, der Autor finde keine Haltung. Winkels findet es gerade gut, daß es keine moralische Haltung gibt. Jandl endet nun auch ein, daß das alles etwas zu konventionell erzählt sei. (Eben.) Da mache sich die Sprache zum Komplizen. Neben den ganzen braven Bildern sei diese Beklemmung eine Wohltat, beharrt Fleischanderl. (Die ist ja noch viel schlimmer, als die Radisch je war. Und das, liebe Leser, ist aus meinem Munde keine Kleinigkeit, die ich mal eben so dahergesagt habe. Leider ist die Fleischanderl aber auch völlig humorlos dabei. Ich sehne mich wieder einmal nach Daniela Strigl. Kann man die nicht irgendwie bestechen, wieder mitzumachen?)

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Sieht so aus, als hätten Sie heute die Nachtschicht vor sich.
Viel Erfolg dabei.

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Ich fürchte. (Uff, das ist die dritte Nacht in Folge, die ich lange aufbleibe. Langsam zehrt es an der Substanz.)

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Ich denke, am Starnberger See ist sowas nicht ironisch. (Das Starnberger See Magazin ist ja auch nicht ironisch gemeint.)

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Top-Thema: Großes Mops-Treffen in Ambach. Ich verstehe.

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Vergangenes Jahr dachte ich, dass es keinen Tiefpunkt mehr geben kann. Aber da wird man dann überrascht, dass es scheinbar noch ein bisschen blutleerer geht. Lichtblick ist Juror Winkels, der, auch wenn man ihm nicht immer zustimmen kann, mehr als nur halbgare Meinung präsentiert, sondern argumentiert. Was Leute wie Fleischanderl und Jandl in dieser Jury zu suchen haben, bleibt ein Geheimnis.

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Den Jandl finde ich gar nicht so übel. Aber Fleischanderl ist mir zu geschmäcklerisch.

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Mit Erleichterung

nehme ich zur Kenntnis, daß auch du nicht auf die ZIA hereingefallen bist. Scholzens Text (und das schreibe ich aus gutem Grunde:) erinnert inhaltlich, formal und sprachlich gar zu sehr an den von Kathrin Passig und dient wohl auch demselben ökonomischen Zweck. Diesem Treiben sollte Einhalt geboten werden.

Mit Gruß aus HB: Hella

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Wir bilden ja die Wawerzinek-Fankurve, glaube ich – exakt das, was Du schreibst, dachte ich auch. Für ihn habe ich auch beim Publikumspreis gestimmt.
Der hat auch bestimmt nicht so viele, die im Netz für ihn Wahlkampf machen.

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Fein. Ich habe ebenfalls dafür gestimmt, daß Wawerzinek den Publikumspreis bekommt. Und seine Reaktion hat gezeigt, was ohnehin klar war: daß er beide Preise nicht nur als Autor, sondern auch als Mensch verdient hat.

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hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
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Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
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American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
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Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
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