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andreaffm, Mi, 9.Juni.2004, 23:14 Irgendwann einmal habe ich mir geschworen, keine Ich-fühl-mich-nicht-wohl-Texte zu posten. Und dann kommt man an den Punkt, an dem einem alles egal wird und seine eigenen Schwüre mal temporär ignoriert. Dann hat man den Hals einfach nur sowas von gestopft voll, daß man weiß, entweder ich schreib jetzt was, egal was, oder ich geh jetzt raus und baller den Typen um. Dann hängt einem das Würgen im Hals, obwohl man genau weiß, der ist es eigentlich nicht wert, der ist einfach nur dumm. Klein und dumm und profilneurotisch, daß er es nötig hat, andere Leut niederzumachen, obwohl er eigentlich jemand anderes meint und ganz ureigentlich meint er wohl sich selbst. Das weiß man, oder man sagt es sich jedenfalls so her, weil man es schon so oft gehört hat, wenn andere einen zu beruhigen versuchen.
Man bekommt Mails, denn das Böse kommt ja heute oft per Mail. Entweder ein paar Zeilen, von jemandem ins weiße Kästchen getippt, und man denkt sich, wie war der denn drauf, als er das ins weiße Kästchen getippt hat? Hatte der wirklich mein Bild vor Augen, oder eine Vorstellung meiner Person, als er das getippt hat? Was für ein ungeheuerliches Bild muß ich denn abgeben, daß ich Leute zu sowas veranlasse? Oder das Böse kommt per angehängter Datei, ein bißchen weniger direkt, aber dafür umso offizieller. Ein Artikel, zum Beispiel, oder eine Internet-Seite. Fertig layoutet, das heißt, jemand hat sich auch noch die Mühe gegeben das zu überarbeiten. Das ist dann nicht einfach so im Affekt hingetippt, da hat nochmal jemand drübergelesen oder zumindest eine Nacht drüber geschlafen. Solche Dokumente sind meist kälter und distanzierter, die Wirkung aber ähnlich, denn hier gibt es keine mildernden Umstände. Das, was da steht, ist so gemeint. Dann überlegt man ganz kurz, ob man irgendwelche Anwälte kennt (nein), rechtsschutzversichert ist (leider auch nein) und dann läßt man die Klageidee ganz schnell wieder fallen. Das will man sich ja nicht auch noch ans Bein ketten, man hat ja so schon genug zu tun. Zumal solche Typen es ja eh nicht wert sind, die sind ja nur ... und so weiter. So sagt man sich sein Mantra runter und bemüht sich, es zu glauben. Dann geht einem langsam die ganze Ungeheuerlichkeit auf. Der Ekel entfaltet seine große, prächtige, nach Aas stinkende Blüte. Das kann doch nicht sein, und dann auch noch anonym. Und was man auch weiß, ist: Man ist eigentlich nicht gemeint. Das ist das ungeheuerliche. Wenn der mich schon so angeht, obwohl er eigentlich jemand anderes meint - zu welchem Haß ist eine solche Person eigentlich noch fähig? Eigentlich hat man den Kopf voll mit einem Referatsthema, oder noch verschärfter: Mit dem Thema der Magisterarbeit, die man im Rahmen eines Kolloquiums vorstellen soll. Man hat den ganzen Tag im Hof gesessen, das Wetter war warm, die Kübelpflanzen blühten und um halb drei rief Nicole an, ob sie mir nen Döner mitbringen soll. Mittagessen frei Haus. Es ging prima voran, die Sekundärliteratur gab viel her, und das Leben war noch in Ordnung. Und nun kommt so wer daher und bricht in meinen Abend ein und will mir den letzten Nerv rauben. Schon drängt und schiebt es im Kopf, und die Magisterarbeit fühlt sich an den Rand gequetscht. Man muß Zeit investieren. Man muß Nerv investieren. Die ich nicht habe, nicht hergeben will. Meine Zeit. Meine Nerven. Dabei weiß man ganz genau, daß man grob und vermutlich absichtlich mißverstanden wurde. Man müßte sich eigentlich hinsetzen, und das Satz für Satz auseinanderpfriemeln. Aber es würde vermutlich abprallen an ihm, weil er das hört, was er hören will, das liest, was er lesen will. So hänge ich jetzt da, matt und schlaff. Traue mich nicht aufregen, weil ich weiß, daß ich damit besser gar nicht erst anfangen sollte. Kostet zuviel Energie. und überhaupt sind solche es ja gar nicht wert ... s.o. Weiß nicht, was jetzt klug ist. Klappe halten und still sein kann auch nach hinten losgehen. Egal, was man macht, es kann alles falsch sein. Dann liest man nochmal den letzten Abschnitt und tut sich leid und denkt sich, das ist ja widerlich, wieviel Selbstmitleid du aufbringst. Mann, wie du dich hier stilisierst, diese empfindsam-melancholische Posiererei. (Und dann auch noch selbst beschimpfen, fishing for compliments nennt man das. - Und damit beißt sich die selbst-denunziatorische Katze in den Schwanz.) Der hat vielleicht nicht unrecht ... nein, das kann ich jetzt nicht zu Ende denken. Selbstmitleid bringe ich ja auf, aber zu soviel Selbstekel bin ich nicht fähig. Dann muß man irgendwie wieder da raus kommen. An was anderes denken. Mordgedanken verwerfen. Exilgedanken verwerfen. Irgendwie wieder Anschluß finden an den Tag, wie er war, bevor man die Mail bekommen hat. Was wollte ich noch tun? Tee kochen. Duschen (lauwarm). Gucken, ob die Ahornsämlinge gegossen werden müssen. Lesen (erfreuliches). Auf den Publish-Button drücken. Will man das wirklich? Ja. Scheiß drauf. Mein Blog. Sag ja zur Selbststilisierung. ... comment
don alphonso,
Donnerstag, 10. Juni 2004, 01:28
Aber falls Du ihn doch mal triffst, tu einen Ziegelstein in die Handtasche.
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spalanzani,
Donnerstag, 10. Juni 2004, 01:33
Ach, wissen Sie, Frau Diener (wenn Sie einen kleinen Belehrungsversuch erlauben wollen): Es wär gar kein Problem, eine empfindsam-melancholische Pose zu haben, selbst wenn's nur eine Pose wäre. Die kommt längst nicht mehr so oft vor, daß sie noch eine Plage wäre. Das neunzehnte Jahrhundert, das vergessen Menschen, die das Wort "empfindsam" im aktiven Wortschatz haben schon mal, ist inzwischen durch etwas ersetzt, was auch nicht viel besser ist.
Es wäre ja schon ein ziemlicher Durchbruch im Kulturkampf gegen die Dumpfbacken, wenn es gelänge, das neue kühl-überlegene Posieren für widerlich zu erklären und die Verunglimpfung des empfindsam-melancholischen einmal probehalber einzustellen. So richtig konnte zumindest mir noch keiner erklären, warum das eine besser sein soll als das andere. Melancholische Menschen basteln immerhin keine fiesen Schmähseiten (oder was immer Ihnen da angetan wurde). Im Übrigen kann man keine besseren Komplimente bekommen als den Haß der Widerlinge, aber das wussten Sie. ... link
andreaffm,
Donnerstag, 10. Juni 2004, 08:39
kühl-überlegen ist tatsächlich nicht besser, da haben Sie recht. ich hab's allerdings mit dieser Sorte zu tun, die sich moralisch im recht fühlen will, um jeden preis. und wenn sie dazu öffentlich mit dem finger auf andere zeigen und die beleidigen muß, ist's auch egal. solange man sich immer schön politisch-kritisch dabei fühlt.
soweit, meine aussagen dabei unverbogen zu lassen, geht die liebe zur kritik dann aber nicht. eine schmähseite ist es nicht, nur ein artikel. wenn der offiziell ist, stell ich ihn hier hin. gibt eine große party für alle freunde des volkssports nazi-vergleiching. und ja: wenn ich eine handtasche mit mir rumtragen würde, ich täte einen ziegelstein rein. und noch ganz andere sachen. einfach weils beruhigt. ... link ... comment
chos,
Freitag, 11. Juni 2004, 19:50
fishing for compliments...
ja, okaayyy...
Klappt aber nur wenn die Fische auch beißen wollen. Der Köder muß also schon was Wert sein. Mit dem Ziegelstein würde ich mich allerdings nicht abmühen wollen, es könnte sic als schwierig erweisen tatsächlich jemanden, für diesen Ziegelstein zu finden. Meine Erkenntnis ist, das die Menschen sich beim Ausleben ihrer Online-Identität ziemlich schizophren verhalten. Anstatt sich zu vergegenwärtigen, das man mit einer realen Person kommuniziert, läßt die Art und Weise sehr stark darauf schließen, das man denkt man spielt nur so ein etwas komplexeres Computerspiel. Ich kann mir echt nicht vorstellen, das sich sooo vielen Leuten wirklich nur auf sooo extrem gewaltätige Art und Weise mitteilen können. Gruß chos ... link ... comment |
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