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reisenotizen aus der realität : Tags : unterwegs
reisevorbereitungen
andreaffm, Do, 7.August.2008, 11:36 Der Himmel ist blau, der Tank ist voll, der Stehsatz in der Redaktion ebenso, aber die ist schon ziemlich weit weg. Ich habe noch eine alte Reisetasche gefunden, die ist auch schon voll. Und der anatolische Lederfachmann hier in Griesheim, der das von seinem Vater gelernt hat, der seinerseits der König der anatolischen Lederfachmänner ist, hat auch den alten Rucksack wieder hinbekommen, wie er schon vieles wieder hinbekommen hat. So einen alten Rucksack kann man brauchen, wenn man in die Alpen fährt.
![]() Ich habe gut zwei Wochen und drei Länder vor mir. Sämtliche Gastgeber sind vorgewarnt und erwarten mich hoffentlich freudig. Mich erwartet nun der erste Urlaub mit eigenem Gefährt und einem zwar kleinen Kofferraum, aber dennoch genug Platz für Einkäufe (Kaffee etc.). Und viele CDs habe ich auch eingepackt, damit ich unterwegs was zum Hören habe. Und ein Steckdosenadapter. Und keine Sonnencreme, das ist ganz wichtig, denn immer, wenn ich Sonnencreme einpacke, scheint die Sonne nicht. Dafür darf der Autoatlas mit, ich muß ja schließlich wissen, wie ich um den Jaufenpaß herumfahre und trotzdem dort hinkomme, wo ich hinwill. Und ich werde mir Zeit lassen. Ich werde während der Fahrt Blümchen pflücken und Zwischenstationen einlegen. Ich werde mich in Österreich vermutlich fünfmal verfahren, aber auch das wird nichts machen, weil ich keinen straffen Zeitplan einzuhalten habe. Wir reden hier ja schließlich von Urlaub, was sich von erlauben ableitet, und das kann ich, also: mir erlauben.
penser joch revisited
andreaffm, Do, 22.Mai.2008, 20:41 Dann bricht der letzte Morgen an, sonnig, was für ein Hohn. Tee, Kaffee und Kuchen, den die Mama der Gastgeberin gebacken hat, wie jeden Morgen.
![]() Packen. Wir kommen viel zu früh los, schon um halb elf. Für unsere Verhältnisse ist das praktisch mitten in der Nacht. In Valeggio letzte Tortellini-Hamsterkäufe, kurz danach holt uns auch wieder der Regen ein – oder wir den Regen. Am Gardasee Stau und viele Touristen. Angesichts des Auftriebs sehne ich mich nach Mantua zurück, das so angenehm trubelfrei ist, und wenn irgendetwas trubelt, sind es wenigstens Einheimische. Die Melancholie von Badeorten bei schlechtem Wetter. Dann Zwischenhalt in Riva um halb eins. Hoffen, daß das Ledergeschäft noch offen hat, hat es, neue Geldbörse ist mehr als fällig. In Riva scheint die Sonne, man sitzt in Straßencafés, die mit Schrecklichem drohen: ![]() Hag im Kännchen mit papiernem Spitzendeckchen und andere schlimme Assoziationen bereiten mich mental auf die Heimkehr vor. Wenigstens ist es hier warm, und das Fahren im offenen Auto äußerst angenehm. In Salurn steht das perfekte Fahrrad. Ich hätte es sofort gekauft, koste es, was es wolle, aber es ist nicht zu verkaufen, Reparaturauftrag. Es ist ein graubraunes, wunderschönes Stück von 1927 oder 28, wie der Verkäufer schätzt und es wäre genau das gewesen, was ich wollte, mit guten Bremsen und Korb vorne. Bozen und die Auswahl zwischen einem Tal in fröhlichem Dunkelgrau und einem Berg in frühlingshaftem Anthrazit. Abenteuerlustigerweise rauf aufs Penser Joch, wie letztes Jahr. Dieses Jahr ist es keine Fahrt vom Mai in den Dezember, bestenfalls eine Fahrt von einem etwas grüneren März in den Dezember. Ich zieh eine Strickjacke mehr an und wickle mir einen Zweitschal um, dann geht es rauf auf 2211 Meter. ![]() Es ist kalt, die Wolken hängen überall um uns herum, und wir machen die obligatorischen Gipfelfotos, die ich dieses Jahr nicht verwackle vor Zittern, weil ich dick angezogen bin, man ist ja lernfähig. Der Reisebegleiter sieht darauf sehr verwegen aus, weil er den Rasierapparat vergessen hat. Ruh ist auch keine über den Gipfeln, denn ein Reisebus hat seine wimmelnde Fracht ausgespruckt, die schnatternd um uns herumläuft. ![]() Ja, da hab ich noch gelacht. Du bist dran, sagt der Reisebegleiter und drückt mir den Autoschlüssel in die Hand. Bevor der Bus runterfährt muß ich los, Busse sind eine Strafe auf solchen Strecken, aber die Strecke selbst ist eine Strafe: Naß, voller Wolkenfelder, teilweise Schneereste. Ach du Scheiße, sagt der Reisebegleiter. Ich versteh voll und ganz, wenn du darauf jetzt keine Lust hast und rechts ranfährst. Nur einmal fahre ich rechts ran, als es derart schüttet, daß es auch mir zuviel wird und ich vorschlage, vielleicht doch das Verdeck zuzuklappen. Aber so eine Abfahrt ist keine Frage der Lust. Das ist eine Frage des Ehrgeizes, der Verbissenheit und des Kampfes Frau gegen Berg. Wir geben uns wenig, der Berg und ich, und am Ende haben wir uns beide gegenseitig geschafft: Ich den Berg, und der Berg mich. ![]() In Sterzing steige ich völlig derangiert aus und verlange Apfelstrudel. Und zwar mit Vanilleeis. Und heiße Schokolade. Und zwar mit Sahne. Darunter geht jetzt gar nichts mehr. Mit aufgefrischtem Blutzuckerspiegel weiter über den Brenner. Kurzer Halt beim nächsten offenen Billa, da ist der Alvorada-Kaffee im Angebot und eigentlich müßte ich 10 Kilo mitnehmen. Bloß wie? Das war der letzte Halt, dann geht es durch Innsbruck durch in einem Rutsch bis zum Tegernsee. Kalt ist es hier, und feucht. Kein Trubel in Rottach, ein seltener Anblick, dann ins Warme, Tee und Tortellini. Wieder da.
feuchte schönheit
andreaffm, Do, 22.Mai.2008, 12:15 Laß uns noch diesen Palazzo anschauen, sagte ich zum Reisebegleiter. Genaugenommen sagte ich: Ich will jetzt in diesen Palazzo! Und vielleicht hab ich auch ein wenig mit dem Fuß aufgestampt, denn ich war frustriert.
Wir hatten uns gerade einvernehmlich darüber beschwert, wie gleichförmig die Tage im grauen, gleichförmigen Regen durchgerauscht waren. Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig man von seiner Umgebung mitbekommt, wenn man sich unter einen Schirm drängelt und dabei die ganze Zeit aufpassen muß, nicht in Wasserlöcher oder Bächlein auf der Straße zu treten. Bewunderndes Flanieren durch die Architektur ist so nicht möglich, die Optik wird eingeschränkt auf das Feld zwischen Fußspitze und Schirmunterkante. (Ab und zu drängt sich jedoch auch in diesen Auschnitt ein ikonographisches Motiv.) Es ist auch nicht möglich, Nachmittage im Straßencafé zu vertrödeln. Es ist zu kalt, zu naß und es gibt wenig zu sehen. Da bleibt nur, die Stunden der Siesta in der Herberge zu verbringen, Fotos zu bearbeiten und zu lesen. Nach einer Woche war ich mit meinem Buch durch, in dem E. M. Foster ein Florenz beschreibt, in dem es nie regnet. Es ist auch nicht so, daß man morgens diesen Tatendrang verspürt, wenn man aufwacht und die Sonne scheint und vor dem Fenster liegt Italien und will erobert werden. Es ist vielmehr so, daß man ein Auge halb öffnet, schon wieder dieses Rauschen hört, draußen ist alles grau, dann wagt einer einen genaueren Blick, deutet so halboptimistisch auf ein paar hellgrauere Flecken und man zuckt die Schultern, frühstückt und weiß irgendwie immer noch nicht so genau, was man machen soll, zumal es schon wieder elf ist, in einer Stunde eh alles zumacht und man dann die Mittagspause irgendwo vertrödeln muß, wo es trocken ist und dann bleibt man lieber gleich zu Haus. Aber das kann man ja nicht jeden Tag tun. Ich will jetzt in diesen Palazzo! verlangte ich, sonst krieg ich ein kulturelles Defizit! Wir gingen also in diesen Palazzo. Die nächste geführte Besichtigung sei in fünfzehn Minuten, wir könnten uns ja so lange noch den Garten anschauen, hieß es. Garten, bei dem Wetter, dachte ich, na großartig. Dann wagte ich einen vorsichtigen Blick hinter die Exedra, und siehe da: Ich vergaß das Naßwerden, das Grau, den Regen und sämtliche Frustration ob der Nässe und schaute mir den Garten an, der grün und fett in der Feuchte strotzte. Wenn der Regen in der Stadt völlig fehl am Platz ist – hier gewinnt er eine eigene Schönheit, hier paßt er hin, hier wird er benötigt, hier stört er nicht. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]()
vergittert in verona
andreaffm, Mi, 21.Mai.2008, 22:24 ![]() ![]() ![]() ![]() ![]()
mittagshitze
andreaffm, Mi, 21.Mai.2008, 22:19 ![]() Ich habe Venedig erlebt mir Wasser gleichzeitig von oben und unten. Ich habe regenlose Sommer in England erlebt, in denen das green and pleasant land gnadenlos versteppte, den heißesten schwedischen Sommer seit hundert Jahren und die kältesten kalabresischen Pfingsten ever. Man sollte meinen, ich sei an etwas übertriebene Wetterphänomene in meinen Urlauben allmählich gewöhnt. "Fahr doch mal in die Sahara", schlägt der Reisebegleiter vor. "Die werden gucken, wenn's anfängt zu schneien." Ich finde das nicht lustig. Außerdem droht der Reisebegleiter schon wieder, mich künftig auf Reisen nicht mehr zu begleiten, was äußerst schade wäre. Denn er ist sehr geduldig, sehr gebildet und sehr verfressen und damit die Idealbesetzung. Wenn ich also schuld bin an dem Desaster, daß sich da vor dem Fenster abspielt, dann tut es mir leid, ehrlich. Aber Mantua im Mai stellt man sich wirklich anders vor als tagelang Regen, Regen, Regen, dunkel dräuende Wolken am Horizont, die zusammen mit den Pappeln entlang verpfützter Wege frappierend an flämische Landschaftsmalerei erinnern, Zypressen, die sich im Wind biegen, tropfnasse Oleanderblüten, heulender Sturm vor mangelhaft isolierten Fenstern, der die Schwalben ins Trudeln bringt, die Gardinen zittern läßt und einem an der Balkontür die Knöchel eisig umweht, kurz: eine insgesamt unschöne Kälte, die Sehnsucht aufkommen läßt nach Kaminfeuer, plüschigen Sesseln und einer Kanne Tee. Immerhin letzeres läßt sich recht einfach bewerkstelligen. Für alles andere sind wir, fürchte ich, schlichtweg im falschen Land unterwegs. Alles in Italien ist auf Sonnenschein und Wärme ausgerichtet: Die kühlenden Bodenkacheln, die verhängten Fenster, die das Licht aussperren, die heizpilzfreien Straßencafés, in denen keine Decken bereitliegen. Die Vegetation, die Ernährung. Überall Rucola, nirgends Kohlrübeneintopf. ![]() So versammeln wir uns also rituell um die mitgebrachte britische Teekanne und freuen uns der Wärme, die sie spendet. Ich wickele mich in meine Strickjacke, lese ein gutes Buch und dann warten wir darauf, daß die Läden und Museen wieder öffnen. Die mittags drei Stunden lang geschlossen haben. Wegen der Mittagshitze, die dieses Land ja angeblich immer wieder heimsuchen soll.
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