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hölzerne Milchkatzen

Tine mailt. Ob ich mit ins Literaturhaus komm? Organisiert von den Studenten des Studiengangs Buch- und Medienpraxis liest der ekelhaft junge Nachwuchsautor Paul Brodowsky, geboren 1980 in Kiel.
"Das ist alles nur Hype", beruhigt sie mich. Na, das wollte ich hören. Und Maik ist auch da, der Maik, der auch bei den Poetik-Seminaren dabei ist und ruhig und grinsend, wie es seine Art ist, eine verbale Guillotine nach der nächsten aufbaut.

Ich komm da an und weiß erst mal garnix. Ich kenn diesen Brodowsky nicht. Am Eingang steht Maik, dann kommt Tine und ich werde aufgeklärt. Diese Buch- und Medienpraxis-Studenten (das ist ein Postgraduate-Aufbaustudiengang) bekommen die Tricks und Kniffe des Kulturbetriebs beigebracht. Maria Gazetti vom Literaturhaus zeigt ihnen zum Beispiel, wie man Lesungen organisiert. Dann lauter Leute von FAZ und Suhrkamp, natürlich, die ganze Mafia. Deshalb eben auch ein Suhrkamp-Autor. Die sind bestimmt auch nicht unglücklich, daß ihnen jemand die Drecksarbeit abnimmt. Können ja die Studenten machen. Wenn keiner kommt, sind eben die schuld und nicht unser Autor. Ganz schön gerissen.

Der Autor selbst studiert auch, und zwar Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Und hat sein erstes Buch bei Suhrkamp veröffentlicht, "Milch Holz Katzen", und aus dem liest er kurze Stücke zwischen einer halben und eineinhalb Seiten, irgendwo zwischen Prosa und Lyrik. Nach jedem Zehnminutenblock gibt's kurz Musik, gerade so lange, daß es sich nicht lohnt, beschäftigungslos abzuwarten, aber zu kurz, um ein ordentliches Gespräch anzufangen. Gerade genug für ein schnelles Meinungspingpong.

Bodowsky wird mir warmen Worten empfangen, eine Studentin begrüßt ihn und sagt dann noch was lobendes, eben, warum sie ausgerechnet ihn gewählt haben, und holt dazu einen Zettel raus und liest die Begründung in wohlgesetzten Worten ab. Wegen des Surrealismus, liest sie und weil die Bilder im Leser nachhallen. Solche Lobe werden ja so gut wie nie frei gesprochen, loben kann man nur, wenn man fertige Sätze abliest, sonst verheddert man sich und weiß nicht mehr, was man loben wollte. Das machen die Bachmann-Juroren bei der Abstimmung schon seit Jahren so. Nichts ist schwieriger als locker-flockiges Loben.

Ich hab ja gut reden. Ich kann ja hier meine Meinung sagen. Ich kann hier schreiben, daß ich es etwas suspekt finde, wenn sich Gedichte in Welten bewegen, die mit meiner Welt nichts zu tun haben. Ich kann schreiben, daß ich nicht weiß, warum man über Fische und Igel und Zimmer voller Sonnenblumen schreiben soll und über solche Vollversammlungen von Wohlfühlwörtern. Ich weiß auch nicht, warum man Texte schreibt, in denen keiner, kein Fisch, kein Igel, keine Katze, irgendeine Art von Gefühlsregung zeigt, Texte, in denen es keine Fernseher gibt und keine Unfallwagen und nicht einmal Unfälle. Nur einmal eine Straßenbahn und ein Polizeiauto, aber die fahren auch nur unbeteiligt draußen vorbei. Und dann wieder Koffer und Mädchen und dauernd Fische und Wesen namends Einar und zum Schluß Schokoladeauspacken als humoristisches Element, ihr wißt schon, das Spiel, bei dem man Mütze und Handschuhe überziehen muß und mit Messer und Gabel an einer Milkatafel herumsägt, solange, bis der nächste eine sechs würfelt. Das also als comic relief, schwer vorhersehbar und auch in heiler Kindergeburtstagswelt angesiedelt. Damals. Der süße Nougatgeschmack. Ach, unsre Herzen so schwer und die Gier so unbefriedigt. Wir denken uns zurück und sehnen ein bißchen und können die Milkabrocken fast riechen. Postmoderne Idylle. Die Blümchenlyrik der jungen Generation.

Entweder bin ich zu alt oder ich hab keinen Zugang. Maik ist auch zu alt, zu alt für einen Jungautoren, das sagt er selbst, und in den Musikpausen werfen wir uns ratlose Gesprächsbrocken zu: keine Provokation, kein Saft in diesen Jungspunden. Maik und seine Schnellverrisse. Aber was soll's, er hat ja meistens recht. Tine wundert sich auch, und sagt, daß sie sich sehr gefreut hat, daß sie bei einem Text mal schmunzeln konnte. Denn sonst perlt das alles so an einem ab und man fühlt sich wie ein frisch imprägnierter Regenmantel: unberührt, folgenlos. Nichts und niemand ist involviert, nicht die Textfiguren, nicht ich als Zuhörer.
"Dem Erzähler passiert alles nur, der tut und fühlt nix, der ist ja selber nur eine Kunstfigur", sagt Maik. Erzähler sind ja meistens Kunstfiguren, aber man darf's ihnen eben nicht anmerken, sonst ist da was schiefgegangen. Oder man sollte doch besser auf eine Literaturgattung umschwenken, in der dieser Mangel nicht weiter auffällt. Konkrete Lautpoesie, beispielsweise.

Vielleicht liegt das auch am Kreatives-Schreiben-Studium, sagt Tine. Das denk ich dann auch: diese Kurse, wo jede unzusammenhängende Idee als glänzender Einfall gefeiert wird. Boah, bloß weg von den Trampelpfaden, und wenn's ins Nirgendwo führt, auch egal. Hauptsache kreativ durchs Wortfeld gewalzt. Kreativität über alles. Sinn machen wir dann später. Erst mal Brainstormen. Was dazu führt, daß man einen Geröllhaufen toller Wörter angesammelt hat und dann nicht weiß, wie man die zusammenflickt zu einer literarischen Einheit, sprich: Gedicht oder Erzählung. Und warum das Ganze, was ist Sinn der Übung? Ich weiß nicht. Aufwärmgymnastik, vielleicht. Aber warum bitte soll ich irgendwelchen künstlerisch ambitionierten Leuten beim Wortstretching zuhören? Mich von schönen Wörtern berieseln lassen wie andere Leute von Vorabendsoaps?

Man muß bloß aufpassen, daß diese Art von Sinnkrise nicht ausufert. Man nicht depressiv wird und sich fragt, wozu der Scheiß, warum kommen Leute bloß auf die Idee, daß das eigene Geseier irgendeine Sau interessiert? Hinsetzen. Frust aufschreiben. Dabei informativ bleiben. Und immer schön drauf hoffen, daß Qualität sich letzten Endes doch durchsetzt. Und an Florian Illies denken, und daran, daß jeder Hype sich mal abnutzt und was bleibt, das sind nicht die Vorabendserien, da sind auch nicht die Hochglanzschreiber und auch nicht die Blümchenpoeten und dann muß man noch genug Selbstsuggestion aufbringen, sich einzureden, daß man zu all diesen Sparten nie und nimmer gehören wird.

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nicht verzagen.
schlechtes ist eben häufiger als gutes. aber ich weiß, was du meinst. montag war ich hier in berlin auf "beat'n word", spoken word mit internationalen gästen. boah, schlecht.

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hmja, leider ist bei slams und sonstigen hip-veranstaltungen das niveau nochmal extra tiefergelegt, antiproportional zum alkoholpegel der zuhörer.

hier in Frankfurt werden ja dann immer gäste aus Berlin angekündigt, super, aus der Hauptstadt, ehrfurcht ehrfurcht. da kann man dann drauf wetten, daß die hälfte der gags bei max goldt geklaut ist.

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wenn es wenigstens gags gewesen wären.
waren aber nicht, sondern größtenteils rein beliebig-assoziatives wortaneinanderreihen, das jeder textgenerator besser gekonnt hätte.

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Tine antwortet
Na, da geh ich einmal mit dir zu einer Lesung und dabei kommt fast eine kleine Poeten-Sinn-Krise bei raus. Ist doch alles kalter Kaffe mit dem jungen Herrn Brodowsky. Und wenigstens war er niedlich anzuschauen. Oder wenigstens lustig die lauschendenden Hörer zu beobachten. Da war zum Beispiel einer (aber nicht Einar), den ich seit Jahren immer wieder mal auf Parties gesehen habe, damals noch in dem Club unterm Theater oder im Nachtleben, und vor kurzem im M9. Jahrelang sieht man sich und fragt sich, wer das wohl sei. Und da stand er da nach der Lesung allein in der Ecke mit einem Glas Wein. Stand da und wußte nix mit sich anzufangen. Ich hab dann eine von den Medienpraxlern gefragt, ob er zu denen gehöre. Nee, meinte sie, aber, dass sie ihn kenne, so von sehen, von Parties... Und er stand weiter da und guckte mal nach rechts und links. Und ich weiss wahrscheinlich weitere Jahre nicht, wer das ist. Bis ich ihn mal wieder aus der Ferne sehe und zu grübeln anfange. Siehst du Andrea, das sind echte Fragen, die gibt's dann manchmal auch auf solchen Lesungen, fern von Fisch, Kirschen und Kakteen.

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ach, sinnkrise, naja.
Ist so ein bißchen die Selbstmitleidige, um ehrlich zu sein. Warum der und nicht ich? Und warum bin ich schon fast dreißig und der noch nicht mal Mitte zwanzig? Und man schimpft ein bißchen auf die Ungerechtigkeit der Welt.

Hm, den Typ mit dem Weinglas mußte mir mal rausdeuten. Vielleicht kenn ich den ja. Vom Sehen, von so Partys :-)

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Einar is touching
Paul Brodowsky ist noch "ekelhaft" jung, aber ihm vorzuwerfen, dass er allein aus diesem Grund gehypt wird, finde ich unfair. Genauso, zu behaupten, seine Gedichte seien zusammenhanglose Brocken, die jedes Computerprogramm besser kombinieren könnte.
Ich finde die Texte auch sehr merkwürdig, und auf jeden Fall sind sie nach einem bestimmten Schema gestrickt, dass sich immer wiederholt (Gefühlskälte, Distanz, immer stehen Gegenstände im Mittelpunkt, die auf eine sehr merkwürdige Weise behandelt werden, alles, was an Alltagswirklichkeit erinnern könnte, Fernseher, In-line-Skates, Computer - fällt natürlich raus) Aber trotzdem knistert es irgendwie in den Texten, sie hinterlässen einen faden Nachgeschmack, und das ist mehr Effekt auf den Leser, als man bei den meisten Sachen hat, die so veröffentlicht werden.

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seit 2492 Tagen sitz ich hier
letzte Bestellung: 2008.10.06, 22:54



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leere felder, volle bäume
Langsam sinkt die Sonne tiefer. Es geht auf die Buchmesse zu, und die schönen Tage sind immer die davor, nie die danach. Nach der Buchmesse wird es garstig und grau, die Felder sind dann alle abgeräumt und die Bäume auch.... ...
[andreaffm am 2008.10.06, 22:54]

...
Und man kann die Ausgabe nicht mal von der Steuer absetzen! ...
[andreaffm am 2008.10.06, 15:25]

auch kein trost
sieht wirklich schlecht aus, vielleicht läßt sich zumindest etwas mit anderen geschädigten und öffentlichem druck retten, ich drück dir die daumen! und dann kommt jetzt noch die großspurige "staatliche garantie" für dein sparbuch, wer's glaubt... :-( ...
[bembelkandidat am 2008.10.06, 12:21]

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Es gibt da ein BGH-Urteil (XI ZR 56/05 ), dass über Provisionen informiert werden muss: "Wenn eine Bank einen Kunden über Kapitalanlagen berät und Fondsanteile empfiehlt, bei denen sie verdeckte Rückvergütungen aus den Ausgabeaufschlägen und jährlichen Verwaltungsgebühren erhält, muss sie den... ...
[mow am 2008.10.06, 10:53]

...
Mir wollte damals bei dem Abgang der New Economie mein Bankberater Morphosys Aktien verkaufen. Stutzig machte mich das er mich in meiner Firma deswegen anrief. Sie wären jetzt sensationell günstig zum Einstieg usw. usw. Die Dinger waren im freien Flug... ...
[stockfisch am 2008.10.05, 22:04]





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