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andreaffm, Mo, 21.Juli.2008, 19:24 Okay, ganz ruhig. Es ist nur das Anreißerchen im Inhaltsverzeichnis, und schon steigt dir wieder die Galle: Noch nie war es so einfach wie in der Internet-Ära, seine eigene Meinung in die Welt zu posaunen – ja wer posaunt denn hier? Welche Kriterien muß eine Aussage erfüllen, um als Posaunen durchzugehen? Kann es eventuell sein, daß es gar keine Kriterien gibt und bloß die eigene Meinung irgendeines Journalisten widerspiegelt, die er in einer Ära des journalistischen Niedergangs in seinem Hausblatt herumposaunt? Aber gut, schlagen wir Seite 94 auf.
Lauter Bilder von freundlich guckenden Menschen, darunter eine Überschrift: Die Beta-Blogger, und darunter steht: Die meisten sind unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell. Was zu beweisen wäre. Der Artikel geht so los, daß er (behauptet er) wäre er ein Blog, anders losginge. Und zwar so, wie nicht ein Blog sondern ein Tagebuch losgeht: Mit Datum, darunter ein bißchen Selbstmitleid und Wörter wie Puh und Ätsch! Der Tagebuchvergleich ist, wie wir schon an vielen Beispielen sehen konnten, eine sehr beliebte und bestens eingeübte Diffamierungsstrategie, um Unprofessionalität zu behaupten. Blogger beschimpfen sich gerne, wie man im nächsten Absatz erfährt, zum Beispiel Henryk M. Broder und Stefan Niggemeier. Blogger sind widersprüchlich. Zum Beispiel diese Mercedes Bunz, die einmal schreibt, daß Blogs überschätzt werden, und dann wieder das Gegenteil. Frau Bunz ist außerdem unprofessionell, weil sie einen Unterausschuß mit einem Untersuchungsausschuß verwechselt. Drei Beispiele, drei professionelle Journalisten, denen vorgeworfen wird, als Blogger unprofessionell zu sein. Aber eigentlich nicht wirklich, weil der Autor dann die Rollenprosa als Blogger aufgibt: So ungefähr schreibt und liest sich das im Netz. Polemisch bis rechthaberisch. Warum er, um das zu belegen, fiktive Blogeinträge verfaßt, in denen er auf Journalisten, die auch bloggen, herumhaut, weiß vermutlich nur er selbst und vielleicht seine zwei Mitschreiber, mit denen er in gemeinsamer Kraftanstrengung dieses qualitätsjournalistische Paradestückchen verfaßt hat. War das jetzt polemisch bis rechthaberisch? Entschuldigung. Okay, in Deutschland wird nicht wirklich viel politisch gebloggt. Es wird, zugegebenermaßen, quantitativ gesehen überhaupt nicht viel gebloggt. Warum das so ist, weiß kein Mensch, und auch in diesem Artikel denkt keiner ernsthaft darüber nach. Man sei hier halt ein Volk von Oberlehrern, nicht von Volkstribunen, heißt es, wieder im Tagebuchstil, im letzten Absatz. Es gibt keine großen Enthüllungen, keine Stars und kein Politblog, das überraschender wäre als FAZ-Leitartikel. Wenn einer dann politisch bloggt, macht er hauptberuflich Öffentlichkeitsarbeit für einen Wasserversorger, weshalb keiner weiß, was von ihm zu halten ist. Auch die Autoren des Artikels wissen das nicht, weil sie vom China-Bild der Medien oder irakischen Öl-Affären keine Ahnung haben, deshalb trauen sie dem Spiegelfechter besser mal nicht und nennen seine Blog-Einträge Leitartikel für den Hausgebrauch. Deshalb trauen sie mal besser nur ihren eigenen verbrieften und versiegelten Journalisten und hoffen, daß die mehr Ahnung haben von China und vom Irak. Zumindest kann man davon ausgehen, daß die dann eine halbwegs gängige und nicht allzu abweichende Meinung dazu haben. Was am Ende näher an der Wahrheit ist, weiß keiner, aber es gibt dann eine Mehrheitsmeinung, die sich durchsetzt. Das ist dann zwar genau das Gegenteil der geforderten Enthüllungen von unten, aber wenigstens tut das keinem weh und wirbelt nicht so viel Staub auf. Damit fördert der Journalismus genau den Zustand, den er zu kritisieren vorgibt. Vollständig außer acht gelasen wird auch in diesem Artikel die Frage, ob es auch jenseits von Politik, Enthüllung und großer Blogstars eine Relevanz geben kann. Eine eher gesellschaftliche oder kulturelle Relevanz zum Beispiel. Ich bin fest davon überzeugt, daß man in hundert Jahren besser Blogs als Zeitungen lesen sollte, wenn man wissen will, wie es sich Anfang des 20. Jahrhunderts so gelebt hat. Natürlich nicht die großen Blogs, sondern die kleinen vergessenen Perlen, die nie jemand wahrnimmt. Aber Empirie war nie eine Glanzdisziplin unseres Volkes von Oberlehrern, um mal mit einem völkischen Argument zu kontern. Leider neigt man hierzuland dazu, zuerst mal eine Definition festzulegen und dann die Dinge hineinzubiegen. Umgekehrt ginge das doch viel leichter: Man müßte nur schauen, was es an Blogs gibt und könne daraus dann ableiten, was die Blogosphäre alles ist und kann. Stattdessen formuliert man erst einmal Erwartungen, um dann festzustellen, daß die nicht erfüllt werden und jammert schließlich herum, was die Blogosphäre alles nicht ist, aber sein müßte. Naja, Journalisten. Aufschreiben was ist, das ist halt ganz schön schwer. Schreibt man lieber mal auf, was man gern hätte. Als ob das Leben ein Wunschkonzert wäre. [Gut, alles in allem zwei Stunden. Trotzdem immer noch besser als Magengeschwür vor lauter runterschlucken.] ... comment
sven e.,
Montag, 21. Juli 2008, 23:26
"Verantwortlich für die Online-Stärke sei aber auch die Schwäche der etablierten US-Medien mit ihrer voreingenommenelitären Berichterstattung."
Hach! (Jetzt nur, um der Schreibweise in Blogs gerecht zu werden.) ... link ... comment
mow,
Dienstag, 22. Juli 2008, 17:05
Meiner Meinung nach haben die Zeitungen bei den Blogs eine Chance vertan. Eine Plattform anbieten, potenzielle Leser binden und nebenbei noch die Presse- und Meinungsfreiheit stärken. Aber darauf ist keiner gekommen.
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mark793,
Dienstag, 22. Juli 2008, 17:20
@mow:
Es ist ja nicht so, dass mans nicht versucht hätte. Die Älteren werden sich vielleicht noch an Versuche bei der "SZ" erinnern, die Ambitionen der "Welt" sind erst in diesen Tagen spürbar erlahmt. Wie die Blogs bei der WAZ und rp-online laufen, habe ich nicht so genau verfolgt. OK, beim Handeslblatt war jenseits von Herrn Knüwer sicher auch mal mehr Drive dahinter. Das alles lässt aber kaum allgemeingültige Schlüsse zu, warum und wie Zeitungsblogs funktionieren müssten - oder eben auch nicht.
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mow,
Dienstag, 22. Juli 2008, 18:34
Ich dachte weniger an bloggende Journalisten, sondern an bloggende Leser. Die hätten den Zeitungen auch Impulse geben können über Dinge die lokal laufen und gut ankommen. Die Verlage hätten im Gegenzug die technische Plattform zur Verfügung gestellt und unter Umständen auch eine Debattenkultur einführen können.
Aber inzwischen ist es ja kein Problem ein eigenes Wordpress einzurichten, so dass man darauf nicht mehr angewiesen ist. Allerdings klappte das mit der Readers Edition und der RP Opinio (?) auch nicht so dolle. Marc ... link
mark793,
Dienstag, 22. Juli 2008, 19:03
Schwierig.
Im großen Stil oder bei einer großen Zeitung ist es wohl nie probiert worden. Aber die Versuche mit Leserblogs, die ich bei ein paar Lokalblättern im Westfälischen mal eine Weile verfolgt habe, waren auch nicht wirklich ermutigend. Resonanz nahezu null, von daher denke ich nicht, dass man den Leserbindungs-Effekt solcher Leserblogs allzu euphorisch bewerten sollte. Ich würde aus alledem freilich auch nicht kategorisch folgern, dass es zwischen der Blogwelt und dem Zeitungsgewerbe keine interessanten Schmittmengen geben könnte. Aber es wird, so fürchte ich, wohl eher die Ausnahme bleiben, dass dabei was wirklich interessantes und dauerhaftes entsteht.
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andreaffm,
Mittwoch, 23. Juli 2008, 09:10
Einen Königsweg, wie Zeitungen mit Blogs umgehen sollen um Erfolg zu haben, weiß ich auch nicht. Vermutlich schließen sich Blogs und Erfolg ohnehin aus und es gibt allerhöchstens Nischenerfolge (in der Buchbranche nennt man das dann gern einen Kritikererfolg).
Aber ich finde es schon auffällig, wie aggressiv immer wieder mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Wie immer wieder die großen Geschütze aufgefahren werden, und wie immer wieder alles durcheinandergebracht wird: Strickblog, Politikblog, Journalistenblog, das ist dann auf einmal alles eins. ... link
mariong,
Mittwoch, 23. Juli 2008, 09:42
danke für diesen schönen Artikel.
aus irgendwelchen Gründen sind Journalisten wohl der Meinung, dass ihnen von Blogschreibern die Butter vom Brot genommen wird. Meine Wahrnehmung des ganzen ist etwas anders. (Ich z.B. schreibe ein so persönliches privates Blog, dass ich damit sicherlich das allgemeine Niveau der Blogs nach unten drücke (als ob es dabei um "Relevanz" ginge)). Es gibt viele Blogs, die spannender sind als alle Printmedien zusammen, weil dort offen berichtet werden kann, über jedes Thema das interessant ist, weil keine Selbstbeschränkung und Rücksichtnahmen (auf Anzeigenkäufer z.B.) notwendig sind. Blogs sind nicht zur zweidimensional, sie bewegen sich im Hyperraum und können theoretisch "um die ganze Welt fliegen". Sie sind für mich Kunstprodukte. Sie leben von der Kommunikation mit ihren Lesern und nicht von der oberlehrerhaften frontalen Vortragskunst eines Autors. Sie leben vom Mitmachen. Ihre Texte sind oft literarisch anspruchsvoll, die Illustrationen phantasievoll. Blogs leben. Sie haben mit uns zu tun. Was machen Journalisten? Die schreiben so tolle relevante und auch vor allem gut recherchierte Berichte wie man sie täglich in der Bild Zeitung lesen kann, zum Beispiel. Sie kämpfen also Tag für Tag für die Volksbildung (haha). Die Tageszeitungen beziehen ihre Inhalte von den großen Nachrichtendiensten. Für die Regionalberichte werden in der Regel nur ein paar Freiberufler bezahlt, he, wenn ich das wollte, könnte ich auch für meine Tageszeitung über das neueste Vereinsfest des Kanickelzüchterverbandes berichten. Oft liest man - ob online oder Papier - Dinge, da fragt man sich, ob es jetzt heißen muss "wer nix wird wird Journalist", denn vieles aus den alltäglich massenhaft produzierten Nachrichten, mit denen die Öffentlichkeit so unterhalten, überschüttet und "informiert" wird ist grottenschlecht, schlecht recherchiert, schlecht geschrieben, ohne "Lektorat" mit vielen Druckfehlern veröffentlicht und in die Welt gesetzt. Dabei kommen Fehler vor, da fragt man sich, ob heutzutage niemand mehr ein Mindestmaß an Allgemeinbildung oder "gesundem Menschenverstand" haben muss. Und natürlich gibt es auch brillante Berichte und Arbeiten von Journalisten, ich muss nicht auf einem ganzen Berufsstand herumhacken, aber überall gibt es "schwarze Schafe". Und die wirklich guten die kosten Geld, viel Geld, und das will zunehmend nicht mehr bezahlt werden. Niveau wird nicht von den Massen bezahlt. Ach so, daher kommt das. Plötzlich ist der Profi mit dem Laien vergleichbar geworden, und hat diesen als Konkurrenten erkannt. Und außerdem ist Sommerloch. Und außerdem merkt man vielen Weblogbedeutungs-berichten an, dass sie gut recherchiert wurden von Journalisten, aber trotzdem wurde nicht verstanden, worum es geht beim bloggen. ... link
mark793,
Mittwoch, 23. Juli 2008, 09:59
Mir persönlich,
der ich in beiden Welten lebe (beruflich als journalistischer Freelancer, privatim als Irrelevanzblogger), geht dieser Hickhack seit jeher auf die Gonaden. Ich habe schon den Eindruck, dass es etliche Kollegen gibt, die Sorge um ihr Deutungsmonopol haben. Aber genausowenig wie man alle Blogger über einen Kamm scheren kann, kann man alle Journalisten oder gar "die etablierten Medien" über einen Kamm scheren. Da argumentiert mir auch manch ein Blogger zu holzschnittartig. Aber hey, das ist sein gutes Recht.
Und wie Mariong zu Recht anmerkt, betrifft diese Debatte eh nur eine kleine Teilmenge an Blogs - nämlich diejenigen, die mit einem gewissen Anspruch auf Welterklärungskompetenz unterwegs sind. Für mein privates Dunkelkämmerlein, in dem ich für ein paar Freunde und Bekannte ab und zu paar Kinderbilder poste und belanglose Alltagsepisoden aneinanderreihe, würde ich nicht in Anspruch nehmen, die Medienzukunft zu verkörpern oder das bessere Medium zu sein. ... link
andreaffm,
Mittwoch, 23. Juli 2008, 13:54
Danke für diesen schönen Kommentar, mariong.
Ich hab ja nichts gegen Journalisten, mittlerweile bin ich selber einer. Und es ist nicht immer nur toll. Man muß schon einiges an Begeisterungsfähigkeit aufbringen, das schafft nicht jeder bei jedem Thema. Im lokalen Bereich ist es dann schon schwierig, überhaupt Leute zu finden, die sich dazu herablassen, zu den Karnickelzüchtern zu gehen für das bißchen Zeilenhonorar und Foto. Das sind dann meistens nicht gerade die großen Wortkünstler. Wenn man Glück hat, bekommt man ein paar kluge junge Studentinnen. Wenn man Pech hat, verkrachte Existenzen, die bei Mama wohnen und nach Alk stinken. Aber beim Spiegel sollte das doch ein bißchen anders aussehen, denkt man. Da sollten doch die klugen Menschen die Tür einrennen, da sollten sich die Leute doch drum kloppen, da schreiben zu dürfen. Insofern hab ich da auch weniger Toleranz für solche Nullartikel übrig. ... link
mark793,
Mittwoch, 23. Juli 2008, 14:27
Nun,
die beiden anderen Autorennamen im "Spiegel" sagen mir nichts, aber von Markus Brauck habe ich (auch schon als er noch für die "Frankfurter Rundschau" unterwegs war) gut geschriebene Geschichten gelesen. Ich finde es auch überzogen, dem Trio jetzt jedwede journalistische Qualifikation abzusprechen, nur weil man sich jetzt sozusagen als Betroffener in dieser Geschichte nicht wiederfindet, der Spin in die Irre dreht und an der handwerklichen Umsetzung des Themas einiges zu kritisieren ist.
Im Übrigen gehört es nicht zu den Usancen der Kollegen an der Brandstwiete, sich für ein Thema wirklich zu begeistern, so dass es am Ende auch der Leser merken könnte. Es gilt, die Welt mit einem süffisant-skeptischen Blick und hochgezogener Augenbraue abzubilden, und diese Kulturtechnik wird den Redakteuren und Autoren in jahrelanger Redigier-Therapie vermittelt. Es ist in der Fachwelt noch zu wenig beschrieben worden, was dieses System mit den dort arbeitenden Menschen macht, wie das redaktionelle Streamlining der mehrfachen Redigierprozesse und Schaukämpfe der Themenkonferenzen über kurz oder lang einen bestimmten Blick auf Themen formt, so dass Du nicht primär für die Leser schreibst (auch wenn Du Dir das selbstredend weiterhin einbildest), sondern zunächst mal ein Thema formulierst, das in der Ressortleiterkonferenz Beifall finden muss. Und das dann vom ersten Expose und Entwurf bis zur Story, die dann im Blatt und/oder Online steht, manchmal ungeahnte Metamorphosen durchläuft, dass der Verfasser, dessen Name drunter steht, sein eigenes Werk nicht mehr erkennt. Das ist keine "Spiegel"-Spezialität, auch wenn das dort zur Perfektion entwickelt wurde. Und alle Kritik an Einzel-Fehlleistungen, wie sie beispielsweise auch der Kollege Niggemeier immer wieder betreibt, greift da letztlich zu kurz, weil sie die systemimmanente Dimension des medialen Irrsinns ausblendet. Wenn man wirklich verstanden hat, wie es läuft, das Business, müsste man eigentlich auswandern und irgendwo Hülsenfrüchte anbauen und dem ganzen Jahrmarkt der medialen Eitelkeiten den Rücken kehren. Aber, hey.... ... link
mark793,
Mittwoch, 23. Juli 2008, 14:49
Danke!
Gestehe ichs offen: Manchmal täts mich schon jucken, aus der Dunkelkammer herauszutreten und die stark gedrosselte Ego-Marketing-Maschinerie wieder anzuwerfen; ein Knaller-Blog zu starten, das ohne falsche Rücksichtnahme endlich mal sagt, was wirklich Sache ist; vielleicht wenns richtig gut läuft eine Sekte zu gründen oder zumindest auf Lesungen meine Medienchecker-Blogbücher zu signieren. ;-)
Was hält mich ab? Unter anderem ein gerüttelt Maß Bequemlichkeit. Und die Sorge, ich könnte am Ende doch so werden wie meine geschätzten Ex-Kollegen Turi und Niggemeier. ... link
mark793,
Donnerstag, 24. Juli 2008, 11:48
Im Moment
bin ich nicht nah genug dran, um zu sehen, inwieweit "System Spiegel" synonym ist mit "System Aust" und ob Herr von Blumencron tatsächlich mit anderem (sprich: kooperativerem) Führungsstil einen anderen Spirit erzeugen kann.
Aber mal jenseits der Binnenbe"spiegel"ung. Der Leser, Laie, nichtjournalistische Blogger macht sich im Normalfall auch zu wenig klar, wie eine typische Magazingeschichte (die genausogut im Stern oder der Wirtschaftswoche stehen kann) gestrickt ist und was das heißt für die Repräsentanz von Realität: Man bastelt einen szenischen Einstieg, eine konkrete Einzelepisode oder persönliche Anekdote, kriegt spätestens im dritten Absatz die Kurve ins Allgemeine: - Dies ist kein Einzelfall. Immer mehr, immer öfter... Den Rest des Textes versucht man, weitere Belege für die Ausgangsthese (man könnte auch sagen: Stoßrichtung/Spin) dranzutackern, bevor man am Schluß versucht, irgendeine müde Pointe drunterzusetzen, die idealerweise mit der Einstiegs-Episode irgendwie korrespondiert. Von dieser Dramaturgie ist unser Blogbeobachter-Trio natürlich etwas abgewichen, weil man sich den vermeintlich spezifischen Blogstil zu eigen machte (man darf schon vermuten: um ihn zu desavouieren). Aber trotzdem schön zu sehen, wie der Schluss der Geschichte das Anfangsthema zyklisch wieder aufnimmt. Das soll den Eindruck erzeugen oder verstärken, man habe etwas rundes und stimmiges gelesen. Aaaaber: Da gehts nicht drum, die Wirklichkeit in all ihren Facetten abzubilden und dem gepflegten sowohl-als-auch allzuviel Platz einzuräumen. Es gibt eine Ausgangsthese (in unserem Fall: Blogger sind irgendwie unbedeutend), und die wird stimmig durchdekliniert bis zum Schluss. Da gibt es am Ende des Tages nur "Hosianna" oder "Kreuzige ihn". Nachtrag: Schreiben können viele, die bei einem Magazin anheuern. Aber diese spezifische Stilform (und das Gespür dafür, welcher Spin, welche Stoßrichtung grad gefragt ist bei der Chefredaktion und zuvor beim Ressortleiter), das muss sich mancher erst hart und mühsam antrainieren lassen. ... link
beh,
Mittwoch, 30. Juli 2008, 18:56
Wobei
"stimmig durchdekliniert", wuerde Ihr Buch, Herr mark793, bestimmt ausfuehren, zunaechst mal notwendig das Ausblenden aller stoerenden Fakten oder Beobachtungen umfasst, gefolgt vom Treffen einer Auswahl aus dem Rest, sei sie naheliegend oder nicht, fuer die dann eine Formulierung einer die Grundthese unterstuetzenden Interpretation erstellt wird. Sollte dieser Rest leer sein, fasse man die Grundmenge groesser, nehme etwa Meteorologie und Dessertkueche noch mit hinzu.
Ja, wenn ich in besagtem Magazin Artikel zu Themen lese, von denen ich denke, ich kenne mich halbwegs aus, frage ich mich jedesmal bang was diese Frau Merkel, von der im vorderen Teil so oft die Rede ist, wohl wirklich macht... Doch, ich wuerde das Buch auch kaufen. Auch um im Kapitel zu diesem Magazin ueber die Unsitte zu lesen, im Kulturteil bei Kurzbesprechungen einfach mal "nachzutreten", einfach mal auswuerfeln, wer diesmal den Nebensatz ", und Kitsch konnte der/die ja schon immer" verpasst bekommt. Um Leserbriefe der Form "Genau, Kitsch! Endlich sagt's mal jemand." zu provozieren. In der "Kampf"-Ausgabe ist IIRC sogar beides zu besichtigen. Der Nebensatz und der Leserbrief. Abgesehen davon, dass man rund um das Energie-Preise-Thema neuerdings genuesslich das Wort "Sch*ck" aus dem Boulevard entlehnt. Ach, koennte man doch den ganzen Tag Blogs lesen... ... link
mark793,
Mittwoch, 30. Juli 2008, 20:03
Ich fürchte,
in einem Punkt müsste ich Ihr wohlberechtigtes Leserinteresse enttäuschen. Das Hickhack und Getrete in den Kulturteilen lässt mich auch oft genug recht ratlos daneben stehen. Ich weiß in der Regel nicht, warum dieser Kulturprotagonist abgewatscht wird und jener gepriesen. Nun habe ich es mir angewöhnt, kein hochfliegendes Motiv für eine Handlung zu glauben, wenn ich auch ein niedriges finde. Und so vermute ich stark, dass viele Urteile, Hinrichtungen, Freisprüche und Elogen nicht zuletzt von persönlichen Motiven, Neigungen und Abneigungen getrieben sind. Man müsste in den Kreisen der Feuilletonchefs, Kulturminister, Intendanten überregionaler Renommierbühnen und Festspieldirektoren sehr viel besser verdrahtet sein, um da etwas mehr durchzublicken. Und wäre man dann nahe genug dran, würde man vermutlich nichts mehr schreiben wollen dazu.
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merzmensch,
Donnerstag, 24. Juli 2008, 10:43
OK, stimmt, meine Vermutungen wurden bestätigt: im Spiegel steht nichts neues...
Wie immer polemisieren die Zeitschrifts Also, wenn ich die Berichterstattung der Printmedien über die Blogs so verfolge, dann sieht sie für mich aus wie die [nicht] letzten schwachen und hoffnungslosen Versuche des Print-Romulus Augustulus, sich gegen die Blog-Odoaker-Horden zu wehren. Doch das Ende der Geschichte kennen wir. Es ist immer ein neuer Anfang. ... link
froschfilm,
Donnerstag, 24. Juli 2008, 11:06
Empfehlung
Interessant, lesenswert und mit weniger Hass schreibt Andrew Hammel über den selben Spiegel-Artikel.
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froschfilm,
Donnerstag, 24. Juli 2008, 12:02
Hass auf den Spiegel und die Journalisten? Nagut, nennen wir es Verve! (Mir gefällt das ja doch, sonst würde ich ja nicht mitlesen.)
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schwarzmaler,
Donnerstag, 24. Juli 2008, 14:46
Und drüben in USAnien ist natürlich alles viel größer, toller und schöner. Und die Blogger essen mit güldenen Löffelchen von güldenen Tellerchen. Was haben wir gelacht. Kopf hoch, diesen Unsinn einfach gar nicht ignorieren. Da pfeifft jemand im Walde aus Angst um seinen Job, obwohl das Fernsehen weder die Zeitung noch das Computerspiel den Film ersetzt haben.
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mark793,
Donnerstag, 24. Juli 2008, 15:09
Richtig,
der Verweis auf das gelobte Land ist sein Goethes Zeiten ("Amerika, Du hast es besser") ein beliebtes Versatzstück. Wenn man den Versuch unternähme, Flauberts "Wörterbuch der Gemeinplätze" aktuell und unter besonderer Berücksichtigung medial beliebter Hohlphrasen neu abzufassen, wäre dem Topos USA-Vergleich ein prominenter Platz gewiss.
Und wo bleibt das Positive? Meinen persönlichen Dummsülz-Favoriten haben die Kollegen in der Blogger-Story gottlob nicht verwendet: " "Am schlimmsten trifft es immer die Kinder." ... link ... comment |
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