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Die neue Hitler-Komödie "Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" ist noch nicht im Kino, da häufen sich schon die öffentlich geäußerten Bedenken. Ganz vornedran ist Zahnfee Lea Rosh: Ich sehe keine Möglichkeiten, Hitler lächerlich zu machen – es sei denn, man ist ein Genie wie Charlie Chaplin", sagt sie. Der Film verniedliche das Grauen, wenn Hitler in der Badewanne mit Kriegsschiffen spielt: "Es war ja in Wahrheit ganz anders, es war tödlich! Hitler war kein gemütlicher Kerl mit dicken Backen. So kommt man dieser Figur nicht nah." Gut, daß Frau Rosh weiß, wie man Hitler nahe kommt. Jedenfalls nicht mit Humor: "Zu lachen wird es nie etwas geben, auch nicht in 200 Jahren."

Sein "Bauchgrummeln" äußert auch Ralph Giordano: "Es ist ein schmaler Grat, der dann entscheidet, ob es künstlerisch gelingt oder nicht. Wenn nicht, richtet das Schaden an, wenn das Publikum denkt, Hitler sei eine Witzfigur." Wenn man nicht gerade Roberto Benigni ist, so Giordano, ist es fraglich, ob dieser Anspruch erfüllt wird.

Also, nochmal zum Mitschreiben: Chaplin und Benigni dürfen Komödien über Hitler drehen, weil sie Genies sind. Vermutlich hatten die seinerzeit eine gültige Genie-Bescheinigung mit Stempel irgendeiner zuständigen Behörde. Dani Levy hat keine Genie-Bescheinigung, also sollte er besser erst gar nicht anfangen, Hitler-Komödien zu drehen, das kann ja nichts werden.

Außerdem darf man Hitler nicht lächerlich machen, weil er in Wirklichkeit garnicht so war (und das Publikum ja denken könnte, er sei echt so gewesen, Badewanne und so). Weil aber keiner weiß, wie Hitler in Wirklichkeit war (außer Lea Rosh), kann man eigentlich gar keine Filme über ihn drehen, aber erst recht keine Komödien (bzw. nur dann, wenn man sich als Genie ausweisen kann).

So, und nun ist's an mir, Bauchgrummeln zu äußern:

Kunstprodukte von vornherein zu verurteilen, weil sie eventuell vom Publikum falsch verstanden werden könnten, weil sie mit den Mitteln der Überzeichnung und Satire (anstelle eines aufklärerischen Realismus) arbeiten, ist grotesk. Stilmittel gegeneinander auszuspielen (Tragödie: erlaubt, Komödie: verboten) zeugt von einem argen Drang zur Bevormundung. Künstlern zu sagen, sie dürften etwas nicht, weil sie keine Genies sind, ist einfach anmaßend und rundherum falsch.

Was ist das denn bitte für eine Auffassung von Kulturproduktion? Wo kommt denn plötzlich so eine finsterromantische Genieästhetik her? Und was bringt Menschen dazu, ihre Peristaltik öffentlich zu machen? Am Ende glaubt jeder, die Ahnungen, Meinungen und Fühlungen seines höchstpersönlichen Bauches hätten irgendetwas zur ästhetischen Debatte der Gegenwart beizutragen. Natürlich kann man einen Künstler kritisieren, nachdem man sein Werk gesehen hat. Aber vorher?

Die große Angst der Vorabkritiker ist die vor der "Witzfigur" Hitler. Die Witzfigur entsteht durch den "Kontrast zwischen Pathos und Banalität", wie Herr Platthaus ganz richtig in der FAZ schreibt. Frau Rosh sieht rundherum keine Möglichkeit, Hitler lächerlich zu machen (ich sehe, ehrlich gesagt, ziemlich viele). Herr Giordano meint, das richte Schaden an, wenn man es nicht richtig macht. Welchen Schaden, das sagt er nicht.

Seltsamerweise scheinen die Damen und Herren Bauchgrummler eine Heidenangst vor der körperlichen Reaktion des Lachens zu haben. Lachen, das ist so ein Reflex, den man nicht steuern kann, der aus einem herausbricht, ob man will oder nicht. Lachen ist Kontrollverlust. Zwischen Lachen und Hitler muß ein Sicherheitsabstand von nicht weniger als hundert Dokumentarfilmminuten oder hundert Sachbuchseiten gewahrt bleiben, sonst kommt unser sonst so durchrationalisiertes Gemüt noch auf die Idee, etwas unüberlegtes zu tun. Ratz-fatz ist so ein rechter Arm oben, und man hat es gar nicht richtig mitgekriegt.

Und was, wenn man doch lachen muß? Macht einen das zum Nazi, weil Frau Rosh sagt, es gibt nichts zu lachen? Ist man dann roh und gefühllos? Oder zynisch und menschenverachtend? Muß genau aus diesem Grunde die Menschheit vor Filmen geschützt werden, in denen sie potentiell zum Lachen über Hitler verführt werden könnte?

Im Moment des Lachens ist seine Gefährlichkeit gebannt, schreibt Ina Hartwig in der FR. Vermutlich ist es das, was Rosh und Giordano verhindern wollen: daß die Gefährlichkeit gebannt wird. Weil Hitler als ständige Gefahr am Horizont dräuen muß, als Mahnmal in alle Ewigkeit – wobei so ein Schreckgespenst natürlich auch eine autoritäre Figur ist. Verliert er diese Wirkung (z.B. durch Verharmlosung, Verniedlichung, Lächerlichmachen), kann es zur Neuauflage kommen: Tausendjähriges Reich, Version 3.1. Das zu verhindern ist ja durchaus ein ehrenwertes Anliegen. Fragt sich, wie erfolgreich die unterschiedlichen Ansätze sind: Soll man mahnen und dämonisieren, oder soll man lachen und lächerlichmachen? Soll man Hitler aufblasen, oder die Luft rauslassen?

Der gefährliche, der dämonische Nazi ist ja nun genau der, mit dem sich gewaltbereite Jugendliche ohne Perspektive oder Selbstbewußtsein so bereitwillig identifizieren. Keiner will Badewannennazi sein, alle wollen sie martialisch herumparadieren und Angst verbreiten. Tut man diesen Nachwuchsnazis nicht einen Gefallen, indem man sie fürchtet?

Das Mißverständnis besteht ja darin: Wer über eine Gefahr lacht, der zeigt nicht etwa, daß er sie nicht anerkennt. Im Gegenteil: Er zeigt, daß er sich von ihr nicht einschüchtern läßt. Leute, die sich von Nazis nicht einschüchtern lassen, finde ich prinzipiell in Ordnung, das ist der erste Schritt zum Widerstand. Insofern kann von mir aus die nächsten 200 Jahre hitlermäßig durchgelacht werden.



(Hitler war übrigens in Wahrheit auch keine Katze. Nicht, daß Sie das denken, liebes Publikum.)

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bauchgrummeln

gibts aber satt bei der konsolidierung entsprechender (jugend)gruppen via popularisierung des o.g.

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popularisiert is doch eh schon. oder hilft entpopularisierung?

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200 im kino in no go areas mit rechten arm hoch wie früher die reiswerfer bei rocky horror?

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tatsache jetzt?
(aber vermutlich kriegste solche eh mit nichts mehr bekehrt. weder mit mahnmalen noch mit sonstwas. wer nicht mal mehr merkt, daß er gerade verarscht wird, dem ist kaum noch zu helfen.)

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würde mich nich wundern.

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na, aber das klingt doch gar nicht übel. das mein ich doch.

[Nachtrag] Es gibt ja in Deutschland durchaus eine schöne Tradition der Hitler-Lächerlichmachung, siehe eben Somuncu oder Moers. Und die einfach mitplattzumachen, das halte ich für äußerst ungut. Denn die träfe der Vorwurf (da gibt es nichts zu lachen, basta) ja auch.

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eigentlich hätten wir als abschiedsevent vom kuz herrn levy samt film ins studi-haus zu einer präsentation einladen und der LiLi eine extra-einladung schicken sollen... da hätte es bei einigen auch ganz schön viel bauch- und überhauptgrummeln gegeben.

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hihi. schöne vorstellung eigentlich.

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Ein kluger Beitrag, mal wieder, dankeschön.
Und natürlich gibt es eine Tradition der Hitler-Komik und -Satire! Schon zeitgenössische, auch Comics wie Art Spiegelmans "Maus" etc etc. Der fiel mir beim Katzenbild ein...

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»Maus« zum lachen?

ich weiß nicht. Zwar gibt es auch einige ›heitere‹ Stellen in diesem Art Spiegelman-Comic, aber so richtig zum Lachen ist das ganze nicht. Zumindest nicht so, wie die ›traditionellen‹ Scickelgruber-Verhohnepiepelung a la »Strubbelhitler« oder eben von Chaplin, Danny Kaye, Lubitsch, Brooks und Co. — Trotz seiner erzählerischen Leichtfüßigkeit und der munteren Idee, die Holocaust-Überlebensgeschichte seines Vaters mit Tier(gesichtern) darzureichen, finde ich, daß »Maus« von Spiegelman ein überweigend ›ernstes‹ Werk ist. »Maus« behandelt auch eigentlich mehr die Problematik des Erinnerns und Weitererzählens; im Mittelpunkt steht (für mich zumindest) die Belastung, die das Zuhören und Überlebthabens für Art und seinen Vater darstellen.

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Du hast recht.
Aber auch Satire ist nicht unbedingt zum Schenkelklopfen.

Ich habe "Maus" übrigens (auf Spanisch) als Deutsche in einem jüdischen Haushalt in Buenos Aires gelesen... mit "lustig" habe ich dieses Buch allein schon wegen dieser Lesesituation nie assoziiert, und genannt habe ich es als Beispiel für das oben zitierte Genre Comic (was gibt es noch zwischen Sachbüchern und Charlie Chaplin?) - und weil es mir bei der schwarznasigen Katze einfiel. Das ist alles...

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Wer über Hitler

lacht wird nicht so schnell ein Nazi. Vielen Dank für Ihr Bauchgrummeln, hatte ich auch beim Lesen der Kontroverse von Québec aus. Aber ich halte mich in der Regel mit Meinungen über D-land zurück, lebe ja nicht mehr dort. Aber diese ständige Angst davor den Faschismus nicht (tot)ernst genug zu nehmen ist wirklich nicht sehr gesund.

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Meistens halte ich mich auch zurück, gerade bei sowas wie der Grass-Debatte o.Ä. Ich fühle mich nicht befugt, Menschen wegen irgendetwas zu be- oder verurteilen.
Wenn es aber so allgemeingrotesk wird wie hier, dann kann ich meine Klappe nicht mehr halten. Das ist ganz grundsätzlicher Schwachsinn, da muß ich dann gegenargumentieren.

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Genau. Und ich freu mich, dass mir abgenommen hast, es zu formulieren.

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Andrea ist in der Frankfurter BlogRundschau.

Marc

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Erst gegrönert, dann rundgeschaut. Server, halt durch!

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Wladimir Kaminer hat in einem recht amüsanten Artikel über deutschen Humor und den Hitler-Film geschrieben, dass es da noch eine bedenkenswerte Nebenwirkung gäbe: wenn nämlich Hitler keine übernatürliche Führerfigur war, kann man sich auch nicht mehr so gut hinter ihm verstecken. Es bleibt ein Volk, dass trotz einer lächerlichen Figur zu allem bereit ist.

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Weißt Du, wo der Artikel erschienen ist? Online vielleicht?

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www.fr-online.de

;-)

schön geschrieben, btw

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Oder meinst Du den Kaminer-Artikel? Der ist im letzten Stern, online habe ich ihn leider (noch) nicht gefunden.

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ja, ich meinte den kaminer.
was nach hierher verlinkt, das krieg ich per referrer früher oder später raus.

stern? aha, danke.

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Danke für diesen Artikel. Macht mir jetzt noch mehr Lust auf den Film, als ich ohnehin schon hatte.
Ich erinnere mich an ein Buch: Der Nazi und der Friseur. Von Edgar Hilsenrath. Keine Details mehr. Nur, daß ich da auch lachen mußte und darüber erschrak.
Guido Knopp allein kann uns uns selbst nicht erklären, da ist unser eigenes Lachen sicher die bessere Hilfe. Jedenfalls, wenn man es nicht einfach weglacht, sondern im Lachen einen Zugang dazu findet.

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Nur so…

…nebenbei: Rosendorfers »Die Nacht der Amazonen« lesen und sich wundern, daß es zu dem Buch (meines Wissens) kein empßörtes PaHö gegeben hat. Insofern vielleicht ein Indikator dafür, daß die allgemeine Hysterie seit damals plangemäß gut Zunder bekommen hat.

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Wie erkennt man das Böse?

In der ganzen Diskussion darum, dass Hitler als Witzfigur falsch dargestellt werden könnte wird immer vergessen dass Hitler als charmanter Mensch bekannt und beliebt war. Zu Frauen stehts zuvorkommend und sehr höflich. Zu Weihnachten gab es für den ganzen Stab Geschenke. Auch humorvoll soll er gewesen sein und nett zu Tieren. Aber eben auch ein wahnsinniger Diktator, der Europa in die größte Katastrophe seiner Geschichte geschickt hat. Das Böse ist eben nicht immer leicht zu erkennen und man tut meiner Meinung nach etwas sehr Falsches, wenn man diesen Film kritisiert, weil Hitler dabei nicht dämonisch Böse genug wegkommt.

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Sour Krauts

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