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hase der woche: hasenhaare
andreaffm, Sa, 5.Mai.2007, 15:40 Aus Hasen werden Hasenbraten, aus dem Rest werden Hüte – zumindest im 19. Jahrhundert war das so. Daß aus den verdreckten Fellen voller Ungeziefer saubere Haarknäuel wurden, der Rohstoff für feinen Filz, der viel weicher war als der sonst übliche Wollfilz, dafür waren die Hasenhaarschneider zuständig. Die saßen in den Städtchen und Dörfern entlang des Untermains, in Niederrad, Sossenheim, Kelsterbach, Rüsselsheim. Je ärmer das Kaff, desto eher gab es genügend Verzweifelte, die diesen ziemlich gesundheitsgefährdenden Beruf auf sich nahmen, teilweise war es die Hälfte der Einwohnerschaft, die sich davon ernährte.
![]() Die ersten Hasenhaarschneider kamen mit den hugenottischen Glaubensflüchtlingen. Die Hasenfelle kamen aus Sachsen, Böhmen, Rußland. Zuerst mußten die Felle gewaschen werden, das erledigten Frauen und Kinder auf einer Sandbank im Main. Dann wurden sie auf kleinen Holzrahmen aufgespannt, gewalkt, aufgerauht und schließlich gebeizt, damit die feinen Hasenhaare sich richtig verfilzen können. Das alles stank natürlich entsetzlich nach Blut, Fett und ätzender chemischer Beize. Dann wurden die Felle mit Schere oder einem Rupfeisen von den Haaren befreit, die schwebten dann überall im Raum und niemand durfte das Fenster öffnen, weil das die nach Qualität sortierten Haare durcheinandergewirbelt hätte. Alle atmeten die feinen Härchen ein, die zersetzten einem die Lungenbläschen, die Augen entzündet, der verstärkte Speichelfluß schon chronisch, und schließlich starb man an Herzversagen, wenn man sich nicht vorher schon an der quecksilberhaltigen Beize vergiftet hatte. Die Haare wurden in Ballen nach Frankfurt oder Offenbach zu den dortigen Hutfabriken geliefert, das gab schöne Sonntagshüte für den Kirchgang. ![]() Seit den Zwanzigerjahren ist der Beruf völlig ausgestorben. Kaum jemand weiß heute, wofür ein Hasenhaarschneider einmal gebraucht wurde – wenn man nicht gerade zum zehnten Jubiläum des Heimatmuseums in eine Hasenhaarschneiderstadt geschickt wird, wie ich heute. Auch damals war der Beruf außerhalb des Untermaingebiets nicht sehr verbreitet. Eine Anekdote erzählt von einem preußischen Stabsarzt, der im Jahre 1866 – dem Jahr, als Frankfurt preußisch wurde (1866? Wann soll das gewesen sein, dieses 1866?) – nach Niederrad kam, um alle wehrtauglichen Männer zu erfassen. Dabei wurde auch der jeweilige Beruf festgehalten, und als der zehnte Niederräder "Haarschneider" angab, wunderte sich der Arzt dann doch: "Ja, zum Donnerwetter, wieviel Friseure gibt es denn eigentlich in Niederrad?" Im kleinen Städtchen gab es etwa 1200 Einwohner, knapp die Hälfte davon schnitt Hasenhaare und wurde demzufolge nicht sehr alt. ... comment
mow,
Montag, 7. Mai 2007, 08:31
1866? Die Zeit der Einigungs- oder Bürgerkriege in Europa und Norddamerika.
1866 war die Schlacht von Königgrätz. Preußen besiegt Österreich und planiert so den Weg zum sogenannten Kleindeutschen Reich (also ein geeintes Deutschland ohne Österreich). Napoleon III. in Frankreich hatte allerdings auf die Österreicher gesetzt, sorgte sich nun wegen eines einigen Deutschlands an seiner Ostgrenze und plante "Revanche pour Sadowa". So hieß der Ort auf Französisch. Jedenfalls zeigen aber die Arbeitsbedingungen beispielhaft, warum so mancher Beruf heute zurecht fast ausgestorben ist. Marc ... link
theoneiloveorg,
Dienstag, 8. Mai 2007, 18:12
Moment - ich habe zwar kein überzeugendes Alibi für die Zeit um 1866, finde es aber doch ein wenig unfair, ganze temporäre Staatsgebilde (und damit deren Bevölkerung samt unschuldiger Nachkommenschaft) zu verdammen. Wenn ich nach der aktuellen Lage herrschender politischer Mandatsträger gehe, wäre Hessen aus dieser Sicht auch nicht die erste Wahl für den Wunschwohnsitz. (Wahrscheinlich riecht mir das alles zu sehr "nationaler" Zuordnung, die in der Regel mein Unwohlsein fördert. Weswegen sich meine Meckerlaune hier entlädt. Sorry.)
Wie auch immer. Ich werde wohl demnächst Frankfurt kurzzeitig intensiv erkunden und hoffe eher auf angenehme Erfahrungen mit der ortsansässigenden Gastronomie und den lokalen Konditorei-Erzeugnissen ;-) Zumindest weiß ich ja schon mal, das ich um alle Lokalitäten einen großen Bogen machen muss, die 1866 gegründet wurden, um nicht von den Einheimischen wegen des Besuchs gesteinigt zu werden. ... link
andreaffm,
Mittwoch, 9. Mai 2007, 08:36
Also, es ist so: Was für die Belchier dieses unbekannte Aleschia ist, das dort keiner kennt, das ist für die Frankfurter 1866, das kennt hier auch keiner. Seitdem ist es aus mit der Herrlichkeit der freien Reichsstadt. Jahrhunderte über Jahrhunderte hatte man eine schicke Sonderstellung inne, kein Fürst, kein Herzog hatte hier was zu sagen, jetzt ist man plötzlich nur noch preußische Provinz, nicht besser als irgendein Rübenzüchterkaff in der Streusandzone. Das tut schon weh.
Da meine halbe Verwandtschaft aus Rübenzüchterkäffern in der Streusandzone kommt, weiß ich, wie es da aussieht und daß das so gar nicht mein Landstrich ist und so gar nicht meine Leute und so gar nicht mein Temperament. Wie es mit der familiären Prägung aber so ist, entdecke ich immer wieder Züge an mir, die ich nur auf den preußisch-protestantischen Hintergrund schieben kann. Das tut gut, befreit und entledigt mich der Verantwortung. Die Preußen kratzt das eh nicht, die sind ja weit weg. Ja, die lokale Gastronomie. Wenn Du Tips brauchst, schrei. Oder schreib einfach eine Mail. ... link ... comment
juyooh,
Montag, 14. Mai 2007, 12:41
Bin ja ein bisschen spät dran, aber:
In England heißt der Zylinderhut (der schön ist, wenn man ihn besitzen tut) beaver, also Bieber. Gibt es dort Bieberhaarschneider? Hat man da Bieber statt Hasen genommen? ... link
theoneiloveorg,
Dienstag, 15. Mai 2007, 10:28
Die Wikipedia scheint die Theorie zu bestätigen:
en.wikipedia.org ... link ... comment |
seit 2492 Tagen sitz ich hierletzte Bestellung: 2008.10.06, 22:54 Suche und finde
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