IMPRESSUM                     AKTUELL                      SUCHST DU WAS?                       THEMEN                     





                                           







Um zehn fängt das Bachmann-Wettlesen an, und das fängt pünktlich an. Leider fängt es mit Sabrina Janisch an, die einen Text mit dem Titel „Katzenberge“ liest. Das ist, wie Frau Janisch selbst, so eine halbpolnische Grenzlandgeschichte. Dorf, kurz nach dem Krieg, Natur raschelt und weht, Dielen ächzen, Mäusefamilien zerstieben. Gutsbesitzer hängen sich auf, neue Gutsbesitzer kommen aus dem Osten und übernehmen die Höfe, holen ihre Familien nach. Von den Dachsparren hängen Altlasten. Große Politik im Kleinen, aber leider im Kleinen dann oft schief und muffig. Das wird auch nicht aktueller, wenn es ein Opa einer Enkelin erzählt, wenn diese Enkelin weder als Figur noch als Erzählkonstruktion irgendeinen Mehrwert beizutragen hat, keine Distanzierung, keine Mythologisierung, nichts. Jedenfalls nicht in dem Ausschnitt, der mit vorliegt.

Hubert Winkels ist als Juror neu in der Runde. Er meldet sich gleich zu Wort und findet das Thema gewagt gewählt, aber man müsse dem Anspruch dann auch gewachsen sein. Da werde zu Beginn ein Schrecken evoziert, der dann doch zu harmlos ausläuft. Das sei, und da sagt er etwas sehr Gemeines, nicht weit weg vom Mitteleinsatz einer Stephenie Meyer. Was der alles kennt, der Winkels! Ich staune. Jandl schließt sich an. Sulzer dagegen kann sich provinzmäßig voll einfühlen, weil er ja im Elsass wohnt und das alles kennt. Gebüsch und so. Frau Feßmann findet, die Vorteile des Textes verkehren sich dauernd in Nachteile. Ja, sind das dann wirklich Vorteile in the first place oder nicht einfach nur Eigenschaften? Die sagen schon wieder lauter Sätze, über die ich so lange nachdenken muß, dass mir Teile der Diskussion entgehen. Herr Spinnen denkt nicht nach sondern schließt sich wortlos an. Unüblich für ihn, sonst kann er seine Zustimmung ausufernder verbalisieren. Frau Fleischanderl ist nicht berührt und will eine wildere und brutalere Sprache, während die verständnisvolle Frau Keller eine Lanze für die Erzähldramaturgie bricht.

Volker H. Altwasser liest. Ich bekomme das nur so mit halbem Ohr mit. Also gut, der Herr stammt aus Rostock, wo ich mir am Montag einen ziemlichen Sonnenbrand geholt habe, schöne Stadt, dochdoch, und unbedingt Fisch essen im Hafenrestaurant Borwin, sehr zu empfehlen. „Letzte Fischer“ heißt der Text, und darum geht es dann auch um Fische, aber nicht um frisches Kabeljaufilet an Blattspinat, sondern um seltene Kurznasen-Seefledermäuse, die es zwar wirklich gibt, aber der Rest der sorgsam aufbereiteten Verarbeitungsdetails (Handwerk! Detailtreue!) ist völlig fiktiv. Leider beginnt der Text fürchterlich abgeschmackt mit „Versonnen musterte der Dritte Offizier die Seekarte…“ und das will ich weder lesen noch hören, da können noch so viele gelehrte Moby-Dick-Referenzen drin sein. Schwierig ist auch, dass der Fischverarbeiter beim Fischverarbeiten dauernd über eine ziemlich banale Beziehungskiste (Ehe, durchschnittlich) nachdenkt. Ein Nachmittag in Rostock in Begleitung eines örtlichen Germanisten und eines Dresdner Historikers mit Autopanne ist da erstens interessanter und zweitens mindestens genauso intertextuell.

Frau Fleischanderl sieht viel Anspruch und wenig davon eingelöst. Da werde dauernd Anlehnung an Moby Dick betrieben, und dann sei die Darstellung so realistisch (und das ist aus ihrem Munde gerade kein Kompliment). Herr Jandl hat ein Herz für Fischhäutungsszenen, findet das alles aber zu jugendbuchhaft. Herr Sulzer fragt sich, warum auf einer Seite sechsmal das Wort „verdammt“ vorkommen muß (vielleicht wegen Realismus?) Spinnen und Winkels sind sich darin einig, dass die allegorische Ebene interessanter ist als die psychologische. (Bloß für was ist die Allegorie dann noch allegorisch?) Keller meint, die Liebesgeschichte muß raus. (Aber was bleibt sann übrig? Nein, die Liebesgeschichte muß einfach sehr viel interessanter werden. Dann interessiert sie vielleicht auch jemanden.) Es folgt allgemeines Verbeißen in den Kontext: Wie ist das eingebettet, wie geht es weiter? Das ist doch jetzt aber wirklich völlig egal.

Nach all den Nordlichtern nun ein Herr aus dem schönen Oberbayern. Christopher Kloeble macht so einen auf naiv: Ja soll man denn überhaupt erwachsen werden? fragt er im Vorstellungsfilm. Naja, manche schaffen es ja, Kindheit derart zu glorifizieren, dass sie sich eigene Ahnungslosigkeit damit schönreden können. „Ein versteckter Mensch“ heißt der Text, und Achtung, jetzt wird es wieder touchy feely mit Menschelringelpiez. Wahrscheinlich bin ich ungerecht, aber das ist so eine Geschichte über einem Sohn mit einem geistig zurückgebliebenen Vater, der auch noch demnächst stirbt. Wie der Vater an einen Sohn kommt, der demnächst Abi macht, und wo die Mutter ist, verstehe ich gerade nicht, aber vielleicht hab ich auch nur gröber etwas verpasst.

Herr Winkels meldet sich denn auch gleich zu Wort und findet vieles unplausibel. Ich für meinen Teil finde Winkels eine gar nicht so üble Bereicherung für die noch nicht ganz wache Jury. Feßmann meint, der Text verkrampfe sich dauernd, weil er so viel erklären muß. Jandl: „Der Bachmann-Wettbewerb ist ein Auffangbecken für Texte über Wahnsinn und Demenz.“ (Wahrscheinlich, weil man da ganz viel mit Sprache machen kann, so mit Wahrnehmung und so.) Herr Sulzer hält fest, dass der Text nicht putzig ist, Spinnen bemängelt den sentimentalen Schluß. Frau Keller, die ja für empfindsame Regungen empfänglich ist, findet die Konstellation der Figuren im Text „anrührend“. (Wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen anrührend und rührselig?)

Daniel Mezger, ein Schweizer, eröffnet den Nachmittag. Wie genau, weiß ich leider nicht, weil ich etwas zu spät aus der Kantine komme. Ich platze mitten in einen Monolog, worin sich einer an die Verflossene wendet, die aber nicht verfließen will und den Erzähler dauernd mit selbstdestruktiven Aktionen erpresst. Kein Text, mit dem ich warm werde, sprachlich unauffällig, inhaltlich nicht sonderlich interessant. Allmählich verliere ich ein wenig die Geduld, hier kommt ja wirklich nichts, was auch nur einigermaßen aus der üblichen Erzählbeliebigkeit herausragt.

Feßmann findet die Form nicht plausibel. Wenn das Ich sich lösen möchte, warum redet es dann die ganze Zeit mit dem Du? fragt sie. Frau Fleischanderl wendet ihren Standardeinwand ein: Zu harmlos. Was drängen und dramatisieren will, wirkt letztlich redundant. Auch Winkels meint, die „Redesituation ist das eigentliche Problem“, hier würde ein katholischer Exorzismus auf psychoanalytisch durchgeführt. Jandl plädiert für mehr Literatur und weniger Praxis, der Kitsch im Text sei ja Künstlichkeit. Spinnen hat gelernt: Wenn in einem Text keine Absätze sind, geht es um Sprache. Aber wie? Um was, und warum? Ich bin ähnlich ratlos wie das Gros der Juroren.

Den ersten Tag beschließt die Schweizerin Dorothee Elmiger, die aber natürlich in Berlin wohnt und das gaanz gaanz toll findet, deshalb läuft sie auf einem abgewracktem Industriegelände herum, das uns als Tempelhof vorgestellt wird. „Einladung an die Waghalsigen“ heißt der Text, und darin häufen eine Protagonistin und eine Fritzi Wissen aus Büchern an, nachdem alles rundherum irgendwie postapokalyptisch heruntergekommen ist. In Berlin kann man schon mal auf solche Ideen kommen. Der Stil ist so pseudosachlich mit Substantivierungsorgien ohne Ende. Ich brauche dringend Kaffee.

Frau Feßmann meldet sich gleich zu Wort. Das sei clever gemacht, weil sich die Autorin ein Spielfeld schafft, und da Figuren hineinsetzt, die sich ihre Phantasien erzählen. Winkels findet das auch und meint, was kursiv steht, sei aus den erwähnten Büchern. (Kursiv? Ich hätte gern irgendeine Kursivierungssignal gehabt, das mir das auch beim Hören verdeutlicht. So bin ich als Livestreamgucker im Nachteil. Kann ich eine Wiederholung in Zeitlupe haben?) Außerdem sieht Winkels eine Parallele zu „Jugend ohne Gott“ von Bruckner (Bruckner ist zumindest der Name, den ich verstehe. Wir wissen ja alle, dass das natürlich nicht stimmt, und Ödön von Horváth der richtige Autor wäre, aber ich hätte jetzt gern schon wieder eine Wiederholung in Zeitlupe oder zumindest Herrn Corino. So nuschelt nur Frau Stadler etwas besserwisserisches, aber so leise, dass es keiner versteht. Vielleicht ganz gut, dass man von Frau Stadler dieses Jahr so wenig hört.) Frau Fleischanderl ist auch angetan, „gewitzt und originell“ sei das. Das sind nun die beiden Eigenschaftswörter, die mir nicht unbedingt eingefallen wären. Herr Sulzer sitzt so in der Runde und ist froh, dass man ihm den Text noch mal erklärt hat. Er sei nämlich etwas ratlos, aber originell findet er das auch. Jandl packt jetzt das große Interpretationsbesteck für germanistische Textanamnese aus: „Man muß sich auf das Abenteuer dieses Textes einlassen“, befindet er, nachdem er ein paar Allegorien zu Leibe gerückt ist und anscheinend mit dem, was er dabei fand, zufrieden war. Frau Keller hat schon wieder Verständnis: „Das ist eine riesige Feier des Fragments in einer fragmentierten Welt.“ Ach, die Welt, die ist ja schon seit dem 19. Jahrhundert fragmentiert. Aber schön, wenn uns eine erklärt, wie die Gegenwart aussieht, wenn Frau Radisch das schon nicht mehr tun kann.

Damit endet der erste Tag. Mir bleibt der Hinweis auf Katy Derbyshire, die neu ist im Kreis der Bachmannblogger, wenn auch nicht neu im Kreis der literaturaffinen Blogger. Morgen geht es wieter, und hoffentlich mit etwas vernünftigem. Frau Roßbacher soll mich bitte nicht enttäuschen, und die Jury endlich aufwachen.

... comment

 

Und ich hatte schon für einen Moment befürchtet, Sie würden dieses Jahr aussetzen. Unentschuldigt!
Schön, dass Sie es doch noch einrichten konnten!

... link  

 

Unentschuldigt? Niemals. Es wird zwar ein bißchen später mit der Schreiberei, aber ich hoffe, es klappt alles. Zur Not muß ich nachts noch nachgucken.

... link  

 

Sie waren immer noch deutlich schneller als ich.
Musste aber auch noch den Fotobeweis erbringen, dass Spinnen dieses Jahr von Ralph Morgenstern gedoubelt wird und hab mich auf einen ewiglangen Rant gegen den Altwasser-Text eingelassen.
Morgen dann Echtzeit, gähn.

... link  


... comment
 

»Jugend ohne Gott« ist, dachte ich, von dem Öden Horvath. Bruckner ist der Mann mit dem katholischen Symphonien.

... link  

 

vom Bruckner ?!?

Da war sogar ich - ganz ohne klassischer Bildungslaufbahn - heftig irritiert, um nicht zu behaupten: amüsiert!

... link  

 

Elfte Klasse, Gesamtschul-Oberstufe, Hessen. Also echt jetzt.

... link  

 

Ich würde nicht ganz ausschließen wollen, daß es sich um eine Verwechslung mit Ferdinand Bruckners "Krankheit der Jugend" handelt. Ein böser Fauxpas bleibt es allemal.

... link  

 

Ah, ja, wahrscheinlich. Danke.

... link  


... comment
 

Comment Tag eins

Sabrina Janisch hat es in ihrem Videoportrait ja sehr eindrucksvoll formuliert: Sowohl das Deutsche als auch das Polnische wird ihr zunehmend fremd, was soll da anderes übrig bleiben als der Mikrokosmos?

Literatur als solche existieren zu lassen, und nicht sofort in Wikipedia den Fakten auf den Grund gehen - sinngemäß meinte Burkhard Spinnen zur Kurznasen-Seefledermaus. Ich erlaube mir die Mutmaßung Burkhard Spinnen hat sehr wohl in Wikipedia nachgesehen und im nachhinein Reue gezeigt - oder gibt es andere Erklärungsmodelle für seine Emotionalität in diesem Moment?
Sulzer zählt wie oft auf einer Seite das Wort "verdammt" vorkommt - jämmerlicher Erbsenzähler! (So nebenbei hat er sich auch noch verzählt! Oder ich habe eine anders formatierte PDF-Datei vor mir).

Eine Mischung aus verschiedenen besonderen und nicht besonderen Komponenten (ganz normale Beziehungsprobleme werden doch noch ihre Berechtigung haben - besser als seltsam konstruiert und gekünstelt).

Christopher Kloeble fordert heraus. Eine verkehrte Welt wirkt unheimlich erfrischend. "Wo ist die Mutter?" Müssen in einem kurzen Textauszugs alle (möglichen) Romanfiguren vorkommen damit jedes sich auskennt und zufrieden ist?

Auch ich war daran verhindert Daniel Mezgers "Bleib am Leben" inhaltich zu erfahren. Aus Gründen der Höflichkeit verließ ich den im Monat Juni fast schon traditonelle Mittagstisch nicht schon vor Beginn. Nur letzte Reste der Diskussion bekam ich mit. Angeblich wäre der ganze Inhalt schon auf der ersten Seite erzählt worden.

Bei Dorothee Elmigers "Einladung an die Waghalsigen" muss ich unweigerlich an <a href="de.wikipedia.org denken, welcher so gerne Krieg gespielt hat und sich sogar mal einen Feldherrenhügel in seiner Wohnung einrichten hat lassen. Eine köstliche Synchronizität: Zwischen dem Post-Katastrophenszenario im Gedankenspiel und der Handlung (Einbildung): "Henrik, Dünckel und Schroeder auf dem Parkplatz, Zigarillos rauchend. Heller saugte mit einem Staubsauger den Schmutz aus seinem Auto."

Wunderbar verschränkt

Frau Diener, ich freue mich über weitere Berichterstattung auf Ihrem Blog; und es is ist meines Erachtens nicht unbedingt notwendig alles nachzusehen - die Overall-Performance ist entscheidend.

... link  


... comment
 

Comment Tag eins Fortsetzung

an Udo Proksch denken, welcher so gerne Krieg gespielt hat und sich sogar mal einen Feldherrenhügel in seiner Wohnung einrichten hat lassen.
Eine köstliche Synchronizität: Zwischen dem Post-Katastrophenszenario im Gedankenspiel und der Handlung (Einbildung): "Henrik, Dünckel und Schroeder auf dem Parkplatz, Zigarillos rauchend. Heller saugte mit einem Staubsauger den Schmutz aus seinem Auto."

Wunderbar verschränkt!

Frau Diener, ich freue mich über weitere Berichterstattung auf Ihrem Blog; und es is ist meines Erachtens nicht unbedingt notwendig alles nachzusehen - die Overall-Performance ist entscheidend.

... link  


... comment

                                        
seit 6344 Tagen sitz ich hier
letzte Bestellung: 29.01.17 23:39



Suche und finde






... antville home




'einen hab ich noch'


hi,hi; kleiner Witz!wo geht's denn hier nachKönnen! , vor LACHEN!Übrigens mein Physiklehrer hatte noch den Witz auf Lager:Kunst kommt von Können und nicht von Wollen,sonst würde es Wulscht heißen! heiß, heiß, heiß...Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Andrea.Bis denne,Hans  ...
[hadephy am 29.01.17 23:39]

For the (holy) sake of Fun! (or: just for Fun)


Mir is was zur Aufheiterung eingefallen, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.Das Wär mal angebracht (Ne: nicht der Griff zum Wegschmeißen, Außer: Rofl!, he, he)(echt Der Bringer!, respektive the Burner! on three Cookies!, he, he)(kurz gesagt:J.oke W.ith A.nnouncement!):Das fragsch Du... ...
[hadephy am 01.01.17 20:24]

American Standard wisdom: "I don't feel sorry For you"


And I would conclude with some wisdom of my own, "well": 'Life isn't That complicated!'The most important goal then would be to have an appreciable agenda over the daytime!First a ball ( or what did Ms. Sanchez-Vicario say? :-) )... ...
[hadephy am 10.12.16 16:05]

...
Schreiben ist kein Hobby, es ist die Zeit in der uns unsere Gedanken nicht zufrieden stellen können. Es ist der Moment in dem wir nach unserem Glück Ausschau halten und versuchen, den Steckbrief unserer Wünsche zu formen. Und geben wir... ...
[EinGedanke am 13.09.14 11:27]

ich war schon wieder in china


 ...
[andreaffm am 12.08.14 17:04]

Ich erzähle was über den Mekong


 ...
[andreaffm am 04.06.14 23:06]

...
Ich erzähle was über Wien. flattr.com  ...
[andreaffm am 27.04.14 13:39]

...
Ist hier : www.wrint.de  ...
[andreaffm am 07.03.14 21:53]

...
DA freu ich mich drauf! :-)  ...
[m8 am 07.03.14 21:42]

...
Ich erzähle was über Burundi.  ...
[andreaffm am 06.03.14 21:34]



April 2019
MoDiMiDoFrSaSo
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930
August



Made with Antville
powered by
Helma Object Publisher

ALVORADA POWERED


and made on a

RSS Feed
RSS gibts auch.