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stylisches armaturenbrett vs. mama
andreaffm, Mi, 28.Mai.2008, 07:56 Und du willst wirklich keinen Opel Corsa? fragte meine Mutter zum hoffentlich letzten Mal.
Nein. Wirklich nicht, sagte ich. Zum hoffentlich letzten Mal. Wir sind eine Opelfamilie. Opel, seit der Simca 1000 nicht mehr tat. Und mit dem Opel kam das Kotzen, und zwar wörtlich, weil mit der Anschaffung des Kadett meine Reisekrankheit datiert werden kann. Es gibt ja das Sauce-Bernaise-Syndrom, das einen bei Übelkeit auf die Vermeidung bestimmten Essens konditioniert. Mich hat die Übelkeit auf die Vermeidung von Opels konditioniert. Jetzt muß man wissen, daß in meiner Familie Kaufentscheidungen vor allem standorttreu getroffen werden. Wir wären sicherlich keine Opelfamilie, gäbe es in unserem Viertel keinen Händler mit Vertragswerkstatt. Gibt es aber, keinen Ford- oder VW-Händler sondern Opel, und daher also Opel, außerdem kommt der aus Rüsselsheim, das ist faktisch um die Ecke, kann also gar nicht schlecht sein. Neben dem Opel-Händler gibt es im Viertel aber auch die große Fiat-Niederlassung Rhein-Main, und die ist nun meine Rettung vor dem Corsa. Denn der Mann der Fußpflegerin meiner Mutter arbeitet dort und versorgt die halbe Nachbarschaft mit Fiats, und kurz nach meiner Opel-Corsa-Verweigerung traf meine Mutter ihre Fußpflegerin auf einer Beerdigung und sprach sie gleich mal an wegen eines Autos für die Tochter. Die Fußpflegerin bedauerte sehr, daß das ehemalige Auto meiner kalabresischen Freundin nicht mehr dasei, richtete mir meine Mutter aus. Das sei doch so schön gewesen, das hätte ich doch übernehmen können, habe die Fußpflegerin gesagt. Das bedauere ich auch sehr, denn dann wäre ich im Alfa vorgefahren und hätte keine Fragen mehr gestellt. So aber riet man mir, doch mal über den Hof mit den Gebrauchten zu gehen und nach den Puntos Ausschau zu halten, und meine Mutter signalisierte Bereitschaft, mich dabei zu begleiten. Doch ein Freund aus Darmstadt kam ihr zuvor. Scheiße, sagte Volker, als er den Hof betrat und ich gerade Blütenreste von den Topfazaleen zupfte, die Karre ist im Arsch. Wir müssen shoppen, und zwar Auto. Volkers Ford Fiesta hatte mich damals auf den ADAC-Übungsplatz begleitet, und irgendwie stimmt da schon länger etwas nicht mit der Kupplung. Jetzt kommt hinzu, daß die Bremse zickt und sich die Reparatur nicht mehr lohnt. Ein Auto muß her, da haben wir schonmal etwas gemeinsam. Ist da vorne nicht so ein Fiathändler? fragt Volker. Aber ja, sag ich. Da ist die Rhein-Main-Zentrale. Wir machen uns also auf den Weg zu einem Abendspaziergang durchs lauschige Griesheimer Gewebegebiet, die Lage im Gebrauchtwagenhof checken. Am Händi derweil Volkers Mutter, die den Ford-Händler kennt, einen wirklich unangenehmen Autoverkäufertyp, der sie schon halb überzeugt hat, den neuen, wirklich unschönen Fiesta mit Reparatur-Flatrate zu kaufen. Was für meine Familie der Opel, ist für seine der Ford: Die rundherum vernünftigste und geographisch naheliegendste Lösung. Aussehen ist unwichtig und damit beim Autokauf völlig zu vernachlässigen. Es gilt also, einen Mittelweg zu finden, der die jeweilige Mutter nicht rundherum verschreckt und sie nicht davon abhält, sich wie versprochen finanziell zu beteiligen. Gleichzeitig will man aber weder einen Opel Corsa noch einen Ford Fiesta, der einem jeden Morgen, wenn man auf die Straße tritt, Schauer des ästhetischen und sonstigen Entsetzens über den Rücken rieseln läßt. Ich muß ja schließlich meine Potenz demonstrieren, sagt Volker. Das geht nicht im Fiesta. Da krieg ich keine Chicks mit abgeschleppt. Und ich habe sowieso ein Problem, weil ich den Fiat 500 so schick finde, der aber erst nächstes Jahr mit oben offen erhältlich sein wird. Das habe ich im Zug in der Zeitung gelesen, mit der der Sitznachbar den Luftraum über meinem Platz penetrierte. Etwas positives muß ja dran sein, ständig eine Welt am Sonntag vor dem Schädel hängen zu haben: Man wird unfreiwillig informiert. Und wenn ich jetzt einen Cinquecento kaufe, hab ich nicht mal ein popliges Schiebedach, und das wäre ja arg kümmerlich und ich würde mich sehr ärgern, wenn es nächstes Jahr nicht nur Dachluke, sondern sogar Cabrio gibt, wie es angekündigt wurde. Ich brauche daher also ein Überbrückungsauto, bis ich mir wenigstens die zweite Wahl kaufen kann, wenn schon keinen Mini in British Racing Green mit Wurzelholzarmaturenbrett. Daß ich mir den Mini nicht kaufen kann, weiß ich schon, denn die nächste Vertragswerkstatt liegt satte vier Kilometer weg und damit bereits ein Stadtviertel weiter. Das bedeutet: fünf Stationen mit der Straßenbahn. Das ist aber schlecht mit der Werkstatt, sagte meine Mutter. Das ist schon besser, wenn das in Griesheim ist. Also: There goes my Mini. Und es wird mir jeden Morgen unendliche Qualen bereiten, wenn ich auf die Straße trete und da steht mein Mini in British Racing Green und es ist nicht meiner sondern der des Nachbarn, der sich fieserweise so einen gekauft hat und ich kann ihn nicht mal klauen, weil das doch sehr auffiele. Stylisch, sagt Volker angesichts des Mini in British Racing Green vor unserer Hoftür. Der paßt aber schon zu dir. Ja, bohr in der Wunde. Bitte. Wir kamen dann auf dem Fiat-Gebrauchtwagenhof an. Gebrauchtwagen bedeutet hier: Überholte Gebrauchte mit Garantie, keine Rostschüsseln. Es war ein bißchen schwierig, Volker von den Alfas wegzuzerren, so einen wollte er unbedingt. Potenz und Chicks und so. Dann schlichen wir um die Puntos herum, die in langen Reihen farblich sortiert herumstanden. Ja, alles ganz ordentlich, alles ganz nett soweit, nicht zu groß und nicht zu popelig. Wir einigten uns auf schwarz, das kann man so nehmen, ist auch leistbar, da hat Mama nichts dagegen, das hat ja schließlich auch der Mann ihrer Fußpflegerin gesagt, daß ich so einen nehmen soll, und der muß es ja wissen. Auch ganz nett: Der wirklich günstige Lancia Ypsilon in elfenbeinweiß, der hätte sogar ein Glasschiebedach, das haben die Puntos durch die Bank weg nicht. Und ich bin ja so jemand, der schon Atemnot bekommt, wenn nur eine Gardine am Fenster hängt. Wie soll ich ein Auto ohne Beklemmungen überleben, das nicht mal ein Schiebedach hat? Und mamakompatibel ist er auch. Naja. Meiner wärs nicht, meint Volker zum Thema Lancia Ypsilon. Der Grill da vorne. Das ist das erste, was man auf der Autobahn von dir sieht, wenn du von hinten heranrast. Und wenn das dann soo aussieht … Aber die Instrumente sind sehr stylisch, sag ich. Und das sind sie wirklich. Auch, wenn ich den Teppich auf dem Armaturenbrett eher albern finde. Wurzelholz ist schon was anderes. Einige Reihen weiter findet mein jugendlicher Begleiter schließlich seine große Liebe: Der Fiat Bravo. Alles stimmt: Größe, Schnittigkeit, Chick-Faktor und Potenzdemonstration. Auch der Preis hält sich im Rahmen. Volker stimmt ein Loblied an auf die wunderbar chromumrahmten Instrumente, das sei schon alles sehr racing-style, und mir ist klar, daß da jemand sein Auto gefunden hat. Es ist ja, objektiv gesehen, auch keine völlig abseitige, sondern durchaus realistische Wahl. Einziges Problem an der Sache: Mama. So ein Fiat Bravo ist eher nicht mütterkompatibel, das ist auf den ersten Blick klar, und es wird harte Arbeit werden, den als Alternative zum Fiesta zu verkaufen. Leise vor uns hinjammernd treten wir also den Rückzug an. Es wird, das ist uns klar, vermutlich auf einen Punto hinauslaufen, schwarz, Blech von allen Seiten und in sämtlichen Belangen der kleinste gemeinsame Nenner zwischen uns und unseren Müttern. Und so weitestgehend vernünftig wie ein italienisches Auto sein kann. Vernünftig, wie wir ja eigentlich nicht sind, aber uns bemühen zu sein.
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